Dieser Mann muss über gute Gene verfügen – so fit, wie Hans-Wilhelm Langholz vor einem sitzt, und wie er sich bewegt und agiert, lässt es einen kaum glauben, dass er in einigen Tagen seinen 90. Geburtstag bei bester Gesundheit feiern wird. Er hat sicherlich selbst seinen Teil dazu beigetragen, indem er immer sowohl körperlich als auch geistig aktiv war und dies auch heute noch ist. „Die guten Gene habe ich wohl von meiner Mutter geerbt, die auch bis ins hohe Alter – sie wurde 92 Jahre alt – fit war“, hat der Jubilar eine plausible Erklärung parat.
Dabei ist Hans-Wilhelm Langholz in einer Zeit geboren, als gesunde und ausgewogene Ernährung nicht selbstverständlich war. Der kleine Hans-Wilhelm erblickte am 25. November 1930 das Licht der Welt – „to Huus“ (zu Hause), wie es damals durchaus üblich war. Das Ereignis fand im Flensburger Stadtteil Duburg statt. Die Familie Langholz, Vater, Mutter und die fünfjährige Tochter Irene, wohnte zu jener Zeit in der Knappenstraße 4, an der Ecke zur Bergstraße. Nun waren sie zu viert, bald musste eine etwas größere Wohnung her. Die fanden sie schließlich in der Nähe des Hafermarktes, im unteren Teil der Glücksburger Straße im Haus Nr. 12. Im Frühjahr 1937 wurde Hans-Wilhelm eingeschult in die nahe gelegene St.-Jürgen-Schule, damals hieß sie Langemarck-Schule (benannt nach einem Nazi-Mythos), später wurde sie die Willi-Weber-Schule. An dieser Volksschule machte er im März 1945 seinen Schulabschluss, und wechselte umgehend in die Berufsausbildung.

Die untere Glücksburger Straße

In der unteren Glücksburger Straße pulsierte damals das Leben. Zahlreiche Geschäfte und Lokale waren hier angesiedelt, wie die Gaststätte „Zur guten Quelle“, in der der Gastwirt Olsen schmackhafte Stammgerichte anbot. Nebenan betrieben die Eheleute Sörensen ihre Heißmangel. Bei „Peter Plett“, wie Sörensen treffend genannt wurde, arbeitete auch Hans-Wilhelms Mutter stundenweise – eine harte Arbeit bei großer Hitze. Gegenüber auf der anderen Straßenseite lag die Gaststätte „Clausen“. Sie war ein beliebter Treffpunkt für die Bauern aus dem Umland, konnten sie doch ihre Pferde samt Kutschen dort unterstellen. Die Wirtin Frau Clausen – von allen nur „Tante Anna“ gerufen – beschäftigte sogar einen Pferdebetreuer. Hier war immer viel los, und es gab ständig viel zu gucken für die Kinder der Nachbarschaft. Amtssprache war Plattdeutsch, und Tante Anna war allgemein bekannt für ihren leckeren Grog und Punsch. Die Gäste konnten während ihrer Stadttour ihre Pferde in den Stallungen belassen, so kamen selbst im Winter die Landbewohner gern mit der „Rütsch“ (Pferdeschlitten) nach Flensburg. Die Hausnummer 8 beherbergte das Kaufhaus der Familie Fuchs, zwei getrennte Läden mit großen Schaufenstern – einmal das Kolonialwarengeschäft und daneben die Porzellanabteilung. Dort wurden während des Krieges sogar die Bastelarbeiten der Kinder aus der Nachbarschaft ausgestellt. In Nr. 12, dem Vorderhaus, gab es den Kaufmann Paulsen. Die Lebensmittel lagerten hinter dem Verkaufstresen überwiegend in Schubladen, und wurden beim Kauf von den Bedienungen in kleine Papiertüten abgefüllt. Die Kundschaft ließ oft anschreiben, bezahlt wurde immer vorm Wochenende nach der Lohnzahlung. In allen Häusern gab es einen „Luftschutzwart“, der die Bewohner stets bei Alarm in die Luftschutzräume abzukommandieren hatte. Alle fürchteten sein „Alarm, opstahn!“ mitten in der Nacht!
Hans-Wilhelms Familie bewohnte in der Glücksburger Nr. 12 das Hinterhaus, direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite bei Nummer 11 befanden sich das Firmengelände und der Parkplatz der Firma Staats. „Die Familie Staats betrieb damals eine Kohlhandlung mit Fuhrbetrieb und eigenen Pferden. Die spätere Generation formte die Firma erfolgreich zu einer bekannten Möbelspedition um“, erinnert sich Hans-Wilhelm an die stets nette und freundliche Familie Staats. Von diesem Gelände führte ein Weg steil bergauf zur Clädenstraße. Dort, am höchsten Punkt gelegen, gab es den sogenannten „Polizei-Turm“, einen hohen Aussichtsturm, von dessen oberer Plattform man einen großartigen Blick über große Teile des Flensburger Innenstadtbereichs hatte. Mit Fortdauer des Krieges ab 1943 gehörte Hans-Wilhelm, inzwischen 13 Jahre alt, zu den Jungen, die oben auf der Plattform zusammen mit einem Polizisten Wache hielten, um besondere Vorfälle bei Luftangriffen wie Bombeneinschläge und Brände möglichst schnell melden zu können – die Jungs wurden dabei als Melder („Schnellkommando“!) eingesetzt.
Von oben konnte Hans-Wilhelm tagsüber sogar seiner Mutter ins günstig gelegene Küchenfenster gucken. Die Mutter wiederum hatte ständig Angst, dass der Sohn vom hohen Turm runterfallen könnte.
Den steilen Anstieg zur Clädenstraße nutzten die Kinder häufig als Abkürzung auf dem Weg zur Schule, und er wurde im Winter, wie auch die Bismarckstraße, gern zum Rodeln auf dem Schulranzen genutzt. Ein Kind musste allerdings stets aufpassen und „Alarm“ rufen, wenn entweder die Polizei oder viel öfter die Straßenbahn im Anmarsch war – das funktionierte aber immer gut! Kurz vor Kriegsende wurde die Glücksburger Straße in Höhe des Hauses Nr. 32 aufgerissen, um eine Panzersperre zu errichten – die hat am Ende nicht mehr viel bewirkt.

Eine Lehre in außergewöhnlichen Zeiten

Hans-Wilhelm begann am 1. April 1945 eine Verwaltungslehre im damaligen Landratsamt des Kreises Flensburg, in der Waitzstraße Nr. 1 bis 3 – für ihn ein kurzer Weg zur Arbeit. Der Zweite Weltkrieg lag in den letzten Zügen, große Teile der Welt und auch Deutschlands in Trümmern, viele hochrangige Soldaten und Zivilisten des NS-Regimes trafen sich auf ihrer Flucht in Flensburg, dem letzten noch nicht besetzten Zipfel Deutschlands.
Da nicht alle Dienststellen und Behörden der Regierung Dönitz Unterschlupf in der Marineschule in Mürwik finden konnten, soviel Platz war dort einfach nicht vorhanden, wichen sie nach Langholz Erinnerungen auf andere Unterkünfte im Flensburger Stadtgebiet aus. Ins Landratsamt zogen unter anderem der Reichsgesundheitsführer und Teile des Innenministeriums ein. „Der Landrat musste sogar für die Leute aus Berlin sein Dienstzimmer räumen“, hat Langholz die Ereignisse noch genau vor Augen. „Es ging zu wie in einem Bienenstock, doch bis Ende Mai 1945 war dann der Spuk vorbei, die meisten „hohen Tiere“ waren verhaftet, die anderen Mitarbeiter einfach verschwunden!“
Die englische Besatzungsmacht übernahm unverzüglich das Behördengebäude, und richtete im unteren Bereich Räumlichkeiten für ihre Militärregierung ein. Das Landratsamt verblieb in den übrigen Räumen des Gebäudekomplexes, man hatte ja immerhin 132 Gemeinden im Kreis Flensburg – von Ahneby bis Wippendorf – zu betreuen. Im Hof des Hauses Nr. 5 war die Gendarmerie des Kreises stationiert. Einige Dienststellen des Landratsamts waren vorübergehend anderweitig in Flensburg untergebracht, so unter anderem das Ernährungsamt unter den Kolonaden am Südermarkt, das Wohlfahrtsamt in Munketoft.
Hans-Wilhelm durchlief während seiner dreijährigen Lehrzeit alle Abteilungen der Kommunalverwaltung des Kreises Flensburg, bis er nach bestandener Prüfung mit dem Datum des 31. März 1948 aus dem Status „Verwaltungslehrling“ ausschied. Von den seinerzeit insgesamt 12 Lehrlingen wurden nur er und ein weiterer Lehrling in ein weiterführendes Angestelltenverhältnis im gleichen Hause übernommen. Nach einem halbjährlichen und erfolgreichen Besuch der Sparkassen- und Verwaltungsakademie in Kiel 1955 wurde Hans-Wilhelm ins Beamtenverhältnis übernommen.

Das Erwachsenwerden

Das Landratsamt in der Waitzstraße sollte noch viele Jahre sein beruflicher Fixpunkt bleiben.
In den ersten Jahren nach Kriegsende zeichnete sich das Leben ebendort dadurch aus, dass alle Beschäftigten zeitgleich bei null begannen. Alle Menschen hatten wenig bis nichts, und so entstanden schnell eine außergewöhnliche Kameradschaft und ein großes freundschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Kollegen im Amt. Selbst nach Feierabend blieb man oft zusammen, so fand sich recht schnell eine Gruppe von Sport­interessierten, die eine sogenannte Sportausgleichsgruppe gründeten.
In erster Linie ging es den Gründern dieser Gruppe darum, den in der Nachbarschaft lebenden Menschen der Dörfer Sünderup, Tarup und Tastrup eine sinnvolle Sport- und Freizeitmöglichkeit anbieten zu können. Das fing an mit der Gründung einer Handballmannschaft, doch ebenso wichtig war das Turnen für Jung und Alt. Nachdem sich die ersten Spartengruppen etabliert hatten, wurde folgerichtig im August 1950 von etwa 40 Sportfreunden der Sportverein Adelby – kurz SV Adelby oder nur SVA – gegründet. Der Verein war bald allgemein bekannt und beliebt, wuchs langsam aber stetig. Anfangs wurde sogar bei den Sportlern, die kaum über Geld verfügten, großzügig auf einen Vereinsbeitrag verzichtet. Das war leicht durchzuführen, denn in den Anfangsjahren des SV Adelby wurde der Beitrag noch durch einen Kassierer eingezogen, der von Haus zu Haus ging, und dabei das Geld für den fälligen Monatsbeitrag in bar einsammelte. In den 50er Jahren konsolidierte sich das Vereinsgeschehen, es musste zwar immer noch viel improvisiert werden, aber der Verein war inzwischen eine feste Einrichtung in jener Gegend geworden.
Etwa mit dem Beginn der 60er Jahre ging es steil bergauf mit dem Vereinsleben. 1960 wurde die kleine Turnhalle der Grundschule Adelby gebaut. Ein zweiter Sportplatz entstand nebenan, die Fußballsparte wurde gegründet, die Mitgliederzahlen schossen nach oben, und die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Verein war riesengroß. Sie lag viel höher als in vergleichbaren Vereinen. In der ersten Hälfte der 60er Jahre führte noch der Schulrektor Hans-Karl Jensen gleichzeitig den Verein. Als Jensen nicht mehr zur Verfügung stand, wurde der Posten des 1. Vorsitzenden Hans-Wilhelm Langholz angetragen. „Mok Du dat man, Hans-Wilhelm, Du büs doch plietsch, häst den Job im Amt, und kennst „Gott und die Welt!“

SV Adelby

Er überlegte nicht lange, sagte zu, und war für immerhin elf Jahre – von 1965 bis 1976, Vereinsvorsitzender des SV Adelby. Diese Jahre stellten eine sehr erfolgreiche Epoche im Vereinsleben dar. Unter der Regie von Hans-Wilhelm und seinem Motto „Mach mit bei uns!“ stieg die Zahl der Mitglieder auf über 1.100 an. Der Sportplatz samt dem 1973 eingeweihten Clubheim mauserte sich zu einem Schmuckstück, die Anlage komplettierte zudem eine 400-m-Laufbahn. Wie der Vereinschronik zu entnehmen ist, trugen die 11 Jahre unter Langholz eindeutig seine Handschrift: Ein Vorsitzender, der mit Fleiß seine Vorstellungen gegenüber der Gemeinde, dem Landkreis, und dem eigenen Vorstand durchsetzte – wobei ihm sein Arbeitsplatz im Landratsamt nicht im Wege war, eher das Gegenteil war der Fall. Höhepunkt für ihn persönlich – aus Sicht von Hans-Wilhelm – war sicherlich die Teilnahme am internationalen Jugendzeltlager in Dachau, das zeitgleich zur Olympiade 1972 „nebenan“ in München stattfand. Nicht zuletzt dank der Bestätigung seines Freundes und Arbeitskollegen Peter Grube, der auch Sportler und Sportfunktionär war – Peter Grube war Bundesjugendwart des Deutschen Kanu-Verbandes, fuhren Hans-Wilhelm und sein Vereinskamerad und auch Freund Walter Kröger zu besagtem Zeltlager, und haben dort eine tolle Zeit verbracht: Sie haben in den Tagen viele Menschen aus aller Welt getroffen, die Sportstätten, und sogar einige Wettkämpfe der Olympiade live verfolgen können.
Das Wirken von Hans-Wilhelm Langholz für den Sport und die Jugendförderung blieb nicht unbemerkt. Neben zahlreichen Auszeichnungen durch seinen SVA, z. B. die Ehrennadel in Gold, ehrte ihn auch der damalige Kreissportverband Flensburg-Land und verlieh ihm die Ehrennadel in Silber.

Die eigene Familie entsteht

Hans-Wilhelm blieb noch viele Jahre zuhause bei der Mutter wohnen, in der Glücksburger Straße. Zum einen hatte er es nicht weit zur Arbeit, zum anderen konnte er so die eigene Mutter unterstützen, denn der Vater erkrankte Anfang der 50er Jahre und verstarb leider schon im Jahre 1955. Eine eigene Wohnung hätte er sich anfangs sowieso nicht leisten können.
Es sollte bis zum August 1958 dauern, bis Hans-Wilhelm die elterliche Wohnung verließ. Da war er bereits mit seiner Jugendliebe Lisa verheiratet. Zu diesem Zeitpunkt bezogen Hans-Wilhelm und Ehefrau Lisa ihre erste eigene kleine Wohnung im Angelsunder Weg. Dort blieben sie wohnen, bis sich 1963 die Gelegenheit bot, ins Amtshaus des Amtes Adelby einzuziehen – damals am Anfang des Sünderuper Wegs gelegen. Über den Amtsräumen gab es unterm Dach eine gemütliche Wohnung, die fortan ihr Zuhause war. In dieser Gegend fühlte er sich längst zu Hause, er hatte ja bereits 1956 seine Lisa geheiratet, zudem war der Weg zum Sportverein ebenfalls nicht weit, wie auch der zur Arbeit unten in der Waitzstraße.
Einige Jahre später wurde der südlicher gelegene Teil des Sünderuper Wegs als Baugebiet ausgewiesen, Hans-Wilhelm und Frau erwarben dort ein Grundstück – die spätere Hausnummer 38 – und bauten ihr eigenes schmuckes Haus.
Die allmähliche Entstehung des Eigenheims im Sünderuper Weg 38 vom Sommer bis zum Einzug im Dezember 1969 begleiteten tatkräftig viele Freunde, Kollegen und Sportkameraden. Auf der Baustelle war immer etwas los. Insgesamt dauerte es vom ersten Spatenstich bis zur endgültigen Fertigstellung fünf Monate. Das große Zusammengehörigkeitsgefühl zeigte sich besonders am Tag des Richtfestes, am 5. September 1969, als 110 Leute dabei waren und mitfeierten. Eine Riesenparty wurde daraus, mit Musik, Tanz, lustigen Vorträgen, reichlich deftiger Kost und geistigen Getränken. Am nächsten Morgen gegen drei Uhr verließen die letzten Gäste den Rohbau, und die denkwürdige Feier neigte sich dem Ende entgegen.
Nach erfolgreich beendeter Bauphase war es im Dezember 1969 soweit: Die Familie Langholz, inzwischen mit zwei Töchtern auf vier Personen angewachsen, bezog ihr eigenes Haus im Sünderuper Weg 38! Mit dem Einzug ins neue Zuhause kam der Schnee nach Schleswig-Holstein, der Winter 1969/1970 sollte einer der längsten und kältesten der zweiten Jahrhunderthälfte werden, der Schnee blieb in diesem Winter 1969/70 durchgehend liegen an insgesamt 90 Tagen von Dezember bis Ende Februar. Das neue Haus und die frisch eingezogene Familie Langholz bestand diese Bewährungsprobe jedenfalls glänzend!
Hans-Wilhelm wohnt übrigens heute noch in diesem hübschen Bungalow – auch wenn der Blick aus dem Fenster seines Büros nicht mehr mit dem von 1969 zu vergleichen ist: Wo damals noch nichts – außer Feldern und Wiesen – zu sehen war, stehen heute schon längst zahlreiche schmucke Einfamilienhäuser, die Gegend ist heute ein begehrtes Wohnquartier. Seine beiden Töchter wuchsen so beinahe ländlich auf, zwar in Stadtnähe, doch die viele „Gegend“ vor der Haustür bot unzählige Spielmöglichkeiten für die Mädels und die zahlreichen Kinder der Nachbarschaft.

Der Dienststellenwechsel

Einer der vielen Freunde, die Hans-Wilhelm im Laufe der letzten 25 Jahre bei seinen zahlreichen Aktivitäten kennengelernt und gewonnen hat, war Hans-Werner Iversen. Iversen war bereits jahrelang Freund und Kollege von Hans-Wilhelm im Landratsamt, bis er schließlich Anfang der 60er Jahre beruflich ins nahegelegene Harrislee wechselte. Iversen wurde dort 1962 Vorgesetzter der Amtsverwaltung, bekleidete dieses Amt über 30 Jahre als Bürgermeister der Gemeinde Harrislee, und galt damals schon als Vordenker seiner Zeit. Mit politischem Weitblick schob er Projekte an, die erst später in ihrer Wichtigkeit erkannt wurden. Er baggerte jahrelang daran, seinen Freund Langholz nach Harrislee in die dortige Verwaltung zu lotsen, weil er genau um dessen Fähigkeiten als Mensch und umsichtiger Verwaltungsbeamter wusste. Im Jahr 1970 waren seine Bemühungen erfolgreich, und Hans-Wilhelm Langholz folgte seinem Lockruf. Zum 1. Januar 1971 trat er seinen Dienst bei der Gemeinde Harrislee an, der er über 23 Jahre treu dienen sollte. Im August 1993 wurde Langholz in den Ruhestand versetzt, schied zum 1. September 1993 im Alter von 63 Jahren aus dem Berufsleben aus.
Der damalige Harrisleer Bürgermeister Dr. Buschmann würdigte den allseits geschätzten Kollegen als ein Multitalent, dessen große Stärke der Umgang mit Menschen gewesen sei: „Wie kein anderer haben Sie als langjähriger Leiter des Sozialamtes dieser Gemeinde dazu beigetragen, dass das Bürgerhaus seiner Bestimmung als Anlaufstelle für rat- und hilfesuchende Bürger gerecht wurde. Sie haben den Hilfesuchenden nie das Gefühl gegeben, Menschen zweiter Klasse oder Bittsteller zu sein, sondern ihnen stets bei der Bewältigung ihrer Sorgen geholfen mit Rat und Tat!“

Seine Hobbies und Leidenschaften

Hans-Wilhelm war offensichtlich mit Familie, Sportverein und Beruf noch nicht ausgelastet. Er interessierte sich daneben für Kulturelles, so war er seit 1952 ständiges Mitglied der Niederdeutschen Bühne, und spielte in vielen Stücken im ganzen Land mit. Seinen ersten Auftritt hatte er im Lustspiel „Gastwirt Göbel – Petroleum aus Poppenbüttel“. Dieses Erfolgsstück wurde über 100mal landauf landab aufgeführt. Als Zuschauer und Besucher war er zudem Dauergast im Stadttheater, hatte zusammen mit seinem guten Freund Erwin Petersen ein Abo für die Galerie – zu erschwinglichen Preisen, die er sich mit seinem schmalen Geldbeutel gerade so leisten konnte. So lernte er in den 50er Jahren viele zeitgenössische Stars wie Zarah Leander, Lale Andersen oder Michael Jary kennen. Übrigens waren die Besucher des Stadttheaters seinerzeit stets perfekt gekleidet – immer im feinsten Zwirn, mit Anzug und silberner Krawatte. „Wie aus dem Ei gepellt!“, erinnert sich Hans-Wilhelm gern an jene Zeiten.
Neben der Kultur hatte er ein spezielles Faible insbesondere für die Natur und die Umwelt entwickelt, und das ganz intensiv in seiner Heimatregion. Wie es so treffend im hiesigen Plattdeutsch heißt: „Bi uns to Huus!“ Bereits zu Beginn der 50er Jahre entdeckte er für sich die Fotografie als probates Mittel, um Gesehenes im Bild „für die Ewigkeit“ festhalten zu können. Er fing an, mit seiner geliebten Leica in der näheren Umgebung zu fotografieren, und entwickelte allmählich einen besonderen Blick für schöne und stimmige Landschaftsmotive. So ungefähr ab 1955 veröffentlichte er die ersten Bilder als freier Mitarbeiter in der hiesigen Lokalzeitung „Flensburger Tageblatt“, später auch in anderen Publikationen wie den jährlichen Kreischroniken „Flensburg-Land“ und später „Kreis Schleswig-Flensburg“. Das Jahr 1965 war eine besondere Wegmarke für ihn: Er veröffentlichte seinen ersten Bildband „Der Landkreis Flensburg im Bild“ mit dem Thema „Bi uns to Huus“.
Diesem ersten Bildband sollten im Laufe der Jahre noch einige weitere folgen. Seine Veröffentlichungen brachten ihm viel Zuspruch ein – er wurde bald als der Landschaftsfotograf im nördlichen Landesteil Schleswig-Holsteins bekannt. Zu seinem 1987er-Bildband „Die Schlei eine norddeutsche Fördenlandschaft“ verfasste sogar seine Tochter Martina ein umfangreiches Vorwort – der Papa war sehr stolz auf sein Mädel!
Sein Bekanntheitsgrad wuchs kontinuierlich von Jahr zu Jahr, brachte er doch von 1990 bis einschließlich 2014 insgesamt 25mal den farbigen Posterkalender „Bi uns to Huus“ heraus, der für viele Landschaftsliebhaber zum Kultprodukt wurde.
Besonders viel Freude bereiteten ihm die zahlreichen Sonderausstellungen in der Region, zu denen er die Bilder und Fotos lieferte. Er ließ es sich auch nicht nehmen, insgesamt hunderte von Lichtbildervorträgen zu halten.
Im April 2005 gab es eine Sonderausstellung der Kulturstiftung Schleswig-Flensburg in Unewatt zum 40. Jubiläum der Fotografie von Langholz unter dem Markenzeichen „Bi uns to Huus“. Zahlreiche Redner lobten den Protagonisten ob seiner tollen und vielseitigen Fotos, die er im Laufe der letzten 40 Jahre geschossen und einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. „Viel Lob und viel Ehr!“, freut sich Hans-Wilhelm zu Recht über die anerkennenden Worte der vielen Laudatoren.
„In der Natur faszinierten mich insbesondere Blumen, und hier natürlich die Rosen. Diese Liebe zu Rosen teilte ich schon immer mit meiner Mutter“, weiß Hans-Wilhelm zu erzählen. Wer ihn einmal daheim im Sünderuper Weg besucht hat, kann das auch sofort nachvollziehen. Sein Garten ist eine Augenweide, selbst der Laie stellt schnell fest, dass hier jemand mit Herz und Verstand Hand angelegt hat.

Wenn er mal nichts anderes vorhatte, hat es ihn eigentlich immer in den eigenen Garten hinausgezogen.
Doch er hatte durchaus oft genug Anderes vor: Mit seinen Wanderfreunden – meist ein halbes Dutzend Herren im ungefähr selben Alter, war er praktisch in jedem Jahr seit 1981 mindestens einmal „auf Achse“, mit Fahrrad oder auf „Schusters Rappen“. Langsam angefangen mit einem Marsch entlang der Flensburger Förde, steigerte man sich bald und nahm Ziele in ganz Schleswig-Holstein, später ganz Deutschland, gar Europa ins Visier. Selbst das wunderschöne Mallorca haben sie zweifach erwandert. Die letzte, immerhin die bereits 30., Tour führte sie in 2013 per Bus ins polnische Kolberg. Wenn Hans-Wilhelm von jenen vielen Touren erzählt, glänzen seine Augen in Erinnerung an viele wunderschöne Stunden und Erlebnisse.
Hans-Wilhelm war außerdem noch in diversen Fachverbänden aktiv, so auch im Forstbetriebsverband Flensburg. Er war jahrzehntelanger Besucher des Scheersbergfestes. Das erste Mal nahm er im Jahr 1941 (!) an diesem besonderen Ereignis teil. Anfang 1945 nahm er dort an einer Jugendleiterausbildung teil. Der Kurs wurde allerdings wegen der Kriegsumstände vorzeitig abgebrochen, die Teilnehmer aus Flensburg sollten eigentlich mit der Kreiskleinbahn nach Hause fahren. Die fuhr jedoch nicht mehr – so ging es in strömendem Regen eben zu Fuß zurück bis nach Flensburg!
Später war Hans-Wilhelm noch viele Jahre lang mit dem SV Adelby auf dem Scheersberg zu Gast. Dort fungierte er 12 Jahre lang als Starter bei den Leichtathletik-Wettbewerben. Selbstredend war er auch beim 50. Scheersbergfest 1984 als Teilnehmer am Start. Dort traf er den Ministerpräsidenten Dr. Kai-Uwe von Hassel, den er bereits aus seiner Lehrlingszeit aus dem Landratsamt kannte. Und der Ministerpräsident erkannte ihn gleich wieder: „Das ist ja der kleine Langholz, was machen Sie denn hier?“ Von Hassel war übrigens der einzige Vorgesetzte, der seinerzeit im Landratsamt die Lehrlinge siezte!
Sein letzter Besuch auf dem Scheersberg fand am 6. Juli 2018 statt. An jenem Tag ehrte der Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg Hans-Wilhelm Langholz für sein herausragendes Engagement mit der Ehrennadel des Kreises Schleswig-Flensburg. Mit sehr persönlichen Worten begann Dr. Buschmann seine Laudatio: „Hans-Wilhelm Langholz kenne ich ja bereits aus meiner Zeit 1993 bei der Gemeinde Harrislee, als ich dort „Bürgermeister in Ausbildung“ war, und Herr Langholz eine leitende Position in der Verwaltung innehatte!“

„Weltweite“ Anerkennung

Die vielfältigen Fotoarbeiten und Veröffentlichungen von Hans-Wilhelm Langholz sind auf der uns gegenüberliegenden Seite der Weltkugel nicht unbemerkt geblieben. Vor gut neun Jahren stellte die aus Harrislee stammende Julia Hinrichs im Rahmen einer Projektarbeit an der University of Christchurch (Neuseeland) den Menschen Hans-Wilhelm Langholz vor. Die Aufgabenstellung zu jener universitären Arbeit gab vor, eine Persönlichkeit aus der Heimat des Studenten, die für ein regionales Produkt steht, zu porträtieren. Julia entschied sich für den Kalender „Bi uns to Huus“, und somit für Hans-Wilhelm Langholz. Sie lernte Langholz kennen über dessen Enkel Joschka, mit dem sie Jahre zuvor in Flensburg das gleiche Gymnasium besucht hat.
Die Projektarbeit der jungen Dame aus Harrislee fand großen Anklang in ihrer Fakultät, und wurde mit besten Noten bewertet. Ein Duplikat ihrer Arbeit hatte Julia selbstverständlich Hans-Wilhelm Langholz überlassen, der es mit Freude und auch berechtigtem Stolz gern seinen Freunden und Bekannten zeigt.

Der Kreis schließt sich

In wenigen Tagen darf Hans-Wilhelm bei guter Gesundheit im Kreise seiner Familie seinen 90. Geburtstag feiern. Aus bekannten Gründen findet die Feier in einem bescheidenen Rahmen statt. „Das stört mich überhaupt nicht. Hauptsache ist doch, dass jene Menschen, die einem ans Herz gewachsen sind, dabei sein können, und man bei einem guten Essen und einem Glas Wein einen schönen Tag verbringen kann!“ Seine geliebte Ehefrau verstarb kurz nach der Goldenen Hochzeit im Jahre 2006. Nach diesem herben Einschnitt in sein Leben rappelte Hans-Wilhelm sich jedoch nach einiger Zeit wieder auf, insbesondere Freunde und die Familie mitsamt der Töchter, Schwiegersöhne und Enkel halfen ihm dabei ungemein.
„In den Jahren danach bis zu ihrem plötzlichen Tod im Jahre 2017 hat mich Christel Stephani als Lebensgefährtin begleitet. Ich freue mich, dass ich heute Ellen Weissenberg an meiner Seite habe, und so einer möglichen Vereinsamung ein Schnippchen schlagen kann.“
Das Flensburg Journal bedankt sich für das aufschlussreiche und spannende Gespräch, und wünscht dem Jubilar für hoffentlich noch einige weitere Jahre Gesundheit, Fitness, und Freude am Leben!

Das Gespräch führte Peter Feuerschütz,
Fotos Benjamin Nolte, privat

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