Kindheit in Ostpreußen, Reifeprüfung im Odenwald

Die kleine Reisegruppe aus Deutschland, die sich in Kaliningrad ein Auto genommen hatte, passierte Selenogradsk, das einstige Seebad Cranz. Einige Villen waren von neureichen Russen als Sommerhaus hergerichtet worden, ansonsten konnte die Ostsee die Tristesse des Ortes nicht brechen. Die Straße bog nach Südwesten, nach fünf Kilometern stoppte der Motor des Fahrzeugs in der Peripherie von Malinowka, das in alten Zeiten den Namen Wargenau trug. Die Gäste aus Deutschland blickten auf einen verfallenen Gutshof, der während der Sowjet-Ära in eine Kolchose aufgegangen war. Löcher prägten das Dach. Eisenteile und Plastikplanen zierten den Hof, über den einige Hühner flitzten. Nach 47 Jahren sah Beate Rotermund, die in der Zwischenzeit als „Beate Uhse“ zur Ikone des Erotik-Business aufgestiegen war, ihr Geburtshaus wieder. War das wirklich der Ort einer schönen Kindheit?
Die Unternehmerin hatte immer gedacht, dass der Gutshof Wargenau in den Wirren der Nachkriegszeit und der sozialistischen Überformung dem Erdboden gleichgemacht worden wäre. Nach dem Mauerfall schickte plötzlich ein Bundesbürger Fotos vom renovierungsbedürftigen Elternhaus. Im Herbst 1992 flog Beate Rotermund mit Sohn Ulrich, dessen Frau Jutta und dem befreundeten Innenarchitekten Klaus Sembal gen Osten und landete auf einem Militärflughafen bei Kaliningrad. Die Spannung wich einer Beklemmung: Das Gutshaus hatte keine Seele mehr, keine Möbel und keine Tapeten. Beate Rotermund verschlug es die Sprache. Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte sie kurz und knapp: „Hier gibt es nichts mehr zu tun.“ Zurück ging es nach Flensburg.

Am ostpreußischen Strand: Die Eltern Otto Köstlin und Margarete Köstlin-Räntsch.

Vor einem Jahrhundert war das Gut Wargenau im abseitigen Ostpreußen eher eine Oase der Moderne gewesen. Das Haus, umringt von einem Park und einem Garten mit Apfelbäumen, hatte bereits Elektrizität, Wasserleitung, Spülklo und Telefon. Am 25. Oktober 1919 war es allerdings Schauplatz einer dramatischen Geburt. Das Ehepaar Köstlin erwartete sein drittes Kind. Der Kutscher irrte durch Cranz und brauchte zu lange, um die Hebamme aufzufinden und sie zum Gut zu bringen. Bei der Ankunft hatte Töchterchen Beate bereits das Licht der Welt erblickt, war allerdings blau angelaufen. Die Nabelschnur hatte sich um den Hals des Säuglings gewickelt. Zum Glück wusste sich der Vater zu helfen – so wie er es von den Kühen kannte.
Otto Köstlin war ein aus Württemberg stammender Landwirt, der zunächst einige Höfe pachtete, zuletzt in Quarnbek bei Kiel. Er war immerhin schon 37 Jahre alt, als er 1908 Margarete Räntsch heiratete. Sie war eine der ersten Ärztinnen in Deutschland überhaupt und kam aus gutem Haus. Zu ihrer Verwandtschaft gehörte auch Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht. 1917 erwarb Otto Köstlin das 400 Hektar umfassende Gut Wargenau in Ostpreußen. Der Erwerb sollte sich rentieren: 1939 wurde das Vermögen der Gutsfamilie auf 150.000 Reichsmark taxiert. 32 Pferde, 110 Kühe und Ackerbau brachten Profit. „Köstlins Sommergerste“ tauchte sogar in einem Forschungsbericht der Universität Bonn auf. In einer noch weitgehend autolosen Zeit war die Abgeschiedenheit des Gutshofes für Margarete Köstlin-Räntsch gleichbedeutend mit der Aufgabe ihres medizinischen Berufs. Allerdings nicht ganz: Neben der kaufmännischen Verwaltung des Gutes kümmerte sie sich um die medizinische Versorgung der vielen Gutsangestellten und ihrer Familien. Überhaupt war der Draht zu den Bediensteten eng. Bei den Mahlzeiten saßen bis zu zwei Dutzend Personen am Tisch: Neben der Familie die Wirtschafterin, Haus- und Küchenmädchen, Handwerker und Inspekteure.
Beate war das dritte und jüngste Kind der Köstlins. Eine echte Nachzüglerin: Schwester Elisabeth war zehn, Bruder Ulrich sogar zwölf Jahre älter. Das Elternhaus kann als liberal eingestuft werden, was sich vor allem bei der Erziehung der Mädchen zeigte. Während es für sie in anderen Familien viele Verbote und Benimmregeln gab, durften die beiden Töchter der Köstlins alles, was auch der Sohn durfte. Beate Rotermund charakterisierte ihren Vater später als Hort für „unendliche Geborgenheit und Sicherheit“. Über die Mutter heißt es in der Autobiografie: „Nach außen wirkte sie kühl, aber sie war eine liebevolle Person.“
Der Gutshof Wargenau war für die kleine Beate ein „Kinderparadies“ – mit Hühnern und Hunden. Im Bett leistete Teddy „Wollbäckchen“ Gesellschaft. Bereits im Alter von drei Jahren saß der jüngste Köstlin-Spross auf dem Pferd „Manka“, einem Araber-Trakehner-Schimmel. Mit ihrem Vater war Beate später viel auf dem weitläufigen Gut unterwegs. Im Garten der Mutter bestaunte sie Gemüse und Blumen. Früh entstand die Liebe zu Garten und Landwirtschaft. Auf den Tisch kamen oft Getreide und Haferflocken. „Was für meine Pferde in der Ernte gut ist, ist auch für meine Kinder gut“, schmunzelte Otto Köstlin. Zum Lieblingsgericht von Tochter Beate wurde allerdings der Kalbsnierenbraten.
Das Gutsgelände eignete sich hervorragend für kindliche Streiche. Einmal rettete Beate 80 Feldmäuse vor dem Dreschtod und sammelte sie in Zigarettenkisten. „Vielleicht kann man die Viecher ja an ein Forschungsinstitut verkaufen“, dachte sich das jungenhafte Mädchen und nahm die Tiere mit nach Hause. Kurz darauf schrie die Mutter. Eine Maus floh aus dem Hausschuh, drei andere sprangen aus einem Mantel. Trotz des Zwischenfalls: Die kleine Beate kannte in ihrer Kindheit kaum Verbote. „Nur vier Dinge durfte ich nicht“, verriet sie später. „Ich durfte nicht außerhalb unseres Hofes spielen, ohne vorher Bescheid zu sagen, ich durfte nicht zu spät zum Essen kommen, ich durfte nicht lügen, und ich durfte keine kleineren Kinder schlagen.“
Ein anderes Thema war die Aufklärung, die im liberalen und medizinisch bewanderten Elternhaus durch den landwirtschaftlichen Alltag bereichert wurde. Schon früh beobachtete die kleine Beate, wie ein Bulle die Kuh deckte. Dazu erklärte die Mutter anschaulich, wie der Samen des Bullen das Ei der Kuh befruchtete und wie daraus ein Kalb entstand. „Die Sache mit dem Sex war für mich von Anfang an ein natürlicher Bestandteil meines Lebens“, schmunzelte Beate Rotermund Jahrzehnte später.
Das ABC, das Rechnen und Hausaufgaben hatten bei den Köstlins auch einen hohen Stellenwert. Tochter Beate besuchte zunächst die Volksschule in Wosegau. Dort saß sie mit 40 Kindern aus acht Jahrgängen in einem Raum, bekam manchmal den Zeigestock des Lehrers auf die Finger und tollte in den Pausen mit den Jungen, da sie ja das Kind vom „Chef“ war. Ihrer Mutter gefiel der ausschließliche Kontakt mit der Dorfjugend weniger, lästerte über die „Urlaute des Ostpreußischen“ und schickte ihr Kind nach nur einem halben Jahr nach Cranz. Den fünf Kilometer langen Schulweg legte Beate meist mit dem Fahrrad zurück. Manchmal aber auch mit „Manka“. Das Pferd wareine Attraktion für die Stadtkinder.
Wie gesagt: Bildung war in der Gutsfamilie Köstlin ein wichtiges Gut, der Besuch eines Gymnasiums obligatorisch. Das nächste in Königsberg lag allerdings 40 Kilometer entfernt und hatte kein Internat. Die Eltern entschieden sich für die private „Schule am Meer“ auf Juist. Auf der ostfriesischen Insel setzte man auf eine reformpädagogische Erziehung. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer wertete diese Bildungsstätte gar als „kulturell auf dem deutschen Höchstniveau“. Die „Schule am Meer“ war damals das einzige prägnante Gebäude im kleinen Ort Loog, umgeben von wenigen Insulaner-Häuschen und vielen Dünen. Im Logbuch der Lehrer wurde vermerkt, dass „Frau Doktor Köstlin“ ihre Tochter Beate am 9. September 1932 brachte. Sie wohnte zunächst im Haus „Neufundland“ und gehörte der Kameradschaft „Die Bären“ an.
Ein wichtiges Element des Schulalltags war der Sport. Den Auftakt bildete die Morgen-Gymnastik in den Dünen. Dann rannten Schüler und Lehrer über den weitläufigen Strand, tauchten selbst im Dezember kurz in die Nordsee ein. Wattwanderungen gehörten zum guten Ton. Am Strand übten sich die Schüler in der Leichtathletik oder betrieben Faustball, Hockey, Handball und Völkerball. Und der Bonbon: ein Segel-Kurs und einige Törns auf der See. Den niederländischen Blazer „Krake ZK 14“ besaß Schulgründer Martin Luserke, den Beate Rotermund später als „großzügig und geistreich“ sowie „verständnisvoll“ bezeichnete. Ein „Lieblingslehrer“, mit dem sie auch über ihre Zeit auf Juist Kontakt hielt. Etwa im Juli 1935, als die „Krake ZK 14“ vor Cranz ankerte.


Musik, Ausdruckstanz und darstellende Künste waren in der „Schule am Meer“ eine Selbstverständlichkeit. Sie hatte sogar – damals völlig ungewöhnlich – eine eigene Bühnenhalle. Theater-Inszenierungen gab es regelmäßig. Beate Köstlin schlüpfte meist in Männer- und Jungenrollen. Mal war sie der „Kulle“ in „Die herrliche Windbüchse“, dann ein Fährmann in „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“.
Mit dem Übergang von der Weimarer Republik in das „Dritte Reich“ kämpfte die „Schule am Meer“ mit finanziellen Nöten und vermietete das Haus „Neufundland“ an Kurgäste. Beate Köstlin und Maria Fein, die später als Schauspielerin Maria Becker bekannt wurde, zogen zu einer Lehrerfamilie mit zwei eigenen Töchtern. Als der Juister Bürgermeister schließlich eine „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“ plante, kam im März 1934 das Aus für die „Schule am Meer“.
Beate Köstlin musste wechseln. Martin Luserke empfahl die Odenwaldschule in Ober-Hambach an der Berg straße. Das einstige Vorzeige-Internat der Reformpädagogik existierte in der NS-Zeit nach dem bewährten Muster halbwegs weiter, weil sich die Leitung mit den neuen Machthabern arrangierte. Die inzwischen 15-jährige Beate gehörte am 18. April 1934 erstmals der „Gemeinschaft der Odenwaldschule“ an.
Die Schüler lebten in altersgemischten Wohngruppen, die in Villenhäusern mit Drei- oder Zwei-Bett-Zimmern untergebracht waren. In den zehn bis zwölf Kinder umfassenden „Familien“ war ein Lehrer das Oberhaupt, das allerdings – völlig ungewohnt – von allen geduzt wurde. Entgegen dem Reichs-Trend gab es noch ausländische Pädagogen, kein Sitzenbleiben und einen jahrgangsübergreifenden Unterricht. Hoch im Kurs stand der gemeinsame Nacktsport von Mädchen und Jungen auf einer Wiese am Waldrand.
Beate Köstlin glänzte als hessische Jugendmeisterin im Speerwurf und entwickelte erste Schwärmereien für das andere Geschlecht. Der Unterprimaner Uwe, ein blonder Riese mit breiten Schultern, schenkte ihr allerdings nicht die erhoffte Aufmerksamkeit. Anders der Unterprimaner Klevi aus Heidelberg, mit dem Beate zu Bootstouren aufbrach. Beim Zelten küssten und streichelten sie sich.
Während die Odenwaldschule noch die Strukturen der Reformpädagogik hütete und auch jüdische Kinder aufnahm, lauerte bergabwärts bereits die NS-Ideologie. Einmal die Woche – so wird berichtet – ging Beate Köstlin hinunter nach Ober-Hambach. Dort begeisterte sie sich am Turnen, an der Gymnastik und an Geländespielen – unter der Obhut des „Bundes deutscher Mädel“ (BDM), dem weiblichen Zweig der Hitler-Jugend. Die gebürtige Ostpreußin trug einen blauen Rock, eine weiße Bluse, eine braune Weste und eine braune Lederjacke. Bald hatte sie 120 Mädchen unter sich, praktizierte Hitler-Gruß und Fahnenapelle. Später kommentierte Beate Rotermund diesen Teil ihrer Jugend mit einer rhetorischen Frage: „Was wussten wir denn schon von Hitler und dem eigentlichen Sinn der Hitler-Jugend?“
Im Zeugnis der Odenwaldschule schwangen bereits die neuen Töne mit. „Die Reinheit, die Kraft und Fülle ihres Wesens machen Beate K. zum vorbildlichen und führenden Kameraden in jeder Gemeinschaft“, hieß es da. Ihre Physis wurde besonders betont: „Sie ist gesund und sehr kräftig, außerordentlich leistungsfähig und ausdauernd, ausgezeichnete sportliche Einzelleistungen, hervorragend im Mannschaftsspiel, mutig und fair.“ Und Beate Rotermund war wohl schon in jungen Jahren sehr ehrgeizig: „Sie ist strenger noch in den Forderungen an sich selbst als an andere.“

Am 6. September 1935 stieg sie in die schriftlichen Prüfungen zur Mittleren Reife ein. Binnen vier Tagen standen Deutsch, Mathematik, Englisch und Geschichte auf dem Plan. Besonders schweißtreibend war offenbar der Deutschaufsatz. Im Protokoll ist zu lesen: „Mit Rücksicht auf das schwierige Thema wurde die Bearbeitungszeit um eine Stunde verlängert.“ Am 1. Oktober 1935 geriet die Absolventin in das Kreuzverhör der Fachlehrer: die mündliche Prüfung. In Mathe löste sie eine Gleichung, in Englisch musste sie aus „England Through The Ages“ lesen und übersetzen, und in der Biologie drehte sich der Stoff um die Korbblütler.
Die letzten neun Minuten quälten Latein-Vokabeln und Übersetzungen die Schülerin, die sich in dieser alten Sprache mit ihrer einzigen Vier anfreunden musste. Auf der anderen Seite bescherte das Zeugnis zwei Einsen: in Hauswirtschaft und in Leibesübungen. Eine Zwei gab es in Religion, Deutsch, Geschichte, Physik, Biologie und Englisch. Für eine Drei reichte es in Mathematik, Chemie und Erdkunde.
Mit 16 Jahren ging Beate Köstlin ohne Abitur ab. Sie konnte es sich nicht vorstellen, wie einst ihre Mutter Medizin zu studieren. Sie träumte von einer Laufbahn als Pilotin und entschied, ihr Englisch zu verbessern. Ihre Eltern meldeten sie für ein Austausch-Programm an und nahmen für acht Wochen eine englische Kapitänstochter auf. Es folgte ein achtwöchiger Gegenbesuch im walisischen Aberystwyth. In der Universitätsstadt an der Felsenküste schrieb Beate einen Brief nach Hause: „Ich möchte hierbleiben, ich möchte mir einen Job suchen.“ Sie landete als Au-pair-Mädchen bei einem Biologie-Professor, fühlte sich aber schnell furchtbar ausgenutzt. Nach vier Monaten lernte sie in der Kirche die Familie Bickerstaff kennen und lebte acht Monate in einem modernen Haushalt in Birmingham mit „Dad“, „Mummy“ und deren Sohn Edwin. Die Deutsche wurde auch mal ins Kino oder zum Fußballplatz mitgenommen und schätzte den „typisch britischen Stil“.
Mit ihren Eltern hatte sie einen Deal ausgehandelt. Nach dem England-Aufenthalt ging es zurück auf den Gutshof Wargenau. Beate Köstlin kochte, organisierte oder weckte ein, durchlief praktisch alle Stationen der Hauswirtschaft. Längst war sie aufgeklärt. „Meine Mutter hat mir alles so erklärt, wie es Mädchen sonst wohl kaum erklärt bekamen“, verriet Beate Rotermund viele Jahre später. „Und zusätzlich drückte sie mir eines ihrer Bücher aus der Studienzeit in die Hand.“ In der Jugend hatte sie allerdings nie geahnt, dass Sex und Erotik einmal ihr Berufsleben prägen würden. Denn damals dominierte der Traum vom Fliegen…

Text: Jan Kirschner
Fotos: Privat; FZH Hamburg; Hessisches Landesarchiv

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