Wenige Meter entfernt von der Bushaltestelle an der Bahnhofstraße durchbricht eine kleine Gartenpforte einen sonst regelmäßigen Zaun. Öffnet man diese und geht ein paar Schritte weiter, kommt man direkt auf den Haupteingang eines größeren Gebäudes. An der Fassade hängt ein Schild: „Berufsfeuerwehr Flensburg“. Nach Betätigung eines Klingelknopfs erscheint ein Feuerwehrmann, der den Besuch über eine Wendeltreppe in den ersten Stock führt und dann durch einen längeren Bürotrakt begleitet. Der Besuch bekommt eine Ahnung: In diesem etwas verschachtelten Gebäude sind nicht weniger als 210 Personen beschäftigt. Wenn man endlich in der hintersten Ecke angekommen ist, steht man – zumindest wenn man angemeldet ist – vor Carsten Herzog, dem Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr. Das Fenster vor dem Schreibtisch ermöglicht einen guten Überblick über einen größeren Innenhof, der an einer üppig besetzten Fahrzeughalle endet.

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
In der Fahrzeughalle der Hauptfeuerwache

Kindheit und Jugend in Berlin

Der Gesprächspartner war nicht immer im hohen Norden ansässig, und mit der Feuerwehr hatte er zunächst gar nichts zu tun. Carsten Herzog wurde in Neumünster geboren, wuchs aber in Berlin auf. Zu einer Zeit, als es Mauer, vier Sektoren und Transitstrecken noch gab. „Berlin war der einzige Ort in Deutschland, bei dem alle Himmelsrichtungen nach Osten führten“, schmunzelt der 58-Jährige heute. Damals lebte er im Westteil der Stadt, war aber häufiger in Ost-Berlin, wenn er eine Tante besuchte. Als Grundschüler war er in den Ferien sogar mal drei Wochen am Stück in der Hauptstadt der DDR.

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
2004: Als Wachvorsteher bei der Berufsfeuerwehr

In der Friedrichstraße wechselte der Junior stets vom Westen in den Ostblock. Der eigenwillige Geruch der Grenzübergänge verankerte sich so tief im Gedächtnis, dass er bei Stippvisiten in den neuen Bundesländern immer noch anschlägt. „Irgendwie“, erklärt Carsten Herzog, „gab es in der DDR nur ein Bohnerwachs als Reinigungsmittel, das offenbar so intensiv in die Gebäudestruktur eindrang, dass man es noch immer riechen kann.“ Was sich auch einprägte, war der Zwangsumtausch, der langfristig ein Sparbuch füllte. „Man tauschte immer 25 West in Ost-Mark, von denen man sich aber fast nichts kaufen konnte“, erinnert sich der Wahl-Flensburger. Als 15-Jähriger wollte er mal bei einem Schulausflug mit einigen Kumpels etwas auf den Putz hauen. „In einer Kneipe bekamen wir aber nur jeweils eine Fassbrause“, erzählt er mit einem Grinsen. „Am Alex­anderplatz haben wir es dann geschafft, etwas Bier zu organisieren. Dennoch hatte am Ende des Abends jeder von uns noch immer über 20 Ost-Mark in der Tasche.“

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
Katastrophenschutzübung DanGerEx in Weiche

Ausbildung und Studium in der Werkstofftechnik

Auf der Realschule hatten sich Chemie und Physik als persönliche Neigung herauskristallisiert. Als das damalige Berliner Arbeitsamt eine Berufsinformation in der Schule organisierte, landete Carsten Herzog in der Gruppe für die Naturwissenschaften. Mehrere Berufsbilder wurden präsentiert, darunter das des Werkstoffprüfers. „Sich mit Kunststoffen und Metallen beschäftigen, Materialeigenschaften bestätigen oder Schadensstellen feststellen – das klang alles spannend“, erzählt er. „Und es reichte tatsächlich, eine einzige Bewerbung abzuschicken.“ Die ging an die in Berlin ansässige Bundesanstalt für Materialforschung (BAM). Ab 1984 der Standort für eine dreijährige Ausbildung.

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr

Carsten Herzog bearbeitete Material und nahm Messungen vor, stieß aber auch an die Grenzen dieses Berufs. „Man war der Messdiener des Ingenieurs“, sagt er. „Ich wollte nicht mein Leben lang nur Werte ermitteln, sondern diese auch bewerten.“ Für ihn stand rasch fest, die Fachhochschulreife anzustreben und dann zu studieren. Allerdings gab es in der damaligen Bundesrepublik nur drei Fachhochschulen, die ein Studium der Werkstofftechnik anboten. Da Carsten Herzog eine Freundin in Berlin hatte, entschied er sich für die Möglichkeit mit der kürzesten Anreise: Osnabrück, immerhin 440 Kilometer entfernt. „Ich fuhr immer mit dem Zug, da ich Student war und kein Geld verdiente“, erinnert er sich. „Meine damalige Freundin arbeitete als Physiklaborantin und besuchte mich mit dem Auto.“

Eine Annonce der Stadt Flensburg

Das Diplom war nach der Wiedervereinigung in der Tasche – kein so günstiger Zeitpunkt. „Es war die erste Rezessionsphase nach dem Mauerfall“, berichtet Carsten Herzog. „Zwei Semester vor mir wurden die Absolventen von der Studienbank weg für den Job verpflichtet. Als ich fertig war, suchten Maschinen-, Auto- oder Flugzeugbau wesentlich weniger Personal.“ Er schrieb rund neun Monate lang eifrig Bewerbungen, aber es tat sich nichts. In der „Berliner Morgenpost“ entdeckte er eine Annonce der Stadt Flensburg, die eine Feuerwehr-Ausbildung im gehobenen Dienst versprach. „Von der Feuerwehr hatte ich keine Ahnung, aber ich war offen für alles“, verrät er. Mit dankenden Worten ergänzt er: „Das Schicksal hat mich in die richtige Richtung gelenkt.“

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
2004: Buchpräsentation „Wo is dat Füer?“ am Holm

Nach den Sommerferien 1992 kam Carsten Herzog das zweite Mal in seinem Leben nach Flensburg. Bei seiner Premiere war er als Jugendlicher mit dem Zug gekommen, um dann mit dem Fahrrad und einigen Kumpels im südlichen Dänemark zu radeln und zu zelten. Nun traf er wieder am Bahnhof ein und genoss die kurzen Wege. „In der Schleswiger Straße gegenüber der Brauerei gab es damals sogar ein Hotel“, erzählt er. „Ich kannte mich allerdings überhaupt nicht aus und lief den Berg hoch statt runter, als ich in die Innenstadt wollte.“

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
Vorm Einsatzleitwagen der Berufsfeuerwehr

Anwärter-Bezüge und Feuerwehr-Virus

Die diversen Einstellungstests liefen weit besser. Carsten Herzog konnte eine zweijährige Ausbildung mit Anwärter-Bezügen beginnen, war aber fast gar nicht in Schleswig-Holstein, sondern an der Landesfeuerwehrschule Hamburg oder in Abschnitten in Salzgitter, in Berlin und in Heyrothsberge, der Landesfeuerwehrschule von Sachsen-Anhalt, wo noch mit alten DDR-Autos geübt wurde. Das Feuerwehr-Virus packte den Novizen. Bald werkelte er an kleinen Feuerwehrmodellen und sammelte Fachliteratur. 2004 schließlich ging er selbst unter die Autoren und erstellte zusammen mit zwei Mitstreitern eine Chronik über die Flensburger Feuerwehr.

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
Beim Sportfest der Berufsfeuerwehren in Flensburg 2013

Mit Abschluss der Ausbildung zum gehobenen Dienst war Carsten Herzog Brandoberinspektor und übernahm eine der drei Flensburger Wachabteilungen. „Ich hatte etwas Glück, dass in Flensburg viele der Führungskräfte schon sehr bald in den Ruhestand gingen “, blickt er zurück. Schon 1998 war er Wachvorsteher und bekleidete damit die zentrale Funktion für die Organisation des Einsatzdienstes. „So schnell konnte ich gar nicht befördert werden“, erinnert er sich. „Zunächst einmal musste ich ja auf Lebenszeit verbeamtet werden.“

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
2016: Mit „Trösterbärchen“, die bei Rettungsdiensteinsätzen an kleine Patienten verteilt werden

Aufstieg in die Leitungsgruppe und zum Feuerwehrchef

Als Wachvorsteher gehörte die Führungskraft erstmals zu einer fünfköpfigen Leitungsgruppe. „Parallel zum Büroalltag hatte ich alle fünf Tage einen 24-Stunden-Dienst“, berichtet Carsten Herzog. „Freitag, Samstag und Sonntag blockten wir so, dass jeder nur alle fünf Wochen ein komplettes Wochenende opfern musste.“ Heute ist man während des Dienstes ständig auf der Wache und kann sich gegebenenfalls in einen der Ruheräume begeben. Damals durfte man mit einem kleinen Einsatzfahrzeug zu Hause oder an einer zentralen Stelle in Flensburg in Bereitschaft bleiben. Wenn dann Kinder das Auto und den Feuerwehrmann erblickten, waren diese hellauf begeistert – vor allem wenn sie Stiefel oder Helm anprobieren durften. Einmal mähte Carsten Herzog während der Bereitschaft den Rasen und hörte beim Leeren des Fangkorbes, wie eine Familie das Einsatzfahrzeug registrierte: „Hier wohnt der Notarzt!“ Der Feuerwehrmann war etwas erschrocken. „Ich hoffte“, erinnert er sich, „dass niemals jemand an der Haustür klingeln würde, um medizinische Hilfe einzufordern.“

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
Dezember 2013: Mit Oberbürgermeister Faber bei einer Dankesfeier

Er selbst kletterte in der Hierarchie der Flensburger Feuerwehr bald weiter nach oben. Im Juni 2008 ging der bisherige leitende Branddirektor Rudolf März in den Ruhestand: Frühzeitig zeichnete sich ab, dass Carsten Herzog der Nachfolger werden würde. Für den Aufstieg in den höheren Dienst waren allerdings eine ergänzende Ausbildung und eine Laufbahnprüfung nötig. Für ein Jahr war er abgeordnet und kaum in Flensburg. Zumindest der praktische Teil konnte in Schleswig-Holstein absolviert werden, nämlich bei der Feuerwehr und der Landespolizei in Kiel. Dann kam ein schöner Sommerabend. Rudolf März hatte zu seinem Abschied auf den Hof der Berufsfeuerwehr eingeladen: Weggefährten, Kollegen und Bürgermeister Henning Brüggemann. Letzterer hatte die Urkunden mit; um Mitternacht wechselte die Leitung.

Brandschutz, Katastrophenschutz, Rettungsdienst und Verwaltungsaufgaben

Seitdem ist Carsten Herzog der Chef des großen Ganzen. In seiner Verantwortung liegen Brandschutz, Katas­trophenschutz und zu zwei Dritteln die Fahrten des Rettungsdienstes, ebenso der vorbeugende Brandschutz und der Verwaltungssektor. Unter dem Dach der Berufsfeuerwehr befinden sich auch Spezialbereiche wie Tauchgruppe, Höhenrettung oder Gefahrenstoffbekämpfung – und ein Fuhrpark mit gut 100 Kennzeichen. Viele Fahrzeuge stehen allerdings an anderen Standorten. Auf dem Betriebsgelände in der Bahnhofstraße sind sechs Werkstätten für unterschiedliche Teile der Ausrüstung und eine Kleiderkammer lokalisiert.

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
Feuerwehrchef Carsten Herzog im Gespräch mit Helfern Per Dittrich und Lennart am Bahnhof. Wer ist zuständig für die Betreuung von Asylbeantragern?

Der Alltag ist jeden Tag anders. „Zu 50 Prozent vertrete ich die Berufsfeuerwehr nach außen“, erklärt Carsten Herzog. „Praktisch jeden zweiten Tag bin ich im Rathaus unterwegs, um mit Verwaltungsvorstand, Politik und verschiedenen Fachabteilungen diverse Themen zu erörtern und zu klären.“ Zu managen ist auch die Zusammenarbeit mit den sechs Freiwilligen Feuerwehren im Stadtgebiet, anderen Hilfsorganisationen und der Polizei.

Wandel bei den Einsätzen und Sonderlagen

Einen Dienst im Monat übernimmt der Feuerwehrchef weiterhin. Er sitzt dann in seinem Büro und begibt sich irgendwann zwischen 20 und 22 Uhr in den Ruheraum. Im Hinterkopf sitzt stets ein möglicher Einsatz. „Mir ist der Dienst wichtig, um im Kontakt zur Basis und am Puls der Zeit zu bleiben“, erklärt er. „Die Einsätze verändern sich, da in den Wohnungen viel mehr Kunststoffe verbaut sind, die anders brennen, oder die Zahl der Akku-Brände zugenommen hat.“ Bei den größeren Einsätzen ist Carsten Herzog normalerweise nicht sofort am Einsatzort, dafür aber in der Nachbereitung und in der Kommunikation besonders gefordert. Ein Beispiel: Nach einem tragischen Brandunglück in der Harrisleer Straße im Mai 2023 lud Oberbürgermeister Fabian Geyer zu einer Pressekonferenz. Carsten Herzog gab mehreren Zeitungen Interviews und nahm an einer Einwohnerversammlung als Vertreter der Feuerwehr teil. Sein Fazit: „Wir hatten die Rechtsvorgaben erfüllt, waren aber nicht rechtzeitig da, um zwei Menschenleben zu retten.“

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
2016: Beim Tag der offenen Tür auf der Hauptfeuerwache

Zumindest gefühlt gab es in den letzten Jahren eine Zunahme von Sonderlagen, die besondere Anforderungen an die Hilfsorganisationen stellen. 2015 strandeten infolge von Wanderungsbewegungen nach Skandinavien sehr viele Menschen über Nacht im Flensburger Bahnhof. Die Berufsfeuerwehr nutzte ihre Kata­­strophenschutz-Strukturen, um für einige Monate genug Übernachtungsmöglichkeiten in Turnhallen vorzuhalten. 2022 waren ähnliche Prozesse nötig, als viele Menschen aus der Ukraine eintrafen. 2023 dann die Oktober-Sturmflut. „Es war das einzige Mal, dass wir in Flensburg Einsatzkräfte aus anderen Kreisen benötigten“, erwähnt Carsten Herzog. „Zum einen musste das Wasser im Hafengebiet zurückgedrängt werden, zum anderen löste der Sturm viele weitere Einsätze aus – wie entwurzelte Bäume oder heruntergewehte Dachziegel.“

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
Amtsübergabe durch Bürgermeister Brüggemann an Carsten Herzog Foto: Karsten Sörensen

Ein ganz eigenes Kapitel war die Corona-Pandemie. Für eine zuverlässige Einsatzbereitschaft musste die Zahl gleichzeitiger Erkrankungen überschaubar gehalten werden. Innerhalb der Flensburger Berufsfeuerwehr wurden Kleingruppen gebildet und in Ferienwohnungen externe Mini-Feuerwachen installiert. Carsten Herzog selbst gehörte 2020 und 2021 dem Krisenstab der Stadt Flensburg an und war parallel dazu mit Lieferengpässen von Handschuhen oder Masken konfrontiert. Mitten in dieser denkwürdigen Phase wurde ein Weltkriegsblindgänger unter dem Eckener Platz entdeckt. Nach den Regeln der Pandemie musste eine Evakuierung von 16.000 Menschen gelenkt werden.

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
2013: Mit dem ehem. Stadtbrandmeister Jürgen Sievers

Eigener Ruhestand und die Standortfrage

Inzwischen ist Carsten Herzog seit 18 Jahren der leitende Branddirektor der Stadt Flensburg. Der eigene Ruhestand rückt unweigerlich näher. In der Regel wäre schon mit 60 Jahren Schluss. „Derzeit steht es 51 zu 49, dass ich um drei Jahre verlängern werde“, verrät der 58-Jährige. „Es gibt ein Projekt, dass ich unbedingt noch weiter auf den Weg bringen möchte.“ Es geht um die Standortfrage der Berufsfeuerwehr. Der Sitz am Munketoft platzt nämlich aus allen Nähten. Einige Büros wurden bereits auf die andere Straßenseite verlegt. Die Fahrzeuge werden immer größer, sodass die vorgeschriebenen Abstände in den Hallen und Garagen nicht mehr einzuhalten sind. Zudem hat sich die Zahl der Einsätze erhöht. „Als ich 1992 nach Flensburg kam, gab es im Rettungsdienst 10.000 Einsätze, nun sind es drei Mal so viel“, verdeutlicht Carsten Herzog.

Carsten Herzog – Chef der Flensburger Berufsfeuerwehr
2021: Während Corona mit OB Simone Lange

Die Kommunalpolitik hat bereits beschlossen, den bisherigen Standort der Berufsfeuerwehr aufzugeben und zukünftig auf eine Zwei-Wachen-Variante zu setzen. Die Wache am Adelbyer Kirchenweg soll schon 2029 fertiggestellt sein. Für die zweite auf der Westlichen Höhe gibt es bereits erste Baupläne, aber noch keinen konkreten Zeitplan. Die interne Ausbildung ist bereits auf die neue Struktur ausgerichtet. „Zukünftig werden wir bis zu 50 Menschen mehr beschäftigen“, skizziert Carsten Herzog. „Die neuen Wachen werden eine Mischung aus Hotel, Spedition und Verwaltungsgebäude sein.“ Ruheräume, Fuhrpark und Organisation müssen berücksichtigt werden. Und es muss an jede Sekunde gedacht werden, um bei Einsätzen wertvolle Zeit nicht schon auf dem eigenen Gelände zu vergeuden.

Text: Jan Kirschner        
Fotos: Jan Kirschner, privat

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