Einen (Wirtschafts-)Hafen gibt es in Flensburg schon seit vielen hundert Jahren. Auch heute noch erfüllt dieser Hafen eine wichtige Versorgungsfunktion für unsere Region. Die wichtigsten Umschlagsgüter sind Düngemittel für die Landwirtschaft und Kies für die Bauwirtschaft. Seit einigen Jahren streiten und diskutieren Politik und viele unterschiedliche Interessensgruppen, ob dieser Hafen von seiner jetzigen Lage am Ostufer nicht besser ans Westufer verlegt werden sollte. Längst nicht so im Blick der Öffentlichkeit ist ein anderer, neuer Hafen in Flensburg, der sich in den zurückliegenden knapp drei Jahren fast unbemerkt, heimlich, still und leise, in Insider-Kreisen bereits einen guten Namen gemacht hat: Der Lernhafen an der KTS in Flensburg!

Neues Lernkonzept an der
Kurt-Tucholsky-Schule

Die Flensburger Kurt-Tucholsky-Schule, in Adelby an der Richard-Wagner-Straße gelegen, ist eine Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe. Ungefähr 1000 SchülerInnen werden dort von rund 90 LehrerInnen unterrichtet. Die Jahrgänge sind im Schnitt fünfzügig, d. h. pro Altersklasse gibt es bis zu 5 Parallelklassen.
Viele hier tätige Pädagogen sind sehr engagiert in ihrem Beruf, sind gern als LehrerInnen tätig, auch oder besonders gerade hier an der in Flensburg als KTS bekannten Schule.
Das gemeinsame Lernen in den Klassen der Gemeinschaftsschule bietet allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, gemeinsam – unabhängig von ihrem Leistungsvermögen – ihre Schullaufbahn bis hin zum Schulabschluss zu absolvieren. Dabei stehen LehrerInnen immer wieder vor neuen Herausforderungen, die das individuelle Fördern der Kinder zunehmend schwieriger machen. Sie versuchen stets, im Alltag jedes Kind individuell zu fördern, stoßen dabei jedoch oft an Grenzen, weil etwa zu wenig Zeit zur Verfügung steht, weil Unterricht mit der Gesamtklasse längst nicht jedem Kind gerecht werden kann, die Konzentrationsfähigkeit der SchülerInnen anfangs noch vorhanden ist, in den späteren Stunden am Tag allerdings kaum noch abrufbar ist. Das heißt im Endeffekt: Es wird immer schwieriger, auf die einzelnen Talente und/oder Interessen und Neigungen im Regelunterricht einzugehen. Deshalb sahen vor gut fünf Jahren gleich mehrere der an der KTS tätigen Lehrkräfte die Notwendigkeit, das herkömmliche Stundensystem in einigen Bereichen zu verändern. Diese kleine Gruppe setzte sich zusammen, diskutierte, entwickelte und verwarf anfangs so manche spontane Idee, doch tatsächlich: Nach geraumer Zeit, inspiriert durch Hospitationen bei verschiedenen Preisträgerschulen, entstand ein allgemeines Konzept, das anstrebte, die oben genannten Probleme möglichst zu minimieren. Das Konzept in Form eines Arbeitspapiers stand bereits in seinen Grundzügen, doch sollte es zusätzlich ein speziell auf diese eine Schule in Flensburg zugeschnittenes Modell beinhalten und einen Flensburg-typischen Namen erhalten.
Flensburg ist eine Küstenstadt, liegt an der Ostsee, hat vielerlei Bezüge zum Maritimen, und einen entsprechenden und zu Flensburg passenden Namen sollte das Konzept bekommen. Was lag also näher, als sich Anleihen bei der Seefahrt bzw. der Marine zu holen?
Schnell wurde das Projekt auf den Namen „Lernhafen“ getauft, weitere Anleihen aus dem maritimen Sprachgebrauch fanden danach auch den Weg ins Projekt, wie etwa „Logbuch“ und „Ankerplatz“ – doch dazu später mehr.
Das Konzept fand alsbald das Wohlwollen der Schulleitung des KTS, insbesondere Schulleiter Ingwer Nommensen unterstützte die Entwickler des neuen Flensburger Hafens, und erreichte beim zuständigen Kultusministerium in Kiel das „Go“ für die Durchführung des Projektes „Lernhafen“ an der KTS.

Der „Lernhafen“ wird eröffnet

Im Schuljahr 2017/2018 war es dann soweit: Die ersten beiden Lernhafenklassen (nur Klasse 5) starteten mit Beginn des Schuljahres an der KTS. Danach kamen jedes Jahr zwei neue 5. Klassen dazu, so dass es heute insgesamt 8 Klassen im Lernhafen gibt: Jeweils zwei Klassen in den Jahrgangsstufen 5, 6, 7 und 8.
Das Projekt wurde mit dem erklärten Ziel, eine bessere Lernumgebung für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler zu erschaffen, ins Leben gerufen. Diesen Klassen gehören auch die Kinder mit verschiedenen Förderschwerpunkten an. Dabei ist der Lernhafen insbesondere auch (oder gerade) für leistungsstärkere (auch gymnasialempfohlene) Schüler und SchülerInnen geeignet.
Zusätzlich sollten weitere LehrerInnen der Kurt-Tucholsky-Schule, die gern ein neues Lern-Konzept ausprobieren und weiterentwickeln möchten, gewonnen werden – man brauchte diese schließlich für die optimale Umsetzung des Konzepts, und schaffte es auch schnell, genügend Lehrkräfte für den Lernhafen zu akquirieren – ohne dass auch nur eine dieser Lehrkräfte „shanghait“* werden musste.
(* Shanghaien bezeichnet in der Seemannssprache das gewaltsame Rekrutieren von Seeleuten für Kriegs- und Handelsschiffe.)
Räumliche Voraussetzungen mussten geschaffen werden: Es gibt nach wie vor feste Klassen mit einem Klassenlehrer und einem festen Klassenraum. Zusätzlich wird ein Raum mit Activeboard für die Vorlesungen zweier Parallelklassen zur Verfügung gestellt. Jeder Schüler hat im Klassenraum einen für ihn vorbereiteten und reservierten Platz mit Stuhl, Tisch und Schubladenschrank, den er selber gestalten/einrichten darf. Das bedeutet, dass das Schulmaterial seinen Platz in der Schule hat und nicht mehr zu Hause. Von der Schule aus wird es nur noch für die Hausaufgaben oder zu Lernzwecken mit nach Hause genommen. Die zwei Klassen eines Jahrgangs liegen räumlich eng beieinander. Die Unterrichtsform des Lernhafens unterscheidet sich von der anderer Klassen, die SchülerInnen nehmen aber an den Vorhabenwochen der Schule teil und an den klassenübergreifenden Projektkursen und Wahlpflichtkursen der 5., 6. und 7. Klassen.
Auf die Pädagogen kommt eine weitere Aufgabe zu: Neben seinem Fachunterricht betreut jede Lehrerin/jeder Lehrer des Lernhafens bis zu 15 SchülerInnen als Tutor, führt mit ihnen reflektierende Wochengespräche, begleitet sie durch das komplette Schuljahr, und schreibt Rückmeldungen an die Eltern.

Das Logbuch

Ein wichtiges Element zum Gelingen des Konzepts ist das sogenannte „Log buch“. Da die SchülerInnen im Lernhafen gewissermaßen an der langen Leine geführt werden, mehr Eigenverantwortung für sich und die Gruppe übernehmen, ist ein solches Logbuch eine unschätzbare Hilfe für alle Beteiligten: Lehrer, Schüler, und Eltern. Das Logbuch ist ein Planer, der die Schüler tagtäglich (zu Hause und in der Schule) begleitet, es ist das Kommunikationsmittel zwischen Eltern, Schülern und Lehrern.
Die Schüler gestalten mit Hilfe des Log buches ihren Tag selbst: In welchen Fächern möchten sie arbeiten bzw. die Vorlesungen besuchen, welche Arbeiten möchten sie zu Hause erledigen usw., jeder Tag und jede Woche wird sowohl allein als auch mit den Tutoren reflektiert – es bietet zu jeder Zeit eine schnelle Übersicht über das komplette Schulverhalten des Logbuchführers.
Die Zeiten im Lernhafen verteilen sich anders als im herkömmlichen Unterricht – man findet Zeit fürs Organisieren, fürs Logbuchführen, nach 2 Stunden Ankerplatz folgt eine gemeinsame große Pause, einer weiteren Stunde Ankerplatz und einer erneuten Pause folgt entweder eine sogenannte Kreativzeit oder erneut Ankerplatz.
Stundenplan und Ankerplatz Ein zentraler und stets wiederkehrender Begriff im Stundenplan ist der Ankerplatz – der Ankerplatz ist gewissermaßen das Herzstück des Lernhafens. Die SchülerInnen arbeiten und üben selbstständig mit vorbereitetem Material in 6 Fächern (Deutsch, Mathe, WK, Englisch, Nawi und Religion) bzw. ab Jahrgang 7 in 3 Fächern (Mathe, Deutsch, Englisch). Die SchülerInnen arbeiten selbständig mit vorbereitetem unterschiedlichem Material in ihrem eigenen Lerntempo, setzen ihre Schwerpunkte selbst fest. Die eben genannten Ankerplatzfächer untergliedern ihr differenziertes Material in „Bausteine“ (Unterrichtseinheiten), die so vorbereitet sind, dass die SchülerInnen sich die Inhalte selbst erarbeiten können. In halbstündigem Wechsel werden „Vorlesungen“ mit kurzem Input zu Fachthemen angeboten, der Vorlesungsplan der Woche wird jeweils montags ausgeteilt. Am Ende jedes Bausteins schreibt jede Schülerin/jeder Schüler einen Leistungsnachweis. Er/sie kann in einem festgesteckten zeitlichen Rahmen entscheiden, wann er das tun möchte. Während der Ankerplatzzeit wird in den Klassenräumen kaum gesprochen. Zum gemeinsamen Besprechen von Aufgaben können Schüler den Raum verlassen und im Flur arbeiten (Partnerarbeit oder Gruppenarbeit) – wobei Gruppenarbeiten in Corona-Zeiten nicht stattfinden.
Die stets anwesenden Lehrer können jederzeit befragt werden. Die enge Betreuung durch die Pädagogen schafft eine sichere und angstfreie Lernatmosphäre, und durch die ruhige hier gegebene Lernumgebung wird die effektive Lernzeit erhöht. Es findet eine Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern statt, dies steigert die gegenseitige Wertschätzung.

Stundenplan und Kreativzeit

An zwei Tagen in der Woche arbeiten die Schüler der 5. und 6. Klassen in ästhetischen Fächern. Die Kreativzeit liegt jeweils am Ende des Schultages und dauert 90 Minuten. Schüler wählen frei aus mehreren jahrgangsübergreifenden Angeboten aus. Die Kreativangebote werden nicht benotet es gibt eine verbale Beurteilung im Zeugnis. Ab Jahrgangsstufe 7 arbeiten die SchülerInnen in den Fächern WiPo, Weltkunde und NaWi über 3 Wochen projektartig an einem Thema: Das gewählte Projekt fällt unter Entdeckerzeit.

Die Lehrkräfte im Lernhafen

Die insgesamt 8 Lernhafen-Klassen werden jeweils von einem sehr kleinen Lehrerteam betreut, das erleichtert die Kommunikation und ermöglicht eine starke Bindung zu den Schülern, sie achten konsequent auf die Einhaltung der Regeln und stehen für Fragen zur Verfügung, in der Ankerplatzzeit planen und gestalten sie die Wochengespräche mit ihren Tutanden, bereiten die Vorlesungen vor und halten sie auch, dokumentieren die Beteiligung und den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler, sind an der Vorbereitung des differenzierten Materials beteiligt und organisieren als Team den Ablauf der Schultage, oft sind die Lehrkräfte den ganzen Tag über im Lernhafen eingesetzt, was die Organisation stark vereinfacht.

Bisherige Erfahrungswerte

Die Beobachtungen während der ersten drei Jahre haben gezeigt, dass das Konzept des Lernhafens eine gute Möglichkeit sein kann, um die oben angegebenen Ziele zu erreichen.
Warum? Die SchülerInnen planen ihren Tag sehr selbstständig, es gibt kaum Probleme mit Unterrichtsstörungen, sie arbeiten in den gut vorbereiteten Klassenräumen ruhig und konzentriert, in den Vorlesungen beteiligen sich die meisten SchülerInnen sehr aktiv, die (wöchentlichen) Rückmeldegespräche führen zu einer starken Bindung zwischen Lehrkräften und Schülern, einem intensiven Austausch und zu einer deutlich sichtbaren Entwicklung in der Methodenkompetenz der SchülerInnen, gemeinsames Lernen wird möglich, da jeder an seinem individuellen Material arbeitet.
Seit Beginn des aktuellen Schuljahrs werden zusätzlich zwei achte Klassen nach diesem Konzept unterrichtet – es sind jene Klassen, die 2017/2018 als erste Klassen der Klassenstufe 5 „in den Lernhafen einliefen“.
Für alle Beteiligten ist es spannend zu sehen, wie SchülerInnen auch in älteren Klassenstufen mit diesem Lernsystem umgehen, wie sie immer selbstständiger werden und eventuell in der Oberstufe ganz ohne Hilfsmittel wie das Logbuch und die wöchentlichen Gespräche auskommen.
Die Initiatoren und meist ja auch begleitende Lehrkräfte des Lernhafens auf der „Landseite“ – die LehrerInnen – sind jedenfalls überzeugt: Das Konzept des Lernhafens stellt eine gute Möglichkeit dar, in heterogenen (verschiedenartigen) Lerngruppen allen SchülerInnen und LehrerInnen besser gerecht zu werden.

Das Flensburg Journal bedankt sich bei folgenden Lehrern und Lehrerinnen der KTS, die sich die nötige Zeit nahmen, uns das Konzept „Lernhafen“ überzeugend und engagiert vorzustellen: Wiebke Harms-Hollmann, Sören Alsen, Hauke Lassen – und beim Schulleiter Ingwer Nommensen. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg auf dem eingeschlagenen Weg, und immer eine „gute Reise“, die hoffentlich erfolgreich ihren Weg im späteren Leben der SchülerInnen – nach erlangtem Schulabschluss – auch in andere „Lernhäfen“ nehmen möge!

Den Lernhafen besuchte Peter Feuerschütz, die Fotos stellte die KTS zur Verfügung.

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