Das empfindliche Ökosystem Flensburger Förde

Künstliche Riffe, Seegraswiesen, Muschelbänke und sogar Delfine, wer sagt, die Flensburger Förde hätte unter der Wasseroberfläche nicht viel Spannendes zu bieten, der irrt sich. Stephan Thomsen, Tobias Kaiser und Dr. Dennis Barnekow kennen die Unterwasserwelt der Innenförde so gut wie kaum ein anderer. Unter dem Namen Unterwasserteam Flensburg haben es sich die drei zur Aufgabe gemacht, den Lebensraum Förde und die mit ihm verbundene Tier- und Pflanzenwelt unter der Wasseroberfläche zu schützen, auf Probleme aufmerksam zu machen, sowie den Menschen dieses empfindliche Ökosystem näher zu bringen und verständlicher zu machen.

„Dennis habe ich bereits im Jahr 2001 kennengelernt“, berichtet Stephan Thomsen, von Beruf Feuerwehrmann und Taucher bei der Flensburger Berufsfeuerwehr, „als Naturschutzausgleichsmaßnahme wurde damals vor dem Ostseebad ein künstliches Riff errichtet.“ Finanzielle Mittel, die unter anderem für das Ausbaggern von Hafeneinfahrten, Errichten von Hafenanlagen, sowie die dortige Entnahme von Steinen gezahlt werden mussten, sollten zurück in die Natur fließen, eben nur an anderer Stelle in der Förde.
„Ich wollte diese Arbeit damals unbedingt begleiten“, erinnert sich Dr. Dennis Barnekow, Direktor des Umweltbildungszentrums der Uni Flensburg, „habe mich entschlossen meine Doktorarbeit über dieses Thema zu schreiben. Stephan hat mich damals sehr unterstützt, wir waren unzählige Male zusammen tauchen, haben Proben genommen und das Riff in 7-9 Meter Wassertiefe jahrelang betaucht und die Entwicklung der Flora und Fauna beobachtet, begleitet und betreut.“
Auch Tobias kennt Stephan bereits seit etlichen Jahren. Auf einer Tauchsafari im Süden Ägyptens arbeitete der heute 38-Jährige Tobias 2013 als Basisleiter. „Zum Abschied habe ich ihm noch gesagt, dass wir mal in der Ostsee tauchen gehen, wenn er aus Ägypten zurück nach Deutschland geht.“ Einige Jahre später kehrte Tobias, der heute als Seemannsdiakon in Kiel arbeitet, zurück nach Flensburg.
2016 haben Stephan, Dennis und Tobias dem Kind quasi einen Namen gegeben, das Unterwasserteam Flensburg, kurz UWT war geboren. Der Grund waren „Selfi“ und „Delfi“, zwei extrem seltene Gäste, die im Februar 2016 wochenlang in der Flensburger Förde zu Gast waren. „Selfi“ und „Delfi“ waren zwei Delfine, große Tümmler, die eines Tages von einem Fischerboot nahe der Ochseninseln entdeckt wurden. Wie der Zufall es wollte stand einen Tag später ein Übungstauchgang der Feuerwehrtaucher, zu denen auch Stephan gehört, in Sonwik auf dem Programm. „Das wäre schon großartig, wenn wir beim Tauchen die Delfine sehen,“ schwärmte Stephan damals. Und natürlich, wie sollte es anders kommen, es dauerte nur wenige Minuten, da hatte er im trüben Ostseewasser mit verhältnismäßig wenig Sicht auf einmal zwei etwa 3 Meter lange Begleiter neben sich. Neugierig näherten sich die beiden Tiere, zeigten keine Angst, kamen immer näher, umkreisten den Taucher, wollten ihn regelrecht zum Spielen auffordern. „Kurz danach habe ich Tobias angerufen“, berichtet Stephan, „ich habe ihm erzählt, dass wir ja in Ägypten mit Del finen tauchen waren und ich ihm dies nun auch in Flensburg bieten könne.“ Auch Tobias war kurz darauf am Wasser, zunächst noch oberhalb, in einem Kajak, aber auch hier kamen die Delfine, von ihrer Neugierde gepackt.

Unterwasserkameras wurden mitgenommen, erste Fotos und Filme der beiden Tümmler während der Tauchgänge aufgenommen. „Irgendwie verselbständigte sich dann alles, fast alle Fernsehsender fragten an, das Interesse an den beiden Delfinen war mittlerweile gewaltig“, berichtet Stephan Thomsen, „etliche Male sind wir mit Kamerateams von Sonwik aus rausgefahren, brauchten nie lange zu warten, auf die beiden Delfine war Verlass. Kaum war ich im Wasser suchten sie die Nähe zu mir, ließen sich filmen und fotografieren.“Dieses für Flensburg doch recht einmalige Ereignis schärfte das Bewusstsein der Drei, dass man hier etwas machen muss. „Ich habe Dennis mit ins Boot geholt und wir drei haben Vorträge gehalten“, so Stephan, „Bilder und Videos haben wir der Uni zur Verfügung gestellt und die Nachfrage nach unserem öffentlichen Vortrag am Umweltbildungszentrum war groß.“Das Thema Delfine in der Flensburger Förde begeisterte damals über die Region hinaus. Zwar kam es in den Jahren zuvor auch immer mal wieder vor, dass die hier heimischen und oft anzutreffenden Schweinswale Besuch von deutlich größeren Meeressäugern bekamen, doch zwei verspielte Delfine, die regelrecht die Kameras suchten, waren ein seltenes und beeindruckendes Schauspiel.

Das Unterwasserteam Flensburg war geboren. „Wir haben angefangen etwas über die Flensburger Förde und den Lebensraum zu erzählen“, berichtet Dennis Barnekow, „Muschelbänke, Wasseraustausch, Überdüngung und Sauerstoffarmut, die Förde hat Probleme und diese sind fast ausschließlich vom Menschen verursacht.“
Ein Jahr nach den Delfinen widmeten sich die drei ihrem bis heute wohl aufsehenerregendsten Projekt: Die Muschelfischerei mit Schleppdreschen. Der Fischkutter Irene befuhr im Frühjahr 2017 die Flensburger Förde. „Wir wollten uns einmal anschauen, ob und was dieser Fischer mit seinen Netzen am Meeresgrund anrichtet“, erinnert sich Tobias Kaiser, „sind dann vor das Ostseebad gefahren und dort tauchen gewesen.“
Unmittelbar am künstlichen Riff konnte man die Schleppschneisen erkennen. „Das kann ja wohl nicht wahr sein, dachten wir damals“, so Tobias. „Der Miesmuschelfischer fischte zuvor offenbar mit einer etwas sonderbaren Ausnahmelizenz im Kreis Schleswig-Flensburg“, berichtet Dennis, „als die Bereiche dort offenbar leergefischt waren, fing der Fischer an im Flensburger Bereich weiterzumachen.“ Das Unterwasserteam hat seine Beobachtungen damals umgehend an die Wasserschutzpolizei weitergegeben und auch die untere Naturschutzbehörde informiert, die davon nichts wusste. „Die schnelle Reaktion der Behörden; der Kutter lag wenig später an der Kette, durfte zunächst einmal nicht mehr rausfahren“, so Dennis.
Es wurden Gutachten in Auftrag gegeben, der Fischer wollte belegen, dass ein Teil der Miesmuscheln abgefischt werden kann, ohne dass es Auswirkungen auf den Bestand und die Neubildung der Muschelbänke hat. „Wir sind an der Sache dran geblieben“, so Stephan Thomsen, „genau ein Jahr später haben wir uns die Stellen erneut angeschaut und mussten mit Erschrecken feststellen, dass sich dort, anders als vom Fischer behauptet, keine neuen Miesmuschelbänke gebildet haben.“
Es bildete sich auf breiter Front Widerstand gegen den Muschelfischer. „Neben dem Unterwasserteam haben sich auch Wassersportler und andere Fischer vehement dagegen ausgesprochen“, so Dennis, „zudem war zu diesem Zeitpunkt auch gerade Wahlkampf und wir haben der Ratsversammlung diese Problematik vorgelegt.“ Wenig später fiel die Entscheidung, es darf nicht weiter gefischt werden. Ein Erfolg für das Unterwasserteam, das mit seinen Beobachtungen diese Problematik erst aufgedeckt und dokumentiert hat. „Wir haben damals mit unserer Arbeit Unterwasser und den wissenschaftlichen Hintergründen überzeugt“, freut sich Stephan, „man hat uns ernst genommen und hört uns an.“
Das Erschreckende war jedoch, dass die Muschelfelder nachhaltig geschädigt worden sind und auch bei regelmäßigen Kontrolltauchgängen keine Besserung festgestellt wurde, die Eingriffe waren zu gravierend.

Ein weiteres Thema, auf das das Unterwasserteam aufmerksam gemacht wurde, war die mögliche Zerstörung einer Seegraswiese vor Schausende im Jahr 2019. „Ein Außenstehender hat beobachtet wie Baggergut aus der dortigen Hafeneinfahrt einfach vor die Küste gekippt wird und von dort dann auch Sand nach Glücksburg an den Strand transportiert wird“, so Stephan, „zusammen mit Tobi habe ich mir die Sache unter Wasser einmal angeschaut und an dieser Stelle eine Seegraswiese entdeckt.“
Für Dennis Barnekow eine kleine Sensation. Es ist vielleicht das westlichste Vorkommen einer Seegraswiese, so Dennis, „im Vergleich zu Miesmuschelbänken sind Seegraswiesen in sich geschlossene Ökosysteme.“ Bagger haben dort 2019 tiefe Löcher in die Wiese gerissen und auch Lehm abgekippt.

Auch ein Hotelneubau im Stadtteil Sonwik rief das Unterwasserteam auf den Plan. Bei den Arbeiten wurde versehentlich eine Entwässerungsleitung des ehemaligen Marinestandortes beschädigt. „Aus dieser Leitung ist Schwarzwasser ausgetreten“, so Stephan, „das Wasser wurde trüb, die Sicht gleich null.“ Messungen haben damals ergeben, dass es sich um abgestandenes Wasser handelt, von dem keine Gefahr ausgeht.
„Das Wasser an sich mag ungefährlich sein“, berichtet Dennis, „nehme ich dem Lebensraum unter Wasser aber das Licht weg, habe ich keine Fotosynthese mehr, so dass Algen, seßhafte Filtrierer wie Seescheiden, Muscheln und am Ende auch Fische dennoch sterben. Es geht quasi alles ein.“ „Wir verstehen uns ein wenig als „Anwalt“ für den Lebensraum Flensburger Förde“, erklärt Dennis Barnekow, „dabei sind auch wir natürlich auf Beobachtungen Dritter angewiesen, die sich jederzeit an uns wenden können, wenn solche Dinge festgestellt oder vermutet werden. Im Rahmen unserer Möglichkeiten schauen wir uns die Sache dann an.“
Stephan, Dennis und Tobias sehen sich nicht als klassische Umweltschutzorganisation, sondern können insbesondere das leisten, was zum Beispiel die untere Naturschutzbehörde nicht so einfach kann. „Wir können tauchen, unter die Wasseroberfläche gucken, Hinweisen und Beobachtungen nachgehen und dann die richtigen Stellen und Verantwortlichen informieren“, so Tobias. Seitens der Behörden kosten Taucher und Tauchgänge viel Geld, das Unterwasserteam ist dort eine günstige Alternative. „Wir finanzieren unsere Arbeit bislang ausschließlich aus eigener Tasche“, so Stephan Thomsen, „der Lebensraum Flensburger Förde liegt uns dreien sehr am Herzen und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht diesen zu schützen, soweit wir es eben können.“ „Wir können der Bevölkerung zeigen, was dort vor sich geht, wo sie nichts mehr sehen können,“ ergänzt Dennis, „zudem bieten wir auch eine Meldemöglichkeit für Außenstehende abseits der behördlichen Wege, auch anonym.“ Das Unterwasserteam Flensburg verfügt mittlerweile über ein gewachsenes Netzwerk. „Wir polarisieren nicht so wie andere Naturschützer“, berichtet Tobias, „wir sind die die dokumentieren und dann auch versuchen zwischen den einzelnen Parteien zu vermitteln, hören alle Seiten an.“

Das Unterwasserteam Flensburg dokumentiert mit seinen Beobachtungen und wissenschaftlichen Untersuchungen wie empfindlich die Förde tatsächlich ist. „Das Problem ist nicht die Förde an sich, sondern das, was wir ihr zumuten“, so Dennis, „auch Algenblüten sind in gewissem Umfang normal, aber nicht mehr in dem Ausmaß, wie wir sie in letzter Zeit erleben.“ Auch hier das gleiche Prinzip: Das rasante Wachstum der Algen entzieht dem Wasser den benötigten Sauerstoff, dies führt dazu, dass die übrige Fauna und Flora mit all ihren Lebensformen beeinträchtigt wird. Zum Beispiel sterben Muscheln und Fische, und das Wasser fängt an zu stinken.
„Wir werden weitermachen“, so Stephan, „dadurch, dass wir das ganze Jahr über tauchen gehen, sehen wir sofort wenn etwas passiert.“
Auch wünschen sich die drei stets offene Augen, dass Beobachtungen gemeldet werden und die Menschen durchaus auch etwas wachsam sind, wenn es um die Probleme geht, die mit der Ostsee und der Flensburger Förde zu tun haben. „Wir gucken nach und schauen was dort los ist, versprochen!“, da sind sich alle einig.
Wer sich die Arbeit und die Aktionen des UWT Flensburg genauer anschauen möchte, der ganz sich gerne auf der Website ein Bild davon machen: www.unterwasserteam-flensburg.de
Ihre Videos sind bei Youtube zu finden.

Text: Benjamin Nolte
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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