Erstklässler, die den Unterricht sabotieren oder boykottieren, Eltern die vehement ins Alltagsgeschäft der Schule eingreifen, Lehrkräfte die massiv überfordert sind. In der Tat Einzelfälle, jedoch werden es stetig mehr. Unsere Gesellschaft und Kultur haben sich im Bereich Bildung drastisch verändert. Und leider nur wenig zum Guten.
Unter dem Motto „Schule anders denken“ lud das Kollegium der Grundschule Engelsby am 02. Februar 2026 zum Bühnen-Talk ein. Der Gastgeber, Schulleiter Joachim Mix, hatte dazu eine hochkarätige Diskussionsrunde eingeladen. Neben dem „Bildungspromi“ Stefan Ruppaner waren Alexander Kraft vom Bildungsministerium, Deutschdidaktikerin Dr. Beate Leßmann, Finja Neubauer als Vertreterin der Stadt Flensburg, Schulleiterin Silvia Sellmer und Elternvertreterin Bea Amrit Walter auf der Bühne. Die Soziologin Ines Avenarius moderierte souverän, abwechslungsreich und kompetent durch die eineinhalb Stunden.
Die Ruppaner-These
Den ersten Impuls setzte Stefan Ruppaner, bekannt durch seine Arbeit an der Alemannenschule Wutöschingen (ASW) und seine konsequente und polarisierende These, dass der traditionelle Unterricht das Lernen verhindere und dementsprechend abgeschafft gehöre.
„Wenn wir es schaffen, dass die Kinder gerne in die Schule kommen, können wir nicht verhindern, dass sie etwas lernen.“
Mit dieser Zuspitzung eines der wesentlichen Ergebnisse der Hattie-Studie mischt Ruppaner z. Zt. in ganz Deutschland und darüber hinaus die Bildungslandschaft im positiven Sinne intensiv auf. Dabei kommt seine Botschaft genau zur richtigen Zeit, weil auch die Politiker der gesamten Republik mit dem sog. Startchancen-Programm die Summe von 20 Mrd. Euro, verteilt auf die kommenden 10 Jahre, freigesetzt haben. Mit diesem Geld soll den immer schlechter werdenden Ergebnissen, insbesondere aus den Pisa-Studien, entgegengewirkt werden.
Ruppaner argumentierte außerdem, dass Spitzenleistung nicht durch mehr Taktung und Kontrolle entsteht, sondern durch Autonomie: Für eine Leistungsspitze brauche es Lernwege, die es Schülerinnen und Schülern erlaube, eigenen Interessen zu folgen und Schwerpunkte zu setzen. Damit verschiebt sich der Blick von „alle müssen das Gleiche gleich schlecht können“ hin zu Lernbiografien, die ernst nehmen, dass Motivation ein zentraler Motor für Anstrengung ist. Die von Ruppaner vertretene Schmetterlingspädagogik zeigt, dass „Kinder selbst Verantwortung übernehmen können und keinen Druck brauchen.“ Die guten Ergebnisse der Allemannenschule in allen Vergleichsarbeiten belegen diese These eindrücklich.
Silvia Sellmer knüpfte an den Verantwortungsgedanken an – allerdings aus der Perspektive schulischer Entwicklungsarbeit vor Ort: „Ich möchte eine Generation hervorbringen, die selbst Verantwortung übernimmt.“ Damit wurde deutlich, dass das Ziel – Selbstverantwortung – auf dem Podium breit geteilt war, der Weg dorthin aber unterschiedlich gedacht wurde.
Der zentrale Streitpunkt entzündete sich an der Frage, ob „Unterricht“ als Organisationsprinzip das Problem ist – oder ob es auf die Ausgestaltung ankommt. Ruppaner positionierte sich auf der einen Seite: Das Modell „Unterricht“ (als Taktung, Steuerung, Gleichzeitigkeit) sei das Problem. Es halte Kinder eher vom Lernen ab, als dass es Lernen ermögliche.
Bea Amrit Walter stellte sich dabei klar hinter Ruppaner: „Für mich ist das die Schule der Zukunft.“
Dr. Beate Leßmann positionierte sich hingegen klar gegen diese Zuspitzung: „Inklusives Lernen kann auch gemeinsam in einem Raum stattfinden – entscheidend ist es, die Struktur von Unterricht und Schule zu verändern, damit echte Freiräume entstehen und das Kind im Zentrum steht.“ Lernen, so ihre Linie, sei nicht nur ein Individualprozess, sondern auch sozialer Prozess: „Die Gruppe ist wichtig, weil Kinder gleichberechtigt miteinander sprechen, argumentieren, reflektieren und sich darüber auch mit sich selbst auseinandersetzen.“ Nicht „Unterricht abschaffen“ sei der Kern, sondern Unterricht so transformieren, dass er Vielfalt produktiv macht.
Alexander Kraft (MBWK) formulierte einen Dreiklang, an dem sich Schule messen lassen müsse: „Es geht um drei Dinge: anspruchsvolle Leistung, Chancengerechtigkeit, Wohlbefinden für alle in der Schule. Wenn das gegeben ist, ist das System gut.“ Gleichzeitig skizzierte er die Rolle der Schulaufsicht als Partnerin: „Auftrag der Schulaufsicht ist es, Mutmacher für Veränderungen zu sein.“ Dabei blieb Kraft nicht bei Leitbegriffen, sondern warnte auch vor einer bloßen Neugestaltung von Unterricht: „Wir brauchen keinen schöneren Unterricht. Dann sterben wir in Schönheit.“
Ein Begriff aus der Schmetterlingspädagogik, der als Klammer über der Diskussion stehen kann, ist „Schule mit HERZ“ – Haltung, Expertise, Raum, Zeit. Genau diese vier Stellschrauben umkreiste der Abend immer wieder: Was muss Schule sein, was muss sie können – und welche Bedingungen braucht sie dafür? In diesem Kontext wurde auch die Logik hinter Ruppaners Schmetterlingspädagogik greifbarer.
KI = Kindliche Intelligenz
Er verwies auf „KI“ im ursprünglichen Sinn: Kindliche Intelligenz. Jegliche Planung, so der Gedanke, müsse vom Kind her gedacht werden – und nicht über das Kind hinweg.
Amrit Walter brachte einen weiteren Spannungsbogen ein, der in vielen Reformdebatten unterschätzt wird: „Es geht um die Angst der Eltern, Sehnsucht nach Sicherheit und die Frage nach der Bedeutsamkeit von Lehrkräften“ – und daraus folge eine klare Konsequenz: Schule müsse konsequent für Kinder gestaltet werden, nicht für Systeme oder Routinen.
Ruppaner formulierte dieses Prinzip am Ende noch einmal zugespitzt, indem er Expertise neu definierte: „Experten in der Schule sind Lehrkräfte und SuS. Wir müssen also sie fragen: Was braucht ihr?“ In dieser Frage bündelte sich ein Grundmotiv des Abends: Veränderung gelingt nicht gegen die Menschen in der Schule, sondern nur mit ihnen – und mit einem echten Vertrauen in ihre Perspektiven.
Mindestens ebenso wichtig wie das „Ob?“ war an diesem Nachmittag das „Wie?“: Finja Neubauer (Abteilungsleitung Bildungs- und Sportbüro der Stadt Flensburg) versicherte: „Auch wenn die finanzielle Lage in Flensburg nicht rosig ist, gibt es Möglichkeiten. Grundsätzlich sind wir als Schulträger immer offen für Veränderung.“
Der Nachmittag brachte vor allem eines hervor: Schulentwicklung wird dann produktiv, wenn Praxis, Wissenschaft, Eltern und Verwaltung nicht nur übereinander, sondern miteinander sprechen. Der Schulleiter der Grundschule Engelsby Joachim Mix schloss die Veranstaltung mit den Worten: „Lasst uns den Blick weg von den Defiziten richten – und hin zu dem, was möglich ist.“
Eine ganz neue, tragfähigere Form von Schule könnte also in naher Zukunft auch in Flensburg entstehen.
Schule Engelsby















