In ganz Flensburg zuhause: Das kennzeichnet die Familie Schirrmacher wohl treffend; die Familie betreibt in der dritten Generation einen Großhandel für Friseurbedarf, bedient damit allerdings nur solche Kunden, die über einen gültigen Gewerbeschein verfügen. Die Firmenphilosophie lautet dementsprechend: „Wir liefern ausschließlich an Friseure mit Gewerbeschein. Denn wir stehen hinter unseren Kunden. Mit ihnen sind wir stetig und gesund gewachsen.“
Die Schirrmacher GmbH beliefert heute von ihrem Firmensitz am Sophienhof in Flensburg aus mit ihren Fahrzeugen Friseure im gesamten nördlichen Teil von Schleswig-Holstein, bis runter nach Neumünster sowie Brunsbüttel an der hiesigen Westküste.

Die Anfänge

Ursprünglich stammt Heinz Schirrmacher, der spätere Firmengründer, aus der Freien Stadt Danzig (Danzig stand von 1920 bis 1939 als teilsouveräner, selbstständiger Freistaat mit polnischen Hafenrechten unter dem Schutz des Völkerbundes), erblickte dort im Jahre 1917 das Licht dieser Welt. Wie viele junge Männer seiner Generation wurde er zur Wehrmacht einberufen, diese entbehrungsreiche und gefährliche Zeit überstand er unversehrt, auch die tiefe Freundschaft zu seiner späteren Ehefrau Erna konnten beide bewahren, und schließlich heirateten die beiden in der Danziger Marienkirche, am 11. Januar 1945. Den genehmigten Hochzeitsurlaub in Berwang/Tirol genossen die frisch gebackenen Eheleute im tiefen Schnee. Der Krieg machte jedoch keine Pause, und Ende Januar 1945, der Urlaub neigte sich dem Ende entgegen, standen die sowjetischen Armeen schon recht weit im Westen, eine Besetzung der damaligen deutschen Ostgebiete stand unmittelbar bevor. Heinz und Erna Schirrmacher sind daher gar nicht mehr aus dem Hochzeitsurlaub nach Hause gefahren, sondern haben sich auf eine schließlich zehn Tage dauernde Zugreise in den hohen Norden Deutschlands, nach Flensburg, begeben.
Heinz geriet, in Flensburg angekommen, gleich am Kriegsende in britische Gefangenschaft, wurde von den Briten zum Minenräumen an die Nordsee versetzt. Die Teilnahme an den Räumeinsätzen dauerte für Heinz allerdings nur einige Wochen – er wurde schon recht bald von den Engländern aus der Gefangenschaft in die Freiheit entlassen.
Was nun? Das fragten sich damals viele Menschen, nachdem sich die erste Freude über das Ende des schrecklichen Krieges gelegt hatte, und ein mühseliger Alltag bevorstand. Das ging auch den Schirrmachers so: Heinz und seine Ehefrau Erna waren beide gelernte Textilkaufleute, haben den Beruf in einem Danziger Sportgeschäft erlernt und ausgeübt – dort lernten sie sich übrigens auch kennen und bald lieben.

An eine klassische Ausübung des gelernten Berufs war in den Nachkriegswirren überhaupt nicht zu denken. So kam Heinz Schirrmacher eines Tages auf die pfiffige Idee, die bei den hiesigen Bäckereien überschüssigen Mehlsäcke (in denen damals das Mehl an die Bäcker geliefert wurde) zu sammeln, diese zu reinigen und zu verarbeiten, und sie anschließend an die hiesigen Krankenhäuser zu verkaufen. Mit dieser Geschäftsidee konnten sich die Schirrmachers anfangs einigermaßen über Wasser halten. Ansonsten war Heinz ständig mit offenen Augen und Ohren unterwegs, nahm im Jahr 1947 an einer Handelsmesse teil, die in einer ehemaligen Marinekaserne in Mürwik stattfand. Bei der Gelegenheit lernte er einen Handelsvertreter namens Walter Reincke aus Bad Bramstedt kennen, der mit Haarnetzen handelte. Man kam sich näher, wurde handelseinig, und fortan war Heinz Schirrmacher als freier Handelsvertreter für eben diesen Reincke tätig. Die Arbeit gefiel ihm gut, allerdings wollte Heinz doch lieber auf eigenen Füßen stehen, und startete schon bald als – heute würde man sagen – Solo-Selbstständiger seine berufliche Karriere.
Die junge Familie Schirrmacher wohnte seinerzeit auf dem Sandberg, im Hause Sandberg 20, in einer sehr kleinen Wohnung im ersten Stock des Mehrfamilienhauses.

Im Urlaub

Bereits 1946 wurde der Sohn Bernd geboren; er kam noch vor dem Umzug auf den Sandberg in einem Zimmer in einem Pastorat in der Wrangelstraße zur Welt. Dort waren die Schirrmachers anfangs übergangsweise untergekommen.
Das Wohnzimmer in der Schirrmacher-Wohnung am Sandberg 20 war gleichzeitig Warenlager in der Anfangszeit, ein Wandregal beherbergte die Utensilien, die Heinz zu verkaufen gedachte. Abends wurde ein Vorhang zugezogen vor dem offenen Regal, dann war beruflich für den Tag Feierabend. Heinz war in der ersten Zeit ausschließlich zu Fuß im Flensburger Stadtgebiet unterwegs, er hat das Klinkenputzen im wahrsten Sinne des Wortes betrieben. Er fing in dieser Zeit an, mit Rasierklingen
u. a. der Marken Rotbart und Gilette zu handeln, die er stets per Nachnahme bezog. Dank seiner Hartnäckigkeit, seines bescheidenen Auftretens, aber auch seiner Redegewandtheit und seines Verkaufs­talents sollte er recht schnell guten Erfolg bei seinen Kunden erzielen, und weitete nach und nach so seinen Kundenkreis aus. Nachdem er sich von dem besagten Herrn Reincke losgesagt hatte, konnte er endlich richtig durchstarten.
Im Jahr 1950 kam es zur Firmengründung, nun existierte in Flensburg der Großhandel Heinz Schirrmacher. Vor diesem Schritt wandte er sich wegen einer finanziellen Unterstützung und Starthilfe an die Flensburger Sparkasse: „Ich brauche einen Kredit in Höhe von 1.000 Mark für eine Firmengründung!“
„Sicherheiten?“, wurde er gefragt. „Hmm, da gibt es nur mich und meine Arbeitskraft, aber auch meinen Willen zum Erfolg, und zudem einen guten Flüchtlingsausweis“, gab Heinz schlagfertig zur Antwort.
Er muss die Sparkasse mit seinen Argumenten letztlich überzeugt haben: Man gab ihm seinerzeit sogar 2.000 Mark, und er eröffnete gleichzeitig ein Konto bei der Sparkasse:
„Stadtsparkasse Flensburg: 288 578“.
Diese Kontonummer sollte und wollte er sein Leben lang beibehalten – sie gilt übrigens in abgewandelter Form heute noch! Fortan legte Heinz so richtig los, war in seinem Tatendrang kaum zu bremsen. Von „Schusters Rappen“ war er mittlerweile für weiterführende Touren auf ein Fahrrad umgestiegen: Mit seinem Fahrrad befuhr er das gesamte Kreisgebiet, war dabei immer mit seinen zwei Musterkoffern unterwegs bis nach Satrup und Sörup – kein Weg zum Kunden war ihm zu weit.
Die erste Mitarbeiterin Frau Rieckhoff verkaufte mittlerweile die Firmenprodukte im Flensburger Stadtgebiet. Bald kam auch die Nordseestadt Husum hinzu, die Heinz allerdings immer per Linienbus besuchte. Damals bediente die AFAG die Buslinie Flensburg-Husum, einer der Busfahrer war Willi Maas, ein Unikum, der schon mal während der Tour nach Husum, wenn er zu rechtzeitig unterwegs war, mitsamt den Fahrgästen eine Kaffeepause in der auf der Route liegenden Gaststätte „Friedensburg“ einlegte. Einer der treuesten Kunden in Husum war über viele Jahrzehnte der Salon von Carl Vollstedt.

Die Firma wächst

Der Firmensitz in der eigenen Wohnung am Sandberg in Flensburg wurde bald zu klein. Im Jahr 1956 kam es zum Umzug in die Husumer Straße, in die Hausnummer 15. Dieser Umzug kam allerdings erst durch einen Ringtausch zustande, an dem insgesamt fünf (!) Familien beteiligt waren.

Husumer Straße 15

Die neue Wohnung in der Husumer Straße befand sich erneut im ersten Stock – nun stand sogar ein kompletter und ganzer Raum für die Belange der Firma – Büro und Lager – zur Verfügung. Der Großhandel florierte in diesen Jahren immer besser, Heinz und Erna Schirrmacher waren bald finanziell sogar in der Lage, besagtes Haus zu kaufen. Erna Schirrmacher, eine durchaus selbstbewusste Frau, stieg auf eigenen Wunsch mit in die Firma ein, die nun auf den Namen
H. u. E. Schirrmacher ins Handelsregister eingetragen wurde. Die guten Umsätze in der Firma sorgten dafür, dass auch die Wohnung in der Husumer Straße bald zu klein wurde. Zwischen dem Haupthaus und dem dahinter liegenden Waschhaus war viel ungenutzte Fläche vorhanden. Den freien Platz zwischen den Gebäuden nutzten die Schirrmachers für den Bau eines Lagers, bald wurde gar das alte Waschhaus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, in dem Lagerfläche und Platz für ein Büro vorgesehen war.
Das Bauvorhaben kam gut voran, das Haus wuchs und wuchs – der Neubau nahm mehr und mehr Gestalt an – und das alles ohne Bauantrag …
Wie der Zufall es wollte, lag das Haus in der Husumer Straße 15 auf dem Heimweg eines Herrn vom hiesigen Bauamt, der die baulichen Fortschritte täglich auf seinem Weg von und zum Dienst bewundern konnte, und sich bald nicht wenig darüber wunderte, dass für besagten Bau gar kein Bauantrag vorlag. So wurde der weitere Ausbau dann urplötzlich – vorerst jedenfalls – gestoppt …
Das Versäumnis, keinen Bauantrag gestellt zu haben, konnte seinerzeit jedoch noch ziemlich unbürokratisch behoben werden – Näheres ist über den Vorgang allerdings nicht bekannt …
Nicht nur der Neubau wuchs und gedieh, auch der Firma ging es von Jahr zu Jahr immer besser, man erweiterte sein Einzugsgebiet sogar über die Kreisgrenzen hinaus bis runter nach Schleswig und sogar Eckernförde. Heinz Schirrmacher ging mit der Zeit, die Motorisierung griff in jenen Jahren allmählich um sich, und bald stand das erste Automobil vor der Tür:
Ein VW-Käfer, mit mehreren Wechseln finanziert, die Restsumme wurde schließlich im Monat Januar überwiesen, nachdem in dem Jahr das Weihnachtsgeschäft besonders gut florierte und genügend Geld in die Firmenkasse floss. Damals war der Autoverkehr auf der Husumer Straße noch sehr überschaubar, dort mal zu wenden oder einen Parkplatz zu finden war überhaupt kein Problem.
Heinz Schirrmacher war ein typischer Self-Made-Man; er hatte in all den Jahren nie eine Strategie entwickelt, wie er seine Firma kontinuierlich nach vorn bringen könnte, wie man am besten expandieren sollte: Er machte eigentlich alles „aus dem Bauch heraus“, sein berufliches Erfolgsgeheimnis lag in seiner Persönlichkeit begründet, seinem Auftreten bei den Kunden, und in der Tatsache, dass er ein echtes „Verkaufsgenie“ war.
Mit der Zeit wurde auch das größere Lager in der Husumer Straße zu klein. Als ein Mieter dort aus dem Haupthaus auszog, wurde dessen ehemalige Wohnung von den Schirrmachers übernommen, es wurde ein Gang gebaut vom Lager bis ins Haupthaus hinein; es wurde Zug um Zug erweitert, jetzt natürlich mit einer offiziellen Baugenehmigung!

Die zweite Generation wächst heran

Der Sohn Bernd wuchs genau wie der Familienbetrieb, wurde immer größer und älter, erlebte eine Kindheit umgeben von Friseur- und Hygieneartikeln des elterlichen Betriebs. Im Jahr 1964 schloss er die Schulzeit ab, machte die Mittlere Reife an der Flensburger Hebbelschule. Sein sehnlichster Berufswunsch war Fotograf, er trat eine Lehrstelle bei einer alten Kundin seines Vaters an, in einer Drogerie am Holm, doch fiel mit dem Beginn seiner geplanten Ausbildung leider auch die Schließung der Fotoabteilung in besagter Drogerie zusammen, und die geplante Ausbildung zum Fotografen war damit hinfällig. So verließ er nach nur einer Woche den gerade erst eingenommenen Ausbildungsplatz, und hängte ersatzweise ein weiteres Schuljahr dran: Er absolvierte für ein Jahr die Höhere Handelsschule in Flensburg.
Mit dem Abschluss in der Tasche begann Bernd eine Lehre als Großhandelskaufmann in einem Flensburger Betrieb, brauchte wegen des zusätzlich absolvierten Schuljahres nur zweieinhalb Jahre zu lernen. Ende 1966 wurde allerdings sein Vater Heinz schwer krank, im eigenen Familienbetrieb wurde er jetzt dringend gebraucht, zumal neben dem Ausfall des Vaters auch noch zwei Angestellte gekündigt hatten. Sein Lehrherr war zum Glück sehr entgegenkommend, Bernd durfte die Lehrzeit auf nur zwei Jahre verkürzen, und konnte nun gemeinsam mit seiner Mutter den Familienbetrieb „am Laufen halten“. „Das war damals für mich eine äußerst stressige und fordernde Zeit“, erinnert sich Bernd Schirrmacher ungern an seine Anfänge im familieneigenen Betrieb, „tagsüber wurde gearbeitet, immerhin mussten wir einen gewissen Umsatz erzielen, um über die Runden zu kommen, und abends wurde regelmäßig der Vater im Krankenhaus besucht.“
Doch diese hektische Zeit, diese Krise, wurde erfolgreich gemeistert; der Vater kehrte schließlich an seinen Arbeitsplatz zurück, es wurde ein weiblicher Lehrling eingestellt, und die Firma lief wieder in gewohnten Bahnen, wuchs und gedieh wie in den Vorjahren.
Privat ging es für den Junior ebenfalls gut voran: Auf einer privaten Hochzeitsfeier lernte Bernd eine hübsche junge Frau kennen, die damals allerdings in der Schweiz lebte. Er machte gleich Nägel mit Köpfen, wusste genau: Die oder keine! Die bald seine Freundin werdende Ilse zog auch umgehend in den hohen Norden nach Flensburg zu ihrem Liebsten, und schon nach kurzer Zeit wurde die Hochzeit geplant.
Im Jahr 1970 heirateten Bernd und Ilse in der Flensburger Rude-Kirche. Die Eltern hatten bereits einige Jahre zuvor ein Wohnhaus für die größer werdende Familie gebaut, auf der Westlichen Höhe in der Professor-Mensing-Straße, direkt an der Exe gelegen. Am ersten Sonntag nach einer kirchlichen Heirat ist es üblich, dass im Gottesdienst verkündet wird, wer in der Vorwoche getauft, verheiratet oder bestattet worden ist. So war es auch am Sonntag nach der Heirat der beiden jungen Schirrmachers, doch hielt diesmal ein anderer Pastor den Gottesdienst. Beim Verlesen der Namen der frisch Vermählten geriet der vortragende Pastor jedoch etwas ins Schwimmen, und verkündete der anwesenden Gemeinde vollmundig:
„… und geheiratet haben Ilse und Professor Bernd Schirrmacher aus der Mensingstraße!“

Die zweite Generation übernimmt die Firma

Auch in den 70er-Jahren setzte sich die positive Entwicklung der Firma fort, erneut sah sich Firmengründer Heinz nach einer Liegenschaft in Flensburg um, die den immer größer werdenden Raumbedarf des Unternehmens erfüllen konnte. Fündig wurde er schließlich im Stadtteil Friesischer Berg, in der Robert-Koch-Straße. Dort bauten die Schirrmachers neu, vorausschauend entstand eine richtig große Lagerhalle, nach Fertigstellung wurden die Grundstücke in der Husumer Straße sowie in der Professor-Mensing-Straße schließlich verkauft. Ende 1975 wurde das Bauvorhaben beendet, und ab dem 1. Januar 1976 residierte der Großhandel Schirrmacher nun in der Robert-Koch-Straße. Mittlerweile waren die Grenzhändler große und gute Kunden der Schirrmachers geworden, man brauchte für deren Bestellungen große Lagerflächen, so wurde u. a. die Parfümserie „Old Spice“ mit mehr als 25 unterschiedlichen Produkten von den dänischen Kunden im Grenzhandel immer wieder verlangt und gekauft.
Im Jahr 1980 übernahm Sohn Bernd die Geschäftsführung von seinem Vater Heinz. Der Vater war als „graue Eminenz“ in den ersten Jahren immer noch in der Firma tätig. „Er wurde mit den Jahren aber immer schwieriger“, kann Bernd sich noch gut an jene Zeit erinnern, „nach einem heftigen Streit schied der Vater dann aber aus, und zog sich endgültig aus dem Geschäftsleben zurück.“ Bernd und seine kleine Familie wohnten inzwischen im eigenen Eigenheim in der Sauermannstraße – dort sind sie auch heute noch zu Hause. Im Betrieb konnte Bernd an die Erfolge seines Vaters durchaus anknüpfen, der Großhandel Schirrmacher expandierte stetig, das heutige Einzugsgebiet umfasst den gesamten Landesteil Schleswig und reicht bis nach Neumünster sowie runter bis zur Elbmündung.
Längst haben die Schirrmachers viele Kunden aus dem südlichen Dänemark, die nach dem Fall der dortigen Luxussteuer ihre Fühler über die Grenzen hinaus ausstreckten. „Unsere dänischen Kunden werden jedoch nicht von unseren Außendienstlern bedient – die Dänen kommen zu uns über die Grenze, decken sich mit Ware ein, und bezahlen direkt vor Ort“, beschreibt Bernd die Geschäftsbeziehungen über die Grenzen hinaus. In den Corona-Zeiten war das leider nicht möglich: „Wir merken es schon, dass die Dänen nicht kommen können“, hofft nicht nur Bernd auf ein baldiges Ende der Einschränkungen.
Was sich die Schirrmachers beim damaligen Umzug der Firma in die Robert-Koch-Straße nicht vorstellen konnten, trat nach kaum 20 Jahren erneut ein: Der Betrieb stieß erneut an seine Grenzen, bedingt auch dadurch, dass sich auf dem Firmengelände auch der Wohnsitz des Firmeninhabers befand, in diesem Fall das Privathaus der „alten“ Schirrmachers. Bernd nahm sich vor, das künftig anders zu regeln.
Er machte sich auf die Suche nach einem passenden Grundstück ausschließlich für die Firma, wurde schließlich unter Mithilfe der Stadt Flensburg fündig: Die Stadt bot ihm ein Grundstück in der Philipp-Reis-Straße an. Der Standort sagte den Schirrmachers durchaus zu, doch bei der Besichtigung des möglichen zukünftigen Firmensitzes stellten sie fest: „Das Grundstück ist für unser Vorhaben leider zu klein!“ Erneut nahm Bernd Kontakt zur hiesigen Wireg auf, wandte sich an den damaligen Geschäftsführer Klaus Matthiesen. Der war ab April 1981 Flensburgs Wirtschaftsförderer und seit der Gründung der Wireg deren Geschäftsführer, war bestens vernetzt und für seine unkonventionellen Ideen bekannt. „Ich habe vielleicht das Passende für Sie“, bekamen die Schirrmachers zur Antwort. Unweit vom ursprünglich gedachten Grundstück war ein ebensolches noch zu vergeben: Direkt an der Ecke Am Sophienhof/Philipp-Reis-Straße gelegen. So kam durch einen genialen Zufall der Kauf des Grundstücks „Am Sophienhof 6“ zustande. Die Grundsteinlegung dort fiel auf einen bedeutsamen Tag in der neueren deutschen Geschichte: Auf den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls. Der Neubau wuchs schnell heran, alle halfen mit, sämtliche Großlieferanten unterstützten und so konnte bereits am 1. April 1990 die Arbeit am Sophienhof aufgenommen werden.

Die dritte Generation

Die 90er Jahre waren nicht zuletzt dank des neuen Betriebsstandorts „Am Sophienhof 6“ eine Fortsetzung der bisherigen Erfolgsgeschichte des Großhandels Schirrmacher. Weiteres Personal konnte eingestellt werden, und alles lief bestens. Im privaten Bereich kamen zwei Kinder, Junge und Mädchen, dazu – es wuchs somit auch die Familie Schirrmacher.
Der Sohn von Bernd und Ilse Schirrmacher, Jörn, machte nach erfolgreichem Abschluss seiner Schulzeit eine Ausbildung zum Datenverarbeitungs-Kaufmann, arbeitete einige Jahre in Fockbek bei Rendsburg bei einem Großhandel für Zeitschriften, der Firma Lamich. „Es bekommt den eigenen Kindern meistens gut, wenn sie mal eine Zeitlang in der Fremde ihren Mann zu stehen haben.“ So erging es auch dem jungen Jörn, der allerdings eines Tages doch Lust verspürte, in den Familienbetrieb mit einzusteigen. Ende 1999 äußerte er diesen Wunsch, blieb jedoch noch bis Mitte 2000 bei seinem alten Arbeitgeber – allein schon wegen der damals vielfach geäußerten Angst im IT-Bereich vor dem Milleniums-Crash, sprich: Dass beim Übergang von 1999 auf 2000 die Computer verrücktspielen könnten. Dazu kam es, wie bekannt, ja dann doch nicht. So konnte Jörn beruhigt die Firma in Fockbek verlassen, zumal ihm der dortige Geschäftsführer keine Steine in den Weg legte, sondern es sogar gut fand, dass er zuhause im Betrieb Verantwortung übernehmen würde. Mittlerweile ist Jörn bereits über 20 Jahre im Familienbetrieb tätig, kann ein gesundes Unternehmen übernehmen und in bewährter Weise fortführen. Die Corona-Pandemie ist an den Schirrmachers nicht unbemerkt vorbeigegangen, einige Monate Kurzarbeit für viele Mitarbeiter sind Ausdruck der wirtschaftlichen Einschränkungen.

Ausblick

Beide Schirrmachers, Bernd und Sohn Jörn, sind im Hinblick auf die Zukunft guter Dinge und optimistisch eingestellt. „Die Friseurbranche wird weiter existieren, sie wird sich über kurz oder lang von den Einbußen erholen, und wir als deren Grossisten werden am zu erwartenden Aufschwung auch teilhaben.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen: Wir wünschen der Familie Schirrmacher, und ihrem Familienbetrieb Großhandel Schirrmacher für die Zukunft alles Gute, bleiben Sie dem Standort in Flensburg erhalten, und entwickeln Sie ein gutes Händchen, falls – ja, falls die Firma doch noch ein weiteres Mal aus Expansionsgründen den Standort wechseln müsste!

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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