Es ist nicht so einfach, einen Termin mit Edgar Möller zu finden. Wenn es denn klappt, versteht man schnell warum: Sein Kalender ist voll. Sein Orbit mit Betriebsrat, Gewerkschaft, Stadtrat, SSW und natürlich der Familie sorgt für viel Beschäftigung und Gesprächsstoff. Wenn er erzählt, fördert der gebürtige Flensburger unweigerlich spannende Facetten der Geschichte seiner Heimatstadt in den letzten sechs Dekaden ans Tageslicht.
Dem 62-Jährigen angeboren ist eine Affinität zum Wasser, das eigene Segelboot im Hafen alles andere als Zufall. Auf Duburg aufgewachsen waren die vergleichsweise komfortable Zwei-Zimmer-Wohnung der Eltern, die Verwandten, die im selben Block lebten, und das nahe Gewerkschaftshaus mit seinem Veranstaltungssaal wichtige Parameter einer Jugend, aber nicht das Ende der Welt. „Unser Viertel ging bis zum Hafen“, erzählt Edgar Möller. „Wir beobachteten die zahlreichen Schiffe, die Verladung von Kohle und die Handwerker, die in den Hinterhöfen der Norderstraße im Gange waren.“
Seine Familie hatte eine klare maritime Prägung. Großvater und Urgroßvater waren bei einer Reederei beschäftigt; der Vater war zwar Postbeamter, betonte aber stets seine Vorliebe für die Schifffahrt. Er hatte schon ein Auto, als es noch keine Probleme gab, in Flensburg einen Parkplatz zu finden. Den BMW 600, einen viersitzigen Kleinwagen, packte er gerne voll, vergaß seinen Filius nicht und fuhr die Stellen an, die ein „Hobby-Nautiker“ als spannend empfand. Es ging ins dänische Helsingör am Öresund, in den Hamburger Freihafen oder an den Nord-Ostsee-Kanal. In Brunsbüttelkoog erhielt der Senior sogar eine Genehmigung, um auf dem Deich zu zelten. Dort beobachteten die Möllers die großen, vorbeiziehenden Kähne. „Das dortige Schwimmbad kann ich nur empfehlen – eindrucksvoll, wie die Frachter vor einem auf dem Wasser thronen“, erzählt Edgar Möller. „Bei schlechter Sicht warteten früher auch schon mal drei bis vier Dutzend Schiffe vorsorglich an der Schleuse. Der Stau löste sich erst auf, wenn sich der Nebel verzog.“
Neben der Wonne gab es auch den Ernst des Lebens. Der Heranwachsende besuchte die Christian-Voigt-Schule, die klassische Volksschule. Rektor war Artur Thomsen, der später einmal Stadtpräsident werden sollte. Mit Politik hatte Edgar Möller damals allerdings noch nichts am Hut. Aufgrund von zwei Kurzschuljahren war er noch nicht einmal 15 Jahre alt, als er seine Lehre als Elektriker aufnahm – bei „Elektro Tensfeldt“ in der Neustadt. Der Berufseinsteiger kam so mit einigen interessanten Neubauten in Berührung: Zum Beispiel mit dem Storno-Werk in der Eckenerstraße oder dem Gewerkschaftshaus am Südermarkt, das eine neue Phase im Bauhandwerk einläutete, wie sich Edgar Möller erinnert: „Das war das erste Haus, bei dem man die historische Fassade stehenließ und dahinter neu baute.“ Sein Betrieb stellte stets auch einige Elektriker bei der „Flensburger Brauerei“ ab, die das Ende der Ära „Emil Petersen“ erlebte. Die Technik erfuhr eine Modernisierung. Der letzte Schrei damals: ein Paletten-Packer.
Was dem Lehrling missfiel: Wenn an Geräten die Elektronik zu komplex wurde, kümmerte sich „Elektro Tensfeldt“ nicht mehr selbst um eine Reparatur, sondern reichte die Aufträge an Spezialfirmen weiter. Die Ausbildung bekam so zumindest ein gefühltes Vakuum. Deshalb dachte Edgar Möller nach überstandener Gesellenprüfung daran, sich bei der Bundeswehr für vier Jahre zu verpflichten. Er hatte davon gehört, dass in der Grenzland-Kaserne eine Elektroniker-Klasse eingerichtet werden sollte. Doch der Eignungstest in Hannover endete mit einer Überraschung. „Was wollen Sie mit Ihren Zeugnissen beim Heer?“, hieß es dort. „Sie können doch zur Luftwaffe!“ Nun rief Leck und eine Ausbildung zum Flugzeug-Radarmechaniker.
Alles klang sehr gut, erst später zeigte sich der Haken. Es waren auch einige Lehrgänge über mehrere Monate zu absolvieren, die nicht im hohen Norden, sondern im 1000 Kilometer entfernten Kaufbeuren stattfanden. Der Auftaktkurs dauerte sogar ein halbes Jahr. Edgar Möller machte Nägel mit Köpfen, heiratete seine Ruth und nahm sie mit in den Süden. Die Reise mit dem VW-Käfer über die Kasseler Berge und das lückenhafte Autobahnnetz hatte durchaus einen abenteuerlichen Charakter. Das junge Paar fand im Nachbarort Ottobeuren ein kleines Appartement und Anschluss. Einige weitere Nordlichter im Allgäu und die Herzlichkeit im bayrischen Dorf machten es den Neuankömmlingen einfacher. Einmal ging es über die winterlichen Berge nach Österreich – mit Sommerreifen, wie es sich für einen ahnungslosen Flachland-Tiroler gehörte.
Edgar Möller verliert heute noch gute Worte über seine Ausbildung am anderen Ende der Republik. Als vollständig galt sie allerdings nicht. Um das nächste Level zu erreichen, musste er bei der Bundeswehr verlängern. Schließlich kehrte er nach acht Jahren als Oberfeldwebel in den zivilen Alltag zurück, veredelte dann seine Kenntnisse an der Flensburger Technikerschule. Nach vier Semestern war er staatlich geprüfter Techniker.
Zu seinem Bedauern war es Mitte der 80er Jahre nicht so einfach, eine gute Stelle im hohen Norden zu finden. Daher wechselte er nach Hamburg. Kurze Zeit beschäftigte ihn der Flugzeughersteller „Airbus“. Sein Schwerpunkt: technische Handbücher. Im Werk von Finkenwerder hatte der junge Mann aus dem neunten Stock einen herrlichen Blick auf die Elbe und – natürlich – auf die Schifffahrt. Die Liebe zu Flensburg und vor allem die Liebe in Flensburg wogen aber schwerer. „Ich hatte meiner Frau versprochen, nach Flensburg zurückzukehren, sobald ich im Norden akzeptable Arbeit bekomme“, erinnert sich der 62-Jährige heute. Die vielen Heimfahrten waren zeitaufwändig, der Elbtunnel verlangte schon damals dem Verkehrsteilnehmer eine Geduldsprobe ab.
Bei den Flensburger Stadtwerken nahm er zwar deutliche Gehaltseinbußen in Kauf, hatte dafür aber seinen Arbeitsplatz praktisch vor der Haustür. Zudem bewegte er sich nun auf eher vertrauten Pfaden. Bei den Stadtwerken war er schon als Lehrling mehrfach aufgekreuzt, um das Angebot des dortigen Ausbildungsmeisters einmal die Woche für eine Art Nachhilfe zu nutzen. Trotz dieses guten Services befürchtete Edgar Möller, in einen starren und unbeweglichen Stadtbetrieb zu geraten. Der Übergang in eine GmbH deutete jedoch schon eine andere Epoche an. „Ich stieß auf ein sehr modernes Unternehmen, das zum Teil sogar sehr innovativ war“, blickt er zurück.
Sein Verantwortungsbereich beinhaltete die Messtechnik für Fernwärme und Wasser. Wenn die Abrechnungen in merkwürdige Volumen abdrifteten, sich die Kunden über ungenaue Zähler beschwerten, ging Edgar Möller der Ursache auf den Grund. So kam er zwischen Pattburg und Glücksburg viel herum und eignete sich eher beiläufig sehr gute Ortskennisse und einen tiefen Einblick in Flensburger Wohnverhältnisse an.
Als Mann des Außendienstes fühlte er sich allerdings vom Betriebsrat, in dem Kaufleute und technisches Personal dominierten, nicht so recht vertreten. Er schritt zur Tat, klinkte sich seit den 90er Jahren selbst ein, und spielte eine wachsende Rolle. Bald wurde er wegen neuer Aufgaben vom Tagesgeschäft zunehmend freigestellt. Heute ist Edgar Möller Vorsitzender des Betriebsrats und hat Gesundheit, Arbeitssicherheit und betriebliches Eingliederungs-Management auf seiner Agenda – oder Ersatzarbeitsplätze, wenn eine unausweichlich erscheinende Investition in die Technik einige klassische Tätigkeitsfelder beschneidet. Bei der Dienstleistungsgewerkstadt „Verdi“ sitzt der Flensburger im Bezirksvorstand. Dort schätzt er den regelmäßigen Austausch über die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern oder Kindergärten – passend zu seinem Ehrenamt als Vorsitzender des städtischen Ausschusses für Soziales und Gesundheit.
Der Weg vom Betriebsrat in die Kommunalpolitik war kurz, möchte man meinen – gestaltete sich aber doch anders. Vielleicht wäre ein politisches Engagement nie aktuell geworden, wenn die Familie 1983 nicht auf die Rude gezogen wäre. Ein Haus mit zwei Mietwohnungen war damals frei geworden. Unten wohnte die Schwägerin, oben Edgar Möller und sein Anhang. „Bei uns war immer Familie im Haus, das hat einen besonderen Charakter“, erzählt er. „Ohnehin ist die Rude wie ein kleines Dorf, in dem sich Nachbarn unterstützen.“ Selbstverständlich arbeitete er jahrelang im Rude-Forum, einer Bürgerinitiative im Stadtteil, mit.
Nicht selbstverständlich war es hingegen, dass man Edgar Möller für den Mieterbeirat der städtischen Wohnungsbaugesellschaft vorschlug. In den 90er Jahre lagen noch ganz andere Themen obenauf als heute. „Ein Badezimmer für alle“, war damals eine berechtigte Forderung. Teilweise existierten noch Gemeinschaftsbäder im Keller eines Vier-Parteien-Hauses. Die Belegung regelte ein Zeitplan. Auch Toiletten im Hausflur oder am Treppengang waren keine Seltenheit. Der Leerstand alter Immobilien schoss in vierstellige Dimensionen. Heute indes verursacht der Bedarf nach Studentenbuden und Single-Haushalten eine Nachverdichtung. Gerade registriert Edgar Möller einen hohen Neubau in seiner eigenen Nachbarschaft: „Die Sonne geht nun früher unter.“
Bald rückte er in den Vorstand des Mieterbeirats, der automatisch dem Aufsichtsrat der städtischen Wohnungsbaugesellschaft angehörte, und traf auf Oberbürgermeister und etliche Stadträte. Manchmal fragte er sich: „Warum entscheiden die so? Wissen sie es nicht besser?“ Als dann das Gremium neu zugeschnitten und nur noch ein Vertreter der Mieter berücksichtigt werden sollte, platzte Edgar Möller die Hutschnur. Er schrieb einen gesalzenen Leserbrief an die Zeitung, die diesen abdruckte. Vor allem die damals dominierende SPD war verärgert. Den Vorsitz des Mieterbeirats hatte damals Gerhard Maas inne, zufällig eine wichtige Persönlichkeit im SSW, die den Weg in die Fraktion der dänischen Minderheit ebnete.
Mitglied war Edgar Möller schon gewesen, als seine beiden Töchter Katrin und Annika die dänische Schule besuchten. Er selbst war als Kind zu den Fußballern des DGF Flensborg gewechselt. „Beim TSV Vorwärts konnte man die Tauben auf den Pfützen zählen und musste sich in einer Holzbaracke umziehen“, erinnert er sich. „Bei DGF trainierte man im Winter in der Halle und hatte eine warme Dusche.“ Vor Kurzem wurde er für eine 50-jährige Mitgliedschaft vom Verein geehrt, obwohl er nur bis zu seiner Bundeswehrzeit aktiv war.
Kurz nach der Jahrtausendwende tauchte Edgar Möller erstmals in der SSW-Fraktion auf: Als bürgerliches Mitglied im Schulausschuss. Für die Kommunalwahl 2003 kandidierte er im Flensburger Südwesten – von Rude bis Weiche. Aus Versehen verteilte er seine Prospekte auch an einige Haushalte in Weding. Kaum sichtbar trennt die Grenze zwischen Stadt und Umland eine Straße in zwei Hälften. Das Rennen machte die SPD, doch Edgar Möller reichte der Listenplatz für den erstmaligen Einzug in den Stadtrat. Seitdem setzt er auf den Wahlkreis rund um das Nordertor. „Ich habe schließlich gute Ortskenntnisse – und in einer Garage im Junkerhohlweg steht mein Wohnmobil“, erklärt der SSW-Mann, der drei Mal in Folge ein Direktmandat errang.
Als die SSW-Landtagsabgeordnete Silke Hinrichsen 2012 verstarb, war Edgar Möller unverhofft auch ein Mann für Kiel. Bei der kommenden Landtagswahl landete er auf dem ersten Nachrücker-Platz und nahm an den vorbereitenden Gesprächen zur Koalitionsbildung mit SPD und Grünen teil. Vor der letzten Landtagswahl räumte er seinen Flensburger Wahlkreis zugunsten des jüngeren Christian Dirschauer. Edgar Möller betont auf kommunaler Ebene weiterhin eine soziale Komponente. Seit 2011 leitet er den Sozial- und Gesundheitsausschuss. Mit ihm kann man über Bewegungsplätze für Senioren, Berufsqualifizierung, Streetworker oder einen grenzübergreifenden Blick der Gesundheitsvorsorge lange sprechen – wenn es die Zeit zulässt.

Bericht und Fotos: Jan Kirschner

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