Schutzengel wird 20!

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Schutzengel? Bei uns in Flensburg? Wer oder was ist das? Hier die offizielle Antwort:
„Schutzengel ist eine gemeinnützige Organisation der „Frühen Hilfen“. Im Jahr 2000 als ein eingetragener Verein gestartet, der im Jahr 2011 die „Schutzengel GmbH“ gegründet hat, ist Schutzengel mittlerweile an vielen Standorten in Schleswig-Holstein, speziell in Flensburg und dem Kreis Schleswig-Flensburg, vertreten.“
„Schutzengel“: Das ist ein Elterntreffpunkt mit offenen Angeboten für Schwangere und Menschen mit Kindern unter 3 Jahren. Einfach vorbeikommen und mitmachen! Kostenlos und ohne Anmeldung.
– Stimmt, doch ist das bei weitem noch nicht alles, was Schutzengel ausmacht – doch dazu mehr im Verlauf dieses Artikels.

Wie es begann

In den späten 90ern des letzten Jahrhunderts nahmen immer mehr Flensburger Bürger und Bürgerinnen – und auch Ärzte sowie andere Fachleute aus der Familienarbeit und von den Behörden – die Sorgen und Nöte so mancher Flensburger Familien, insbesondere in der Neustadt, wahr, und schlossen sich zusammen, um diesen Familien helfen zu können. Der Zusammenschluss dieser genannten Gruppen erarbeitete anfangs erste Bausteine, und bereitete daneben die Gründung eines Vereins vor. Zufällig, beinahe zeitgleich, im Jahr 1999, kam in Flensburg ein Baby zu Tode, und die jungen Eltern hatten in ihrer Verzweiflung einen schrecklichen Weg gewählt, sich der Leiche zu entledigen, und legten sie in einen heißen Backofen. Ein Aufschrei der Empörung erschütterte damals die Gesellschaft. Nicht zuletzt unter dem Eindruck dieses Ereignisses wurde am 16. Mai 2000 der Verein „Schutzengel e. V.“ in den Räumen des Flensburger Nordertors gegründet, mit dem Ziel und der Hoffnung, dass sich solche Geschehnisse nicht wiederholen sollten.
An der Vereinsgründung waren namhafte Flensburger beteiligt, wie Christiane Dethleffsen (heute noch 1. Vorsitzende des Vereins), Renate Delfs, Achim Englert, Volker Syring (heute Geschäftsführer der gGmbH), und die Pastoren Gunnar Adolphsen und Friedrich Kleine. Im Vorstand wurden (und werden auch heute noch) stets viele unterschiedliche Kompetenzbereiche abgedeckt, so gab in der ersten Zeit insbesondere Brigitte Handler viele fachpädagogische Impulse.
Der Verein entwickelte sich recht schnell – es war ein Bedarf vorhanden – und im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Flensburger Diako wurde die dort angestellte Hebamme Christa Grün-Reimers freigestellt, um für „Schutzengel“ tätig sein zu können. Sie stellte als die Fachfrau die Kontakte zu Familien mit Neugeborenen her, und durch ihre Hausbesuche konnte sie gut feststellen, wo und welche konkrete Hilfe erforderlich war.
Schnell wurde klar, dass betroffenen Familien eine Art Anlaufstelle in der Neustadt, in ihrer Nachbarschaft, angeboten werden sollte, möglichst eine mit sogenanntem Wohncharakter, um die Schwellenangst vor einer behördlich wirkenden Einrichtung zu nehmen. Der Flensburger Arbeiter-Bauverein FAB stellte im März 2002 dem Verein „Schutzengel“ gleich zwei Erdgeschosswohnungen in der Lerchenstraße 4 und 6 zur Verfügung, nicht nur mietfrei, sondern auch miteinander verbunden und frisch renoviert. Zudem übernahmen Flensburger Service Clubs anfangs sämtliche anfallenden Nebenkosten, der Rotary Club Flensburg-Nordertor unterstützte den Verein schon seit seinem Start mit einem monatlichen Zuschuss.

Der Verein Schutzengel e. V. – er bietet Hoffnung

Der Verein Schutzengel e. V. hat sich von Beginn an als eine Bürgerinitiative gesehen – wobei der Begriff durchaus wörtlich zu nehmen ist: Bürger, die von sich aus für eine Sache eintreten – initiativ werden. Zudem hat der Verein immer als Ganzes, als ein Netzwerk fungiert; der Einzelne ist zwar auch wichtig, aber das Agieren als Gruppe trägt wesentlich schneller und nachhaltiger Früchte und führt zu den gewünschten Erfolgen – meistens jedenfalls. Neben der Finanzierung sind die Kommunen wichtige Vernetzungspartner, mit denen neue Projekte entwickelt werden.
Die meisten Eltern wollen ihren Kindern gute Eltern sein, immer für sie da sein, und ihnen ein gutes Leben bieten können. Das ist ein Wert für sie. Allerdings kann es aus vielen Gründen und Überforderung (wer von uns kennt dieses Gefühl nicht aus eigenem Erleben?) zu „Fehlentwicklungen“ im Umgang mit und in der Erziehung von Kindern in einer Familie kommen.
In freier Trägerschaft bietet „Schutzengel“ sowohl in Flensburg als auch im Kreis Schleswig-Flensburg ein niedrigschwelliges Hilfs- und Beratungsangebot gerade in belasteten Lebenssituationen für Schwangere und Familien mit Kindern von 0 bis 3 Jahren an. „Schutzengel“ zeichnet dabei besonders aus, schon frühzeitig Risikofaktoren zu erkennen, und schnell und direkt präventiv Hilfe anbieten zu können. Mit unbürokratischer, dennoch fachlich fundierter Hilfe wird so den betroffenen Kindern eine gesunde Entwicklung – psychisch und physisch – ermöglicht. Um vor allem jene Familien zu erreichen, die keinen oder nur schwer Zugang zu entsprechenden Hilfsangeboten haben und/oder diese nicht von selbst in Anspruch nehmen können oder wollen, setzt die Hilfe dort ein, wo sie benötigt wird: Im Sozialraum der Zielgruppe.
Dies kann in der Familie direkt in der eigenen Wohnung, oder aber an einem der Flensburger Elterntreffpunkte in den Stadtteilen Neustadt, Weiche oder Fruerlund, oder in einem Schutzengel-Angebot des Kreises Schleswig-Flensburg sein. Idealerweise setzt die Begleitung bereits in der Schwangerschaft ein. Diese Begleitung kann jedoch auch jederzeit nach der Geburt eines Kindes beginnen. Es gehört zum Selbstverständnis aller Mitarbeiter/innen, den Familien dabei stets mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. Das oft behutsam aufgebaute Vertrauen bildet überhaupt erst die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Oftmals erfahren Betroffene so zum ersten Mal vollständige Akzeptanz. Sie stoßen auf Verständnis für ihre Lebensgeschichte und werden so angenommen, wie sie sind. Auf dieser Grundlage können die Ressourcen, die jede Familie mit sich bringt, aufgespürt und aktiviert werden. Im Rahmen der Möglichkeiten wird bei der Schutzengel GmbH durch eine wertschätzende Personalentwicklung für vielfältige und positive Arbeitsbedingungen gesorgt. So werden die im Leitbild formulierten Werte auch nach innen gelebt. Es wird auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf geachtet, nach Tariflohn bezahlt, Fortbildungen werden ermöglicht und nicht zuletzt durch gute Führung versucht, dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken.
Ein gelungenes Beispiel für praktische Hilfe und gelungene Kooperation ist die Einrichtung der Tausch- und Plausch-Börse in Fruerlund – die im Übrigen aktuell wieder ihre Pforten geöffnet hat. Sie wurde im Frühjahr 2019 gemeinsam mit „Adelby 1“ in der Travestraße in Fruerlund eröffnet. Dort können Kinderkleidung, Spielzeug und Hausrat abgegeben und getauscht werden – und zum Klönen und Schnacken findet sich immer etwas Zeit dabei.

Wer sind die individuellen „Schutzengel“?

Der Verein „Schutzengel“ setzt auf Lotsen wie Hebammen, Ärzte und Krankenhäuser, um einen umfassenden, und wichtig – nicht stigmatisierenden Zugang zu den Familien herzustellen. Allen voran fungieren die für „Schutzengel“ tätigen Familienhebammen gewissermaßen als Türöffner – nicht zuletzt aufgrund ihrer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz. Sie machen die Familien frühzeitig auf das Hilfsangebot aufmerksam. Erste Anlaufstellen sind dann die Elterntreffpunkte in den sozialen Brennpunkten. Hier wird an fünf Tagen in der Woche ein abwechslungsreiches Programm geboten. Jederzeit ansprechbar sind hier die Familien-Hebammen, pädagogische Gesundheits-Fachkräfte und pädagogisch geschulte Mitarbeiter/innen. Es wird praktische Hilfe vor Ort geleistet, wie zum Beispiel die Versorgung mit Kinderkleidung aus der Schutzengel-Boutique. Ob es der lockere Plausch mit anderen Eltern ist, das gemeinsame Kochen, Babymassage oder Basteln – die Begegnungen mit anderen Familien in vergleichbaren Situationen erleichtert oft den Zugang zur Hilfe. Dabei setzt „Schutzengel“ vor allem auf Freiwilligkeit – die Angebote müssen nicht, können aber angenommen werden. Niemand wird dort namentlich registriert, wer möchte, bleibt anonym.

Um wen kümmert sich „Schutzengel“?

Die Angebote sind offen für alle Familien. Dabei unterstützt „Schutzengel“ Familien in besonders belasteten Lebenssituationen mit Kindern im Alter von 0-3 Jahren. Die früheste Förderung beginnt demnach bereits in der Schwangerschaft, und endet spätestens mit dem 3. Lebensjahr des Kindes. Besonders belastende Lebenssituationen können unterschiedliche Ursachen haben und treten auf vielfältige Weise in Erscheinung. Die Hauptrisikofaktoren für einen erhöhten Hilfebedarf sind:
• Verschuldung
• Drogen- und Alkoholmissbrauch
• Ungewollte Schwangerschaften (insbesondere bei Teenagern)
• Armut
• Niedriges Bildungsniveau
• Soziale Isolation
• Traumatische Kindheitserlebnisse
• Psychische Erkrankungen
• Erkrankungen des Kindes
Da übliche Hilfsangebote die betroffenen Familien oft nicht erreichen, oder aber diese aus Scham oder Misstrauen die Hilfe nicht annehmen, stellt sich „Schutzengel“ der Herausforderung und bahnt gezielt und vertrauensvoll Hilfen für die Betroffenen an. Seit dem Jahr 2015 sind „Geflüchtete Familien“ eine weitere Zielgruppe, die eine intensive Arbeit erfordert. Durch sprachliche Barrieren und traumatische Kriegserfahrungen bestehen hier besonders hohe Anforderungen. Seit 2019 bietet „Schutzengel“ in Fruerlund eine Schreibaby-Sprechstunde an, da es in Flensburg bis dato keine kostenfreie Hilfe für Eltern mit einem Schreibaby gab.

Das sind die Schutzengel in Zahlen

Die Leistungen des „Schutzengels“ werden im Wesentlichen durch die Menschen erbracht, die für ihn arbeiten. Dementsprechend fallen für den Personalaufwand die höchsten Ausgaben (78%) an. Die Raum- und Betriebskosten (7%) resultieren aus den vorhandenen Elterntreffpunkten sowie der Schutzengel-Geschäftsstelle in der Neustadt. Sachkosten (10%) entstehen durch erforderliche Ausgaben für die tägliche Arbeit mit und für die Familien. Im Jahr 2019 waren die Personalkosten dabei höher als 2018, da neue attraktivere Arbeitsvertragsrichtlinien mit einer höheren Vergütung eingeführt werden konnten. Aufgrund der Erhöhungen der Raumkosten und allgemeiner Kostensteigerungen (z. B. steigen mit der Erhöhung der Fallzahlen auch die Kosten für die Dokumentationsauswertung, allein 2019 waren es über 2000 Euro) ist der Betriebskosten-Bereich gestiegen.
2019 fanden zwei Drittel aller erbrachten Leistungen im ambulanten Bereich statt: Beratungen und Begleitungen waren aufsuchend. Insgesamt hatte der Schutzengel 1.259 Hausbesuche und Begleitungen sowie 455 Einzelberatungen im neutralen Raum zu verzeichnen. In den Elterntreffpunkten konnten insgesamt 797 Angebote ausgerichtet werden. Es wurden 211 Familien intensiv ambulant durch die Mitarbeiterinnen des „Schutzengels“ betreut. Eine solche ambulante Behandlung umfasst dabei aufsuchende Beratung und Begleitung, die in der Regel im vertrauten häuslichen Umfeld stattfindet. Um die Überlastung des Personals bei den Hausbesuchen abzumildern, konnten die Familien zunehmend dafür gewonnen werden, dass sie auch an den Gruppenangeboten teilnahmen. Familien- und Kinderarmut blieb bei den meisten Familien eine wesentliche Ursache für Alltagsprobleme und eine gesundheitliche Gefährdung. Die prekäre Wohnraumsituation hat sich leider in den letzten Jahren nicht verbessert. In allen Stadtteilen, ganz besonders im Norden Flensburgs, leben auch heute noch zu viele Familien mit kranken Kindern in feuchten Wohnungen.

Anzahl und beruflicher Hintergrund der „Schutzengel“

Einst im Jahr 2000 als Bürgerinitiative für „Frühe Hilfen“ in Familien in Vereinsform gegründet, firmiert Schutzengel seit 2011 als GmbH und ist als gemeinnützig anerkannt. Als Geschäftsführer wurde Volker Syring benannt. Gesellschafter der gemeinnützigen GmbH ist der Verein „Schutzengel e. V.“
Zur vertretungsberechtigten Vorsitzenden wurde Christiane Dethleffsen gewählt. Die Mitgliederversammlung des Vereins ist das höchste Entscheidungsgremium. „Schutzengel“ agiert in freier Trägerschaft und beschäftigt insgesamt 31 fest angestellte Mitarbeiter/innen, die sich wie folgt verteilen:

Stadt Flensburg:
1 Geschäftsführer,
4 Familienhebammen,
4 FGKiKP,
3 Familienhelferinnen,
5 ETP-Mitarbeiterinnen,
1 Hauswirtschafterin,
2 Verwaltungskräfte
Kreis Schleswig-Flensburg:
3 Familienhebammen,
2 FGKiKP,
1 Koordinatorin,
2 Projektmitarbeiterinnen
Akademie:
3 Referentinnen/ Mitarbeiterinnen

Darüber hinaus wird die Organisation durch 40 ehrenamtliche Helfer/innen in den Bereichen Medizin, Pädagogik, Angeboten in den Elterntreffpunkten, EDV, Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Viele Aufgaben werden im Tandem zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen getätigt. Im Westen des Kreises Schleswig-Flensburg ist die Schutzengel GmbH ebenfalls Trägerin der Frühen Hilfen. Hier unterhält sie ein Familienzentrum im Schleswiger Stadtteil Friedrichsberg.

*FGKiKP soll heißen:
Diese sind speziell weitergebildete Gesundheits- und Kinderkrankenpflegende, und werden oft auch Familienkinderkrankenschwestern genannt.

Ausblick

Die Kernaufgaben von „Schutzengel“ haben sich auch 20 Jahre nach der Gründung nicht verändert. Immer noch geht es um Hilfe zur Selbsthilfe und um Unterstützung in gesundheitlichen, familiären, erzieherischen oder finanziellen Fragen. Heute ist „Schutzengel“ als Institution längst anerkannt, wird von den Kommunen und dem Landkreis gefördert und finanziell unterstützt; „Schutzengel“ finanziert sich zu zwei Dritteln aus öffentlichen Mitteln und zu einem Drittel aus Spenden, die gerade in diesen Zeiten benötigt werden.
Die „Corona-Pandemie“ traf auch diese Institution, doch „Schutzengel“ half umgehend mit digitalen und kontaktarmen Angeboten, verteilte Nahrungsmittel und Beschäftigungsmaterial, immer überall dort, wo es notwendig war.
„Liebe Schutzengel! Herzlichen Glückwunsch zu eurem Jubiläum! Bleibt unserer Region bitte noch viele, viele Jahre erhalten – wir brauchen euch dringend, wissen aber gleichzeitig euer Wirken zu schätzen, und sagen einfach mal alle gemeinsam: „Danke, dass es euch gibt!!“


Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Thomas Raake, „Schutzengel“

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