„Sie werden schon erwartet!“ Der Empfangsbereich im Flensburger Rathaus ist über den Gesprächstermin beim Stadtpräsidenten informiert. Einmal rechts, einmal links und dann an einigen Portraits früherer Stadtpräsidenten und Oberbürgermeister vorbei – und das Ziel ist erreicht. Am Schreibtisch sitzt Hannes Fuhrig – mit Blick auf das Technische Rathaus und eine kleine Kirche. Eine gewohnte Aussicht, die in diesen Zeiten gar nicht mehr so gewohnt ist. Der Stadtpräsident erscheint nur etwa zwei Mal die Woche persönlich im Westflügel des Rathauses. Aufgrund der Corona-Pandemie läuft vieles per Telefon und Computer. Digital statt direkt. Statt sich mit sechs oder acht Augen am runden Tisch im Büro auszutauschen, muss nun die Video-Konferenz herhalten. Zahlreiche Termine musste der Stadtpräsident streichen. „Viele repräsentative Aufgaben wie Jubiläen und Geburtstage fielen aus oder wurden verschoben“, erklärt der 66-Jährige.

Seit Juni 2018 hat er das höchste Ehrenamt der Stadt Flensburg inne, leitet kraft Amtes die Sitzungen des Stadtrates, der nun seit fast anderthalb Jahren nicht mehr im Ratssaal zusammenkommt, sondern im Deutschen Haus, im Bürgersaal oder – als Vorreiter in Schleswig-Holstein – auch in digitaler Form. An den politischen Strukturen dieser Wahlperiode hat sich dennoch nichts verändert, wie Hannes Fuhrig beobachtet. „Der Stadtrat ist sehr breit aufgestellt. Ohne Fraktionszwang und feste Koalitionen wird mit unterschiedlichen Mehrheiten in der Sache entschieden“, erklärt er. „Allerdings nutzen einige die Ratsversammlung und auch die Ausschüsse als Bühne zur Selbstdarstellung und zur Effekthascherei. Nicht alle Vorlagen bringen einen Erkenntnisgewinn oder fruchtbare Lösungsansätze, sondern kosten der ehrenamtlichen Kommunalpolitik manchmal viel Zeit und Nerven – aber auch das gehört zur Demokratie!“ Der Stadtpräsident ist der festen Überzeugung, dass sich Beschlüsse auf das Gemeinwohl und die Weiterentwicklung Flensburgs fokussieren sollten. „Akzeptanz und Vertrauen in der Bevölkerung schafft sicherlich eher der realistische Blick für das Machbare als Wolkenkuckucksheime.“

Hannes Fuhrig wurde im Februar 1955 in Kiel geboren. Damals war sein Vater Referendar am Weißenhäuser Strand. Nur zwei Jahre später zog die Familie auf die Halbinsel Eiderstedt. Sankt Peter-Ording wurde für 16 Jahre zum Lebensmittelpunkt des Sohnes. Hobbys wie Wassersport oder Strandsegeln wären naheliegend gewesen, doch dafür entwickelte sich nie eine große Affinität. Stattdessen gaben Skat, Kegeln und vor allem Tennis in der Freizeit den Ton an. Der Platz im Ortsteil Ording lag nur 500 Meter entfernt vom Elternhaus und wurde quasi zu seiner zweiten Adresse.
Als Zehnjähriger griff Hannes Fuhrig erstmals zu Schläger und Ball. „Das habe ich meinem Vater zu verdanken, der von seinem Hausarzt den gut gemeinten Rat mit auf den Weg bekam, etwas für seine Gesundheit zu tun und mehr Sport zu treiben“, erzählt er mit einem Schmunzeln. „Und da mein Vater meinte, dass seinem leicht pummeligen Sohn etwas mehr Bewegung auch nicht schaden könnte, waren wir schon bald Mitglieder des TC Blau-Weiß Sankt Peter-Ording.“ Da damals erst mit zwölf Jahren eine „Platzreife“ bestand, musste der Junge oft auf die Ballwand, den sogenannten Käfig, ausweichen.

Überhaupt fühlten sich die Einheimischen oft als Spieler zweiter Klasse. Da die Anlage der Gemeinde gehörte, genossen die vielen Kurgäste den Vortritt. „Ich sammelte Bälle, war Schiedsrichter und verdiente mir so oft einen Groschen oder eine Cola“, arrangierte sich Hannes Fuhrig mit der Situation. Das Talent reifte auch auf dem Platz, es spielte bald Turniere und kletterte in Schleswig-Holstein in den Spitzenbereich. Im Doppel reichte es sogar zu zwei Landestiteln. „Das lag mir immer mehr als Einzel, Doppel hatte eine ganz andere Strategie“, erwähnt der 66-Jährige. Im Erwachsenenalter entwickelte sich der Einsatz für den Tennissport wellenförmig – abhängig von den privaten und beruflichen Möglichkeiten. Bereits 1973, kurz nach seinem 18. Geburtstag, baute Hannes Fuhrig – geschuldet durch einige Kurzschuljahre – sein Abitur am Nordsee-Gymnasium, das eine besondere Struktur hatte. Ein Drittel der Schüler stammte aus dem Dorf, ein zweites Drittel war Fahrschüler aus der Umgebung und ein weiteres Drittel lebte im angeschlossenen Internat. Darunter Kinder der deutschen Prominenz.
Auch heute noch macht Hannes Fuhrig mit seiner zweiten Ehefrau Silvia und Hund Morris gerne Ausflüge nach Eiderstedt. Eine Prise Nostalgie schwingt in der Nordseeluft mit. „Das ist meine ursprüngliche Heimat, aber Flensburg ist längst unsere zweite Heimat geworden“, betont er. Seit 1999 lebt er in der Region – so lange wie nirgendwo anders. Bis dahin war der heutige Stadtpräsident nicht sesshaft geworden, verweilte maximal drei Jahre an einer Stelle. Das war überhaupt nicht so geplant, denn eigentlich wollte Hannes Fuhrig Lehrer für Mathematik und Geographie werden. Aber es kam ganz anders. Mit der Wehrpflicht stellten sich die Weichen für einen anderen Lebenslauf.
Hannes Fuhrig entschied sich letztendlich, als Zeitsoldat in die Bundeswehr einzutreten. Diese lockte mit eigenen Studiengängen. Zwischen 1976 und 1979 studierte er an der Universität der Bundeswehr in Hamburg und schaffte den Abschluss als Diplom-Pädagoge. Die Berufsaussichten in diesem Bereich stellten sich allerdings nicht als rosig dar. Da er zudem bereits verheiratet war und sich Nachwuchs eingestellt hatte, bewarb sich Hannes Fuhrig für eine Karriere als Berufsoffizier. Nachdem er in das Dienstverhältnis eines Berufsoffiziers der Luftwaffe übernommen worden war und die Laufbahnprüfung zum Stabsoffizier abgelegt hatte, stand einem typischen Soldatenleben nichts mehr im Wege – mit all seinen Vor- und Nachteilen, vor allem mit zahlreichen Versetzungen und Umzügen.

Teilweise reichten die Auslandsverwendungen sogar über den „großen Teich“. Von 1987 bis 1990 war er als Fachlehrer an der Luftwaffen-Raketenschule in El Paso (Texas) tätig. Da war die Familie bereits fünfköpfig. In der ersten Hälfte der 80er Jahre waren die drei Töchter Svenja, Tasja und Ninja zur Welt gekommen. „Auf drei verschiedenen Kontinenten“, erwähnt der Vater und lüftet zugleich das Rätsel: „Amerika, Europa und Asien.“ Die Kinder lernten früh Englisch. „Als sie nachmittags aus der Schule oder dem Kindergarten nach Hause kamen, sprachen sie zunächst nur Englisch“, verrät der stolze Familienvater. „Dann wurde daraus erst Denglisch und gegen Abend langsam wieder Deutsch.“
In den 90er Jahren gesellten sich auch Französisch und Flämisch zum Sprachkanon. Hannes Fuhrig war in jener Zeit als persönlicher Referent eines hohen NATO-Generals im NATO-Hauptquartier in Brüssel tätig. Im Anschluss wechselte er ins Verteidigungsministerium, damals noch in Bonn. 1999 rief dann endlich der hohe Norden: sogar Nordfriesland. Hannes Fuhrig diente als Kommandeur der Flugabwehrraketengruppe in Stadum und war zugleich Standort-
ältester in Leck. Dort war nicht nur sein spezielles und erhebliches Fachwissen um die Luftverteidigung gefragt, auch auf diplomatischem und gesellschaftlichem Parkett fühlte er sich heimisch. Das einstige Pädagogik-Studium mit Psychologie und Soziologie als Schwerpunkte erwies sich als geeignetes Fundament für sein weiteres Leben, so auch im Beruf. „Die alten Haudegen spotteten oft über die sonderbare Spezies Paedagogicus“, erinnert sich der Oberstleutnant a. D. „Aber als Offizier kam man mit Pädagogik durchaus weit, da man einen ganz anderen, zeitgemäßen Zugang zu Menschen, Problemen und Herausforderungen hatte.“
Damit seine Lieben nach Brüssel keinen „Kulturschock“ erlitten, zog die Familie gen Flensburg. Da der Wohnungsmarkt in der Fördestadt angespannt war, half Harrislee drei Jahre lang als „Ausweichquartier“ aus. Bald darauf pendelte Hannes Fuhrig zwischen Flensburg und Hamburg. Er war als Dozent für Luftwaffenlehre an der Führungsakademie der Bundeswehr tätig. Die letzte Etappe in der Berufskarriere. Am 30. April 2005 erfolgte der Übergang in den Ruhestand. „Ein guter Zeitpunkt, noch mit neuen Dingen zu starten“, sagte sich Hannes Fuhrig.
Verstärkten Aufwand verdiente sich zunächst eine alte Liebe: der Tennissport. Der junge Ruheständler war bereits im Flensburger TC aktiv und fungierte als Sportwart. Er war nicht nur einfacher Spieler, sondern auch Trainer von Jugendlichen und Erwachsenen, Schiedsrichter und Funktionär im Kreisverband und im Tennis-Bezirk. „Mister Tennis“ bewegte sich auch auf anderem Terrain. Er gab mal Nachhilfe in Mathematik und war einige Jahre als freier Mitarbeiter eines Wochenblattes in Flensburg unterwegs. Die meiste Zeit sollte aber der Politik gehören. Obwohl sich Hannes Fuhrig schon als Oberschüler politisch interessierte, kam das neue Engagement eher plötzlich. Bis dahin war er nur Wähler, aber kein Parteimitglied. Die vielen Umzüge hatten ein Ehrenamt „nur“ im Sport und in den Elternbeiräten an den Schulen zugelassen.

Saisonausklang der FTC-Oldies 2019 in Northeim

Der heutige Stadtpräsident erinnert sich gut an den Mai 2006. Der ihm gut bekannte nordfriesische Landtagsabgeordnete Jürgen Feddersen rief an einem Donnerstagabend an. Er suchte einen neuen Geschäftsführer für die CDU-Geschäftsstelle in Husum. Am folgenden Samstag saß man in der Kreisstadt zusammen, am Montag war der Job klar, und am Dienstag war Hannes Fuhrig in der CDU und saß in Husum am Schreibtisch. „In der CDU hatte ich schon immer die meisten Schnittstellen gesehen, als Offizier wollte ich aber nie parteilich festgelegt und aktiv sein“, sagt er heute.
Neben der Kreisgeschäftsstelle unterstützte er die Landtags- und Bundestagsabgeordneten aus Nordfriesland. Bis 2012 managte der CDU-Geschäftsführer das alles in Teilzeit. Dann sollte der Posten auf eine Ganztagsstelle erweitert werden und wurde deshalb anderweitig besetzt. Der berufliche Ruheständler blieb nicht passiv, spann schnell einen Draht nach Flensburg. Auch in der Fördestadt hatte die CDU einen Bedarf. Hannes Fuhrig wurde 2013 Leiter des Flensburger Wahlkreisbüros für die hiesigen Bundestagsabgeordneten Wolfgang Börnsen, Sabine Sütterlin-Waack, Thomas Jepsen und Petra Nicolaisen. Im August 2014 übernahm Hannes Fuhrig auch die Kreisgeschäftsstelle.
Zu diesem Zeitpunkt war er bereits in die Flensburger Kommunalpolitik eingestiegen – als stellvertretendes bürgerliches Mitglied im Ausschuss Bürgerservice, Schutz und Ordnung. Zudem bekam er bei den wöchentlichen Sitzungen der CDU-Fraktion viel davon mit, was sich in Flensburg tat. 2018 zog Hannes Fuhrig als Stadtrat ins Rathaus ein und wurde zum Stadtpräsidenten gekürt. Auf 30 bis 35 Stunden beziffert er seinen zeitlichen wöchentlichen Aufwand, der sich kaum in einen wiederkehrenden Rhythmus packen lässt. „Mit einem Full-Time-Job ist dieses Ehrenamt nicht machbar“, weiß Hannes Fuhrig. Deshalb trennte er sich auch schweren Herzens von seinen Aufgaben in der CDU-Geschäftsstelle. Er ist nun viel in Flensburg unterwegs, sitzt kraft Amtes in einigen Vorständen und Kommissionen. Die Leitung der Ratsversammlung und des Ältestenrates erfordert viele Abstimmungen.
Zeit bleibt dennoch für die Familie (drei Kinder, drei Enkel) und einige Hobbys. Mit der Herren-60-Mannschaft des FTC tummelt sich Hannes Fuhrig stets in den höheren Landesklassen. Die Boule-Partien beim PSV Flensburg sind zu einer liebgewonnenen Gewohnheit geworden. Seit anderthalb Dekaden besitzt der Sportenthusiast eine Dauerkarte im Block O der Flens-Arena. Im März 2020 war er letztmals einer von 6000 Zuschauern bei der SG Flensburg-Handewitt. „Handball fasziniert mich mit seinem Tempo und seiner Ergebnis-Dynamik“, sagt er. „Der Verein spiegelt mit seiner Unaufgeregtheit und Bodenständigkeit die Mentalität unserer Region wider und wird sich dank seiner Personalpolitik mit Weitblick und der breit aufgestellten wirtschaftlichen Unterstützung langfristig an der Spitze halten können.“ Als Stadtpräsident ehrte er die SG-Spieler schon häufiger – eine seiner liebsten Pflichten.

Mit Töchtern, Enkelkindern und Schwiegersohn im Roten Hof, 2019

Er betrachtet das Ehrenamt als unentbehrlich „für den Zusammenhalt in der Gesellschaft“ und besucht gerne Veranstaltungen, die sich um ehrenamtliches Engagement, Inklusion und Migration drehen. Hass, Gewalt und Rassismus liegen für ihn außerhalb jeglicher Diskussion. Bürgerbeteiligung ist für ihn ein hohes Gut, aber hier und da wünscht er sich mehr Abwägung zwischen Individualinteressen einerseits und am Gemeinwohl orientierten Interessen andererseits. Gerade bei städtebaulichen Entwicklungen sollte das große Ganze im Blick bleiben, betont der Stadtpräsident und mahnt an: „Zu einer funktionierenden Demokratie gehört es auch, Entscheidungen, die nach intensiver Beteiligung, Beratung und Diskussion von gewählten repräsentativen Gremien mehrheitlich getroffen werden, zu akzeptieren.“

Text und Fotos: Jan Kirschner, privat

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