Die Sportler sind ausgezogen, kein Handballer trainiert im Athletik-Raum, und für die kommende Nacht hat auch kein Geschäftsreisender ein Zimmer gebucht. Die „Flensburg Akademie“, das Leistungszentrum im hohen Norden, wird von der Corona-Krise komplett ausgebremst. „Wir haben gerade das Sommer-Camp absagen müssen“, erzählt Geschäftsführer Lewe T. Volquardsen. „Wir hatten Anmeldungen aus Schweden, Lettland, Dänemark und Frankreich. Junge Handballer aus ganz Europa wollen unbedingt in unsere Akademie.“

Wir sitzen auf der lichtgefluteten Terrasse in weitem Abstand und sprechen über ein Leben, das über die klassische berufliche Laufbahn hinausgeht und stets weitere Betätigungsfelder kannte. „Ich bin mit ganzem Herzen Flensburger“, sagt Lewe T. Volquardsen und lobt andere: „Ich bin beeindruckt, wie sich einige Akteure für die Stadt engagieren, manche davon ganz im Verborgenen. Ohne diese Kräfte wäre es nicht möglich, für eine Stadt mit fast 100.000 Einwohnern und die angrenzende Region so viel zu erreichen. Das zeigt sich auch beim Handball, wo die SG seit 25 Jahren zur europäischen Spitze zählt und wir eine Nachwuchsakademie etabliert haben.“

Ursprünglich stammt Lewe T. Volquardsen aus Nordfriesland. Geboren wurde er 1950 in Süderlügum – im „Tetens Gasthof“. Dieser existierte schon im 18. Jahrhundert als Krugwirtschaft am Ochsenweg. Die Gastronomie mit Reetdach war fast zwei Jahrhunderte ein Familienbetrieb. Der Gasthof floriert mit 20 Hotelzimmern, Festsaal und Bistro – wenn nicht gerade ein Virus Einschränkungen verursacht. An der Westküste sind Tourismus und Landwirtschaft ein traditionelles Standbein. Aber auch der Sport spielt eine wichtige Rolle. „In einem Zirkelschlag von zehn Kilometern befand sich viel Handball-Kompetenz“, erklärt Lewe T. Volquardsen. Auch die etwas jüngeren Dierk Schmäschke und Thorsten Storm, beide bestens im Ballwerfer-Business bekannt, sind gebürtige Nordfriesen.

Lewe T. Volquardsen war in seiner Jugend nicht auf Handball fixiert. Vielmehr nutzte das sportliche Allround-Talent die Angebotsbreite des TSV Süderlügum voll aus. In der Leichtathletik ging es um Weiten und Zeiten, die Schwimmstaffel kraulte durch das Becken, und im Fußball ärgerten die Süderlügumer gerne die Favoriten. „Das war ein ideales Dorfleben für die Jugend, vom Angeln bis zum Fußball gab es alles“, erinnert sich der 69-Jährige. „Beim Handball hatten wir einen Trainer, der es verstand, die Jungs zusammenzutrommeln.“

Bei den Jungmannen und bei der Jugend – so nannten sich damals die beiden höchsten Altersklassen im Nachwuchsbereich – stand Lewe T. Volquardsen im Rückraum. Sein Körper wuchs in die Höhe, seine Haare in die Länge. Er schaffte es in die Kreisauswahl von Nordfriesland. „Das war aber alles noch weit von einer modernen Spielauffassung entfernt und sehr intuitiv“, schmunzelt er. Eine Lehre als Hotelkaufmann, die auf der Familien-Tradition fußte, führte ihn nach Sylt und vorerst weg vom Sport in seinem Heimatdorf. Die Gastronomie löste keine Begeisterung aus. Bei der sich auf die Ausbildung anschließenden Bundeswehr rückte der Handball wieder mehr in den Fokus – zunächst noch in Süderrlügum. Dort formten Trainer Wilfried Tetens, der als Schiedsrichter international aktiv war, und der clevere Linkshänder Horst Petschull den TSV zu einem Topteam auf Bezirksebene. Nun gab es auch so etwas wie ein Spielsystem.

Mit Freundin Wiebke-Sophie, seiner späteren Ehefrau, zog Lewe T. Volquardsen nach Flensburg. Der Sportchef des „Flensburger Tageblatts“ hatte ihn bei den Regionalliga-Handballern des TSB empfohlen. Am 26. September 1973 freuten sich die 700 Zuschauer in der Idraetshalle über das erste Tor des Neuzugangs, der an der Pädagogischen Hochschule ein Studium als Grund- und Hauptschullehrer aufnahm. Dort studierten weitere gute Handballer wie Peter Rickertsen, Axel Mademann, Oke Sibbersen, „Piefke“ Nicolaisen oder Volker Masuhr. Ein starkes Team buhlte sogar zwei Mal um die deutsche Hochschulmeisterschaft, musste sich aber der Sporthochschule Köln, gespickt mit einigen späteren Weltmeistern, geschlagen geben.

Der TSB ist, das betont er, „sein Verein“. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre ging Lewe T. Volquardsen aber auf sportliche Wanderschaft. Zur SG Weiche-Handewitt lotste ihn Henning Lorenzen. Ein Trainer, der „Handball auf dem Schachbrett entwarf“. Für Lewe T. Yolquardsen war es vor allem eine „tolle Handball-Zeit“ mit einem großen Teamgeist auch außerhalb des Spielfeldes – „vom Pilzesammeln bis zum Angeln“. Der größte Clou glückte im DHB-Pokal 1978, als die SG bis ins Halbfinale vordrang und dann beim ruhmreichen VfL Gummersbach 50 Minuten lang an der Sensation kratzte. Dabei engte Lewe T. Volquardsen die Räume von Weltmeister Claus Fey ein.

Ein Angebot des ambitionierten Regionalligisten Altjührden flatterte ins Haus. Lewe T. Volquardsen blieb aber im Norden, studierte inzwischen in Kiel auf Lehramt. Sport, Geografie sowie Wirtschaft und Politik lautete die Fächerkombination, die den Weg an ein Gymnasium ebnen sollte. Das Nordlicht schloss sich der Uni-Mannschaft um THW-Torhüter-Legende Holger Oertel an, landete auf Vereinsebene kurzzeitig wieder in Nordfriesland. Mit dem MTV Leck gelang 1979 der Aufstieg in die Regionalliga.

Mit der neuen Dekade kehrte Lewe T. Volquardsen zurück zum TSB und war mit seiner Körpergröße von 1,93 Metern ein wichtiger Bestandteil einer hochgewachsenen Abwehr. Die Flensburger gehörten 1981 zu den Gründungsmitgliedern der neuen 2. Bundesliga. Beruflich landete der Handballer nach einem Referendariat an der Auguste-Viktoria-Schule am Fördegymnasium und lehrte dort 32 Jahre lang. Im Sportunterricht führte er das Handball-Training zur nullten Stunde ein. Als Wipo-Fachleiter sorgte er dafür, dass Wirtschafts- und Betriebspraktika früh einen hohen Stellenwert genossen. Privat wuchs die sportbegeisterte Familie. Zwischen 1980 und 1991 wurden drei Töchter und zwei Söhne geboren. Drei Kinder machten sich im Handball einen Namen, die beiden anderen feierten Erfolge im Basketball und Tennis.

Lewe T. Volquardsen war zunächst einer Karriere als Handball-Übungsleiter nicht abgeneigt. Er hospitierte beim THW Kiel, bei dem der junge und fortschrittliche Johann Ingi Gunnarsson das Zepter schwang. Der polnische Spielmacher Marek Panas sorgte für internationale Einflüsse. Entsprechend gut gewappnet übernahm Lewe T. Volquardsen im Sommer 1987 das Training beim TSB Flensburg, der zwischenzeitlich in die Drittklassigkeit abgerutscht war. Mit Volker Masuhr und Dirk Sommerfeld hatte er zwei Weggefährten mit im Boot. „In diesem Leistungsbereich bedarf es einiger Spezialisten“, erklärte der Coach den neuen Ansatz. Die sportlichen Ergebnisse der nächsten Monate ließen allerdings zu wünschen übrig. Bereits im Dezember stellte Lewe T. Volquardsen das Amt zur Verfügung. Seine Ansprüche passten offenbar nicht zu den Regionalliga-Amateuren. Heute sagt er: „Ich bewundere die Leute, die Woche für Woche kontinuierlich als Trainer arbeiten. Für mich war diese Aufgabe keine Passion mehr.“

Dafür entstand praktisch aus der Handball-Kabine heraus eine Geschäftsidee. Zusammen mit den früheren Teamkollegen „Kalli“ Hinrichsen, einmal mehr Dirk Sommerfeld und Ehefrau Wiebke-Sophie verkauften die jungen Flensburger trendige Mode wie „H2O“, „Converse“ oder „Chiemsee“. Zunächst musste eine Garage herhalten, dann mieteten sie sich am Nordermarkt ein Ladengeschäft an. Die Freunde diskutierten über den Namen: Die Sportboutique sollte unter „Lewe T.“ firmieren. Aber viele fragten: Wofür stand das „T“? Für Trend oder Top-Qualität? Nein, es war das Kürzel des zweiten Vornamens: Tetens. Der Namensgeber feilte stets am Konzept mit und unterstützte im Laden, wenn es viel zu erledigen gab. Beim Tagesgeschäft war er aber außen vor: Schließlich beanspruchte der Lehrerberuf genug Zeit.

16 Jahre lang existierte „Lewe T.“. Als der Umzug in die Große Straße 9 erfolgt war, regte sich in der Flensburger Innenstadt die Zusammenarbeit mit anderen Gewerbetreibenden. Es entstand eine große neue Werbegemeinschaft. Zusätzlich war Lewe T. Volquardsen Gründungsmitglied im Flensburger Regional-Marketing und arbeitete über Jahre im Vorstand mit – bis wieder der Handball mit einer neuen Aufgabe rief. Es gründete sich ein Förderverein, die im März beim „Tag der Youngster“ in der Flens-Arena seinen 20. Geburtstag feierte: „get in touch“.

Mit „Lewe T.“ pflegten die Inhaber stets ihre Verbindungen zur SG Flensburg-Handewitt. Die Sportboutique diente als Ticket-Vorverkaufsstelle oder bot dem norwegischen Spieler Knut-Arne Iversen einen Job. „Lewe T.“ betreute auch die langjährige Partnerschaft zwischen dem Bundesligisten sowie Sportartikelhersteller „Asics“ und unterstützte die Nachwuchsarbeit, die damals eine eher bescheidene Qualität aufwies. Die Idee lag nah, ein institutionelles Fundament zu schaffen, um die Arbeit mit Talenten zu stärken und zu kanalisieren. Lewe T. Volquardsen war als Vorsitzender des neuen Fördervereins vorgesehen. Der TSB-Vorsitzende Frerich Eilts und der damalige SG-Manager Manfred Werner stellten den Kontakt zum Kaufmann Hermann G. Dethlefsen her, der sich in der Jugendarbeit engagieren wollte. Die Chemie stimmte, die Persönlichkeit aus der Wirtschaft stieg als stellvertretender Vorsitzender ein. Mit Schriftführer Dr. Arfst Hansen und Kassenwart Hans-Jürgen Desler war der Vorstand von „get in touch“ komplett. 

Der junge Förderverein startete mit zahlreichen Projekten und forcierte seine Arbeit weiter, als 2002 mit Thomas Engler erstmals ein hauptamtlicher Geschäftsführer eingestellt wurde. In dieser Funktion folgten Klaus Gärtner und Sascha Zöllinger. Heute ist Michael Jacobsen der Multi-Trainer in der Akademie. Athletiktrainer Michael Döring personifiziert die Schnittstelle zwischen dem Nachwuchsbereich und den Profis, die noch nie so intensiv gelebt wurde wie in der jüngsten Vergangenheit.

Zunächst lag die ganze Region im Fokus des Fördervereins. Projekte mit Kindergärten, Schulen und Vereinen wurden realisiert, Camps organisiert. Als die B-Jugend der SG 2004 erstmals die deutsche Meisterschaft errang, konzentrierte sich „get in touch“ auf die Talentschmiede des Bundesligisten. 2009 landete zum zweiten Mal der deutsche B-Jugend-Titel im Fangnetz. Zu den Akteuren zählten Max Lipp, Paul Weidner, Arseniy Buschmann oder Marc Blockus. Lewe T. Volquardsen erstaunt es, dass aus diesem Kreis niemand über eine Zweitliga-Karriere hinausgekommen ist. „Das lässt die Frage zu: Warum nicht?“, sagt er und blickt in den Nordatlantik. „Island hat 280.000 Einwohner – und rund 20 Handballer in der Bundesliga. Da muss es doch in unserer Grenzregion möglich sein, zumindest eine Hand voll Talente so weit zu bringen.“

Aus diesem Vergleich erwuchs für ihn schon vor über eine Dekade der stetige Ansporn, das Flensburger Nachwuchsmodell auszubauen. Zum wichtigsten Element wurden die internatsähnlichen Strukturen, um aus Schleswig-Holstein, aber auch aus größerer Ferne, die jungen Spieler mit der größten Perspektive nach Flensburg zu locken. 2008 wurde eine Handball-WG in der Friesischen Straße eingeweiht. Sie war der Vorläufer des 2015 eröffneten Leistungszentrum, der „Flensburg Akademie“.

Die Standortsuche war kein Schnellschuss. Erst im Frühjahr 2014 rollten im Flensburger Jens-Due-Weg die Baumaschinen an. „Es war ein langer Weg mit vielen Jahren der Aufbauarbeit“, betonten die beiden Bauherren Hermann G. Dethleffsen und Lewe T. Volquardsen bei der feierlichen Einweihung. Für die herkömmlichen Vereinsstrukturen war die neue Einrichtung zu groß. Es wurde eine „Flensburg Akademie GmbH“ aus der Taufe gehoben, der der Vorstand von „get in touch“ und zwei weitere Privatpersonen als Gesellschafter angehören.

Lewe T. Volquardsen ist fast immer bei den Spielen, die zumeist in der Handewitter Wikinghalle ausgetragen werden. In dieser Serie fungierte ein Trainer-Stab mit Michael Döring, Michael Jacobsen, Jan Holpert, Johan Volquardsen oder Simon Hennig sehr erfolgreich – bis er im März ausgebremst wurde. Ende April bestätigte der DHB den Saisonabbruch und erklärte die A-Jugend der SG, die im letzten Juni auf sportlichem Weg ganz an die Spitze geklettert war, zum deutschen Meister – diesmal gemeinsam mit der Vertretung der Füchse Berlin. Das Junior-Team wurde in der Männer-Oberliga als Tabellendritter eingestuft und verpasste damit den möglichen Aufstieg. Kein Beinbruch, meint Lewe T. Volquardsen. „Unsere Jungs“, erklärt er, „sind technisch besser ausgebildet als die Konkurrenz, aber mit 17 oder 18 Jahren sind die meisten noch nicht robust genug für die 3. Liga“

Neben der Akademie existiert „get in touch“ weiter – mit einer neuen Philosophie. Die Region und der Breitensport genießen nun den höchsten Stellenwert. Viele Grundschulen in Stadt und Kreis beteiligen sich im normalen Alltag am Projekt „Schule spielt Handball“. Lewe T. Volquardsen erklärt: „Am meisten Freude macht es, Kindern zuzusehen, wie sie mit Spaß Sport treiben – dann ist der Grund unseres Vereins erfüllt.“ So wird es wieder sein, wenn die Corona-Krise endlich ausgestanden ist.

Text: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat

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