Es befindet sich alles unter Dach, doch die Kombination einer fensterreichen Architektur mit der kräftigen Frühlingssonne verwandelt die Flensburger Holmpassage in einen hellen Ort. Dieser wirkt einladend, wenn man vom Holm kommend den gefliesten Gang entlangschlendert, dabei zierliche alte Gemäuer und üppigen Pflanzenbewuchs erblickt. Die Tristesse des Einkaufszentrums kommt erst auf dem zweiten Blick zum Vorschein. Bis auf ein größeres Modegeschäft, ein Fitnessstudio, einen kleineren Laden und ein Restaurant im Nebenhof regiert der Leerstand. Von den Rolltreppen funktioniert nur noch eine Spur, im Ausgang zu den Süderhofenden ist die Drehtür „eingefroren“, und im Parkhaus sind nicht nur etliche Stellplätze stillgelegt, sondern auch die meisten Kassenautomaten. „Alles kaputt“, flucht ein Passant. Es nagt der Zahn der Zeit.

Die Holmpassage: Eine der größten Investitionen in der Stadtgeschichte
Holmpassage kurz vor der Eröffnung Sommer 1986; Foto: Stadtarchiv Flensburg

Vor 40 Jahren war alles anders gewesen. Am 11. September 1986 erfolgte eine durchaus pompöse Einweihung. „Mit einem herzlichen Glückauf gebe ich die Holmpassage frei“, sagte Landtagspräsident Rudolf Titzck um Punkt 10.45 Uhr und schnitt das symbolische Band durch. Stadtpräsident Lothar Hay sprach vom „umfangreichsten Stadtumbau in der Flensburger Innenstadt in den letzten Jahrzehnten“ und schwärmte von der „neuen Attraktion für die Flensburger City“. Die Holmpassage warb mit einem „glasklaren Einkaufserlebnis“: 34 neue Geschäfte lockten mit 6000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Erste Ideen und die Geburt der Fußgängerzone

Dieses Vorzeige-Projekt war keine leichte Geburt gewesen, sondern hatte eine lange Vorgeschichte. Bereits 1957 hatten einige private Investoren die Idee, vom Südermarkt zu den Süderhofenden eine Ladenzeile mit Kino, Hochgarage und Café zu schaffen. In einem Schaufenster am Holm war ein futuristisch anmutendes Modell ausgestellt. „Es liegen schon über 200 Bewerbungen vor“, frohlockte eine „Grundstücksgesellschaft Zentrum“. Im Rathaus stieß sie aber nicht auf Wohlwollen. Es gab eine ablehnende Haltung – „mit Rücksicht auf die Gesamtstadtplanung“. So sollte auf einer Teilfläche eine neue Stadtbücherei errichtet werden.

Damals war eine Fußgängerzone noch etwas Revolutionäres und in Flensburg kaum vorstellbar. Zum Mai 1968 – mit der Eröffnung des Warenhauses „Hertie“ – wurde aus dem Holm eine „Lieferantenstraße“ und aus der Nikolaistraße eine Sackgasse. Eine Änderung, die mit lebhaften Debatten über die richtige Lenkung der Verkehrsströme und einer ausreichenden Zahl von Parkplätzen einherging. Die Innenstadt und ihre Kaufkraft – das war ein unumstößliches Leitbild. Die Industrie- und Handelskammer forderte im Juni 1971: „Der Ausbau des Flensburger innerstädtischen Hauptstraßenzuges zu einem dem Fußgänger vorbehaltenen attraktiven Einkaufszentrum muss als eine Existenzfrage für den Flensburger Einzelhandel bezeichnet werden.“

Spirituosen-Produktion am Holm

Der Strang von Südermarkt bis Nordertor befand sich im besonderen Fokus von Generalverkehrsplan und Innenstadtsanierung. Aber gerade in zweiter Reihe versprachen die alten Kaufmannshöfe und einige Baulücken viel Entwicklungspotenzial. Bis zur Mitte der 1960er Jahre stellte die Firma „Herm. G. Dethleffsen“ in zentraler Lage Spirituosen her, dann regierte die wirtschaftliche Brache. Das Unternehmen besaß aber vom Holm bis Süderhofenden, wo sich Tankstelle und ein „Auto-Markt“ angesiedelt hatten, einen interessanten Schlauch an Grundstücken. Die Idee eines großen „Geschäfts- und Bürogebäudes“ gedieh.

Die Holmpassage: Eine der größten Investitionen in der Stadtgeschichte
Spirituosen-Herstellung: bis in die 1960er Jahre zwischen Holm und Süderhofenden; Foto: Stadtarchiv Flensburg

Im Frühjahr 1976 stieg der Architekt Karl Heinz Sönnichsen ein und brachte sehr bald die ersten Skizzen aufs Papier. Zunächst gab es zwei getrennte Bauteile am Holm und an den Süderhofenden. Dann sollte eine Brücke eine Verbindung herstellen. Die Bauherren-Gruppe dachte an einen größeren Wurf und kaufte benachbarte Grundstücke dazu. Mit einem glasüberdachten Bereich und einem großen Parkhaus mit 250 Plätzen entstand das Konzept der Holmpassage, einer „Shop-in-Shop-Einrichtung“. Das geschätzte Investitionsvolumen: 40 bis 50 Millionen D-Mark.

Denkmalschutz und Bauleitverfahren

Einige Abrisse waren vorgesehen. Das rief den Denkmalschutz auf den Plan. Der Holm 39 war als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ eingetragen. Die spätklassizistische Fassade des dreigeschossigen Vorderhauses und ein Wendeltreppenturm mussten erhalten bleiben. Auch für die Fassade der Nikolai­straße 10 musste eine Lösung gefunden werden, die die historische Bausubstanz mit der modernen Architektur zu verknüpfen wusste.

Im Sommer 1979 gründete sich die „Holmpassagen-Grundstücksgesellschaft mbH & Co KG“. Als Geschäftsführer traten Hans Dethleffsen von der Stammfirma und Fritz Iversen vom „Flensburger Tageblatt“ in Erscheinung. Der Zeitungsverlag zog später in den Bürotrakt der Holmpassage ein. Man stand in den Startlöchern. Die Kaufleute betraten mit einem Modell das Rathaus. Oberbürgermeister Bodo Richter war angetan vom Projekt. Die Baugenehmigung schien nur Formsache zu sein. Doch plötzlich bekam der Stadtbaurat kalte Füße. „Bis zur Vorlage des Modells war mir die massierte Bebauung nicht bekannt“, sagte er. Eine Geschossfläche von 17.000 Quadratmetern konnte man nicht so einfach durchwinken.

Ein Bauleitverfahren war erforderlich, das im Februar 1982 mit dem Satzungsbeschluss abgeschlossen war. Damit war auch eine Erschließungsstraße auf der Südseite des Holms abgesegnet. Sie war hauptsächlich für den Lieferverkehr gedacht. Nennenswerte Diskussionen in der Ratsversammlung oder in den anderen Gremien gab es nicht. Die Holmpassage war kein Streitobjekt. „Für die Attraktivität der Innenstadt und für die Urbanität der Stadt Flensburg könnten von diesem Plan enorme Impulse ausgehen“, meinte etwa CDU-Stadtrat Leonhard-Friedrich Peters im November 1979. Ein Zuhörer staunte: „Gigantisch, alles hört sich wie Zukunftsmusik an.“

Erst Abrissarbeiten, dann Großbaustelle

Die vermeintliche Zukunft wurde allmählich real. Als das Zepter wieder an die Investoren überging, äußerte sich Fritz Iversen noch vorsichtig: „Wir wollen erst starten, wenn 60 Prozent der angebotenen Läden und Büros vergeben sind.“ Bei einem Treffen der Holmpassagen-Gesellschaft am 8. August 1983 mit Oberbürgermeister Cord Olaf Dielewicz und Stadtpräsidentin Ingrid Groß waren die kaufmännischen Vorbereitungen weit gediehen. Das Portfolio umfasste 32 Läden, 21 Büros, einen Feinkostmarkt, ein Café und ein Restaurant der „gehobenen Klasse“. Das Investitionsvolumen war auf 65 Millionen D-Mark geklettert.

Die Holmpassage: Eine der größten Investitionen in der Stadtgeschichte
Ein altes Geschenk glänzt noch immer: Bronzeplatte von 1986

Es konnte losgehen. Im Oktober 1983 wurde das alte Gebäude der Handwerkskammer (Nikolaistraße 12) abgerissen. Die Rückfront der Nikolaistraße 10 wurde beseitigt, und auch an den Süderhofenden wurden einige Grundstücke „bereinigt“.  Eine Fläche von 7000 Quadratmetern war schnell freigeräumt und dann planiert. Dem Architekten und den Baufirmen war schon im Vorfeld klar, dass sie es mit einer kniffligen Baustelle zu tun hatten: ein nicht überall tragbarer Baugrund, ein hoher Grundwasserspiegel und ein Höhenunterschied von sechs Metern auf einer Gesamtlänge von 140 Metern. Etwa 600 Pfähle von insgesamt 12 Kilometer Länge mussten ins Erdreich gerammt werden. Bei jedem Stoß schwang das Risiko mit, dass ein anderes Gebäude beschädigt werden könnte. Einige Unterfangungen für benachbarte Bauwerke waren erforderlich.

Richtfest und Eröffnung

Täglich waren rund 75 Handwerker tätig. Im März 1984 konnten die ersten Fundamente gegossen werden. Der harte Winter 1985 zwang zu einem Bau­stopp von zwei Monaten. Am 27. Juni 1985 wurde im neuen Innenhof das Richtfest gefeiert. Aus luftiger Höhe sprach Maurermeister Helmut Prawdzik, der am gleichen Tage in den verdienten Ruhestand ging, den Richtspruch, während zwei große Baukräne riesige Richtkränze in die Höhe hievten. 350 Bauarbeiter und Gäste waren erschienen, die Adelbyer Tanz- und Trachtengruppe, die Flensburger Stadtbläser und der Flensburger Handwerker-Chor belebten eine provisorische Bühne.

Die Holmpassage: Eine der größten Investitionen in der Stadtgeschichte
Heute regiert der Leerstand

Noch einige Monate waren von der Holmpassage nur Betonmauern zu sehen, dann prägten die Backsteinfassaden und die roten Ziegeldächer das Bild an den Süderhofenden und in der Nikolaistraße. Im August 1986 beherrschten die Einrichtungsfirmen die Szenerie. Am 11. September dann die Eröffnung. Die Massen pilgerten in das neue Einkaufszentrum. Ein beliebter Punkt war das Café auf der Brücke, das nach beiden Seiten Aussicht auf den Hauptgang unter dem Glasdach bot. Der Tenor: „Hier ist eine kleine Stadt in der Stadt entstanden, die zum Bummeln, Gucken, Essen, Kaufen und Verweilen einlädt.“ Die Holmpassage war täglich von 7 bis 23 Uhr geöffnet.

Der größte Mieter war die Schaulandt GmbH mit einem umfassenden Angebot der Unterhaltungselektronik. In direkter Nachbarschaft befanden sich eine Videothek und ein Schallplattengeschäft. Nun waren Modegeschäfte in Flensburg, die auch Filialen in Hamburg, Stuttgart oder Italien hatten. Bei den Rolltreppen war eine üppige Schlemmerecke entstanden – mit „Schlachter Jepsen“, „Fisch Frank“ und „Bäcker Hansen“. Ein Blickfang waren drei schneeweiße Autos von „Ford Nehrkorn“. „Friseur Coco“ warb mit Eröffnungsangeboten: fünf D-Mark für den Herrenhaarschnitt, die Dauerwelle mit Schnitt für 19,50 D-Mark. Während der Einweihung hatte Architekt Karl Heinz Sönnichsen das Geschenk der Handwerksfirmen enthüllt: eine Bronzeplatte mit einigen Wappen. Dieses Kunstwerk fällt auch nach 40 Jahren noch auf, während der Glanz der Holmpassage längst verblasst ist.

Text und Fotos: Jan Kirschner 

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