Er ist einer der größten Sportvereine in Flensburg, aber trotzdem vielen Bürgern der Stadt immer noch unbekannt. Natürlich vermutet man den Deutschen Alpenverein (DAV) nicht unbedingt mit einer so starken Präsenz im nördlichsten Mittelzentrum Deutschlands. Denn die Sektion Flensburg des DAV hat mittlerweile deutlich über 1000 Mitglieder und liegt damit in der Rangliste der Flensburger Sportvereine hinter dem TSB und nur knapp hinter dem Polizei SV auf Platz 3. Doch was ist das für ein Verein? Und was machen die Mitglieder hier im norddeutschen Flachland, in dem es keine Berge gibt – 1000 Kilometer von den Alpen entfernt? Wir sprachen mit beiden Vorsitzenden der Sektion und baten um Aufklärung.

„Wir haben derzeit rund 1200 Mitglieder“, sagt Torben Karges, seit 2022 Erster Vorsitzender. „Jedes Jahr steigt die Mitgliederzahl um rund vier Prozent. Das ist ein ziemlich guter Wert.“ Karges, 43, Professor an der Europa-Universität Flensburg, stammt aus Goslar im Harz und ist seit 2010 Mitglied im Alpenverein. „Ich wollte klettern“, sagt er zu seiner Motivation zu dieser Mitgliedschaft. Heute ist er viel mit dem Mountainbike in den Alpen unterwegs, jedes Jahr unternimmt er dort eine mehrtägige Alpenüberquerung mit Freunden. Aber auch Hochtouren und Wanderungen in den Alpen begeistern ihn seit Jugendtagen.
Zusammen mit Kai Vermehren bildet er seit vier Jahren eine Art Doppelspitze der Sektion. Der 65-jährige Zollbeamte ist Spezialist für hochalpine Bergwanderungen, leitet aber auch regelmäßig mittlere bis längere Wanderungen in der Region um Flensburg. Diese sind gewissermaßen das Herzstück im Spektrum der Aktivitäten der Flensburger Sektion. An jedem zweiten Sonntag im Jahr steht eine Wanderung auf dem Programm – bei nahezu jedem Wetter! Vom üblichen Treffpunkt Mauseloch geht es entweder mit Fahrgemeinschaften oder mit dem Bus zum Startpunkt der mehrstündigen Wanderung.
Der Start kann im städtischen Umfeld – zum Beispiel in der Gartenstadt Weiche – sein oder auch in größerer Entfernung von Flensburg, wie etwa auf einem Parkplatz am Rande des Tals der Vejle Au in Dänemark oder am Bahnhof Westerland auf Sylt. Die sonntäglichen Wanderungen können kurz (10 Kilometer), aber auch deutlich länger bis hin zu 30 Kilometer sein. Eine Faustregel besagt: Je länger die Tour ist, desto geringer die Teilnehmerzahl. Kai Vermehren betont die soziale, kommunikative Bedeutung dieser Wanderungen, die durchaus sportlich sind, aber immer auch Raum für ausführliche Gespräche lassen. „Das Miteinander, die sozialen Kontakte haben hier einen großen Stellenwert.“

Als der Vorstand im Jahr 2024 das 100-jährige Jubiläum der Sektion organisierte, wurde natürlich auch in der Geschichte der Sektion recherchiert. Dabei stellte sich heraus, dass es schon sehr früh die lokalen Wanderungen gab – und zwar zum Teil auf den gleichen Routen wie heute. So gehören Wanderungen in den Fröruper Bergen, auf der Halbinsel Holnis, auf dem Gendarmsti und rund um den Winderatter See zu den „Klassikern“ im Wanderangebot.
Wandern im norddeutschen Tiefland ist das eine, Hüttentouren im Gebirge in über 3000 Metern Höhe mit Bewältigung von Klettersteigen das andere. 325 Berg- und Schutzhütten hat der Deutsche Alpenverein derzeit, die meisten werden von den Sektionen betrieben. Auch Flensburg wollte mal eine bauen, doch das scheiterte damals am Geld. Jedes Jahr bietet die Sektion Bergwanderungen mit unterschiedlichen Ansprüchen an. Dabei wird meistens in den Hütten übernachtet – sehr naturnah, mit sehr wenig Platz für den Einzelnen, aber viel Raum für gemeinsames Erleben.
Auch in diesem Jahr stehen wieder alpine Wanderungen auf der Agenda der Sektion, so etwa eine Wanderung vom Achensee zur Zugspitze. In der Vergangenheit wurden auch Fernreisen ins Himalaya oder etwa ins Atlasgebirge in Marokko organisiert. Oft arbeitet die Sektion dann mit dem Summit Club zusammen, das ist das DAV-eigene Reiseunternehmen, das Kletter-, Wander- und Fahrradtouren in der ganzen Welt anbietet. Die Flensburger Sektion bietet auch schon mal eine Wanderung rund um Berlin, durch das frühlingshafte Hamburg oder auf dem Moselstieg an – oder auch ins Ruhrgebiet, wo in diesem Jahr der Industriepark Nord in Duisburg erkundet und die neue Ausstellung im Gasometer Oberhausen besucht wird.

Wie viele Vereine nicht nur in Flensburg ist auch die Flensburger DAV-Sektion bemüht, auch jüngeren Menschen etwas zu bieten. Das funktioniert vor allem über das Sportklettern. Hier ist seit einigen Jahren der Jugendreferent der Sektion Marvin Lieske sehr aktiv und erfolgreich. Geklettert wird in der Sporthalle der Waldorfschule. Hier hat sich die Sektion an der Verbesserung und Modernisierung der vorhandenen Kletterwand beteiligt, derzeit ist eine weitere Erneuerung in Planung.
Denn mit Wandern in den Bergen lockt man Kinder und Jugendliche eher nicht. Kai Vermehren erinnert sich: „Als ich 13 war, haben meine Eltern mich im Urlaub mit in die Alpen geschleift. Es war fürchterlich.“ Später hatte er Spaß am Kajakfahren auf alpinen Wildbächen. Über eine Freundin kam er erst vor einigen Jahren zum DAV. Heute verbringt er zusammen mit seiner Partnerin Gerhild Schiller, die ebenfalls in der Sektion stark engagiert ist, nahezu jeden Urlaub in den Bergen.
Kai Vermehren hat in der Sektion das Thema Ausbildung stark forciert und im Angebot fest verankert. Ein regelmäßig angebotener Kurs ist „Fit für den Berg“, in welchem den Teilnehmern grundsätzliche Fertigkeiten und Kenntnisse für das Wandern in den Bergen vermittelt werden. Wie bewege ich mich bergauf und bergab, auch in unwegsamem Gelände und auf steinigen Pfaden? Wie kann ich mich für eine Bergtour vorbereiten? Welche Ausrüstung ist erforderlich? Welche Bedeutung hat das Wetter in den Bergen?

„Für die Ausbildungsangebote gibt es eine sehr große Nachfrage“, weiß auch Torben Karges. Einzelne Mitglieder der Sektion lassen sich in zeitaufwendigen Kursen beim DAV zu Wanderleitern und Trainern ausbilden. Innerhalb der Sektion gibt es niedrigschwelligere Angebote – so wird z. B. im Frühjahr am Westensee ein Wochenendseminar angeboten.
Zum Portfolio der Sektion gehören seit Jahren auch Vorträge, die bis zu zehn Mal pro Jahr monatlich stattfinden, derzeit im Vortragsraum der Volkshochschule in der Flensburg Galerie. Hier berichten meist Mitglieder der Sektion von ihren Reisen. Doch es gab auch schon hochkarätige Gastreferenten wie im Oktober 2025 der Geowissenschaftler Christian Klepp oder vor einigen Jahren die Bergsteiger Hans Kammerlander und Stefan Glowacz sowie die Extremwanderin Ana Zirner, die bei der Jubiläumsveranstaltung der Sektion über ihre abenteuerlichen Fernwanderungen referierte.
Seit vielen Jahren schon gibt die Sektion zweimal im Jahr ihr Mitteilungsblatt „Bergblick“ heraus. Darin werden die Mitglieder über alle wichtigen Neuerungen in der Sektion, im Landesverband Nord und im Bundesverband informiert. Hier werden aber vor allem sämtliche Veranstaltungen des Halbjahrs – Wanderungen, Vorträge, Radtouren, Workshops und Reisen – mit den genauen Terminen und Inhalten angekündigt.

Ganz neu sind die Familienangebote, die von Gerhild Schiller und Bettina Jirsak organisiert werden. Letztere ist auch für die Vorträge verantwortlich. Mit Aktivitäten in der Natur, bei der Bewegung und Erkundungen spielerisch kombiniert werden, möchte man Familien gemeinsam mit ihren Kindern für Unternehmungen in der Natur und vor allem in den Bergen begeistern.
Der Deutsche Alpenverein ist die größte nationale Bergsteigervereinigung der Welt und der viertgrößte nationale Sportfachverband Deutschlands. In ihm sind 355 rechtlich selbständige Sektionen mit insgesamt 1,6 Millionen Mitgliedern organisiert. Der DAV ist Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dort der zuständige Fachverband für das Sport- und Wettkampfklettern, das Bergwandern und Bergsteigen, Hochtourengehen, Eisklettern und Expeditionsbergsteigen sowie das Skibergsteigen. Innerhalb des DAV gibt es eine eigene Jugendorganisation, die Jugend des Deutschen Alpenvereins (JDAV). Präsident des DAV ist seit November 2022 Roland Stierle. Das Signet des Deutschen Alpenvereins ist das Edelweiß.
Joachim Pohl















