Maria-Theresia Schlütter: Wenn die Schwäche in Mathe Glück bringt

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Das stilvoll eingerichtete Büro ist sehr aufgeräumt. Nichts Überflüssiges stört den Blick. Hier arbeitet jemand mit Sinn für Struktur – und mit Selbstbewusstsein. Leuchtendes Rot setzt Akzente zu Anthrazit und Schwarz. „Einige Männer fühlen sich auf den roten Stühlen eher unwohl“, erzählt Maria-Theresia Schlütter, Leitende Verwaltungsdirektorin und Dezernentin für Jugend, Soziales, Gesundheit und Zentrale Dienste im Flensburger Rathaus, mit einem Schmunzeln. Ihr gefällt die leidenschaftliche, starke Farbe.
Wie es dazu kam, dass sie als Mitglied des vierköpfigen Verwaltungsvorstandes neben Oberbürgermeisterin Simone Lange, Henning Brüggemann und später auch Stephan Kleinschmidt im 10. Stock des Flensburger Rathauses Verantwortung trägt, ist eine lange Geschichte. Es geht um Herausforderungen, Chancen, Talent, um viel persönlichen Einsatz. Und ein bisschen geht es auch um Wolfgang. Maria-Theresia war gerade 15 Jahre alt, als sie den charmanten Jungen zum ersten Mal sah. Eigentlich sollte der damals 19-Jährige der Schülerin nur Nachhilfe in Mathematik geben. Doch daraus wurde mehr: „Ich war sofort verliebt, strengte mich mächtig an, um mich auf keinen Fall zu blamieren und konnte meine Mathe-Zensur in kürzester Zeit deutlich verbessern“, erinnert sich die ehemalige Nachhilfeschülerin. Im Unterricht bis dahin eher uninspiriert und schüchtern, lernte Maria-Theresia, dass sie viel erreichen kann, wenn sie sich wirklich in eine Sache vertieft. Eine Fähigkeit, die sie im späteren Berufsleben immer wieder abruft. Sie wurde nicht nur deutlich besser in Mathematik, sie gewann auch das Herz des Nachhilfelehrers, der später Lehrer für Mathematik und Physik wurde. 1976 heirateten Wolfgang und Maria-Theresia. Seither ist er ein wichtiger Förderer und Mutmacher. „Wann immer ich mir die Frage gestellt habe, ob ich eine berufliche Chance ergreifen soll, ob ich es schaffe, die Herausforderungen zu meistern, hat Wolfgang mir Mut gemacht“, erzählt die 63-Jährige.

Vom Azubi zur Leitenden Verwaltungsdirektorin

Die Geschichte wäre allerdings zu kurz gegriffen, wenn man die Karriere der Flensburger Dezernentin einem fördernden Ehemann im Hintergrund zuschreiben würde. Es ist vor allem ihrem eigenen Talent und ihrer Durchsetzungsfähigkeit zuzuschreiben, dass die ehemalige Auszubildende zur Verwaltungsfachangestellten am 31. August dieses Jahres als Leitende Verwaltungsdirektorin in den Ruhestand geht.
1956 in Flensburg geboren, wuchs Maria-Theresia in der Ulmenallee und später in der Batteriestraße zwar ohne Geschwister, aber mit vielen tollen Cousinen und Cousins auf. Ihr Vater war Lagerverwalter, ihre Mutter Chefsekretärin bei Max Giese. Dass eine Frau berufstätig ist, stellte das junge Mädchen nie infrage. „Meine Mutter hat immer gerne und engagiert gearbeitet. Das Leben als Hausfrau hätte nicht gepasst.“ Trotzdem denkt sie nicht an eine Karriere, als sie sich für die Ausbildung zur Verwaltungsangestellten beim Kreis Flensburg-Land entscheidet. Aber ihr Ehrgeiz war geweckt und so bekommt sie die Chance, die dreijährige Ausbildung um ein Jahr zu verkürzen. Ihre Zeit als Inspektoranwärterin verbringt sie in der Gemeinde Harrislee und wechselte 1978 als Stadt-
inspektorin z.A. in das Rathaus der Stadt Flensburg. Jetzt zeigt sich, was sie im Laufe der kommenden Jahrzehnte immer wieder unter Beweis stellen wird: „Wenn ich etwas will, gehe ich das Thema konzentriert und strukturiert an, ich kann mich zu hundert Prozent in etwas vertiefen und richtig Gas geben, um ein Ziel zu erreichen.“

Kühler Kopf in stürmischen Zeiten

Ihr erstes von vielen Aufgabengebieten führte die Beamtin 1978 in das Jugendamt des Flensburger Rathauses. Sie kümmerte sich um Vaterschaftsanerkennungen und Unterhaltszahlungen, lernte Kolleginnen und Kollegen kennen, zu denen noch heute ein guter Kontakt besteht. Alle zwei Jahre gehen „die Veteranen“ gemeinsam mit ihren Partnern auf Reisen. Städte wie Riga, Wien, Budapest, Paris, London und Florenz wurden gemeinsam entdeckt und die Tradition soll auch weiterhin fortgesetzt werden.
Mit der Geburt ihrer Kinder Stefan (1983) und Julia (1985) entschied sich Maria-Theresia Schlütter, Teilzeit zu arbeiten. 15 Jahre lang stand die Familie im Vordergrund. Dass männliche Kollegen an ihr vorbeizogen und die Karriereleiter nach oben kletterten, nahm sie gelassen. Bis heute sagt sie: „Dass ich mir Zeit für die Familie genommen habe, war wichtig und richtig.“ Gleichwohl war sie beruflich auch als Teilzeitbeschäftigte stark gefordert. Ein Aufstieg in der Verwaltung bedeutet in der Regel, unterschiedliche Abteilungen kennenzulernen und sich immer wieder in ein neues Fachgebiet einzuarbeiten. Maria-Theresia Schlütter erhielt die Chance, sich als Leiterin für Katastrophenschutz und Rettungsdienst in der Berufsfeuerwehr Flensburg zu beweisen. Landesweit war sie die einzige Frau in dieser Position. Wie setzt man sich als Frau in einer reinen Männerdomäne durch? Die neue Leiterin vertraut auf ihren bewährten Arbeitsstil: „Ich habe mich gut vorbereitet, war offen, habe Fragen gestellt und versucht, strukturiert und fokussiert zu arbeiten.“
Unter anderem organisierte sie große Übungen, beispielsweise eine Rettungsübung mit Butterdampfer und Marine. Das Abwinschen der Rettungskräfte vom Hubschrauber aus wirkte spektakulär. Maria-Theresia Schlütter beobachtete die Aktion vom Schiff aus und beschloss: „Das will ich auch mal machen.“ Einige Wochen später bekam sie in Dänemark die Gelegenheit für dieses Abenteuer. „Ich saß ausschließlich mit gestandenen Männern gemeinsam im Hubschrauber und dachte, wenn einer von denen kneift, dann kneife ich auch.“ Niemand tat ihr den Gefallen. „Also musste ich runter. Das war aufregend und ziemlich schaukelig, aber ich hab es geschafft und genossen!“
Mit der Übung „Donnerwetter ´92“ trainierte die Frontfrau für Katastrophenschutz mit 130 Männern und Frauen den Einsatz während eines Sturmes. Einige Jahre später trat der Ernstfall ein. Am 3. Dezember 1999 fegte Orkan Anatol über Norddeutschland hinweg und verursachte Schäden in Millionenhöhe. Entwurzelte Bäume, herabstürzende Dächer, Verkehrsschilder, die wie Streichhölzer umknickten – das Szenario war auch in Flensburg fast apokalyptisch. Mittendrin Maria-Theresia Schlütter – der Führungsstab hatte rund 100 Einsätze zu koordinieren – strukturiert, umsichtig, ruhig. „Natürlich ist man extrem angespannt, aber wenn ich die Nerven verloren hätte, wäre ich auf dem falschen Posten gewesen. Man muss einen klaren Kopf behalten.“ Nervös sei sie eher bei Vorträgen oder Grußworten gewesen. „Vor anderen Leuten sprechen – das war nicht meine Lieblingsdisziplin. Ich wollte lieber gestalten, etwas machen und umsetzen.“ Im Laufe der Berufsjahre wurde das Sprechen vor vielen Menschen Routine. Eine Leidenschaft wurde daraus nicht.

Frischer Wind im Standesamt

Nach 15 ereignisreichen Jahren bei der Berufsfeuerwehr stand für Maria-Theresia Schlütter erneut ein Wechsel an. Im Rechnungsprüfungsamt hielt sie es jedoch gerade mal ein Jahr aus. Das mag daran gelegen haben, dass die Liebe zu Zahlen nicht besonders ausgeprägt war. Vor allem aber wünschte sie sich wieder mehr Kontakt zu den Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt. Inzwischen war Maria-Theresia Schlütter bereit, wieder Vollzeit zu arbeiten. Dass im Standesamt eine neue Leitung gesucht wurde, passte perfekt. Von 2002 bis 2005 traute sie zahlreiche Paare in Flensburg und brachte währenddessen so manche Innovation auf den Weg. „Vorher fanden rund drei Trauungen in einer Stunde statt. Das lief sehr unpersönlich und bürokratisch ab“, erinnert sie sich. Als neue Leitung setzte sie durch, dass die Trauungen auf Wunsch mit einer persönlichen Ansprache verbunden wurden und sie lockerte die Trauungstermine. „Weg mit alten Zöpfen“ titelte damals das Flensburg Journal in einem Bericht über die Neuerungen im Standesamt. Denn auch in puncto Räumlichkeiten ließ die engagierte Standesbeamtin sich etwas einfallen. Paare konnten sich künftig nicht nur im Rathaus, sondern im Pariser Zimmer auf dem Museumsberg, auf einem Traditionssegler im Museumshafen oder in der Bergmühle trauen lassen. Letztere war allerdings eher eine Location für den Sommer. „Da pfiff der Wind eiskalt durch die Ritzen.“ Neben der jeweils individuellen Vorbereitung auf das Brautpaar galt es, die passende Kleidung zu wählen. Festlich, würdevoll und angemessen sei man gekleidet gewesen, aber „niemals schöner als die Braut!“

Lieber kooperieren als kontrollieren

Die Arbeit als Leitung des Flensburger Standesamtes erfüllte Maria-Theresia Schlütter, doch es warteten neue berufliche Herausforderungen auf sie. Kolleginnen und Kollegen fragten die damals 49-Jährige, ob sie sich vorstellen könne, die stellvertretende Leitung des Fachbereichs Bürgerservice, Schutz und Ordnung und gleichzeitig die Leitung der Ordnungsverwaltung zu übernehmen. Sie dachte nach, beriet sich mit Ehemann Wolfgang – bewarb sich dann auf diesen Posten und wurde ausgewählt. Die neue Tätigkeit war gänzlich anders ausgerichtet als die Arbeit im Standesamt: „ Ich musste regulierend und ordnend eingreifen“, erzählt sie. Es ging unter anderem um Lärmprobleme während großer Veranstaltungen am Hafen. „Hier prallten unterschiedliche Interessen aufeinander.
Auf der einen Seite die Bedürfnisse der Anwohner, die ein ganzes Wochenende lang unter den wummernden Bässen während eines Hafenfestes litten, auf der anderen Seite die Wünsche der Veranstalter und Besucher. Wer hier ´Everybodys Darling´ sein wollte, hatte verloren“, erinnert sie sich. Sie gab den Veranstaltern Messwerte vor und machte auch schon mal die deutliche Ansage: „Wenn die Werte nicht eingehalten werden, ziehen wir den Stecker!“ Vor allem aber setzte sie auf den Dialog mit allen Beteiligten und konnte mit ihrer ruhigen und sachlichen Art so manchem Kritiker den Wind aus den Segeln nehmen. Gut in Erinnerung geblieben ist ihr das Konzert von Herbert Grönemeyer am 4. Juni 2008 auf der Exe. Es sei eine große logistische Herausforderung gewesen, die alle Beteiligten hervorragend gemeistert hätten.
Gleichwohl musste hin und wieder hart durchgegriffen werden. Beispielsweise, wenn die Notausgänge in Gaststätten und Diskotheken versperrt waren, die Tanzfläche einer beliebten Flensburger Diskothek wieder mal dreifach überbelegt war oder wenn das Flatrate-Trinken dazu führte, dass volltrunkene Jugendliche mit dem Rettungswagen abtransportiert werden mussten. Als das Flensburger Tageblatt am 29. Dezember 2007 ankündigte: „Nach Silvester beginnen harte Raucher-Zeiten. Um Punkt Null Uhr werden in der Silvesternacht die gut 400 gastronomischen Betriebe zu rauchfreien Zonen“, wurde im Rathaus ein Beratungstag für Besitzer von gastronomischen Betrieben angeboten. „Wir wollen unsere Betriebe nicht kaputt machen, sondern das Gesetz mit Fingerspitzengefühl umsetzen“, betonte die Chefin der Ordnungsverwaltung damals und setzte einmal mehr auf den Dialog.

Fachfrau für Digitalisierung

2008 galt es für Maria-Theresia Schlütter ein weiteres Mal, sich neu zu beweisen. Sie stieg in den höheren Verwaltungsdienst auf und wurde – damals Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner zugeordnet – Leiterin des Büros für Grundsatzangelegenheiten. Zu ihrem Arbeitsgebiet gehörten beispielsweise das Kommunalverfassungsrecht und Sitzungen der Ratsversammlung. Unter anderem organisierte sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Britta Callsen den Empfang des dänischen Kronprinzenpaares im Rathaus. Das erforderte eine detaillierte Vorbereitung und sehr viel Fingerspitzengefühl. „Alles war minutiös geplant. Bis hin zu der Frage, wer an den Stehtischen in unmittelbarer Umgebung des Kronprinzenpaares stehen und wer dem Paar vorgestellt werden darf.“ Am 1. November 2010 erfolgt ein erneuter Wechsel: Als Leiterin des Fachbereiches Zentrale Dienste befasste sich Maria-Theresia Schlütter fortan mit den Bereichen Personal, Fachkräftemangel, demografische Entwicklung, mit dem Stadtarchiv und möglichen Optimierungen in der Verwaltungsorganisation. Ein Schwerpunkt dieser Position ist zudem die IT-Digitalisierung und das sogenannte E-Government, was man mit „elektronischer Verwaltungskommunikation“ übersetzen könnte.
Ziel ist es, dass Einwohnerinnen und Einwohner verstärkt Online-Dienste des Rathauses nutzen können. Ein Prozess, der – nicht zuletzt aufgrund immer strenger werdender Datenschutzanforderungen – noch längst nicht abgeschlossen ist.
Auch in diesem Bereich galt für die neue Digitalisierungs-Fachfrau: Konzentriert einarbeiten, mit Fachleuten sprechen, die richtigen Fragen stellen. Technischen Innovationen gegenüber habe sie immer sehr offen gegenübergestanden, erzählt sie: „Ich war eine der ersten im Rathaus, die einen Computer hatte. Das kam mir sehr entgegen. Denn damals wurde viel diktiert und dann von Schreibkräften getippt. Ich habe schon immer lieber selbst geschrieben.“ Gut erinnert sie sich auch an die ersten E-Mails, die im Rathaus eintrafen. Die wurden ausnahmslos alle ausgedruckt und abgestempelt, so wie man es mit Briefen auch machte. Maria-Theresia Schlütter verweist nicht ohne Stolz auf ihr inzwischen fast gänzlich papierloses Büro und ist sich sicher: „Da kann noch viel bewegt werden.“

Der Blick von oben

Am 1. August 2017 wechselte Maria-Theresia Schlütter auf Wunsch der Oberbürgermeisterin Simone Lange in den Verwaltungsvorstand. Diese Position als Dezernentin für Jugend, Soziales, Gesundheit und Zentrale Dienste erlaubt ihr seither den „Blick von oben“ auf fachübergreifende Ziele – immer in enger Kooperation und im Dialog mit den Fachbereichen, wie sie betont. Wenn sie Ende August in den Ruhestand geht, hat sie 47 Jahre im öffentlichen Dienst, davon 41 Jahre für die Stadt Flensburg gearbeitet. Ihre Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten habe sie nie bereut, so Maria-Theresia Schlütter. Ihr Beruf sei vielseitig gewesen, habe tolle Gestaltungsmöglichkeiten geboten. Aus der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, beispielsweise im Jugendamt und im Netzwerk Führungsfrauen, seien Freundschaften entstanden, die bis heute bestehen. Mit etwas Wehmut wird sie ihr Büro im 10. Stock des Flensburger Rathauses und das Team des Verwaltungsvorstandes verlassen: „Hier wird konzentriert gearbeitet, gleichzeitig pflegen wir ein fröhliches, positives Miteinander. Das wird mir fehlen!“ Dass im Ruhestand Langeweile aufkommt, ist allerdings nicht zu erwarten. Die Dezernentin hat, wie sollte es anders sein, schon Pläne gemacht: „Ich möchte meine Sprachen auffrischen, denke darüber nach, Klavier spielen zu lernen. Und natürlich möchte ich weiterhin viel reisen.“ Ägypten, Asien und Australien stehen auf der Wunschliste. Die Reisen wird sie selbstverständlich mit Ehemann Wolfgang antreten. Seine Mathe- und Physikwitze verstehe sie zwar bis heute nicht, aber alles andere sei perfekt: „Dass ich Familie und Beruf so gut vereinbaren konnte, habe ich nicht zuletzt meinem Mann zu verdanken. Wir sind ein wunderbares Team.“
Bericht: Petra Südmeyer, Fotos: Benjamin Nolte, privat

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