Was vor 46 Jahren als revolutionäres Gottesdienstkonzept begann, gehört längst zum festen Bestand Flensburger Weihnachtstraditionen: die Flensburger Rockmesse an Heiligabend in St. Johannis. Für viele Menschen gehört deren Besuch zum Familienritual; inzwischen nehmen einstige Pioniere als würdig ergraute Großeltern ihre Enkel mit in die Kirche. Und von welchem Gottesdienst sonst lässt sich schon sagen, dass dessen Besucherinnen bereitwillig im Nieselregen der Heiligen Nacht auf Einlass warten?
Im letzten Jahr gab es mit über 4100 Gottesdienstbesucherinnen sogar einen Besucherinnenrekord. Verantwortlich dafür: die Pandemie. Denn erstmals wurde die Messe gestreamt – also ins Internet übertragen; so haben sich auch solche Flensburgerinnen, die gerade auswärts weilten, ein Stück heimatliches Weihnachten ins Wohnzimmer geholt. Über die Chatfunktion gab es regen Austausch mit der Gottesdienstgemeinde. Die Idee, aktuelle gesellschaftliche Themen mit moderner Musik zu verbinden und vor dem Hintergrund der Weihnachtsgeschichte theologisch zu beleuchten, dazu noch Abendmahl zu feiern und partizipative Elemente wie das Verlesen der „Wünsche“ aus den Reihen der Gemeinde zu integrieren, mutet so taufrisch an wie am ersten Tag. Gemeindepastor Holger Hoffmann und der aus Berlin nach Flensburg gezogene Jugendwart Helmut Scharnowski hatten 1975 das Experiment damals noch unter dem Namen „Gottesdienst in Barock und Pop“ gestartet. Und tatsächlich enthielten die ersten Gottesdienste auch noch klassische Musikparts. Die wesentlichen Grundelemente jedoch gab es von Anfang an. Der einstige Küster von St. Johannis, Janne Thomassen, der etliche Rockmessen auch als Percussionist begleitet hat, weiß in einem eindrucksvollen Vortrag über die wechselhafte Geschichte der Rockmesse zu berichten.
Das Jugendcentrum St. Johannis unterstützt die Rockmesse mit ehrenamtlichen und freiwilligen Helferinnen Jahr für Jahr zuverlässig; schon der aufwändige Umbau im Kirchenraum sowie die technische Betreuung wären in der turbulenten und dichten Weihnachtszeit gar nicht zu bewerkstelligen. Wenn der letzte Familiengottesdienst geendet hat, beginnt für sie der Countdown.
Die unterschiedlichsten Bands haben über die Jahrzehnte die Musik gestaltet; Lokalmatadorinnen ebenso wie Musikerinnen aus fernen Ländern – bis hin nach Ghana – und solche, die wie etwa Ulf Meyer international bekannt wurden. Seit 1996 steht jeweils ein Thema im Zentrum des Gottesdienstes. Für dieses sucht die Band die Stücke eigens aus, und darum ranken sich die Wortbeiträge. #allesanders hieß das naheliegende Motto im letzten Jahr; zuvor gab es so unterschiedliche Themen wie „Titanic“ oder „Weltraum“ oder „Ruhe jetzt!“. Eine der unvergesslichen Rockmessen wird wohl jene aus dem Jahre 1998 bleiben: Pastor Holger Hoffmann war unerwartet just einen Tag zuvor verstorben, und natürlich feierte die ganze Gemeinde diesen Gottesdienst auch im Gedenken an den Miterfinder dieses bis heute so lebendigen Formates.
Ich freue mich sehr, diese ehrwürdige Tradition mit fortführen zu dürfen und bin gespannt, was sie an Wandlungen zukünftig noch durchleben wird. Noch nicht ganz klar ist, ob wir in diesem Jahr ein sogenanntes „Hybrid“Angebot hinbekommen, ob wir also neben der Rockmesse in Präsenz zu gewohnter Zeit (23.00 Uhr) an gewohntem Ort zusätzlich das Geschehen live übertragen werden. Wer neugierig geworden ist, Weihnachten in dieser noch immer anderen Form zu feiern: Herzlich willkommen!

Johannes Ahrens

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