Eine Wohnung im zweiten Stock, mitten in Flensburg. Unterhalb des Balkons breitet sich eine große Grünfläche aus. Der Hafen ist nicht zu sehen, aber die Silhouette auf dem Fördehang. Und das Licht im Rathaus, wenn dort länger gearbeitet wird. Im Wohnzimmer duftet es nach Frischgebackenem. Auf dem Tisch steht ein „Blueberry Buckle“, ein Blaubeer-Kuchen nach amerikanischem Rezept. „Es gibt mehr als McDonalds“, schmunzelt Bobby Winkler. So hatte sie einst einen Volkshochschulkurs genannt, in dem sie die US-Küche präsentierte. Den „Blueberry Buckle“ backte sie unter anderem dann, wenn sich der Vorstand des „Runden Tisches für Integration in Flensburg“ bei ihr traf. Aber der Reihe nach.
Lila und Louis Pollack, wohnhaft in New York, freuten sich im Dezember 1947 über die Geburt einer Tochter: Offiziell nannten sie ihr Kind Barbara, gerufen wurde es aber schon bald „Bobby“. Das Mädchen wuchs im nördlichen Teil der Bronx auf und schlug eine Lehrerin-Laufbahn ein. Die „Social Studies“ berührten die Fächer Geschichte, Politik, Wirtschaft und Geografie. Bereits 1968 hatte Bobby Winkler einen Bachelor in der Tasche. Sie hätte die Jahrgangsstufen sieben bis zwölf unterrichten können. Sie wäre kaum älter als ihre Klassen gewesen – und studierte deshalb weiter.

An der bekannten Universität „Penn State“ im US-Bundesstaat Pennsylvania nahm die junge Frau Kurs auf den Master – und auf einen unerwarteten Umzug über den Atlantik. Sie lernte sehr schnell einen deutschen Mann kennen. Sie bereicherte ihren Uni-Alltag um einen Deutsch-Kurs, der sie aber nicht vor dem „Kultur-Schock“ bewahren konnte, der nach der Hochzeit 1970 folgte, als das junge Paar in die Heimat des Bräutigams zog – ins bayrische Augsburg. Bobby Winkler wurde als Erzieherin anerkannt und war als Aushilfslehrerin an der US-High-School in Augsburg tätig. In besonderer Erinnerung blieb die Bundestagswahl 1972, als sich die Amerikanerin für Bundeskanzler Willy Brandt engagieren wollte. „Er war bei uns sehr angesehen, sprach fließend Englisch und war oft im US-Fernsehen“, erinnert sie sich. Doch bei der SPD in Augsburg erntete sie nur großes Staunen: „Ja, Mädel, was willst du denn hier?“

Bobby Winkler war nie ein unpolitisches, junges Ding. Sie stammt aus einem demokratischen Elternhaus. Schon als kleines Mädchen begleitete sie bei den Wahlen ihre Mutter in die Kabine, betätigte die Wahlmaschine und posaunte stolz: „Ich habe gewählt!“ Ihr Vater war ein entschiedener Gegner des Vietnam-Kriegs und sagte oft: „Es gibt keine Musik auf einem Schlachtfeld“. Die Tochter landete schnell bei den „Young Democrats“ und trug ein Jahr lang schwarz, als der von ihr verehrte John F. Kennedy ermordet worden war. 1964 betätigte sie sich als Wahlkämpferin für Robert F. Kennedy, der erfolgreich als US-Senator für New York kandidierte. Bobby Winkler war selbst noch gar nicht wahlberechtigt, legte ihren Zeigefinger aber emsig in die Drehscheibe des Telefons, um möglichst viele Anhänger der Demokraten zur Teilnahme an den Wahlen zu bewegen. Erst 1972 durfte sie selbst abstimmen, als der Demokrat George McGovern keine Chance gegen den republikanischen Amtsinhaber Richard Nixon hatte.
Da war Bobby Winkler bereits in Europa. 1973 ging es mit ihrem Mann nach Großbritannien – nach Bath. Die 150 Kilometer westlich von London gelegene Stadt ist damals wie heute bekannt für die einzigen heißen Quellen Englands, die schon die Römer für eine Badanlage nutzten. In der neuen Umgebung tippte die junge Amerikanerin die Doktor-Arbeit ihres Mannes auf der Schreibmaschine, spielte Theater und unterrichte für kurze Zeit Deutsch. 1977 wurde Tochter Rebekka geboren. Es folgten Sarah (1980) und schließlich Judith (1983). „Ich hatte nie zwei Kinder gleichzeitig in den Windeln“, lächelt Bobby Winkler.
Die Töchter zwei und drei haben in ihren Ausweisen Flensburg als Geburtsort stehen. Am 1. April 1978 startete die Familie Winkler in der Fördestadt. Der Ehemann hatte eine Professur an der damals noch sehr kleinen Fachhochschule angenommen. 290 Studenten zählte man damals im Munketoft, der Standort auf dem Sandberg war noch im Bau. Bobby Winkler war hauptsächlich Mutter und Hausfrau, nahm aber auch erste Ehrenämter an. Sie war Vorsitzende der deutsch-amerikanischen Gesellschaft, die vorwiegend auf das in Weiche stationierte US-Militär fußte, und betätigte sich als Schatzmeisterin der deutsch-israelischen Gesellschaft. Später folgte der erste Neben-Job: Die Betreuung des Sprachlabors an der Fachhochschule.
Ab 1988 unterrichtete Bobby Winkler im Fachbereich der Technik-Übersetzung britische und amerikanische Landeskunde – für den Background der Studierenden. 1992 siedelte die gesamte Familie wegen einer Gastprofessur für ein Jahr nach Rhode Island über. Im kleinsten US-Bundesstaat, nur drei Autostunden von New York entfernt, bildeten sich Heimatgefühle aus. Sonst war die Amerikanerin aus Flensburg nur in den Sommerferien mit den Töchtern zu Besuch bei Vater und Onkel gewesen. Ihre Mutter war bereits verstorben.

Nach der Rückkehr nach Flensburg sorgten bald die Trennung und die Scheidung von ihrem Mann für eine Zäsur. Bobby Winkler suchte eine gute Beschäftigung, doch beim Arbeitsamt schien der zuständige Berater kein Herz für studierte Frauen zu haben. Er stellte nur Hilfsjobs in Aussicht. Die Gedanken, die Zelte in Europa abzubrechen und in die USA zurückzukehren, häuften sich. Zufällig wurde Bobby Winkler auf einen Orientierungskurs für erwerbslose Akademikerinnen aufmerksam. Daraus bildete sich ein Arbeitskreis. Die Anerkennung ihres US-Studiums hatte nun Erfolg – sie galt nun als gleichgestellt mit einer Diplom-Pädagogin. Sie bewarb sich für einen Job im Jugendaustausch mit Großbritannien. Sprachlich und vom Erfahrungsschatz her war Bobby Winkler hervorragend geeignet. Doch die Jugendaustausch-Organisation pochte auf ein klares Profil: „Wir nehmen nur Sozialpädagogen!“
Kurz vor Weihnachten 1995 schrieb ein größeres Unternehmen in Flensburg eine Stelle als Fremdsprachen-Sekretärin aus. Bobby Winkler bewarb sich, hatte bis Ende Januar aber nichts wieder gehört. Zwar war in der Anzeige des Arbeitsamtes kein Firmenname enthalten, die Beschreibung ließ aber keine Zweifel zu. Die Job-Interessentin fragte direkt nach und erhielt zwei Tage später eine überraschende Mitteilung: „Wir werden die Stelle überhaupt nicht besetzen!“ Verwundert war auch die Mitarbeiterin beim Arbeitsamt, hatte aber zwei neue Stellen zur Hand: bei der Werft und bei „Motorola“. So kam der expandierende Handy-Konzern zu einer neuen Sekretärin für den Betriebsrat.
Das US-Unternehmen hatte damals den Hauptsitz noch an der Eckener Straße und zählte rund 1000 Beschäftigte. Der Betriebsrat war – wenig einladend – in einer Baracke untergebracht. Den Schreibtisch von Bobby Winkler zierte schon am nächsten Tag ein Blumenstrauß. Eine Aufmerksamkeit der IG Metall, die zugleich ein dezenter Hinweis war: „Man kann ja nicht für den Betriebsrat tätig und kein Mitglied bei uns sein.“ Inzwischen feierte die 73-Jährige ihre „Silberne Hochzeit“ mit der Gewerkschaft. „Wenn schon, denn schon“, dachte sie damals und übernahm schnell ehrenamtliche Aufgaben. Noch immer gehört sie der quartalsweise einberufenen Delegierten-Versammlung der IG Metall in Flensburg an. Zudem war sie im Migrationsausschuss auf Bundesebene und fungierte im Bezirk Küste als Vorsitzende des Migrationsausschusses. Überregional befeuerte „Motorola“ das „Job-Wunder an der Förde“ und zählte um die Jahrtausendwende bis zu 3500 Beschäftigte. Einige Flensburger scherzten, ob die Manager in den Vereinigten Staaten denken würden, dass ihre Stadt mitten in Europa liege und Sonderborg ein internationaler Flughafen sei. Es entstand ein neues, großes Werk an der Husumer Straße in Weiche. Dort war Bobby Winkler als stellvertretende Betriebsratsvorsitzende und Vorsitzende der europäischen Motorola-Mitarbeiter-Vertretung tätig. „Ich habe alle geduzt – bis auf den Werksleiter und den Personalchef“, erinnert sie sich. Die Erfolgs-Story endete mit Stellenabbau und drei Sozialplänen. 2009 kam Bobby Winkler selbst in eine „Transfergesellschaft“ und ging mit 64 Jahren in den beruflichen Ruhestand. „Ein gutes Timing, wenigstens für mich“, findet sie heute.
Langweilig wurde es ohnehin nicht. Längst war sie auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund tätig: im Landesfrauenrat, im Seniorenausschuss oder als Delegierte im Altenparlament Schleswig-Holstein, das einmal im Jahr in Kiel zusammenkommt. Als Vorsitzende der Frauen im DGB-Regionalverband Nordwest gehört sie einem Frauenforum an, das sich derzeit unter anderem für klinische Schwangerschaftsabbrüche nach der sogenannten Fristenlösung einsetzt. Durch die Fusion der beiden christlichen Krankenhäuser ist dieses Angebot in Flensburg gefährdet.

In den letzten Jahren war Bobby Winker voll in den „Runden Tisch für Integration in Flensburg“ involviert. Ab 2008 hatte die Stadtpolitik dieses Thema vermehrt aufgegriffen. „Ich komme in keine Disco, weil ich anders aussehe“, klagten einige Flensburger. Andere registrierten Nachteile auf dem Wohnungsmarkt. Wenn sich jemand mit türkischem Namen meldete, war eine Wohnung angeblich bereits vergeben, und war nur zwei Stunden später plötzlich wieder zu besichtigen, als sich ein Anrufer namens Schmidt gemeldet hatte. 2009 lud die Stadt in die Bürgerhalle. Rund 150 Interessierte erschienen, um ein Integrationskonzept zu erarbeiten. „Es sollte nicht von oben nach unten, sondern etwas von unten nach oben wachsen“, erklärt Bobby Winkler. Es bildeten sich zunächst einige Arbeitsgruppen, und im März 2010 schließlich der „Runde Tisch“ als verbindendes Element.

Dieses Gremium unterstützt die Kommunalpolitik sowie die Verwaltung in Fragen zur Migration und ist in den städtischen Ausschüssen vertreten. Bobby Winkler hatte bis 2019 den Vorsitz inne. Im selben Jahr wurde ihr der Queisser-Seniorenpreis verliehen – als Anerkennung ihres Engagements für Integration, Demokratie und Gleichberechtigung. Bereits 2016 verlieh ihr Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue die Bundesverdienstmedaille. In der offizielle Begründung hieß es: „Barbara Winkler richtet seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ihr Augenmerk auf den Bereich Integration sowie auf die Rechte von Frauen.“
Sie selbst sagt von sich: „Ich bin keine Bürgerin der Stadt Flensburg, sondern eine engagierte Einwohnerin.“ Sie besitzt – außer für den Seniorenbeirat – kein Wahlrecht und hat sich schon oft darüber geärgert, dass sie keine doppelte Staatsbürgerschaft bekommt. „Als es 1995 um eine Gesamtschule in Flensburg ging, war jeder ältere Mensch in meiner Straße stimmberechtigt, aber ich nicht, obwohl ich drei Kinder hatte.“ Bei Kommunalwahlen steht sie mit Plakat vor dem Rathaus: „Ich will, darf nicht. Du darfst, willst nicht.“ Nach Bekanntgabe einer schlechten Wahlbeteiligung ließ sich die US-Amerikanerin schon mal zu einer überspitzten Bemerkung hinreißen: „Ich glaube, die Deutschen müssen sich integrieren!“

Politisch schlägt das Herz noch immer für die US-Demokraten. Bobby Winkler initiierte die Gründung eines Flensburger Ablegers der Organisation „Democrats Abroad“, die versucht, rund 6,5 Millionen in aller Welt lebende US-Bürgerinnen und US-Bürger bei Wahlen zu mobilisieren und zu informieren. „Demokratie funktioniert nur, wenn die Menschen informiert sind“, betont Bobby Winkler.
Sie selbst war 2008, 2012 und 2016 in Wahlkampf-Zeiten in New York, um Barack Obama und schließlich Hillary Clinton zu unterstützen. Im Fokus lagen vor allem die „Swing States“, die Bundesstaaten, die ein knappes Ergebnis erwarten ließen. Am 7. März 2020 war die Flensburgerin in Hamburg, wo sie die Vorwahl der „Democrats Abroad Hamburg“ leitete. Kurz vor dem Corona-Lockdown. In diesem Herbst blieb Bobby Winkler in ihrer Wohnung und kontaktierte Wahlberechtigte in Australien, Indonesien oder Großbritannien.

Im Laufe der Jahre entstand eine Button-Sammlung, die bis 1960, bis John F. Kennedy, zurückreicht. An Ausländer dürfen diese offiziellen Stücke nicht abgegeben werden. Als sich die Anfragen häuften, entwarf Bobby Winkler eine Eigenkreation. „Ich wähle Hillary“, hieß es 2016. Jetzt steht unter einem leuchtendgelben Trump-Toupet einfach: „Tschüss!“ Sie möchte den US-Sticker „I voted“ um ein deutsches Gegenstück bereichern: „Ich habe gewählt!“ Als Zeichen für die Wahrnehmung der Bürgerpflicht.

Text: Jan Kirschner
Fotos: privat

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