Mit dem Sport auf Du und Du

Dieser Ortstermin erfordert nur ein paar Schritte. Angelika Carstesen wohnt unweit des „Holländerhofs“, der 35 Jahre lang Arbeitgeber und zugleich Berufung war. Der kleine Spaziergang führt an der Werkstatt und am Wohnheim vorbei. Als ehemalige Sportlehrerin der Einrichtung nimmt sie naturgemäß die Sportanlagen besonders ins Visier. Auf dem Rasenplatz sind die Fußballtore auf den Boden gelegt, die kleine Boule-Bahn wird von zahlreichen Bänken flankiert, und die Turnhalle ist zur Kantine umfunktioniert – wegen Corona.
Angelika Carstesen kann unheimlich viel über den „Holländerhof“ und seine Umgebung erzählen. Sie ist nur einen Steinwurf entfernt aufgewachsen, geboren wurde sie aber in Schleswig. 1954 war das. Ihre Eltern Auguste und Walter Hilbert lebten damals in Obdrup, einem kleinen Dorf vor den Toren Satrups. Aber nur wenige Jahre später zog die gesamte Familie mit dem Trecker nach Adelbylund um, weil der Vater eine Anstellung als Melkermeister gefunden hatte. Wenn Angelika Carstesen heute von ihrer Terrasse gen Süden blickt, sieht sie eine weiße Gebäudefront durch die Äste der Bäume schimmern. Der Bauernhof steht noch immer, Kühe gibt es aber schon lange nicht mehr.
Von der Hoffläche kauften Auguste und Walter Hilbert 1965 ein Stück Land und bauten sich ein kleines Haus und legten einen großen Garten an. Gemüse in üppiger Fülle gedieh, Johannisbeersträucher prägten das Kleinod. Auch Tochter Angelika erhielt ein Beet, auf dem sie selbst etwas säen durfte. „Damals hatte ich nicht so viel Spaß an der Gartenarbeit“, schmunzelt sie. Längst betätigt sie sich mit Enthusiasmus unter dem freien Himmel.
In Adelby besuchte sie die Grundschule. 49 Kinder aus allen sozialen Schichten füllten den Klassenraum. Die Lehrerin reagierte auf die Enge mit Bewegung: „Wir gehen jetzt alle gemeinsam in die Turnhalle.“ Austoben und Spaß haben – bei Angelika Carstesen weckte dieser Schritt die lebenslange Begeisterung für den Sport. Beim SV Adelby turnte sie bis zur Leistungsgruppe, meisterte Überschläge, glänzte beim Ballet oder am Schwebebalken. Mit „Jugend trainiert für Olympia“ ging es sogar per Flugzeug ins geteilte Berlin.
1970 bestand Angelika Carstesen an der Käthe-Lassen-Schule die mittlere Reife. Das sozialwirtschaftliche Gymnasium am Pferdewasser mit ihren sehr konservativen Lehrerinnen erwies sich nicht als der passende, nächste Schritt. „Ich hätte mich irgendwie durchschlagen können, aber es fehlte mir die Motivation“, erinnert sich die 66-Jährige. Die Edith-Jahn-Schule, die Fachschule für Sport und Gymnastik, erwies sich dann als die richtige Wahl. 1975 hatte die Absolventin das Examen in der Tasche. Da war sie bereits mit Holger Carstesen, einem Polizeibeamten, verheiratet.
Als Diplom-Sportlehrerin wäre eine Anstellung an einer Schule der normale Weg gewesen. Angelika Carstesen schnupperte aber erst einmal ins Jugendaufbauwerk mit einem „spannenden und ganz anderem Klientel“. 1976 wurde Sohn Sven geboren. Die Familie zog nach Klues, wohnte in einem kleinen Reihenhaus zur Miete.
Die junge Mutter war nun an der Waldschule tätig. Sie unterrichtete auch Nadelarbeiten, ihr Herz hing aber am Sport. Die Bildungsstätte besuchten damals viele türkische, griechische und armenische Kinder. Gerade der Sport eignete sich als Integrationsmotor, wenngleich der Unterricht auch Missverständnisse erzeugte. Beim Laufen verhielten sich die Schüler manchmal ganz anders als gedacht, stoppten zum falschen Zeitpunkt – bis Angelika Carstesen verstand, dass das griechische Ja stark dem deutschen Nein ähnelt. Fortschritte stellten sich dennoch ein. „Viele besuchten später ein Gymnasium“, erzählt die verrentete Sportlehrerin. „Und einen meiner ehemaligen Schüler besuchen wir heute gerne in seinem griechischen Restaurant in Tarup.“
Angestellt war sie bis 1982 bei der Stadt Flensburg. Dann legte diese plötzlich einen umstrittenen Sparkurs ein. „In dieser Situation hatte ich großes Glück“, erzählt Angelika Carstesen. „Im Kindergarten, den mein Sohn besuchte, war auch das Kind vom Leiter des Holländerhofs.“ Dort sollte ein neues Konzept umgesetzt werden. Die Werkstatt für geistig Behinderte hatte damals erst 60 Beschäftigte, denen als Ausgleich ein Sportangebot unterbreitet werden sollte. Der erste Tag begann mit einer etwas überraschenden Begrüßung: „Was willst du denn hier?“ Angelika Carstesen fragte sich: „Ist diese Stelle wirklich das Richtige für mich?“
Das Fragezeichen verflüchtigte sich schnell. Die Arbeit am Holländerhof, der immer weiter wuchs, wurde zur Passion. Die enge Zusammenarbeit mit den Leitern der Wohn- und Werkstätten, darunter Klaus Petersen, der einmal der zweite Lebenspartner werden sollte, halfen beim Aufbau von festen Strukturen. Die Anfänge waren allerdings bescheiden. Ein abgetrennter Speisesaal diente als Stätte der sportlichen Betätigung. Die Boule-Bahn, der Sportplatz mit Fußball-Toren, Basketball-Korb und Kugelstoßring wurden erst einige Jahre später angelegt. „Das musste sich alles erst entwickeln“, erklärt Angelika Carstesen. „Sport war ein begleitendes Programm, und ich war tatsächlich die erste Sportlehrerin in einer solchen Einrichtung in ganz Schleswig-Holstein.“
Der Bedarf wurde auch in den anderen Landesteilen entdeckt. Die Flensburgerin initiierte eine Zusammenarbeit und ein jährliches Kooperationstreffen. Sportliche Vergleiche wurden angeregt. 1984 gab es die erste Schwimmmeisterschaft für die Werkstätten im Flensburger Hallenbad. Andere Veranstaltungen entstanden aus Kontakten mit anderen Vereinen. So schlug der Volkssportverein dem „Holländerhof“ vor, das Volkswandern zu organisieren. Ab 1990 lockte dieses Event bis zu 1800 Teilnehmer an. Davon kamen 400 Starter aus den Behinderten-Werkstätten zwischen Elbe und deutsch-dänischer Grenze.
Die internen Ski-Freizeiten mauserten sich. Zunächst steuerte der „Holländerhof“ den Harz an, dann die Alpen und schließlich die Paralympics. 1994 tauchten 16 Bewohner und vier Betreuer im norwegischen Lillehammer auf. „Das war eine sehr volksnahe Veranstaltung, bei der wir uns sehr willkommen fühlten“, berichtet Angelika Carstesen. „Wir durften bei der Eröffnung sogar zwischen den Aktiven sitzen.“ Dann besuchten die Flensburger die Ski-Piste oder das Sitz-Hockey-Turnier in der Eishalle. In den 90er Jahren wurde der „Holländerhof“ wiederholt zu Aktionstagen nach Dänemark eingeladen. Doch die grenzübergreifende Zusammenarbeit schlief ein – wohl wegen der unterschiedlichen Systeme bei der Betreuung von Behinderten.
Es gab auch Einblicke in andere Bereiche. Bei der Firma „Danfoss“ initiierte der Betriebsarzt eine Rückenschule für die Fließbandarbeiter. Die Krankenkasse empfahl Angelika Carstesen als Sportlehrerin. Das war aber nicht mehr als ein Abstecher, die Mission blieb weiterhin auf den Behindertensport ausgerichtet. 2003 sorgte eine besondere Stafette für Furore. Klaus Petersen und Angelika Carstesen besitzen noch immer die Flagge, die im Jahr der Behinderten sechs Wochen im Land unterwegs war. Bei einem Kooperationstreffen wurden die anderen Einrichtungen mit ins Boot geholt. Letztendlich waren 10.000 Personen involviert. Sogar das Fernsehen berichtete, wo sich die Fahne gerade befand.
Das Down-Syndrom-Leichtathletik-Sportfest etablierte sich nach zwei Umzügen auf dem PSV-Gelände. „Das geht nur mit viel Ehrenamt und einer großen Unterstützung aus der Elternschaft“, betont Angelika Carstesen, die in den letzten 20 Berufsjahren viel von Absolventen des „Freiwilligen Sozialen Jahres“, Praktikanten und Studenten begleitet wurde. „Ich habe es stets als wertvoll empfunden, mich mit jungen Menschen auszutauschen und etwas von meinen Erfahrungen weiterzugeben“, erklärt die Sportlehrerin. Sie behielt am „Holländerhof“ stets einige eigene Stunden, schlüpfte aber immer mehr in die Rolle als Koordinatorin. Sie suchte das Gespräch mit der Universität. Nun können die Behinderten einmal die Woche das Fitness-Studio an der Flens-Arena nutzen. 2013 waren sie sogar Protagonisten in einem Lehrbuch-Kapitel zur „Aitrack-Matte“.
Als einen sehr wichtigen Schritt bewertet Angelika Carstesen den Beitritt des „Holländerhofs“ zum Reha-Verband Schleswig-Holstein. Dadurch floss finanzielle Unterstützung für Behinderten-Programme. Mit der Flensburger Paralympics-Siegerin Britta Jänicke reifte die Idee, einen Leistungskader für Leichtathleten mit Down-Syndrom aufzubauen. Aus Norderstedt und Glückstadt gab es positive Signale, sodass die beiden Nordlichter einmal im Monat mit den Sportlern zum gemeinsamen Training in den Hamburger Raum fuhren. Angelika Carstesen nahm die Mittelstreckler unter ihre Fittiche. Ihre Schützlinge gewannen sogar einige Titel. „Es war recht schwierig, sie immer wieder zu motivieren, da der eigene Ehrgeiz bei den Geistigbehinderten schnell verloren gehen kann“, erklärt sie mit Wehmut. „Letztendlich fehlte es an Talenten und an der Anerkennung auf höherer Ebene.“
Der Sport bescherte Angelika Carstesen auch Berührungspunkte mit anderen Vereinen. Früher spielte sie im SV Adelby Volleyball. Ihr erster Mann Holger bevorzugte den Schießsport. Für das Eheleben war das allerdings eher unpraktisch, da Training und wochenendliche Punktspiele gemeinsame Aktivitäten torpedierten. 1982 hatten sie die Idee und riefen gemeinsam eine Badminton-Freizeitgruppe unter dem Dach des PSV Flensburg ins Leben. Das Angebot existiert immer noch. Angelika Carstesen war auch an der Gründung der „Kicker Flensburg“ beteiligt, einem Gemeinschaftsprojekt von Flensburg 08, PSV, den „Mürwikern“ und dem „Holländerhof“.
Privat tat sich zur Jahrtausendwende vieles, leider auch Trauriges. Nachdem ihre Mutter verstorben war, baute sie zusammen mit ihrem Mann das Elternhaus um, das zum neuen Zuhause wurde. Doch dann verstarb plötzlich der Gatte. Einige Zeit später hatte Angelika Carstesen einen neuen Lebenspartner: Klaus Petersen, ihren langjährigen Kollegen. Das Grundstück bot genug Platz, sodass das Paar 2009 nur ein paar Meter weiter ein rotes Holzhaus skandinavischen Stils errichten ließ. Aber auch Elemente des US-Bauhandwerks sowie seniorengerechte Aspekte wie offene Dusche und breite Türen flossen mit ein in das Gesamtkonzept. Ein Umzug soll nicht mehr nötig sein.
Angelika Carstesen trat 2017 in den Ruhestand über, langweilig ist es aber gewiss nicht geworden. Dafür sorgt zum einen die Familie. Während die Kinder ihres Mannes in Norwegen leben, ist ihr Sohn Sven in der Nähe geblieben. Das Sport-Gen hat sie weitergeben. Der Filius kickte leidenschaftlich und heiratete eine erfolgreiche Synchron-Schwimmerin. Die beiden Enkel zog es zum Handball. Ihre Großmutter indes ist noch immer aktiv. Seit vier Dekaden prägt sie eine private Gymnastik-Gruppe mit, spielt ab und an Badminton und hat zudem eine kleine Funktionärslaufbahn eingeschlagen.
Die Initialzündung kam einmal mehr über ihre Tätigkeit am „Holländerhof“. Die Einrichtung ging für ein Projekt zur Mobilisation älterer Menschen eine Kooperation mit dem PSV ein. Das gemeinsame Vorhaben gedieh und mündete sogar in eine Einladung des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff nach Berlin. Gleichzeitig erwuchs aus diesem Projekt die Mitglieder starke PSV-Gesundheitssparte „Prosanita“. Die Leitung übernahm – natürlich Angelika Carstesen. Damit rückte sie vom einfachen Mitglied in den Vorstand des Sportvereins.
Seit März fungiert sie sogar als Vorsitzende des PSV. Ihr Vorgänger Klaus Lobsien hatte sie eingearbeitet, ehe sie eigentlich im März auf der Jahreshauptversammlung gewählt werden sollte. Doch das Coronavirus machte dem einen Strich durch die Rechnung. So setzte der Vorstand Angelika Carstesen als neue „Chefin“ des 18 Sparten umfassenden Sportvereins ein. „Ich hatte lange überlegt, ob ich es machen soll“, sagt die 66-Jährige. „Aber es passiert viel im PSV. Außerdem unterstützt mich mein Mann, sonst würde die Partnerschaft darunter leiden.“
Niemand hätte sich ausrechnen können, dass die Amtszeit gleich mit einer ungewöhnlichen Herausforderung beginnen würde: Die Corona-Pandemie brachte das Vereinsleben zeitweise völlig zum Erliegen. „Wir hatten praktisch keine Austritte, was für ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl im PSV spricht“, erklärt Angelika Carstesen. „Es war da dann umso schön, als auf unserem Gelände die Cheerleader wieder sprangen, sich im American Football die Quarterbacks wieder positionierten und die Nordic Walker zu ihrer Runde starteten.“ Die Vorsitzende schaut im Schnitt drei Mal die Woche bei den beiden Mitarbeiterinnen im Büro vorbei und möchte gerne noch mehr Kinder und Jugendliche zum Verein bringen.
Durch die Coronakrise leidet auch ein anderes Hobby: das Reisen. Angelika Carstesen und Klaus Petersen waren bei den Paralympics in Peking, Athen und London. Rio klappte nicht, stattdessen ging es nach Südafrika. Das Ehepaar besucht gerne große Sportveranstaltungen: die Biathlon-WM in Oslo, die Leichtathletik-EM in Berlin oder das Handball-Finale 2007 in Köln. Kein Wunder, dass es auch bei der SG Flensburg-Handewitt als Dauerkarten-Inhaber im Block A sitzt. Zumindest in normalen Zeiten. Einige SG-Meister-Schilder hängen im Carport. Keine Frage: Hier ist der Sport zu Hause.

Text: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat

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