Ende Juni wird ein Umzugswagen von Handewitt nach Svendborg rollen. Kevin Möller, Torwart der SG Flensburg-Handewitt, und seine Familie haben ein Haus auf der dänischen Insel Fünen gekauft – und werden es auch selbst beziehen. Nach insgesamt neun Jahren wird der Handball-Profi die SG verlassen, um seine Karriere beim dänischen Top-Klub GOG fortzusetzen. „Das war eine Entscheidung für die Familie“, betont Kevin Möller. „Sie war ungemein schwer, und sie fühlt sich auch immer noch so an.“ Der 36-Jährige erzählt von seinen Gedanken während der Rücktour vom erfolgreichen Europapokal-Viertelfinale in Hannover. Als er im Mannschaftbus saß und den Tag reflektierte, realisierte er, dass er noch sehr wenige Spiele im SG-Trikot absolvieren würde. Da bekam er Herzklopfen. Pulsschläge für den „Herzensverein“, wie er die SG bezeichnet.

Die SG-Idole der Jugend
Auch wegen seiner Vita hat der Däne eine enge Verbindung zu seinem Noch-Klub. Er stammt aus der Grenzregion, aus Bedsted bei Lügumkloster. Schon als Kind fuhr er oft über die Grenze: Einkaufstouren und Stippvisiten in Flensburg. In bester Erinnerung sind ihm auch die sportlichen Ausflüge mit seinem Vater und einigen Bekannten zur Jahrtausendwende. Es wurden nämlich die Handballspiele der SG in Förde- oder Campushalle angesteuert. Lars Christiansen, Christian Hjermind oder Matthias Hahn waren die großen Namen jener Zeit. Als Kevin Möller jüngst im Fan-Block einen Schal von 1997 entdeckte, befeuchteten sich seine Augen leicht. Diese Sonderedition hatte er einst auch getragen.

Das damalige Torhüter-Gespann bildeten übrigens Sören Haagen und Jan Holpert. Sie waren die ersten Idole des Teenagers, denn er stand schon in seiner frühen Jugend im Gehäuse. Als er 15 Jahre alt war, entschied er sich für das Internat in Oure (Fünen), das auch heute noch in die Nachwuchsarbeit von GOG integriert ist. Kevin Möller wohnte in einer Vierer-WG. Erstaunlich: Einer der Mitbewohner war Niklas Landin. Die beiden Talente konnten nicht ahnen, dass sie beide einmal das höchste Niveau erreichen, gemeinsam im dänischen Nationalteam spielen und sich in schleswig-holsteinischen Landesderbys duellieren würden.
Die ersten vier Jahre bei der SG
2014 schloss sich Kevin Möller der SG an. Die Geschehnisse des ersten Tages hat er immer noch genau vor Augen. Die gesamte Mannschaft hatte sich am Abend vor dem ersten Training beim damaligen Chefcoach Ljubomir Vranjes zu Hause in Handewitt getroffen. Es wurde gegrillt, es lief das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. „Plötzlich stand ich im Zimmer mit vielen Weltklasse-Spielern, die alle gerade die Champions League gewonnen und ihren Höhepunkt der Karriere erreicht hatten“, erzählt der Torwart. „Unter all diesen Handball-Legenden fühlte ich mich wie das kleine Kind.“ Kevin Möller fühlte sich definitiv größer, als er mit der SG 2015 den DHB-Pokal und 2018 sogar die deutsche Meisterschaft gewann.

Andererseits hatte er in den ersten vier Jahren einen schweren Stand – als zweite Kraft zwischen den Pfosten. Stammkeeper war Mattias Andersson. Ein Weltklasse-Mann, der aber auch auf seine Pole-Position im Kasten pochte und seinen Vertreter das spüren ließ. Überliefert ist ein denkwürdiges Zitat aus der Vorbereitung 2014. „Kevin nahm beim ersten Training gleich meine Getränkeflasche – nicht gut!“, sagte damals Mattias Andersson. „Und das Trainingslager hat gezeigt, dass er schnarcht – auch nicht gut!“
Der zweite SG-Torwart musste sich zumeist mit kürzeren Einsatzzeiten begnügen. „Ich kann mich noch an das erste Auswärtsspiel in Magdeburg erinnern“, verrät Kevin Möller. „Ich kam in der zweiten Hälfte, um Mattias zu entlasten, hatte keinen guten Lauf und wurde bald wieder ausgewechselt.“ Es kam vor, dass er nach Spielschluss die Kabine mit keinem glücklichen Gesicht verließ. Das bemerkten einige Mitspieler. Einmal kam Rückraum-Legende Thomas Mogensen hinter ihm hergeeilt, um sich nach der Gemütsverfassung zu erkundigen.

Der Weg nach Barcelona und die Rückkehr
Es war wohl folgerichtig, dass Kevin Möller nach vier Jahren über einen Tapetenwechsel nachdachte und das Angebot des ruhmreichen FC Barcelona annahm. Es war eine spannende Zeit in einem großen Klub – und einer interessanten Stadt. Zum Abschluss bejubelte der Keeper sogar die Champions League. „Ich bereue nichts“, sagt er. „Beim FC Barcelona habe ich viel gelernt. Ich wäre nicht derselbe Kevin, wenn ich seit 2014 immer für die SG gespielt hätte.“
Im Sommer 2021 kehrte er zur SG zurück. Mit einem nationalen Titel klappte es nicht, aber bislang zwei Mal feierte er die European League. 2024 und 2025 durfte Kevin Möller die Trophäe hochstemmen und dann in Hamburg mit der Mannschaft und den Fans feiern. „Beim zweiten Mal war es doch ganz anders für mich, ich war plötzlich so müde geworden“, verrät Kevin Möller. Das letzte Mai-Wochenende könnte den Hamburg-Hattrick bringen. Die Vorfreude ist groß. „Es sind nur Handballverrückte in der Halle, sodass man eine besondere Leistung auch besonders genießen kann“, weiß der 36-Jährige.

Abschied aus Flensburg
Danach folgen nur noch das Heimspiel gegen Eisenach und die Auswärtspartie in Berlin, ehe sich der Fokus auf seinen neuen Klub richten wird. „Ich gehe davon aus, dass GOG mit dem neuen Kader den Abstand zu Aalborg verkürzen wird“, erzählt Kevin Möller. „Hoffentlich erreichen GOG und die SG die Champions League und kommen dann in dieselbe Gruppe – das wäre für mich persönlich der absolute Hammer.“ Aber auch ohne ein solches Königsklassen-Highlight möchte er häufiger in Flensburg vorbeischauen, um ein Teil des achten Mannes zu sein – so ähnlich wie früher als Teenager.
Text und Fotos: Jan Kirschner















