Löwenherz – ein Rettungsanker
bei häuslicher Gewalt

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Häusliche Gewalt kann vielfältig sein, sie kann sich in körperlicher Form zeigen, körperliche Misshandlung durch Schläge, Tritte der Erwachsenen gegen den Partner oder die Partnerin, ebenso gegen die Kinder, aber auch als seelische Gewalt durch Äußerungen, Handlungen und Haltungen von Erwachsenen, durch die das Kind Ablehnung, Demütigung und Abwertung erfährt. Hierzu zählen entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, Bedrohung, Beschimpfung, Verängstigung, Isolieren, Bestrafen mit Liebesentzug, Einsperren, Ausschluss von Kontakten. Ebenso sind Vernachlässigung oder seelischer Missbrauch weitere Formen von Gewalt.

Problem „Häusliche Gewalt“

Häusliche Gewalt ist somit ein gesellschaftliches Phänomen, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht, und überall in unserer Republik zu Hause ist.
Vor einigen Jahren erkannten die zuständigen Behörden in Flensburg, dass es nötig war, eine Institution zu etablieren, die sich insbesondere der Kinder und Jugendlichen annehmen sollte, die unter häuslicher Gewalt zu leiden hatten. Die damalige Leitende Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt betonte, dass im Laufe ihrer Arbeit mit Delikten im Bereich der häuslichen Gewalt deutlich geworden sei, dass hier eine Versorgungslücke bestehe. „Wir hatten zwar Beratungsangebote für die Täter sowie für die Frauen und Mütter, die Opfer von Gewalt werden, aber nicht für die Kinder, die Opfer werden oder Gewalt zwischen ihren Eltern erleben.“ Denn wenn die Polizei ausrücke, um ein Gewaltdelikt im Haushalt zu schlichten, werde zwar das Jugendamt informiert, aber das Kind sei mit der Situation erst einmal alleine, so Stahlmann-Liebelt.
Diese Versorgungslücke sollte jedoch recht schnell geschlossen werden: Seit Februar 2017 wurde das Modellprojekt „Löwenherz“ von der Stadt Flensburg mit einer halben Personalstelle gefördert. Drei Jahre später, im Frühjahr 2020, zeigte sich, dass das Angebot erstaunlich schnell und in großem Umfang angenommen wurde. Das führte dazu, dass die Stadt die finanziellen Mittel deutlich erhöhte und inzwischen zwei halbe Stellen finanziert werden.
„Löwenherz“, in Trägerschaft von pro familia, ist ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche, die Gewalt in der Familie erleben und/oder erlebt haben. Ausdrücklich wendet „Löwenherz“ sich auch an jene Heranwachsenden, die häusliche Gewalt als Zeuginnen erleben und somit ebenfalls von Gewalt betroffen sind.

Ein „Löwenherz“ im Hause pro familia

In Flensburg ist „Löwenherz“ in der Marienstraße 29/31, unter dem Dach von pro familia, zu Hause. Im Gespräch mit Dagmar Steffensen, der stellvertretenden Geschäftsführerin von pro familia LV Schleswig-Holstein, und Cornelia Donicht, einer Projektmitarbeiterin, wird die vielfältige Arbeit der „Löwenherz“-Mitarbeiterinnen beleuchtet. Cornelia Donicht ist gelernte Erzieherin, studierte Sozialpädagogin, dazu auch noch eine zertifizierte Traumapädagogin. Sie hat bereits im ersten Jahr des Projektes fast 30 Betroffene betreut und über 50 Beratungsgespräche geführt.

Woher kommt der Name „Löwenherz“?

„Anfangs war unser Projekt noch namenlos; es gab zwar unzählige Vorschläge, doch keiner passte so richtig“, kann sich Conny Donicht noch gut an die Anfänge erinnern.
„Wir waren dann irgendwann in einem Flensburger Jugendzentrum zu Besuch, stellten das Projekt kurz vor, und starteten mit den anwesenden Kindern und Jugendlichen eine Namensfindungsphase. Schnell kristallisierte sich in den lebhaften Diskussionen heraus, dass betroffene Heranwachsende zuallererst Mut aufbringen müssten, um sich der Situation zu stellen und Hilfe zu erbitten.
Die Diskussionsrunde verglich ein beteiligtes Kind mit Simba, dem Hauptcharakter aus dem „König der Löwen“. Bald herrschte Konsens in diesen Punkten: Mut haben bedeutet Herz haben und zeigen, und plötzlich fiel der Begriff „Löwenherz“, der sofort allgemein Anklang fand. So wurde der Name „Löwenherz“ geboren, den alle sofort akzeptierten und für gut befanden.

„Löwenherz“ wird zum Begriff in Flensburg

Die Projektdurchführung gelang durch eine gute Zusammenarbeit und Vernetzung von Vertretern örtlicher Behörden der Stadt Flensburg (Staatsanwaltschaft, Polizei, KIKN-Netzwerk und Frauenberatungsstelle usw.) und von pro familia, die gemeinsam das Konzept entwickelten. Mit eingebunden wurden die sozialen Dienste, bis hin zur Schulsozialarbeit. Denn Kinder und Jugendliche, die unter häuslicher Gewalt leiden, benötigen dennoch eine erwachsene Person, die sie in unterstützende Angebote begleitet. „Allein finden betroffene Kinder diesen Weg nicht“, lehrt die Erfahrung der Sozialpädagogin Conny Donicht. Deshalb arbeitet man bei „Löwenherz“ eng mit pädagogischen Kräften aus anderen Institutionen zusammen, und informiert immer wieder über die schwierige Situation der Betroffenen.
In der ersten Phase nach der Etablierung von „Löwenherz“ sorgte ein Projekt für viel Beachtung: Die Uni Flensburg half durch ein „Service Learning Project“, das fünf hiesige Studierende betreuten und vorantrieben. Flensburger Kinder und Jugendliche wurden aufgefordert, Plakate, Bilder und Filme zu entwickeln, die das Thema der Gewalt in Familien besonders gut und prägnant darstellten. Es gingen seinerzeit sehr viele Vorschläge und Arbeiten zu diesem Projekt bei den beteiligten Studierenden der Uni Flensburg ein. Begleitet wurde der Wettbewerb von mehreren Werbephasen. So nutzten die Studierenden Lehrer*innen-Konferenzen an hiesigen Schulen, um den Wettbewerb vorzustellen. Daneben wurde mit Hilfe von Plakaten auch im öffentlichen Nahverkehr auf den Contest aufmerksam gemacht. Im November 2018 schließlich kam es zu einer bemerkenswerten Preisverleihung, auf der die besten eingesandten Werke prämiert wurden. Diese fand im großen Kinosaal des UCI-Kinos in Flensburg vor nahezu 500 Leuten statt, übrigens im Beisein der Flensburger Oberbürgermeisterin, die das Projekt gern unterstützte. Durch diese Aktion stieg der Bekanntheitsgrad schnell an, das machte sich Anfang 2019 schon dadurch bemerkbar, dass die Zahl der Hilfesuchenden nach oben schnellte, somit das Problem „Gewalt in der Familie“ einer größeren Öffentlichkeit bekannt war.

Fallzahlen in Flensburg

In den vier Jahren 2017 bis 2020 wurden über 600 (!) Beratungen durchgeführt, davon rund ein Fünftel in der Beratungsstelle in der Marienstraße, ein Drittel wurde als Hausbesuch oder an einem dritten (neutralen) Ort absolviert, gut die Hälfte wurde telefonisch erledigt. Von den Anfängen in 2017 bis ins Frühjahr 2020 war ein exponentielles Ansteigen der Fallzahlen erkennbar, pandemiebedingt nahmen die Kontaktaufnahmen etwas ab.

„Löwenherz“ entwickelt sich

Ein wichtiges Anliegen des Angebots bei „Löwenherz“ ist die Enttabuisierung des Themas „Gewalt in der Familie“. Gerade durch Tabuisierung und Scham fällt es sowohl den Kindern als auch den Erwachsenen oft schwer, sich an unterstützende Institutionen zu wenden und Hilfe zu erbitten. Betroffene Kinder und Jugendliche können aggressives, selbstverletzendes oder überaus angepasstes Verhalten zeigen, einhergehend mit Entwicklungsverzögerungen, Traumata, Veränderungen in der Physiologie und auch Gehirnentwicklung. Wichtig: „Häusliche Gewalt“ gilt als potentielle Kindeswohlgefährdung und muss deshalb unbedingt ernst genommen werden!
Der Ansatz von „Löwenherz“ soll betroffene Mädchen und Jungen darin bestärken, dass sie einen Anspruch auf ein eigenes Beratungsangebot haben, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen im häuslichen Umfeld. Eine Besonderheit des Angebots macht die Wahlmöglichkeit aus, die die Kinder und Jugendlichen haben: Sie wählen selbst den Ort aus, an dem sie beraten werden. Das kann in der Schule, in einem Jugendzentrum, zu Hause oder auch in der Beratungsstelle in der Marienstraße sein. Dagmar Steffensen unterstreicht diesen Punkt und betont: „Wir halten ein solches eigenständiges Angebot für betroffene Kinder und Jugendliche für außerordentlich wichtig! Wir haben die Erfahrung gemacht: Mit „Löwenherz“ werden die betroffenen Kinder wirklich erreicht, und sie bekommen alle Unterstützung. Das Projekt ist extrem lebensnah und deshalb so wichtig für die Kinder und Jugendlichen in Flensburg. Wir freuen uns sehr über die Unterstützung und Förderung durch die Stadt Flensburg!“
Apropos Förderung: Durch die erhöhte Förderung durch Flensburg konnte das Team erweitert werden. „Löwenherz“ besteht aktuell aus den Beraterinnen Cornelia Donicht, Marlena Beckmann und Maren Schönfeld sowie ganz neu Laura Knudsen mit zusätzlichen projektgebundenen Stunden.
Da von häuslicher Gewalt auch Kinder und Jugendliche aus dem an die kreisfreie Stadt Flensburg angrenzenden Landkreis Schleswig-Flensburg betroffen sind, wäre es sehr hilfreich, wenn sich auch der Kreis an der finanziellen Förderung beteiligen würde. Gespräche mit diesem Ziel konnten leider noch nicht erfolgreich abgeschlossen werden. „Wir kümmern uns natürlich auch um betroffene Kinder, die im Kreisgebiet zuhause sind – „Löwenherz“ ist schließlich kein Projekt, das an Grenzen gebunden ist. Für uns zählt jedes betroffene Kind und jeder unter häuslicher Gewalt leidende Jugendliche, unabhängig von seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion oder seinem Wohnort“, macht Dagmar Steffensen unmissverständlich klar.

„Löwenherz“ springt über seinen Schatten

Conny Donicht sieht „Löwenherz“ auf einem guten Weg. „Das Wichtigste ist, dass die Kinder und Jugendlichen sich bei uns sicher und geborgen fühlen. Das tun sie übrigens auch in fast allen Fällen. Wir sind darauf eingerichtet, sie altersbezogen und einfühlsam im Gespräch über verschiedene Übungen zu beraten und sie dabei zu unterstützen, sich erst zu öffnen, um anschließend die Sorgen und Nöte behutsam anzusprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das fängt an bei Dreijährigen, die altersbedingt einen ganz anderen Anspruch haben als etwa ein Fünfzehnjähriger, der sowieso durch Einflüsse wie Pubertät und Schulstress schon verunsichert ist, und durch das Thema „häusliche Gewalt“ erst recht in ein kaum zu lösendes Dilemma gerät.“
Wichtig ist, dass die Beratung zeitnah, niederschwellig und durch eine geschulte Fachkraft erfolgen sollte. So kann sichergestellt werden, dass man bei den Kindern und Jugendlichen keine Verlustängste schürt und man an einer Lösung mit den Eltern oder einem Elternteil arbeitet. Die Kinder dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass man gegen die eigenen Eltern arbeitet – wie man es im Volksmund ja oft von Behörden wie dem Jugendamt vermutet.
Es ist daneben auch hilfreich, einen weiteren Erwachsenen bei Beratung von Kindern und Jugendlichen hinzuzuziehen. Heranwachsende brauchen eine erwachsene Bezugsperson ihres Vertrauens. Deshalb richtet sich „Löwenherz“ auch an Erwachsene, insbesondere Elternteile, Lehrerinnen, Trainerinnen oder andere Fachkräfte, die mitbekommen, dass ein Kind oder Jugendlicher in seinem häuslichen Umfeld Opfer oder Zeuge von Gewalt wird oder geworden ist. Conny Donicht zu den Zielen ihrer Arbeit: „Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sollen möglichst schnell wieder handlungsfähig werden, ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen, und mit Hilfe von „Löwenherz“ am besten dafür sorgen, dass die häusliche Gewalt im Familienleben aufgearbeitet und von den Erwachsenen nicht mehr angewandt wird!“
Ein hehres Ziel, doch es ist es wert, dieses anzustreben! Wir wünschen den „Löwenherzen“ für ihre weitere Arbeit viel Erfolg und möglichst viele Kinder und Jugendliche, die dank ihrer Hilfe dem Teufelskreis „Häusliche Gewalt“ entkommen konnten und können!

Mit Conny Donicht und Dagmar Steffensen sprach Peter Feuerschütz
Fotos: Löwenherz

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