FAB – Flensburger Arbeiter-Bauverein: Aus eigener Kraft

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Flensburg nähert sich dem Status einer Großstadt. Der ist bestimmt durch eine Einwohnerzahl von mindestens 100.000. Zum Jahreswechsel fehlten keine 4000 bis zu dieser magischen Grenze. Nach Angaben von Stadtpressesprecher Clemens Teschendorf wächst Flensburg jährlich um ca. 1000 Einwohner. Ein Zuwachs, der seit Jahren stabil ist. Und es sind die Jungen, für die Flensburg attraktiv geworden ist. Vor allem Studierende der beiden Flensburger Hochschulen. Die 18- bis 25-Jährigen sind überproportional am Bevölkerungswachstum beteiligt. Die Stadt verjüngt sich also. Die Vermutung, dass es zunehmend ältere Menschen in die Stadt zieht, kann Teschendorf nicht bestätigen. Erfreulich dieses Mehr an Einwohnern, doch Größe schafft auch Verpflichtung. Flensburgs Fläche ist begrenzt, Bauland rar, begehrt und dementsprechend teuer. Trotzdem wurde in der Stadt in den letzten Jahren gebaut wie selten zuvor. Einen entscheidenden Anteil an der Schaffung neuen Wohnraums haben die Baugenossenschaften. Der FAB als die kleinere der beiden Flensburger Baugenossenschaften hat sich zur Aufgabe gemacht, vor allem für Bezieher mittlerer und kleiner Einkommen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wir sprachen mit FAB-Vorstandsmitglied Andreas Mundt und Direktor Michael Kohnagel über die Lage auf dem Flensburger Wohnungsmarkt. Sie bestätigten die Einschätzung, dass es junge Menschen in die Stadt zieht, nicht nur Studenten. Anders bei jungen Familien. Sie hoffen auf die vermeintliche Ruhe und den Freiraum, den ihnen die Umlandgemeinden versprechen. Nach Aussage der FAB-Vertreter suchen auch ältere Menschen Wohnraum in Innenstadtnähe, um der Isolation in den Landgemeinden zu entfliehen und Anschluss an das urbane Leben zu finden.

Neue Wohnungen für die Stadt

Entsprechend sehen die Bauvorhaben aus. Keine Luxuswohnungen über 100 qm, sondern 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen von 45 bis 70 qm. Diese Wohnungsgrößen sind bei Kaltmieten von knapp 9 Euro pro qm für die meisten bezahlbar. Wer preisgünstiger wohnen will, findet bei der FAB für etwas über 5 Euro eine Wohnung im Altbau. Im Gegensatz zu manchen privaten Anbietern bieten die Wohnungsbaugenossenschaften sanierte, gepflegte Wohnungen mit gutem Rundum-Service.
Das „Wir-Gefühl“ wird groß geschrieben. Es entsteht schon dadurch, dass die Mieter in der Regel Miteigentümer des Unternehmens sind. Schon mit 300 Euro zzgl. 50 Euro Beitrittsgeld kann man als Mieter Anteile an der Genossenschaft erwerben. Diese bieten in Zeiten niedriger Zinsen immer noch gute Renditen von z. Zt. 4%. Im Gegensatz zu anderen Baugenossenschaften ist die Mitgliedschaft bei dem FAB an ein Mietverhältnis gebunden. Eine Maßnahme, um Spekulanten davon abzuhalten, die Mitgliedschaft als Ersatz für unrentable Bank-Spareinlagen zu nutzen bzw. zu missbrauchen.
Trotz dieser Beschränkungen mangelt es der Genossenschaft nicht an Eigenkapital und Bonität zur Finanzierung neuer Bauvorhaben. Auf öffentliche Förderung verzichtet der FAB, wie Michael Kohnagel und Andreas Mundt betonen, weitgehend. Dank niedriger Zinsen und guter Kapitaldecke können die Neubauten selbst finanziert werden. Auch für die Mieter, besser die Mietkosten, spiele, so die FAB-Vertreter, die öffentliche Förderung bei ihnen keine Rolle.

Bauen im Herzen Flensburgs

Aktuell wird am Sandberg, einen Steinwurf von der Industrie- und Handelskammer in der Heinrichstraße entfernt, gebaut. Bis zum Mai entstehen dort 41 Wohnungen zwischen 30 und 90 qm. Die Hälfte davon ist bereits gut vermietet. Von 20 bis 60 reicht das Alter der Interessenten, ein Mix, den die Bauherren begrüßen. Die Mischung von Alt und Jung ist durchaus erwünscht, auch bei anderen Wohnungsträgern. Das verhindert eine Ghetto-Bildung von „nur Alten“ oder „nur Jungen“, sondern fördert ein lebendiges Mitein-
ander der Generationen.
Etwas anders sieht es in der Schulze-Delitzsch-Straße aus: Aus einem Alten- und Pflegeheim wurde ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem SBV und der AWO ein modernes Servicezentrum mit rund 80 Pflegeplätzen und 131 Wohnungen.

Lebenslanges Wohnen

Neben bezahlbarem Wohnraum sind für viele Mieter die Serviceleistungen ein Argument für genossenschaftliches Wohnen. Vor allem die Unkündbarkeit, das lebenslange Wohnen, ist ein Grund, sich sicher und geborgen zu fühlen, ohne Angst vor Kündigung und unvorhersehbaren Mieterhöhungen. Gerade für ältere Menschen ist der Rundumservice, im Notfall 24 Stunden an 7 Tagen, ein inzwischen unverzichtbarer Vorteil. Wenn auch nicht rund um die Uhr, so werden Kleinreparaturen von einem Hausmeisterservice zeitnah erledigt. Die langwierige Suche nach Handwerkern entfällt. Selbst bei der Einrichtungsberatung, von der Wahl der Tapeten bis zur Entscheidung für den richtigen Teppich, stehen die Berater des FAB ihren Mitgliedern und Mietern zur Seite.

Aus der Vergangenheit in die Zukunft

Seit nun über 140 Jahren, gegründet 1878, entwickelt sich der FAB von einem Arbeiterbauverein zu einem modernen Wohnungsbau- und Serviceunternehmen. Vor allem nach dem 2. Weltkrieg zeigten die Wohnungsbaugenossenschaften die Stärke ihres aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Konzeptes. Aus eigener Kraft und mit dem Geschick ihrer Mitglieder entstanden die dringend benötigten Wohnungen. Hunderttausende von Flüchtlingen strömten in die Region, oft mit nichts anderem versehen als einem Koffer. Handanlegen und Selbsthilfe verhalfen zu schnellen Ergebnissen beim Wohnungsbau. Den größten Bauboom erlebten die 50er und 60er Jahre. Ein Zehntel aller Wohnungen der Stadt wurden in dieser Zeit neu gebaut.
Flensburg wuchs in den Folgejahrzehnten stetig, bis heute.
Für den FAB steht für die nächsten Jahre die Bestandspflege ganz oben auf der Aufgabenliste. Modernisierung, energetische Sanierung müssen angepackt werden, um die Ansprüche zu erfüllen und die Wohnungen konkurrenzfähig zu halten. Neubauten dann, wenn das Angebot von Grundstücken vorhanden ist. Und das wird in der Stadt knapp. Kaum noch freie Flächen, nachdem in den vergangenen Jahren Luft durch die Umwandlung von Bundeswehrliegenschaften in Wohn- und Gewerberaum geschaffen wurde. Dieses Potential ist weitgehend ausgeschöpft. Umso wichtiger, so betonen die Verantwortlichen des FAB, ist eine zügige und reibungsarme Abwicklung der Genehmigungsverfahren durch die Stadt. Da hakte es in der Vergangenheit. Oft gab es ein zähes Ringen um Details und das Problem, so Michel Kohnagel und Andreas Mundt, „dass jeder Sachbearbeiter im Rathaus sich als Herr des Verfahrens fühlte.“
Die Oberbürgermeisterin Simone Lange hat mit der Schaffung einer Koordinierungsstelle die Weichen für eine bessere Abstimmung zwischen den Verwaltungsstellen geschaffen. Noch ist man kritisch und wartet auf eine durchschlagende Veränderung. Aber nicht nur der FAB, auch andere Akteure in der Stadt sind sich einig. Das ist im Prinzip der richtige Weg. Immerhin will der FAB als kleinste Flensburger Baugenossenschaft in den nächsten Jahren 100 neue Wohnungen für 15 Millionen Euro bauen. Weitere 14,5 Millionen Euro fließen in Modernisierung und Instandhaltung. Wenn die Stadt weiter wachsen soll, kann auf die Leistung der Baugenossenschaften nicht verzichtet werden. Sie sind mehr noch als private Investoren aufgrund ihrer Geschichte und Struktur in der Lage und bereit, bezahlbaren Wohnraum für jedermann zu schaffen und zu erhalten.
Bericht: Dieter Wilhelmy, Fotos: Benjamin Nolte, FAB

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