Flensburg nach dem Zweiten Weltkrieg, noch vor dem „Wirtschaftswunder“: In jene Zeit hineingeboren wurde unsere Chronistin Silke Lorenzen, geborene Gossmann. Sie erblickte das Licht dieser schönen Welt im Flensburger Stadtbezirk „Achter de Möhl“, der zum Stadtteil Sandberg gehört.

Die geschichtliche Entwicklung

Achter de Möhl schließt sich unmittelbar südlich an das Johannisviertel der Flensburger Altstadt an, der einstige Begriff Fischerhof ist mittlerweile längst in Vergessenheit geraten. Das Gebiet wuchs immer enger mit der Stadt zusammen.
Das städtische Areal östlich des Kleinen Mühlenteichs wurde schließlich Achter de Möhl (Plattdeutsch für „hinter der Mühle“, gemeint war die königliche Wassermühle) genannt.
Das Gebiet Achter de Möhl gewann Bedeutung als Verwaltungszentrum des Amtes Flensburg. Die Amtsverwaltung war 1801 von Duburg herübergezogen. Am südlichen Ende der Siedlung wurde das Amtsgefängnis eingerichtet. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Gebiet zu einer Arbeiter-Vorstadt. Dort entstand 1825 eine neue Schule für Kinder aus der Stadt und dem Gebiet Fischerhof. Nach 1867 hatte der Kreis Flensburg seinen Verwaltungssitz in dem historischen Gebäudekomplex untergebracht (heute Waitzstraße, Nr. 1 und folgende).
Nach der Auflösung des Kreises blieben einige Dienststellen des Kreises Schleswig-Flensburg ebendort bestehen.
In den 1980er Jahren wurde der Komplex durch die neue Landeszentralbibliothek erweitert. Zu Achter de Möhl zählen die Waitzstraße, die Mittelstraße, die Teichstraße, die Fischergasse, die Blumenstraße und der Munktetoft, das Quartier wird begrenzt durch die Bahnhofstraße, und die Heinrichstraße. Wegen einer enormen Vielfalt an kleineren Händlern, Gewerbetreibenden und Handwerkern konnte Achter de Möhl bis in die 1970er Jahre hinein als „geschlossener“ Stadtteil wahrgenommen werden.
Silkes Eltern betrieben in der Waitzstraße einen Friseursalon – den es auch heute noch gibt. In jenem Haus mit der Hausnummer 11 ist sie geboren, im hinteren Zimmer mit Blick auf den Hof hinaus. Silkes Kindheit, ihr Heranwachsen und ihre gesamte Jugend verbrachte sie weitestgehend auf jenem Gebiet, das zu Recht in der damaligen Zeit der 50er bis 70er Jahre als in sich geschlossener Stadtteil gesehen wurde. Bei Kindern galt und gilt der Spruch „kurze Beine, kurze Wege“. Dieser Spruch galt jedoch in jenen Jahren für praktisch alle Bewohner dieses Bezirks – kein Wunder, konnte man in Achter de Möhl praktisch alles fürs tägliche Leben direkt um die Ecke oder nebenan – auf jeden Fall fußläufig, bekommen und kaufen. So blieben die Menschen dort die meiste Zeit unter sich. Es gab damals noch keine Freizeitaktivitäten wie heute, und zudem war kaum eine Familie überhaupt motorisiert. Dazu waren die Zuständigkeiten in den Familien klar geregelt: Der Ehemann und Vater arbeitete, die Ehefrau und Mutter passte die Wohnung, die Kinder, kochte, putzte und kaufte ein. Und die Kinder … schliefen, aßen, oder spielten – Letzteres fast immer jedoch draußen!

Die Waitzstraße, rechte Seite

Direkt von der Heinrichstraße abgehend, zieht sich diese Straße wie eine Wäscheleine oder eine Hauptschlagader von Nord nach Süd durchs Viertel. Die Straße gibt es auch heute noch, ihr Antlitz hat sich allerdings in den letzten 50 bis 60 Jahren deutlich verändert. Silke Lorenzen führt uns auf ihrer Reise in die Vergangenheit von Haus zu Haus, beginnend von der Heinrichstraße kommend auf der rechten Straßenseite:
„Es begann mit dem Gebäude der OKK (heute AOK), dem schloss sich das Druckhaus Severin Schmidt an. Dann kam bereits der erste Friseur in unserem Viertel, der Friseursalon Schulz. Dem folgte ein nobles Wohnhaus, das einem wohlhabenden Mitbürger namens Fossgreen gehörte. Herrmann Fossgreen war in den 1920er Jahren ein Pionier im Bereich Radiotechnik, und reichte einige nennenswerte Patente ein. Sein Unternehmen war viele Jahre lang in Flensburg etabliert und bekannt.
Im danebenliegenden Haus wurde mit Frischwaren gehandelt: bei Gemüse & Obst Holm. Im weiteren Verlauf der Straße gab es die Fahrschule Dunker, ein weiteres Privathaus, bis schließlich die Pestalozzi-Schule folgte. Als ganz kleine Steppkes wären wir Gören gern dort zur Schule gegangen – es lag ja praktisch vor der Haustür – doch unsere Eltern waren aus begreiflichen Gründen strikt dagegen:
Die Pestalozzi-Schule war ja eine Sonder-Schule für Kinder mit Einschränkungen, wie man heute sagen würde. Neben der Schule befand sich die Drogerie Massmann, dann das Ladenlokal des Schneiders Zimmerschiet, daneben der nächste Friseursalon, der Herrenfriseur Detlefsen. Seinerzeit kostete übrigens ein gewöhnlicher Herrenschnitt 50 Pfennig! Neben dem Friseur konnte man beim Schreibwarengeschäft von Frau Paulsen sämtliche zum Schriftverkehr benötigten Utensilien kaufen – sie hatte einfach alles! Zur Abwechslung folgte mal wieder ein Geschäft mit Lebensmitteln: der Milchmann Möller. Eine Hausnummer weiter unterhielt ein Tischler seine Werkstatt im Hinterhof, es folgte die Kneipe „Hummels Eck“. Danach kam ein Haus, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte: Ein düsteres Gebäude, in dem einst das hiesige Frauengefängnis untergebracht war. Später hatte im gleichen Haus eine Schokoladenfabrik ihre Produktionsstätte, doch Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre wurden in jenem Hause Schulungsräumlichkeiten für Koch- und Schneiderausbildungsgänge betrieben. „Wir Kinder von Achter de Möhl wurden von den dortigen Lehrlingen und Ausbildern gern als Modelle genutzt – sogar aus unserem Kindergarten in der Helenenallee wurden gelegentlich Kinder als „Models“ angefragt – die dazu allerdings immer Lust hatten und das gern mitmachten“, kann Silke sich noch gut an jene Zeit erinnern. Weiter in Richtung Süden folgte Elektro Witte – jeder aus dem Viertel kaufte nur hier Glühbirnen und Lampen ein. Es folgten noch die Berufs-Feuerwehr – die Rückeinfahrt für die Einsatzfahrzeuge, und schließlich die Attraktion des Viertels: das blitzeblanke neue Flensburger Hallenbad, das im Jahr 1964 eingeweiht wurde: „Ich war eines der ersten Kinder, die im nagelneuen Bad das Freischwimmer-Abzeichen machen durften – noch bevor ich zur Schule kam“, weiß Silke noch sehr gut.

Die Waitzstraße, linke Seite

Zurück zum Ausgangspunkt: Wieder von der Heinrichstraße kommend, findet man am Anfang der Waitzstraße den historischen Gebäudekomplex vor, in dem seinerzeit das Landratsamt beheimatet war. Jener Bau kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken, auf die wir schon in anderen Stadtteilbetrachtungen umfassend eingegangen sind (siehe FLJ Nr. 218, Hans-Wilhelm Langholz „Seit 90 Jahren in Flensburg to Huus“).
Hinter dem Gebäude gab es eine großzügige Grünfläche, auf der damals noch ein Pavillon stand. In diesem Pavillon waren die Büroräume der Baugenossenschaft Gewoba Nord untergebracht. Für die Kinder damals elementar wichtig war die daneben befindliche Firma Frucht Hansen: Regelmäßig wurden Südfrüchte angeliefert, so ziemlich alles, was nicht nur das Kinderherz begehrte. In den großen Bananen-Kartons, die direkt aus den exotischen Herkunftsländern kamen, fand sich neben den Fruchtstauden ab und zu auch mal Lebendiges: So haben wir Kinder öfter mal Schlangen zu sehen bekommen, einmal sogar ein kleines Äffchen. Die Tiere wurden umgehend an Zoohandlungen abgegeben, für uns war das aber damals extrem aufregend. Der Firmeninhaber Herr Hansen war nicht nur sehr tierlieb, sondern hatte auch ein großes Herz für Kinder. Nach jeder größeren Anlieferung spendierte er für alle Kinder des Viertels die sogenannten „kaputten Früchte“; die waren bei den Mädels und Jungs heiß begehrt, denn wann gab es schon zu Hause mal eine Banane oder gar eine Orange zu essen? Direkt neben dem Geschäftsbetrieb lag das Wohnhaus der Inhaberfamilie Hansen.
Und dann folgte Fedder Lund!
Fedder Lund, der später an gleicher Stelle ein Autohaus betrieb und mit der Nobelmarke aus München bekannt wurde, führte in jenen Jahren, aus denen unsere Chronistin berichtet, in der Waitzstraße Nr. 9 eine ESSO-Tankstelle, insbesondere der damalige Werbeslogan ist ihr bis heute im Gedächtnis geblieben: Als Werbung noch Reklame hieß, waren Diesel und Benzin noch weit mehr als nur Treibstoff.
„Pack den Tiger in den Tank“, forderte ESSO seine Kunden ab 1964 erstmals auf – so natürlich auch bei Fedder Lund in der Waitzstraße! „Wir Kinder waren auch regelmäßige Nutzer der Tankstelle: Wir fuhren mit unseren Tretrollern hin zum Luft aufpumpen“, schmunzelt Silke. In für damalige Verhältnisse riesigen Lagerhallen begann Fedder Lund in jenen Jahren mit dem Verkauf von Fahrzeugen, anfangs jedoch vorerst nur Wohnwagen der beiden Marken „Tabbert“ und „Wolff“. Die Ausstellungsräume befanden sich an der Ecke Waitzstraße/Blumenstraße.
Dann kam schon Silkes Elternhaus: Der Friseursalon Gossmann in der Hausnummer 11.
Die danach folgenden Geschäfte waren wie auf einer Perlenkette aufgereiht: die Heißmangel Coralus (Frau Koch war die Besitzerin), der Schmied Karl-Heinz Marten. Den Schmied Marten kannte jedoch niemand im ganzen Viertel unter seinem richtigen Namen: Er hieß für alle nur „der Nieter“!
Nach dem Nieter folgte die damals stadtbekannte Bäckerei Petersen, deren Sauerteigbrot ein echter Renner war. Der Bäcker Petersen hatte auch stets etwas für die zahlreichen Gören des Quartiers übrig, oft genug verschenkte er einfach den Kuchenschmull, den man eigentlich für 10 Pfennig die Tüte bei ihm kaufen sollte …
Kuchenschmull spendierte aber auch ein Stammgast aus dem Friseursalon Gossmann für die Kinder: Kaufmann Arthur Baack (vom Flensburger Autohändler Baack & Nicolai) kam täglich zum Haareschneiden und Rasieren in den Salon, und hatte fast immer für die „Lütten“ ein paar Groschen für Schmull übrig.
In den angrenzenden Wohnhäusern Richtung Süden waren zahlreiche Handwerker zuhause, wie etwa der Maler Gertz, ein rechtschaffener und honoriger Mann, stets Zigarre rauchend. Gertz mochte allerdings keine Kinder; wenn ihm mal eines zu blöd kam, gab es schon mal „eine an die Ohren“. Wenn das passierte, war das einfach so:
„Selbst Schuld“, sagten dann die Eltern, „ihr wisst doch, dass ihr ihn nicht ärgern sollt!“ Hinter den genannten Wohnhäusern kamen noch einige uralte und klitzekleine Fischerhäuser, die so niedrig waren, dass sich die Kinder manchmal übermütig an die Dachrinnen hängten – sich aber nicht dabei erwischen lassen durften.
Von der Waitzstraße ging schließlich Munketoft ab, dort gab es den Bäcker Clausen, und seit ewigen Zeiten den Kiosk mit dem schönen Namen „Süße Ecke“.

Mittelstraße und Teichstraße

Westlich der Waitzstraße verliefen die Mittelstraße und die Teichstraße, beide ebenfalls in Nord-Süd-Richtung. In der Mittelstraße gab es seinerzeit auch noch mehrere Geschäfte, so den Kohlenhändler Jensen, dessen Chef auf den klangvollen Namen Gottlieb Fürstenberg hörte – alle kannten ihn jedoch nur als „Goddi“. Über drei Generationen hinweg (von 1907 bis 1980) hatte in der Mittelstraße die Familie Detert ihr Fachgeschäft und Schlachterei. Ein Schuster befand sich auch in jener Straße: Er hieß wie viele andere auch Hansen. Die Mittelstraße war ansonsten geprägt von vielen Mehrfamilienhäusern mit kleinen Wohnungen, meistens waren es Arbeiterfamilien, die dort zuhause waren. Entsprechend viele Kinder prägten das Straßenbild.
Von der Mittelstraße zweigte der Konsumgang ab: benannt nach dem damals dort befindlichen Kolonialwarenmarkt namens „Konsum“. Gegenüber des Konsumganges in der Mittelstraße gab es die Klempnerei und Dachdeckerei der Gebrüder Lorenzen. Dieser Betrieb wurde gerne in ganz Flensburg geordert und hat sich später auf Kupferdeckung von Kirchen spezialisiert, z. B. die runde Kuppel der Flensburger Kirche St. Michael und in Glücksburg die St. Laurentius-Kirche.
In der Teichstraße befand sich ein großes Grundstück, auf dem die Gossmanns (Silkes Familie) insgesamt 24 Garagen bauen ließen und diese an Anwohner vermietete. Es gab in dieser Straße sogar einen Terrazzoleger: Jürgen Gerdnun betrieb dort sehr erfolgreich sein Gewerbe. Nebenan hatte die Gärtnerei Romanowski ihren Gartenbaubetrieb – mit diversen Treibhäusern und einem Ladengeschäft für den Verkauf. Weiter gab es in jener Straße einen Kiosk, den die Familie Zizioli führte: Es war eigentlich mehr ein kleines Lebensmittelgeschäft, denn man konnte den Laden betreten und seine Lebensmittel selbst auswählen. Was durfte in dem Viertel nicht fehlen?
Na klar, eine weitere Kneipe, die passenderweise „Achter de Möhl“ hieß! Schließlich gab es noch ein weiteres Fachgeschäft für den täglichen Bedarf: Bei Zigarren & Zeitschriften Koch wurden regelmäßig Rauchwaren und Illustrierte gekauft – damals rauchten praktisch alle „Herren der Schöpfung“, bei den Frauen von „Achter de Möhl“ waren eher die bunten Illustrierten zum Lesen, Rätseln und Stöbern angesagt. Einen Klempner gab es selbstredend auch: Klempner Petersen!
Ein damals recht prominenter Sportler wohnte seinerzeit auch hier, und wurde von den Einheimischen entsprechend verehrt und bewundert: Der Boxer Rudi Plechinger lebte in der Teichstraße, er boxte damals sehr erfolgreich für den bekannten Flensburger Boxverein „Sparta“.

Helenenallee und Bahnhofstraße

In der Helenenallee war damals noch das Flensburger Unternehmen Dantronik beheimatet. In den 1960er Jahren begannen der Sohn von Herrmann Fossgreen und der Radio- und Fernsehtechnik-Meister Nico Jansen damit, dänische Taxi-Funkgeräte auf dem deutschen Markt zu verkaufen. Da sich dieses Geschäft immer schneller und weiter entwickelte, bestand Herrmann Fossgreen darauf das Geschäft auszulagern. Dantronik entwickelte sich in den kommenden Jahren zu einer bekannten Größe in den Bereichen Betriebsfunk, maritimer Kommunikation und Navigation, sowie Kommunikation und Disposition im öffentlichen Personennahverkehr. Mit UKW-Seefunkanlagen und Decca-Navigationsgeräten (Decca war ein Vorläufer von GPS) war Dantronik zeitweise Marktführer in Deutschland.
In der Helenenallee wohnten im Gegensatz zur Mittelstraße überwiegend mehr Angestellte und Beamte, die sogenannten „besseren Leute“. In der Bahnhofstraße hatte die Firma Reese ihr Domizil, dort befand sich auch damals schon neben dem Kindergarten „Schwedenheim“ die Fahrschule Simonsen, dann folgte der Fachbetrieb von Fernseh Schütte, ferner war damals dort das Arbeitsamt angesiedelt. Weiter südlich schloss sich schließlich noch die „Schweizerhalle“ an.

Apropos „Schweizerhalle“:

„Diese Bezeichnung meinte nicht nur die Gaststätte gleichen Namens, mit angehängtem großen Saal und Schießbahnen. Der Saal wurde für zahlreiche Veranstaltungen wie Tanzfeste genutzt, und die Schießanlage, regelmäßig von den ortsansässigen Schützenvereinen genutzt, gab der Einrichtung schließlich ihren Namen: Abgeleitet vom Schießen, Schießen gleich Wilhelm Tell, Wilhelm Tell war Schweizer – wurde der Name „Schweizerhalle“ geprägt, und so einfach beibehalten“, weiß unsere Chronistin zu berichten.
Mit dem Begriff „Schweizerhalle“ meinten die Leute aber auch den einstigen Weg an der Brauerei vorbei durch das kleine Wäldchen, dessen Restbestände erst vor einigen Monaten als Bahnhofswald in die Schlagzeilen der Presse gerieten. Auf diesem Grüngebiet befand sich auch ein Spielplatz, neben den Mirabellenbäumen lag ein sogenannter Bolzplatz, und manchmal grasten dort sogar neben der Gaststätte „Schweizerhalle“ einige Schafe. Dieses Fleckchen Erde war für die Leute der Gegend praktisch die „grüne Lunge“.
Für viele Kinder aus den nahegelegenen Stadtteilen Rude und Achter de Möhl bzw. Sandberg war es das Paradies schlechthin. In den Sommermonaten konnten sie ihren Durst nach stundenlangem Spielen oder Bolzen löschen, sie füllten ihre Trinkflaschen mit frischem Wasser aus der Quelle auf, die sich im Wäldchen am Hang neben der Gaststätte befand. Der kleine Bach musste auch als „Waschbecken“ herhalten, wenn mal dreckige Hände oder mehr vorkam – was ja nicht ausblieb, wenn man auf Bäume kletterte, oder auch mal im matschigen Sumpf einsank, etwa beim Frösche beobachten oder beim Versuch, diese zu fangen. Wegen der Hanglage konnte man im Winter dort manchmal richtig gut mit dem Schlitten runterrodeln.
Die „Schweizerhalle“ ist schon längst Geschichte; heute stehen dort Teile der Hauptpost, und wie erwähnt der sogenannte Bahnhofswald.

Das Revier der Kinder

Die vielen, vielen Kinder des Viertels waren tagsüber allgegenwärtig auf den genannten Straßen, Wegen und Hinterhöfen: ihr Revier machte draußen praktisch vor nichts und niemandem Halt. In der Helenenallee Nr. 17 war der Kindergarten „Schwedenheim“ zu Hause, den gibt es auch heute noch als städtische Kindertagesstätte gleichen Namens. „In unserer Kindheit gingen im Vergleich zu heute nur sehr wenige Kinder täglich regelmäßig in die KiTa – eine Kinderbetreuung wie heute fand damals nicht statt. Vorschulkinder wurden von der Mutter, der Oma oder anderen weiblichen Verwandten gepasst, die Schulkinder gingen allesamt zur Löhmannschule. Der tägliche Schulweg führte die Jungen und Mädchen über die Johannistreppe: Die genau 69 Stufen steilen Weges zwischen Sandberg und Blumenstraße verbanden „Achter de Möhl“ mit dem höher gelegenen Teil des Stadtteils Sandberg. Der Weg hieß bei den Kindern nur „die Hexentreppe“, für kleine und kurze Kinderbeine Tag für Tag eine echte Herausforderung! Natürlich wurde der Anstieg täglich von den Kleinen bewältigt – niemand von den Eltern wäre damals auf die Idee gekommen, die Kinder zur Schule zu begleiten oder gar hinzufahren!“
Der Treppengang war von den Erbauern durchaus liebevoll gestaltet geworden, mit kleinen Sichtscharten und schmückenden, steinernen Kugeln auf den Eckpfeilern. Die schmiedeeisernen Geländer rahmten die Anlage ein, und man genoss einen guten Ausblick. Den Kindern war das egal, sie fühlten sich auf den Stufen der Treppe wie in einem verwunschenen Schloss, gewissermaßen ins Mittelalter versetzt – die Treppe war somit nicht nur Schulweg, sondern oft genug Spielplatz für Jungs und Mädchen.
Im Viertel „Achter de Möhl“ gab es sogar einen eigenen Sportverein: den VfB Nordmark Flensburg. Die Sportanlage des VfB Nordmark lag am südlichen Ende der Waitzstraße, man musste nur noch den Mühlendamm überqueren, dann stand man vorm Eingang des Geländes mit dem Clubheim und dem Willi-Merkel-Platz. Praktisch jeder fußballbegeisterte Junge und später erwachsen gewordener Bursche schnürte für den VfB Nordmark seine Fußballstiefel – das war einfach so im Viertel. Im Clubheim wurde häufig gekegelt, zudem fanden in der Vereinsgaststätte über viele Jahre hinweg zahllose fröhliche Feiern statt (sowohl Vereins- wie auch Privatfeiern).

„Achter de Möhl“ heute

Sowohl die „Schweizerhalle“ als auch das Flensburger Hallenbad, aber seit fünf Jahren auch der Sportverein VfB Nordmark sind längst Geschichte – es gibt sie einfach nicht mehr. Gleiches gilt für fast alle hier genannten Fachgeschäfte des Viertels.
So ist es halt im Leben, ein stetiger Wandel vollzieht sich – mal langsamer, mal etwas schneller. Die meisten Häuser und Gebäude aus der Zeit der 50er und 60er Jahre stehen allerdings noch, wenngleich einige von ihnen eine Zeitlang vom Verfall bedroht waren.
Der Ausbau der nahen Fachhochschule und der Universität, die seit den 1990er Jahren auf dem nahen Sandberg konzentriert und wesentlich erweitert wurden, wendete jedoch das Blatt. Seither ist das Viertel wegen der Nähe sowohl zu den Hochschulen als auch zur Innenstadt ein vor allem bei Studierenden beliebtes Wohngebiet. Unsere Chronistin lebt nach wie vor mit ihrer Familie in der Waitzstraße, und kann sich gar kein anderes Zuhause für sich vorstellen. Möge dieser Zustand noch lange anhalten!
Wir bedanken uns für einen interessanten und kurzweiligen Blick zurück bei Silke Lorenzen!

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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