Tempo 30 außerhalb einer Ortschaft auf einer Bundesstraße? Und keine Baustelle! Gibt es nicht? Doch gibt es, und zwar bei Handewitt. Dort endet die Vierspurigkeit der B 199. Von Flensburg kommende Autos, die nicht auf die Autobahn nach Dänemark oder Hamburg abbiegen, müssen sich durch eine enge, von Schutzplanken umsäumte Kurve zwängen, die sich eigentlich auch nicht mit mehr als 30 Stundenkilometern komfortabel passieren lässt. Dieses Unikum existiert inzwischen seit 50 Jahren, und ebenso lang gibt es Pläne, dieses zu beseitigen.

Verkürzter Trassenverlauf

Als am 13. Juli 1976 die neue vierspurige Schnellstraße von Flensburg-Friedenshügel bis Langberg eingeweiht wurde, gedieh die Vision, die B 199 schon bald als „Sylt-Zubringer“ bis nach Niebüll auszubauen. Ursprünglich sollte der erste Bauabschnitt einige hundert Meter weiter westwärts gehen und in die Raiffeisenstraße, mitten im heutigen Handewitter Ortszentrum, einmünden. Etliche Anwohner, darunter Dorfarzt Hans Boie und der spätere Bürgermeister Helmut Kanzler, beschwerten sich Anfang der 70er Jahre vehement und lockten sogar den damaligen Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen (SPD) auf die Geest. Die scharfe Kurve war Teil des Kompromisses.

So maß das erste Teilstück nicht gut fünf Kilometer, sondern nur 4,4 Kilometer. Es kostete einschließlich Grund­erwerb 22,3 Millionen D-Mark. Im Juli 1974 begannen am Friedenshügel die Bauarbeiten. Insgesamt 15 Firmen waren beteiligt. Vier Brücken wurden errichtet und die unfallträchtigen Kreuzungspunkte mit der Eisenbahnstrecke und dem Ochsenweg entschärft. Die B199 erhielt einen ganz neuen Verlauf. Zwischen Schäferhaus und Langberg wurde für die alte B199 sogar eine Brücke geschaffen, um die neue Schnellstraße zu überwinden.

B199: Ein Provisorium wird 50 Jahre alt
Brückenbau über den Ochsenweg

6500 D-Mark für die Einweihung

Lange gerungen wurde um eine Landeszuweisung. Die Flensburger Verwaltung und Kiel benötigten mehrere Runden, bis sie sich am Rande der Einweihung einig wurden. Diese fand am 13. Juli 1976 statt – im Rahmen einer „Doppel-Feier“, da auch die Autobahn 7 dem Verkehr übergeben wurde. „Flensburg, unser wichtiges Oberzentrum, kann jubeln“, sagte Rudolf Titzck. „Die Autobahn hat die nördlichste deutsche Großstadt erreicht.“ Dann packte Schleswig-Holsteins Innenminister zusammen mit einigen anderen Ehrengästen einen Fichtenstamm zur Seite. Um exakt 11.36 Uhr hieß es auf dem neuen Autobahn-Teilstück von Tarp bis Flensburg/Harrislee: „Freie Fahrt!“ Ein langer Konvoi rollte sofort über die frische Infrastruktur bis zum nördlichen Endpunkt. Dort wurde die neue B 199 eingeweiht und hautnah begutachtet, ehe im Kasino der Briesenkaserne in Weiche eine Feierstunde folgte. Der zeremonielle Akt verschlang immerhin 6500 D-Mark, die der Bund übernahm. Die Stadt beteiligte sich mit zwei Getränkerunden.

Ein Dornröschenschlaf

Die Protagonisten gingen damals davon aus, sich bald zu weiteren Feierstunden am „Sylt-Zubringer“ wiederzutreffen. Doch die scharfe Kurve, das „Handewitter Provisorium“, wurde zum Dauerzustand. Ein Weiterbau verzögerte sich immer wieder. Das Geld fehlte, bis das kühne Vorhaben zu Beginn der 90er Jahre endgültig in der Schublade landete. In Handewitt nahm man diese Nachricht mit gemischten Gefühlen auf. Zum einen hätte der ursprünglich angedachte Straßenkörper den Hauptort der Gemeinde zerschnitten und die prosperierende Entwicklung verhindert. Andererseits litt Unaften schon damals am hohen Verkehrsaufkommen der B199, die auch heute noch quer durch den Ortsteil führt. Langsam drehten sich die Mühlen der Planung. Im Frühjahr 2009 einigten sich die beteiligten Parteien auf eine Trasse, die an Unaften und am Handewitter Gewerbegebiet nördlich vorbeilaufen sollte. Und die Kurve an der Autobahn sollte einen größeren Radius erhalten und damit entschärft werden. Doch es tat sich nichts.

B199: Ein Provisorium wird 50 Jahre alt
Die neue B199 musste auch die Eisenbahn queren

Da sich gerade beim Scandinavian Park die Stauungen häuften, unternahm die Gemeinde Handewitt 2017 einen Anlauf für eine Interimslösung. Von der Autobahnabfahrt bis zur Kreuzung, von der Ellunder Straße und Alter Kirchenweg abzweigen, waren durchgängig vier Spuren angedacht. Bei der Einmündung der Lecker Chaussee sollte ein „Turbo-Kreisel“ angelegt werden. Und das scharfe „Kurven-Provisorium“ sollte mit einem großzügigeren Profil entschärft werden. Allerdings erwies sich die Kostenverteilung als Knackpunkt. Bund und Land schoben die finanzielle Verantwortung auf die Gemeinde ab.

Das Ende des Provisoriums?

Jetzt scheinen mit dem vielzitierten Sondervermögen des Bundes die alten Planungen wieder auf die Tagesordnung geraten zu sein. Auf Anfrage teilte der Landesbetrieb für Straßenbau und Verkehr (LBV.SH) mit: „Als Trasse wird der vom Bund genehmigte Verlauf weiterverfolgt.“ Einen neuen Ansatz beinhaltet ein zweiter Satz: „Die Maßnahme wird zukünftig zweigeteilt.“ Demnach bilden nun die Strecke von der Autobahn bis zur Einmündung in die Lecker Chaussee einen ersten Bauabschnitt. Der zweite umfasst die eigentliche Ortsumgehung von Handewitt und Unaften, die in westlicher Richtung erst kurz vor Wallsbüll wieder auf die bestehende Trasse einschwenken soll. Die Priorität sollen zunächst die „Ausbuchtung“ der 50 Jahre alten Kurve und eine Ampelschaltung, die als Vorbereitung für die weitere Ortsumgehung installiert werden soll, genießen. Ein Zeitplan liegt allerdings noch nicht vor.

Text und Fotos: Jan Kirschner   

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