„Wann wird es mal wieder richtig Sommer?“, trällerte Rudi Carell im Frühling 1975 – als Reaktion auf gar nicht so warme Sommermonate in den vergangenen Jahren. Im Rückblick wirkt der allseits beliebte Showmaster wie ein Sonnenmacher. Denn das Jahr 1975 brachte einen „Jahrhundert-August“, in dem die Quecksilber-Säule an der Station Schäferhaus bis auf das Rekordhoch von 32,7 Grad kletterte. Und 1976 folgte der „Jahrhundert-Sommer“, der in der Spitze nicht ganz an seinen Vorgänger heranreichte, aber dem hohen Norden 25 richtige Sommertage und eine ausgedehnte Trockenheit bescherte.
Schon Anfang Juni 1976 war es warm und trocken. Im Süden Deutschlands und Europas begann eine Hitzewelle. Die Tageszeitung empfahl: „Viel Trinken und viel Schwitzen!“ Im Norden kühlte es dann etwas ab, mehr als an zwei Tagen regnete es aber nicht. Und ab dem 21. Juni blieb es konstant gut. Just an diesem Tag begann im Ostseebad und im Freibad Weiche das Ferienschwimmen. Bei Wassertemperaturen von nur 15 Grad dachten die Lehrkräfte und Sportstudenten daran, die Kurse auszusetzen. Doch die sommerliche Witterung förderte den Elan. Das nasse Element hatte in der Förde schon Ende Juni 20 Grad erreicht, sodass Wissenschaftler angesichts der raschen Erwärmung über einen Sauerstoffmangel dozierten. Die Badelustigen störten sich nicht daran. Die Strände in Solitüde, Wassersleben oder am Ostseebad waren rege bevölkert. Und Schulschwimmobmann Karl-Werner Bockel registrierte letztendlich in den Sommerferien eine Rekordzahl von 1102 Schwimmzeugnissen.
Sommer-Kulisse auf der Förde, Dürre auf den Feldern
Die „Mürwik“ nach Glücksburg, die „Libelle“ und die „Seemöwe“ nach Kollund – auf der Flensburger Förde bewegten sich die Ausflugsschiffe. Der Zuspruch erlahmte allerdings. „Drei Tage Regenwetter wären nicht schlecht“, meinte Hans Werner Nissen, der Geschäftsführer der Förde-Reederei. „Jetzt tut es manchem leid, wenn er nicht am Strand braten kann und stattdessen auf einem der weißen Fördekreuzer festsitzt.“ Petrus kannte kein Erbarmen. Am 8. Juli 1976 erreichten einige Thermometer in Flensburg, etwa in Weiche, die Schallmauer von 30 Grad. Das gesellschaftliche Leben wurde ein paar Stufen heruntergeschaltet. Da Klimaanlagen eine absolute Seltenheit waren, flüchteten viele in die beschatteten Ecken. Die Autofenster wurden während der Fahrt weit geöffnet. Die lauen Sommernächte erinnerten an einen Mittelmeer-Urlaub. Die Getränkehändler verbuchten Rekordumsätze bei alkoholfreier Brause und Mineralwasser.
Im Flensburger Umland hatten die Landwirte Mitte Juni noch auf eine stabile Wetterlage gehofft, die Sonnenmenge war dann aber doch des Guten zu viel. Viele Felder waren vertrocknet, bei Wind wehten dichte Staubwolken über die Straßen. In Adelby brannte eine Koppel mit Stroh. Der Bauernverband sendete ein klares Signal nach Kiel: Eine finanzielle „Dürrehilfe“ sei absolut erforderlich. Im Kreisgebiet wurden in einigen Orten vorsorglich das Rasensprengen und die private Autowäsche untersagt. Für Flensburg wurde ein ähnliches Szenario ausgeschlossen. „Wir haben absolut keine Veranlassung, den Verbrauch in irgendeiner Form zu drosseln“, betonte Harke Andresen, Direktor der Stadtwerke. Einem täglichen Verbrauch von 25.000 Kubikmetern stand eine Kapazität von weit über 33.000 Kubikmetern gegenüber.
Hilfe für Wildschweine, Wasserfontäne am Holm
Kummer hatten allerdings die Kleingärtner. „Gegen diese Trockenheit kommt man nicht an“, stöhnte Niko Baasch, der Vorsitzende von insgesamt 3000 Pächtern. „Eine vorgenommene stichprobenartige Zählerprüfung in einigen der 102 Flensburger Kleingartenkolonien ergab, dass bereits jetzt etwa so viel Wasser wie im gesamten Vorjahr verbraucht worden ist.“ Das spürten die Parzellisten im Geldbeutel, zumal sich Läuse und anderes Ungeziefer auf den Pflanzen ausbreiteten. Zu leiden hatten auch die Wildschweine in ihrem Gehege der Marienhölzung. Ihre Tränke, die auch als Suhle diente, war völlig ausgetrocknet. Schließlich füllte ein Löschfahrzeug der Berufsfeuerwehr das Loch wieder mit Wasser auf.
In Flensburgs Innenstadt dominierten Passanten mit weißer Kleidung. Am Holm gesellten sich einige Baumaschinen dazu. Eine Fernwärme-Leitung wurde eingezogen und zusätzlich eine richtige Fußgängerzone samt Möblierung und einigen Brunnenplätzen gestaltet. Einmal rammte ein Lastwagen einen Hydranten: Eine zwölf Meter hohe Wasserfontäne schoss in die Höhe und flutete die neue Straßendecke. Es dauerte eine Weile, bis Mitarbeiter der Stadtwerke die unfreiwillige Erfrischung gestoppt hatten.
Vertrocknete Stadtparks und Sommerschlussverkauf
Am 21. Juli 1976 legte der Sommer eine durchaus willkommene Pause ein: nur 15 Grad und langersehnter Regen. Für die Botanik kam dieser aber zu spät. Die Flächen in den Parks waren ausgetrocknet, teilweise sogar verbrannt. „Wir können nicht alles begießen“, meinten die Stadtgärtner. „Der Rasen kommt ja wieder, wenn es regnet.“ Auf den Friedhöfen waren Hecken und bodendeckende Pflanzen kaum noch zu retten. Auf zwei städtischen Kinderspielplätzen wurde die Aussaat von Rasen und Lupinen auf unbestimmte Zeit verschoben. Eine ausgedehnte Bodentrockenheit paarte sich mit einer mangelnden Luftfeuchtigkeit zu einer Dürre.
Ende Juli begann der Sommerschlussverkauf – bei wieder anziehenden Temperaturen. Vor der Eröffnung hatten teilweise bis zu hundert Personen vor der Tür der Textilgeschäfte gestanden. Mäntel, schwere Kostüme und Anzüge fanden ein nur geringes Kaufinteresse. „Die Kunden fassen diese Sachen nicht einmal an, sondern gehen gleich weiter – direkt zu den Sommersachen“, verriet ein Ladeninhaber. Hoch im Kurs standen leichte Schuhe wie Sandaletten. Allerdings war kaum Nachschub zu bekommen.
Böschungsbrände, Gewitter und Starkregen
Der kommende Monat begann eher kühl. Am 5. August 1976 registrierten die Wetterfrösche nur 17 Grad. „Wärmer, geringere Niederschlagsneigung“, lautete die Prognose. Flensburg heizte wieder auf. An einigen Stellen verloren die Laubbäume ihre Blätter und versprühten einen herbstlichen Charme. Stadtförster Otto Claussen berichtete von verdorrten Neuanpflanzungen und bangte um den Altbestand der 300 Hektar großen städtischen Waldgebiete. Bis auf einige kleinere Böschungsbrände machte zumindest der Feuerteufel einen Bogen um Flensburg. Im Handewitter Staatsforst brannten hingegen Nadelbäume auf 2500 Quadratmetern ab.
Der August blieb konstant warm und mündete in einen kleinen Himmelsinferno. In der Nacht zum 29. August 1976 donnerte ein heftiges Gewitter. Ein Blitz schlug bei Wees in einen Bauernhof ein. Die angerückte Feuerwehr konnte nicht mehr viel retten. In Flensburg konnte der Starkregen nicht überall von der Kanalisation aufgefangen werden. Einige Autos rutschten von der Fahrbahn und verursachten Blechschäden. An der Einmündung der Schützenkuhle in die Straße „Zur Exe“ räumte ein Fahrzeug einen Teil der Ampelanlage ab. Dieser Schaden bezeugte auch noch an den ersten Tagen des kühleren Septembers den „Jahrhundert-Sommer“ von 1976.
Text: Jan Kirschner
Foto: Envato.com















