Dieser Besuch bringt schnell Tristesse. In der Holmpassage regiert der Leerstand. Von den Rolltreppen funktioniert nur noch eine Spur, im Ausgang zu den Süderhofenden ist die Drehtür defekt, und im angrenzenden Parkhaus sind etliche Stellplätze stillgelegt. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass dieses Einkaufszentrum einst Flensburgs letzter Schrei war. Am 11. September 1986, also vor fast 40 Jahren, erfolgte eine durchaus pompöse Einweihung. Das Investitionsvolumen betrug stolze 65 Millionen D-Mark.

Die „neue Attraktion für die Flensburger City“ warb mit einem „glasklaren Einkaufserlebnis“: 34 neue Geschäfte lockten mit 6000 Quadratmetern Verkaufsfläche – und die hatten fast alle täglich bis 18.30 Uhr geöffnet. In der damaligen Zeit war das länger als die Konkurrenz. Visuelle Effekte garnierten das Shopping. In der Vorweihnachtszeit 1986 erschien eine gut 100 Meter hohe Lichtpyramide über der Holmpassage. Auf ihrem gläsernen Dach wanderten die Sternzeichen. Die Kassen klingelten. Der Gesamtumsatz von September bis Dezember belief sich auf zehn Millionen D-Mark. Für 1987 wurde ein Umsatzziel von 32 bis 35 Millionen D-Mark ausgegeben. Rund ein Viertel ging auf die Kappe des Elektronik-Anbieters „Schaulandt“. Sonst liefen Textilien, Lederwaren und Accessoires am besten. Die Holmpassage war gefragt. 39 Bewerbungen für ein Mietverhältnis lagen vor. Im Herbst 1987 eröffnete endlich das Restaurant im historischen Gewölbekeller.
Einkaufserlebnis und Feierlichkeiten unter einem Dach
Die Holmpassage entwickelte sich auch zur Party-Location. Der erste Geburtstag wurde mit geladenen Gästen gefeiert, der zweite mauserte sich zum öffentlichen Ereignis – mit gleich drei Bühnen. Ein Marilyn-Monroe-Double trat auf, Bands spielten Schlager, Rock ’n’ Roll und Jazz. Die Menschen bewunderten eine überdimensionale Geburtstagstorte. Ab Mitternacht verwandelte sich „Schaulandt“ zur Disco. In den 90er Jahren etablierte sich ein Oktoberfest. Ebenso der Holmpassagen-Treff, bei dem sich Wirtschaft, Politik und Sport vereinten. Zum Saisonstart der Handball-Bundesliga wurde stets die neue Mannschaft der SG Flensburg-Handewitt präsentiert. Bis zu 700 Gäste vergnügten sich im Bereich der Schlemmerecke und der Rolltreppen.
In den 1990er Jahren sorgte der neue ZOB für bauliche Impulse in der Innenstadt. Im September 1997 ließ der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag, zugleich Gesellschafter der Holmpassage, seine alte Druckerei abreißen. Damit schuf er Platz für ein neues Projekt. Es schwirrten schnell Konzepte für Kino, Hotel und Casino. 2000 wurde der Komplex eingeweiht. Eine Verbindungsbrücke zur Holmpassage war angedacht, wurde aber nie realisiert. Stattdessen wurde die Nikolaistraße in eine Fußgängerzone verwandelt. Das Parkhaus des Einkaufszentrums wurde gen Süden und in die Höhe erweitert – für rund 14 Millionen D-Mark. Auf sechs Ebenen standen nun 700 Parkplätze zur Verfügung.

Bereits 1998 hatte es in der Holmpassage einige Änderungen gegeben. Für eine damals hochmoderne Toilettenanlage wurden sieben Parkplätze geopfert. Bei den Food-Geschäften vollzogen sich einige Wechsel. Eine Stahlbeton-Treppe wurde entfernt und weitere Sitzplätze geschaffen. „Der ganze Bereich soll noch offener werden“, betonten die beiden Holmpassagen-Geschäftsführer Hans-Hermann Laturnus und Günther Knies. Neu waren ein Kundencenter des Zeitungsverlages sowie ein gemeinsamer Shop der SG-Handballer und der Flensburger Brauerei.
Konkurrenz am Stadtrand, im Internet und in der Innenstadt
Allmählich nagte eine breite Konkurrenz am Erfolgsmodell der Holmpassage. Bereits in ihren Anfangsjahren wurde über ein mögliches „Einkaufsgebiet Flensburg-Süd“ diskutiert. Das waren die ersten Signale für den Förde-Park, der 1996 seine Türen öffnete. Der Citti-Park wurde erweitert. Diese autogerechten Hotspots am Stadtrand schmälerten die Wertschöpfung in der Innenstadt. Das immer leistungsstärkere Internet ließ mit der Jahrtausendwende den Online-Handel aufblühen. Das Einkaufsverhalten der Kundschaft veränderte sich. Ein erstes Warnsignal: Zum März 2003 schloss „Schaulandt“, der größte Ankermieter. „Die Räume sind zu klein, zu teuer und unpraktisch wegen der zwei Ebenen“, hieß es aus der Unternehmenszentrale in Essen.
Nach einigen Monaten fand sich mit einem Textilhaus zwar ein neuer Mieter für große Teile des verwaisten Elektronikbereichs, es wurde allerdings immer deutlicher, dass an der Attraktivität der Holmpassage gefeilt werden musste. Denn seit Herbst 2001 kursierten Pläne und Bauzeichnungen für ein neues großes City-Projekt. Der Arbeitstitel: „Südermarkt-Passage“. Nur wenige hundert Meter weiter drohte ein Mitbewerber dem bisherigen Innenstadt-Platzhirschen den Rang abzulaufen. Kurios: Der Investor der zukünftigen „Galerie“ dachte zunächst daran, das Parkhaus der Holmpassage mitzunutzen. 2004 scheiterten allerdings die Verhandlungen.

Verkauf und Wechsel
Die Geschäftsführer der Holmpassage wechselten nun häufiger. 2004 war Jörg Barth im Amt. Er registrierte mit Wohlwollen, dass der damals 30 Elemente umfassende Mieter-Mix die dänische Kundschaft ansprach. Er stellte aber auch fest: „Es fehlt ein Besuchermagnet.“ Die Dichte an kulturellen Veranstaltungen nahm gefühlt zu. Ein Kinder-Fotowettbewerb suchte den „frechsten Fratz“ und ein Casting mehrere Models aus der Region. In der „Schlemmeroase“ tauchten neue Tische, Stühle, Glaszäune und Holzböden auf. Im September 2006 feierte die Holmpassage ihren 20. Geburtstag mit einem Aktionsmonat: Märchenhexe, Glücksrad, Clown, Feuerschlucker und Gratis-Eiskugeln sollten die Familien anlocken. Wenige Wochen später startete die „Galerie“.
Im Dezember 2007 übernahm die englische Investorengruppe „Real Capital LLP“ die Holmpassage. Ein Sprecher schwärmte: „Sowohl die Lage als auch die Immobilie selbst sind sehr attraktiv.“ Der Leerstand in der vierten Etage (ehemals „Schaulandt“) konnte allerdings nicht beseitigt werden. Der Niedergang der einst so beliebten Einkaufsmall verlief zunächst eher schleichend. Im September 2011 wurde das 25-jährige Jubiläum gefeiert, aber längst nicht so groß wie einige andere Geburtstage. Auch die Torte, die vom Stadtpräsidenten offiziell angeschnitten wurde, war merklich geschrumpft.
Spielball, Stillstand und Leerstand
Die einst so prestigeträchtige Flensburger Immobilie wurde zum Spielball der Finanzgesellschaften. 2012 hieß der Inhaber „Alpha German Property Income Trust“. Die Holmpassage hatte noch 28 Mietverhältnisse, die Balkonbrücke mit dem früheren „Café Tiffany“ war aber inzwischen verwaist. Die eingesetzten Center-Managerinnen wechselten wie die Blätter an den Bäumen. Ihre immer weniger unterfütterte Phrase vom „ausgezeichneten Einzelhandelsstandort“ hielt sich hartnäckig. Die Realität sah anders aus. Der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag zog aus, die Leerstände im Frische- und Restaurantbereich wurden immer auffälliger. „Gelaufen wird in der Holmpassage viel, aber nicht gekauft“, klagten die Gewerbetreibenden.

Ende 2016 trat mit der „Corestate Capital Group“ der nächste Finanzhai auf den Plan. In Flensburg wurde erstmals über eine Abwicklung spekuliert. „Es ist doch nicht mein Interesse, die Passage leerzuräumen – sie ist ein ungeschliffener Rohdiamant“, widersprach ein Manager des Firmenkonstrukts aus Frankfurt und Luxemburg. Vollmundig wurde eine „behutsame Sanierung“ versprochen. Ein gutes Jahr später hatte sich der Gastro-Bereich komplett geleert. „Das Grab des Flensburger Einzelhandels“, lauteten nun die Schlagzeilen. Vom kaum greifbaren Eigentümer gab es bestenfalls knappe Aussagen: „Wir stehen in konkreten Mietverhandlungen“. Ein Center-Management gab es nicht mehr.
Der Leerstand wurde für die Holmpassage prägend. Die wenigen gefüllten Schaufenster hinkten oftmals der Zeit hinterher und überraschten die wenigen Kunden im Sommer mit Frühlingsdeko und Pinguinen. Durch das Passagen-Dach schien bei gutem Wetter weiterhin die Sonne, die Immobilie selbst landete im Portfolio der luxemburgischen Firma „Highstreet Premium II PropCo I Sarl“, die im Februar 2025 Insolvenz anmeldete. Offen ist, ob sich ein Käufer finden wird, der an einer konzeptionellen Entwicklung der Holmpassage ernsthaft interessiert ist.
Text und Fotos: Jan Kirschner















