Eigentlich befindet sich Ulrike Stahlmann-Liebelt im Ruhestand. Doch die ehemalige Chefin der Flensburger Staatsanwaltschaft hat sich in der Roten Straße ein Büro angemietet. Sie ist tätig als Opferschutzbeauftragte für das Land Schleswig-Holstein und aktiv im Landesvorstand des gemeinnützigen Vereins „pro familia“. Daneben lassen Familie, Freunde und Hobbys keine Langeweile aufkommen. „Es ist mir viel Gutes im Leben passiert“, lächelt sie. „Deshalb helfe ich gerne auch anderen Menschen, damit es ihnen besser geht.“ Nicht nur wegen ihrer rund 40-jährigen Berufstätigkeit, sondern auch dank ihrer Projekte mit sozialer und juristischer Note hat sie in Flensburg einiges bewegt und ihre Spuren hinterlassen.

Aufgewachsen ist Ulrike Stahlmann-Liebelt in den 50er und 60er Jahren im Südwesten Niedersachsens. Das Städtchen Georgsmarienhütte war die Kulisse einer glücklichen Kindheit. Bald war sie Fahrschülerin, besuchte das Gymnasium im nördlich angrenzenden Osnabrück und legte dort auch das Abitur ab. Bei der Berufswahl war sie zunächst unentschlossen. Der Großvater war Jurist und meinte: „Damit stehen dir alle Möglichkeiten offen!“ Seine Enkeltochter ging 1972 in die Universitätsstadt Göttingen, schrieb sich für Rechtswissenschaften ein – und sollte es nie bereuen.
Die junge Studentin lernte über ihren Freundeskreis einen jungen Mann kennen: Thomas Liebelt, ein Student aus Karlsruhe. Sie ahnte noch nicht, dass sie der „Liebe des Lebens“ begegnet war. Zunächst war die frische Bekanntschaft die Ausgangsstation für eine langjährige Wochenend-Beziehung. Ulrike Stahlmann schob sogar drei Semester in Freiburg ein. Der Blick auf den Schwarzwald und die Nähe zu Frankreich waren sehr attraktiv, aber vor allem waren Karlsruhe und der Freund nicht mehr ganz so weit weg. Als er beruflich nach Hamburg wechselte, kehrte sie nach Göttingen zurück, um mit der altbekannten Lerngruppe das erste Staatsexamen anzugreifen.
Für ihr Referendariat bei Staatsanwaltschaft, Gericht und Rechtsverwaltung entschied sich die junge Frau für Lüneburg und Winsen/Luhe. Das junge Paar war nun südlich von Hamburg vereint. Sie pendelte die wenigen Kilometer in die Nordheide. Thomas Liebelt übernahm dann jedoch die Konzession vom Coca-Cola-Standort in Flensburg und zog in den hohen Norden. Seine Frau hatte noch das zweite Staatsexamen vor sich und zog nach Winterhude im Zentrum von Hamburg in eine eigene Wohnung. Ulrike Stahlmann-Liebelt strahlt noch immer, wenn sie an Hamburg denkt: „Das ganze Kultur-Angebot war großartig, ich wollte nicht weg.“

Ihr Mann kam allerdings aus Flensburg nicht mehr weg. Er war fest verankert im Betrieb. Seine Frau ließ sich 1980 für „zunächst fünf Jahre“ überreden, in die Fördestadt zu ziehen. Es wurde ein Umzug für immer. Das Paar baute sich einen Freundeskreis auf, genoss die schöne Bleibe auf der westlichen Höhe und gründete eine Familie. Sohn Felix (1983) und Tochter Franziska (1987) kamen auf die Welt. „Wir wollten Kinder, aber ich wollte auch berufstätig sein“, erzählt Ulrike Stahlmann-Liebelt. Recht schnell fand sie an der deutsch-dänischen Grenze den Weg in eine berufliche Laufbahn.
Bereits im Studium hatten sich als Interessenschwerpunkte das Strafrecht und die Kriminologie herausgebildet. Die erste Option hieß Jugendrichterin. Das Kieler Justizministerium teilte allerdings mit: „Keine Stelle frei in Schleswig-Holstein!“ In einer Schleswiger Anwaltskanzlei betätigte sich die junge Juristin deshalb zunächst als wissenschaftliche Hilfskraft und verfasste Schriftsätze. Sie hatte die Idee, beim Generalstaatsanwalt in Schleswig persönlich vorstellig zu werden. „Wenn die nächste Stelle frei wird, dann wäre es sehr schön, wenn sie an mich denken würden“, teilte sie mit.
Nach drei Monaten erhielt Ulrike Stahlmann-Liebelt tatsächlich eine Einladung vom Kieler Justizministerium. Sie konnte in der Staatsanwaltschaft Flensburg im Südergraben beginnen. Die befand sich damals noch nicht in dem großzügigen Anbau, sondern unter einem Dach im Altbau. Trennwände aus Pappe fügten sich zwischen die Einzelbüros. Und wenn es stark regnete, tropfte es auch schon mal durch, sodass dann die Akten in Sicherheit gebracht werden mussten.

Das erste halbe Jahr in einem überwiegend männlichen Kollegium befand sie sich noch in der üblichen „Gegenzeichnung“. Zur Hälfte durfte die Novizin neben dem Erwachsenen-Dezernat Jugend-Angelegenheiten bearbeiten, was genau den Nerv traf. Als sie eigenständiger arbeiten durfte, wurden neben den unzähligen Einzelfällen bald einige juristische Projekte zu den stetigen Wegbegleitern. Häufiger fielen Ulrike Stahlmann-Liebelt verbesserungswürdige Vorgänge auf.
Zunächst hatte sie viel mit jugendlichen Intensivtätern zu tun und stellte fest, dass es zu lange vom Delikt bis zum Verfahren dauern würde. Manchmal bis zu einem Jahr. „Das ist kontraproduktiv und pädagogisch nicht zielführend“, mahnte sie an. „Nach einer Straftat müsste zeitnah eine Reaktion erfolgen.“ Die junge Staatsanwältin tauschte sich mit Polizei, Jugendgerichten, Jugendgerichtshilfe, Kollegen und Kolleginnen aus. Schließlich setzte sich ein sogenanntes „beschleunigtes Jugendverfahren“ in Gang. Nun wurde möglichst nur vier Wochen nach Bekanntwerden der Straftat die Hauptverhandlung einberufen.
Ende der 80er Jahre häufte sich bei Opferschutzverbänden die Kritik am Umgang mit Opfern von Sexualstraftaten. Die Richter und Richterinnen konnten sich nur schwer in die Geschädigten hineinversetzen und agierten in Vernehmungen oft ungeschickt, bisweilen sogar verstörend. In der Ausbildung wurden sie darauf nicht vorbereitet. Ulrike Stahlmann-Liebelt entdeckte den „Opferschutz“ für sich und übernahm ein Sonderdezernat „Sexualdelikte“. Die Aufmerksamkeit galt vor allem Kindern und Jugendlichen, die aufgeregt, nervös oder irritiert waren, wenn sie die großen Gerichtssäle betraten – egal ob als Opfer oder Zeuge. „Ich erinnere mich noch gut an ein achtjähriges Mädchen, dass von einem Freund ihres Vaters sexuell missbraucht wurde“, erzählt die pensionierte Staatsanwältin. „Der Vater brachte seine Tochter zum Gericht, kam aber selbst nicht mit in die Vernehmung. Das kleine Mädchen saß dann ganz allein im großen Saal und konnte nicht ein einziges Wort herausbringen.“
Damals tauschte sie sich zunächst mit einer Psychologin von der Universität Kiel aus, die häufiger als Sachverständige für die Flensburger Staatsanwaltschaft im Einsatz war. Es entstand nach nordamerikanischem Vorbild das Konzept einer Zeugenbegleitung. Kinder wurden auf einen Prozess vorbereitet, ohne dass über den eigentlichen Sachverhalt gesprochen wurde. Noch immer hat Ulrike Stahlmann-Liebelt einen blauen Beutel, in dem mehrere Holzfiguren aufbewahrt werden. Damit wird vermittelt, wie es im Gerichtssaal aussieht und was dort passiert. Ebenso mit einem illustrierten Buch, das unter anderem mit dem Irrglauben aufräumt, dass ein deutscher Richter – wie in den US-Serien – einen Hammer in der Hand hält. Schleswig-Holstein war mit diesem Ansatz aus Flensburg fortschrittlich. Erst seit 2017 ist einen Anspruch auf eine kostenlose psychosoziale Prozessbegleitung (früher: Zeugenbegleitung) in der Strafprozessordnung verankert.
1995 wurde Ulrike Stahlmann-Liebelt zur Gruppenleiterin in der Jugendabteilung befördert, als eine der ersten mit einer Teilzeitstelle. Vorausgegangen war ein mehrmonatiger Abstecher nach Schleswig zum Generalstaatsanwalt Prof. Heribert Ostendorf. „Er stand für eine liberale Strafverfolgung mit Augenmaß“, betont die Juristin. Er habe ihre Projekte uneingeschränkt unterstützt.

Ihr Metier kannte noch immer eine Männer-Dominanz, die aber bröckelte. Es etablierte sich ein Juristinnen-Stammtisch, der sich stets im Flensburger „Central Hotel“ traf. Gegenseitig Unterstützung und Gleichberechtigung waren zentrale Themen, bis diese Einrichtung einschlief. „Inzwischen gibt es in der Justiz mehr Frauen als Männer“, schmunzelt Ulrike Stahlmann-Liebelt. Gleichwohl arbeiten immer noch überwiegend die Frauen in Teilzeit.
Seit vielen Jahren engagiert sie sich als stellvertretende Vorsitzende im Verein „pro familia“ und freut sich immer wieder über „tolle Synergie-Effekte“. Sie war maßgeblich daran beteiligt, dass mit „Wagemut“ eine Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Kinder installiert wurde. Für aggressive Männer, die im privaten Umfeld ihre Partnerinnen schlagen, gibt es unter dem Dach von „pro familia“ inzwischen ein Therapie-Angebot. Es ist eine Ergänzung zu den unentbehrlichen Anlaufstellen für Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden.
Aber was ist mit den Kindern, die einen Gewalt-Exzess beobachten mussten? „Die hören oder sehen alles, stehen später oft in der Ecke, wenn ihre Mutter ärztlich versorgt wird und der alkoholisierte Vater zum Ausnüchtern mitgenommen wird“, erläutert Ulrike Stahlmann-Liebelt. „Manchmal denken die Kinder, dass sich ihre Eltern wegen ihnen schlagen und bekommen Schuldgefühle.“ Eine entsprechende Betreuung drängte sich auf. Inzwischen unterstützt unter anderem die Stadt Flensburg die Aktion „Löwenherz“, die unter dem Dach von „pro familia“ eingerichtet wurde.
Mit der Jahrtausendwende wurde Ulrike Stahlmann-Liebelt zur stellvertretenden Leiterin der Abteilung I in der Staatsanwaltschaft befördert. Nun zählte auch die Pressearbeit zu ihren Tätigkeiten. Fortbildungen an der Richterakademie drehten sich Ende der 90er Jahre um die „Ideen der modernen Führung“, um Beteiligung und Wertschätzung – damals noch neue Tendenzen in der Justiz.
Im März 2018 wurde die Flensburgerin offiziell in das Amt der Leitenden Oberstaatsanwältin der Staatsanwaltschaft Flensburg eingeführt. Während der Feierstunde sagte Justizministerin Sabine Sütterlin-Waack: „Frau Stahlmann-Liebelt ist eine Persönlichkeit, die eine enorme Entschlusskraft besitzt und diese auch ausstrahlt – hochbelastbar und ausgestattet mit Organisationstalent und mit Durchsetzungsvermögen.“ Um das Amt hatte sie kämpfen müssen. Obwohl sie schon länger kommissarisch die Führungsposition übernommen hatte, wurde ihre Bewerbung zunächst abgelehnt. Das Gericht musste tätig werden, eine längere Phase der Ungewissheit durchstanden werden.

Eine Kraftquelle war stets die Familie. „Mein Mann hat mich immer unterstützt, gerade wenn es Gegenwind gab“, verrät Ulrike Stahlmann-Liebelt. Die beiden Kinder leben heute im Flensburger Umland und in Hamburg. Zwei Enkel sind inzwischen geboren. Zur Familien-Tradition avancierten die Ski-Urlaube. Der Ritt die Berge hinunter war schon Teil der Jugend. „Mit 14 Jahren war ich mit meinen Eltern in Lech in Österreich. Wir machten lange Hälse, als die niederländische Königsfamilie auch dort auftauchte“, erzählt Ulrike Stahlmann-Liebelt. „Später sagte ich zu meinem Mann: Skifahren ist mir wichtig! Er musste einen Kurs belegen.“ Sein großes Hobby, das Fliegen, teilt sie insofern, dass sie auch gelegentlich die Aussicht von oben genoss.
Ulrike Stahlmann-Liebelt selbst spielte von klein auf Tennis, heuerte im Norden beim TC Mürwik an und unterstützte die Mannschaft mit ihren genauen Schlägen von der Grundlinie – bis die Achillessehne riss. Sie musste sich andere Beschäftigungen suchen. Sie liest gerne, auch in einem Lesekreis. Sie ist stellvertretende Vorsitzende im Förderverein des Katharinenhospiz. Sie ist Mitglied bei den „Rotariern“ und betreibt mit einigen Mitstreiterinnen regelmäßig einen Stand beim Adventsmarkt in der Walzenmühle. Das Motto: „Wir setzen einen Hut auf!“

Mit einigen Freundinnen geht es auf Wanderung an der Flensburger Förde, und einmal im Jahr trifft man sich für ein gemeinsames Wochenende – bevorzugt in der Region und vor allem am Meer. „Das Meer ist ein Gefühl von Heimat“, sagt Ulrike Stahlmann-Liebelt.
Das Reisen war und ist eine Leidenschaft. Mit ihrem Mann tourte sie im Wohnmobil schon durch Nordamerika. Als die Kinder für ein Schuljahr in den USA und Australien weilten, wurden sie schließlich „abgeholt“ und das Land gemeinsam angeschaut. Die Tochter lernte einen Neuseeländer kennen, der inzwischen zum Schwiegersohn wurde. So durfte die ganze Familie dieses wunderbare Land ein wenig besser kennenlernen.
2004 wurde Ulrike Stahlmann-Liebelt mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet – als Anerkennung für das Engagement im Opferschutz. So verwundert es nicht, dass sie nur wenige Tage nach dem Beginn ihres beruflichen Ruhestands zur Opferschutzbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein ernannt wurde. Nun achtet sie gemeinsam mit ihrem Team darauf, dass Ratsuchende schnell, verständlich und unbürokratisch die für sie richtige Unterstützung und Hilfe bekommen und dass der Opferschutz gut umgesetzt wird. Manchmal wird sie auch von der im Justizministerium beschäftigten Sozialpädagogin in aktuelle Fälle involviert – gerade wenn spezielle juristische Fragen zu klären sind.

Mit „pro familia“ greift Ulrike Stahlmann-Liebelt gerade das nächste Projekt an: das so genannte „Childhood-Haus“. Im Marienhölzungsweg wird derzeit ein Gebäude renoviert und umgebaut, damit Kinder und Jugendliche, die körperliche und sexualisierte Gewalt erlebt haben, in einem geschützten Umfeld die nötige Unterstützung und Hilfe erhalten. Zum Equipment gehört auch moderne Video-Technik.

Die wird für die Vernehmung der Kleinen benötigt, die von einer Richterin im „Childhood-Haus“ befragt werden. Verteidigung, Nebenklage und Staatsanwaltschaft sitzen in einem anderen Raum, können über einen Monitor die Vernehmung verfolgen und per Text-Nachricht Fragen stellen. Später wird in der Hauptverhandlung nur der Mitschnitt gezeigt, das Kind muss in der Regel nicht mehr in den Gerichtssaal. „Damit sind wir in Flensburg mit einigen wenigen anderen Standorten Vorreiter in Deutschland “, sagt Ulrike Stahlmann-Liebelt nicht ohne Stolz. Wenn sie sich mit den juristischen Themen beschäftigt, sitzt sie manchmal zu Hause und kümmert sich nebenbei um die Wäsche. Lieber geht sie dafür aber ins Büro. Der Tapetenwechsel gefällt. „Das habe ich mir von meinem Mann abgeschaut, der hat eine Etage tiefer seinen Schreibtisch“, verrät sie und betont: „Zeit für gute Freunde und soziale Kontakte sind Mehrwert und Luxus im Ruhestand.“ Gemeinsames Kochen, gemeinsame Restaurant-Besuche und Konzerte – da ist man in der Flensburger Innenstadt gut aufgehoben.

Text: Jan Kirschner,
Fotos: Jan Kirschner, privat

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