Ein Schild an der Bundesstraße 199 zeigt den Weg zur Wassermühle. Nach ein paar Schritten geht der Besucher auf einem Privatweg, der von Laubbäumen gesäumt wird und direkt auf das Schafflunder Kleinod zuläuft. Die Schaufeln des Rades heben im gleichbleibenden Rhythmus das Wasser in die Höhe. Die Betriebsgeräusche vermischen sich mit dem Rauschen des Schafflunder Mühlenstroms, der an dieser Stelle die Stufen hinabfließt. Vier Männer stehen am Geländer und betrachten ihren Stolz, die Schafflunder Wassermühle. Mit Freude verraten sie, dass die traditionelle Technik jährlich immerhin 27.000 Kilowattstunden Strom produziert. Harald Hansen, der Vorsitzende des Bürgervereins, die langjährigen Mitstreiter Uwe Martensen und Horst Petersen sowie Neubürger Rainer Schößler gelten als die guten Seelen der Wassermühle. Sie wechseln sich ab beim „Mühlendienst“, wie sie ihr ehrenamtliches Engagement nennen. „Einmal am  Tag schauen wir nach, ob das Sieb auch wirklich frei ist, im Herbst und Winter – wenn viele Zweige und Blätter unterwegs sind – auch zwei Mal“, erklärt das Quartett unisono. Wenn das Wasserrad sich störungsfrei dreht, dann erreicht es die bestmögliche Energiebilanz.

Im kargen Inneren des sich anschließenden Gebäudes dominieren die Spinnennetze. Ein Papier hängt im Zugangsbereich: „Steile Treppe! Rückwärts geht sich`s leichter!“ Hat man die Stufen gemeistert, blickt man auf den Generator, der seit 25 Jahren die Maschinerie seit Tag und Nacht antreibt.Laut Leistungsbeschreibung mit bis zu 17 Pferdestärken. Der Normalfall dürfte sich aber eher bei zehn einpendeln. Das langt für eine monatliche Wertschöpfung von 350 Euro. 

Der Wohnbereich im selben Komplex wird schon länger mit Strom versorgt, seit Kurzem auch die Nutzer der Mühlenscheune. Rein rechnerisch findet so die Hälfte der „Jahresernte“ einen Abnehmer. Allerdings scheuten die Mühlenfreunde bislang noch den Schritt, einen Speicher ins System zu integrieren.So bleibt die Energie, die nachts gewonnen wird, weitgehend ungenutzt, während der Bedarf in Spitzenzeiten nicht gedeckt werden kann und durch externe Quellen sichergestellt werden muss.

Die Motivation der vier Männer speist sich aber eher weniger aus dieser Energieerzeugung. „Die Mühle ist ein historisch-wertvolles Denkmal“, findet Rainer Schößler. „Sie ist ein Vorzeigeobjekt für die Gemeinde.“ Das Schafflunder Wahrzeichen hat seinen besonderen Reiz, da es Ortsbild, Tradition und Technik miteinander verbindet.

Uwe Martensen berichtet vom Mühlentag, der vor zwei Jahren auch Besucher aus anderen Ecken Norddeutschlands anlockte. „Sie vermissten in ihren Orten die ursprüngliche Wassermühle, oft sind dort nur Stallungen und Wohnungen geblieben.“ Einst war ein solches Wasserrad, wie hier kurz hinter dem Zusammenfluss von Wallsbek und Meynau, typisch für Dörfer an den Ufern eines Fließgewässers.Heute ist die Schafflunder Wassermühle ein eher seltenes Relikt im hohen Norden der Republik.

Die Historie ist faszinierend: Die ersten Zeugnisse der Wassermühle gehen bis auf die Zeit um 1300 zurück. Aus der ganzen Umgebung traf das Korn ein und wurde über mehrere Jahrhunderte nur mit der Kraft des Wassers gemahlen. Der extra angelegte drei Hektar große Mühlenteich sorgte für den dauerhaften Energievorrat. Das Geschäft florierte auch aufgrund des Mühlenzwangs. Die Landwirte waren angehalten, das Getreide anzuliefern. „Der Pastor und der Müller waren die anerkanntesten Leute in einer Gemeinde“, weiß Harald Hansen.

In der Nachkriegszeit rückte immer mehr die industrielle Produktion von Mehl in den Vordergrund. Eine Wassermühle war nicht mehr rentabel. In Schafflund wurde der Betrieb 1961 eingestellt. Das Wasserrad, das damals aufgrund von Mauern und einem Holzdach umhüllt war und so – im Gegensatz zu heute – im Verborgenen wirkte, wurde abmontiert. Die Achse landete in einem Museum, das marode Holzgerüst wurde entsorgt.

Der Deckmantel der Geschichte drohte sich über die altbewährte Infrastruktur zu legen. Das  verhinderte eine Initiative, die sich am 20. August 1986 gründete. Horst Petersen und Uwe Martensen zählten zu den sieben Gründungsmitgliedern des „Schafflunder Wassermühlenvereins“, der heute als Abteilung des Bürgervereins weiterhin existiert. Die neue Organisation hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, das Wahrzeichen wieder herzustellen und als wichtiges Kulturgut zu konservieren. Die Restauration lag vielen am Herzen. Schon nach wenigen Monaten zählte der Wassermühlenverein 50 Mitglieder. Es begann sehr elanvoll. Mit öffentlicher Förderung wurde 1987 die verschüttete Wasserzuführung wiederhergestellt. Das Landesamt für Denkmalschutz vermittelte eine Tischlerei am Nord-Ostsee-Kanal, die sich auf Restaurationen spezialisiert hatte. Es entstand ein neues Wasserrad, das 1988 installiert wurde. Die stolzen Eckdaten: fünf Tonnen Gewicht und fünf Meter im Durchmesser. „Es drehte sich schön“, schmunzelt Uwe Martensen. 

Den Sinn einer Stromerzeugung entdeckte erst ein paar Jahre später der inzwischen verstorbene Visionär Johannes Bobb. Er steckte viel Engagement und eigenes Geld in die Idee. Das Wasserrad erhielt einen Metall-Unterbau. Reibungslos verlief die Umsetzung allerdings nicht. Sie basierte auf einer Diplomarbeit eines Flensburger Maschinenbau-Studenten. Später stellte sich heraus: Seine Annahmen waren zum Teil falsch. Das Ende vom Lied: Am Tag der offiziellen Inbetriebnahme tat sich nichts. Das Wasserrad musste aufwändig nachgerüstet werden. Eine der „kleinen Katastrophen“, von denen die Enthusiasten erzählen können. Die ganz große blieb zum Glück aus. Als der Wasser- und Bodenverband 2004 aus öffentlichen Mitteln Sohlgleite und Fischtreppe errichten wollte, um so die Durchgängigkeit für im Bach lebende Tiere zu garantieren, war die Wassermühle im Weg. Ihre Lobby war jedoch stark genug: Die Teilung des Fließgewässers in zwei Bereiche verewigte einen Kompromiss.

Das Wahrzeichen muss kontinuierlich gepflegt werden. Gerade steht ein Gerüst an der Wand des Betriebsgebäudes. Ein neuer Anstrich ist nötig, auch am Dach soll etwas gemacht werden. Für die Zukunft steht für die andere Uferseite ein Podest auf der Wunschliste, um das Wasserrad auch mal bei Sonnenlicht betrachten zu können. Auch das Brückengelände soll erneuert werden. Der Aufwand lohnt sich: Die Wassermühle ist ein besonderes Kleinod der Grenzregion.

Text: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat

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