Der Fall der Mauer, der Gang an die Börse

Im Presseclub des Axel-Springer-Hauses klirrten die Sektgläser. Zur Präsentation ihrer Autobiographie „Mit Lust und Liebe“ war Beate Rotermund im Oktober 1989, kurz vor ihrem 70. Geburtstag, nach Berlin gereist. Ganz oben im Verlagshaus an der Kochstraße grassierten die Gespräche. Die Blicke schweiften bisweilen durch die Fenster und erfassten die Mauer, die das geteilte Berlin trennte. „Ein wiedervereinigtes Deutschland werde ich wohl nicht mehr erleben“, dachte sich die Flensburgerin.
Nur wenige Wochen später saß sie gespannt und überwältigt vor dem heimischen Fernseher. Es war die Nacht zum 10. November 1989: Die Berliner Mauer war plötzlich durchlässig. Tags darauf tauchte Beate Rotermund früh am Firmensitz in der Flensburger Gutenbergstraße auf. Sie sinnierte über eine geschäftliche Expansion gen Osten, dachte bereits daran, den rückständigen ostdeutschen Erotikmarkt, der im Zeichen der Volksgesundheit und der sozialistischen Familienplanung stand, zu erobern.
Tatsächlich brummte in den Berliner Beate-Uhse-Läden der Bär. Verkäuferinnen mussten die Eingangstüren absperren, und trotzdem bildeten sich Schlangen neugieriger DDR-Bürger. An der Gedächtniskirche wurden 25.000 Kataloge verteilt. Die Presse berichtete fleißig. Das DDR-Blatt „Der Morgen“ titelte: „Mit Nippeln und Noppen zu neuen Ufern der Lust“. Das Satire-Magazin „Mad“ ulkte gar: „Deutschland einig Beate-Land.“

Der Renner: „Beate Uhse“ in der ehemaligen DDR

Die Chefin wirkte zunächst etwas ernüchtert, als sie die Bilanz der Shops in Berlin betrachtete. „Die DDR-Bürger haben viel geguckt und viel geblättert – nur gekauft haben sie nichts“, erzählte sie und mäkelte: „Unsere guten West-Kunden mit dem Weihnachtsgeld in der Tasche kamen erst gar nicht in die Läden.“
Die politische Großwetterlage hatte sich komplett geändert. Nur eine Woche nach dem Mauerfall empfing Beate Rotermund ihre ersten DDR-Gäste: ein vierköpfiges Journalisten-Team von der Neubrandenburger SED-Zeitung „Freie Erde“. Die Presse-Vertreter schrieben über die „erfolgreichste Wirtschaftsfrau Flensburgs mit einem hochmodernen Versandhandel“. In den ersten Tagen nach Erscheinen dieses Berichts gingen einige hundert Bestellungen für Strapse, Unterwäsche und Vibratoren aus der DDR ein.
Nur: Wie sollte „Beate Uhse“ damit umgehen? Weder die Berufsverbände noch die Ministerien wussten, wie man einen Ost-West- Versandhandel aufziehen könnte. Ein Testlauf berücksichtigte Westmark ebenso wie DDR-Marken. Ost-Mark wurden im Verhältnis 1:3 akzeptiert, obwohl der offizielle Kurs bei 1:8 lag. „Eine Zukunftsinvestition“, sagte man sich in der Flensburger Gutenbergstraße. Allerdings schauten DDR-Beamte mit Argusaugen auf die Bestellungen: Ein Versand von DDR-Geldscheinen in den Westen verstieß gegen die Devisen-Bestimmungen.
Beate Rotermund war eine gesamtdeutsche Berühmtheit. Die Bild-Zeitung befragte sie zu einer möglichen West-Integration. „Mein Ziel wäre es, dass wir in unser Bündnis die DDR aufnehmen“, sagte sie. „Nur wenn das absolut nicht geht, ist ein neutrales Deutschland anzustreben.“ Am 9. Februar 1990 war sie zu Gast bei einer NDR-Talk-Show, die aus West-Berlin ausgestrahlt wurde. Die Flensburgerin saß zwischen anderen bekannten Frauen aus BRD und DDR. Tags darauf registrierte sie das Gedränge vor ihren Geschäften und besuchte erstmals seit Ende des Krieges den Osten der Stadt, ehe sie am Abend in Leipzig zu einer Gesprächsrunde eingeladen war. „Unter den Rathaus-Arkaden würde sich ein Beate-Uhse-Shop ganz gut machen“, sagte Beate Rotermund. „Der Versandhandel mit dem Osten blüht schon jetzt.“ Inzwischen gingen täglich bis zu 1000 Briefe in der Flensburger Beate-Uhse- Zentrale ein. Manchmal lagen persönliche Schreiben oder Geschenke wie ökologisch angebauter Spargel und ein handgeschnitzter Holzpenis bei. Die Chefin studierte Ratgeber für das DDR-Geschäft. „Und wieder ist Pionierzeit“, jubelte die Firmenleitung in einem Rundschreiben an die Mitarbeiter. Unter dem Codenamen „Sex auf Rädern“ rollte Ende März 1990 eine Aktion an, die Leipzig, Halle, Dresden und Karl-Marx-Stadt mit Mini-Katalogen beglückte. Innerhalb weniger Stunden waren 45.000 Broschüren vergriffen.
Ein Netz mit Ost-Filialen entstand auf dem Reißbrett. Die Umsetzung war schwieriger. „Jeder will sich jetzt in der DDR ansiedeln, man kriegt einfach keine Läden“, stellte Beate Rotermund fest. „Außerdem ist noch alles Volks- oder Staatseigentum. Keiner weiß, wem etwas gehört.“ Im Mai 1990 befand sich der Erotik-Konzern in 17 DDR-Städten auf den Wartelisten für Geschäftsniederlassungen. Auf einer Wand in Halle war in schwarzen Lettern gekritzelt: „Beate Uhse muss her!“

„Sex auf Rädern“: Kleintransporter mit Mini-Katalogen

Kurz vor der Währungsreform steuerten nochmals 33 Kleintransporter die DDR-Städte an und beglückten sie mit Katalogen – für fünf Ost-Mark. Eine erste Lizenz für ein Geschäft ging ins thüringische Mühlhausen. Der „Thüringer Allgemeinen“ gab Beate Rotermund ein Interview. „Wir sind im Norden der große bunte Papagei, der diese triste, graue Landschaft etwas aufmotzt“, erzählte sie. Am 10. September 1990 erschien die Chefin auf dem Berliner Alexanderplatz. Sie wohnte einer Verlosung von sieben VW-Golfs bei, die die Vermarktungs-Strategie im Osten krönte.
Kurz nach der Wiedervereinigung schlüpften die ersten Beate-Uhse-Shops in Ost-Berlin aus dem Ei. Kurz darauf folgten weitere Standorte in den neuen Bundesländern. „Wir waren schnell“, lächelte Beate Rotermund verschmitzt. Die „Super Illu“ meinte: „Sie kennt alle heimlichen Lüste der Ossis“. Und die „Bild“ bilanzierte: „Jetzt erlebt die alte Dame der Orgasmus-Industrie noch einmal einen Höhepunkt: Sie lässt auch unsere neuen Bundesländer vibrieren.“ 1993 stammten rund zwei der vier Millionen Kunden aus der ehemaligen DDR.
Das Ende des Kalten Krieges schuf neue Optionen. Beate Rotermund träumte von einem Ladengeschäft am Roten Platz in Moskau. „Ich bin ganz scharf auf Russland, da gibt es einen enormen pornografischen Nachholbedarf“, dachte sie sich. Nach einem Besuch in der russischen Metropole klang schon alles anders. „In der ehemaligen DDR lässt sich ein Laden für 600.000 DDR-Mark aufbauen“, berichtete sie. „Im Sowjetunion-Geschäft wären solche Beträge ein Klacks.“ Eine Ausdehnung der Geschäfte auf Österreich klang naheliegender. Doch Zoll-Restriktionen sprachen zunächst dagegen. „Wenn Österreich in die Europäische Gemeinschaft kommt, bin ich sofort da“, sagte sie einmal.
Aber auch so florierte das Unternehmen, das inzwischen 600 Mitarbeiter hatte, davon allein 150 in der Flensburger Zentrale. Die Gutenbergstraße reichte nicht mehr aus. Immer mehr Hallen und Räume mussten an anderen Adressen angemietet werden. Im Herbst 1994 kam heraus: „Beate Uhse“ wollte Flensburg verlassen. „Wir hatten Pläne, in die neuen Bundesländer abzuwandern, dort ist es ja steuerlich für Unternehmen günstiger als hier“, gab Beate Rotermund zu. Gespräche mit der Flensburger Stadtverwaltung stoppten den Abgang. Nun galt ein großes Grundstück in der Lise-Meitner-Straße als erste Umzugsoption.
Die über 70-jährige Chefin kam immer noch fast jeden Tag in die „Firma“. Zwar war sie im Großraumbüro durch drei Trennwände etwas abgeschirmt, wirkte aber nicht distanziert, sondern war kommunikativ und tatkräftig. Das änderte sich auch nicht 1992, als sie ihrem Sohn Ulrich die alleinige Leitung übertrug und in den Aufsichtsrat wechselte. Von ihrem „Baby“, ihrem Unternehmen, ließ Beate Rotermund nicht los. „In diesem Laden bin ich nun einmal der einzige Mensch, der aus 3768 Teilen das einzige herausfindet, das falsch ist“, sagte sie einmal. Mit einem Berater-Vertrag ausgestattet beschäftigte sie sich mit Vorliebe mit ihrer alten Domäne, der Kundenpost.
Die Geschäftsfelder änderten sich in der Erotik-Branche. Das Filmgeschäft und die Porno-Kinos flauten in den 90er Jahren merklich ab. Interessant wurde der Kommunikationssektor. Eine Beate-Uhse-Telefonkarte, zum Gebrauch in öffentlichen Telefonzellen, war 1992 nur ein Vorgeschmack. Kostenpflichtige Dienste boten „Telefon-Trips zu künstlichen Hörwelten“.

Neuheit der 90er Jahre: Beate Rotermund mit einer Telefonkarte

Kurzfristig löste auch der Bildschirm-Text einen Hype aus, ermöglichte Sex-Dialoge. Beate Rotermund fand offenbar Gefallen an der elektronischen Kontaktaufnahme und saß bisweilen selbst an der Tastatur. Allerdings nahm einmal auch ein Polizei-Einsatz eine Tochterfirma im Flensburger Industriehafen ins Visier. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Betrugs. Wussten die User, dass sie in den Chats auf Animateure trafen? Bald war es Schnee von gestern: Das Internet trat seinen Siegeszug an. Zur Jahrtausendwende besaß „Beate Uhse“ fast 200 Domains im weltweiten Netz.
Die stetige Expansion benötigte Kapital. Schon 1997 checkten die Analysten die Firmendaten. Die Beate Uhse AG sollte an die Börse. „Die Akzeptanz von Aktien ist recht hoch“, stellte Beate Rotermund fest. Im Juli 1998 hatten ihre 700 Mitarbeiter eine Mitteilung in der Hand: „Aufsichtsrat und Vorstand überlegen derzeit, die Firma an die Börse zu bringen – wahrscheinlich im nächsten Jahr.“ Mit einem Jahres-Umsatz von rund 170 Millionen D-Mark (Beate Rotermund: „So viel wie die Großen zwischen Frühstück und Mittagspause machen“) galt man nicht unbedingt als Schwergewicht. Doch mit Verkauf der „Lust-Aktie“ (Handelsblatt) sollte das Auslandgeschäft befeuert werden. Bislang existierten nur 23 Shops in der Schweiz, Österreich und auf Mallorca.

Beate und Ulrich Rotermund hielten bisher jeweils 50 Prozent der Beate Uhse AG. Die beiden sollten weiterhin die Mehrheit halten, aber 25 Prozent des Kapitals sollten über Stammaktien ausgegeben werden. Im Vorfeld der Emission wurde der Vorstand von zwei auf vier Personen erweitert. Ulrich Rotermund, der viel im Ausland unterwegs war, schied aus und wechselte zu seiner Mutter in den Aufsichtsrat.
Diese erschien am 10. März 1999 in der Hamburger Hauptstelle der Commerzbank, die den Börsengang als Konsortialführer organisierte. Beate Rotermund ratterte die Meilensteine der Unternehmensgeschichte herunter und hielt geduldig den Entwurf der neuen Aktie in die Kameras. Von dem guten Stück ließ sie eine begrenzte Anzahl als Sammlerobjekt für Fans und Kunden drucken.
„Was ist von einem Erotik-Unternehmen zu halten, dessen Aktien man nicht einmal anfassen kann?“, fragte sie rhetorisch.
Kurz vor dem für Ende Mai 1999 geplanten Börsengang geriet das Ereignis zwei Mal in Bedrängnis. Ein Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart entschied zugunsten eines Telekom-Kunden. Dieser hatte sich geweigert, für 0190-Telefonsex-Nummern zu zahlen. Eine Einzelentscheidung oder ein genereller Trend? Fast zeitgleich versuchte ein Ex-Mitarbeiter, das Versandhaus mit Unterlagen zu einer angeblichen Bilanzfälschung um 1,5 Millionen D-Mark zu erpressen. Der Mann wurde verhaftet.
In eine ganz andere Welt schlüpften Medien- und Finanzwelt am 19. Mai 1999 bei der Firmenpräsentation in Frankfurt. Leicht bekleidete Damen reichten den Journalisten die Mikrofone. Ein Modell ließ die Hüllen sogar gänzlich fallen. Dann sprach Beate Rotermund. „Seitdem es die Pille gibt, ist Erotik gesellschaftsfähig“, sagte die Aufsichtsratschefin. Die Preisspanne der Papiere lag während der Zeichnungsfrist zwischen sechs und 7,20 Euro. Derweil überlegten die Analysten, wo denn die Beate-Uhse-Aktie einzugruppieren wäre. Die Vorschläge reichten von der gummiproduzierenden Industrie über die Telekommunikation bis hin zum Verkehrssektor.
Das Interesse an den Aktien, die schließlich für 7,20 Euro auf den Markt kamen, war groß. Ja, sogar so gewaltig, dass die Commerzbank die Zeichnungsfrist um vier Tage verkürzte. Dennoch registrierten die Börsianer eine 63-fache Überzeichnung und eine Verlosung unter den Anlegern. Für die erste Börsen-Notierung flog Beate Rotermund am 27. Mai 1999 nach Frankfurt. Sie staunte wie ein kleines Kind: „Ich war noch nie an der Börse, sah noch nie die Bilder mit den Bullen und den Bären.“
Um sie herum verteilten knapp bekleidete Frauen Schokoladen-Brüstchen. Der Champagner spritzte. Die „erste Erotika-Aktie Europas“ feierte einen gelungenen Börsenstart. Das Papier schoss um 12 Uhr gleich auf 13,20 Euro. „Das ist ja fast so wie beim Börsengang der Telekom“, staunte ein Händler. „Wir sind stolz auf das große Interesse an unserer Aktie“, teilte Beate Rotermund mit. „Wir werden jetzt richtig ranklotzen, um unsere Investoren zufriedenzustellen.“
Die Beate-Uhse-Aktie erwies sich als die erfolgreichste Emission des Jahres 1999: Zunächst war sie im kleineren S-Dax notiert, stieg aber im Dezember in den M-Dax, zu den 100 bedeutendsten Unternehmen in Deutschland, auf. In Flensburg plante man bereits, weitere Unternehmensteile auszugliedern und häppchenweise an der Börse zu verkaufen.
1999 wurde zum wohl erfolgreichsten Jahr in der Unternehmensgeschichte. Der Umsatz sprang von 168 auf 220 Millionen D-Mark, der Gewinn verdoppelte sich. Als Wachstumsmotoren betrachtete Beate Rotermund das Auslandsgeschäft und den Multimedia-Sektor. Das bundesweite Laden-Imperium sollte von 120 auf 300 Filialen ausgedehnt werden. „Wir wollen auch neue Wege gehen und Läden an Autobahnen errichten“, erklärte die nun 80-jährige Firmengründerin.

Positionswechsel: 1992 wurde Beate Rotermund Vorsitzende des Aufsichtsrats

Die Expansion drang über die Grenzen. Im September 1999 übernahmen die Flensburger den niederländischen Erotik-Versender „Pabo“ und die belgisch-niederländische Kette „Sandereijn“. Zwei Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von über 60 Millionen D-Mark. „Damit haben wir einen wichtigen Teil der Internationalisierungsziele erreicht, die beim Börsengang vorgesehen waren und werden zum größten Erotik-Konzern Europas“, schrieb Beate Rotermund als Aufsichtsratsvorsitzende.
Ihr „Baby“ fasste nun auch auf anderen Kontinenten Fuß. In den USA trat nicht „Beate Uhse“, sondern „Pabo“ in Erscheinung. „Meinen Namen kann niemand in Amerika richtig aussprechen“, schmunzelte Beate Rotermund. Passend zu den Olympischen Spielen in Sydney stieg der Sex-Konzern bei der australischen „Sharon Austen“ ein. Lizenzpartner standen in Polen, Portugal, Italien, Spanien und Ungarn bereit. Im März 2000 wurde in Hamburg die Holding „Beate Uhse Scandinavia A.B.“ präsentiert. Beate Rotermund war selbst vor Ort und posierte mit einer Puppe. Sie war die Gallionsfigur, die Chefin des Aufsichtsrats – die Musik spielt aber zunehmend abseits ihres Schreibtisches. Der familiäre Charakter in der Gutenbergstraße wich den Anforderungen eines „Global Players“.

Text: Jan Kirschner
Fotos: Privat

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