Die Silbermedaille hat er mit: Gøran Søgard Johannessen gehört zu den erfolgreichen Handballern der SG Flensburg-Handewitt, die bei der jüngsten Weltmeisterschaft für Furore gesorgt haben. An diesem Montag ist die offizielle Feierstunde der Stadt Flensburg und der Gemeinde Handewitt. In der Bürgerhalle ist ein Podest aufgebaut, auf dem ein Tisch thront. Darauf liegt das Goldene Buch der Stadt. Gøran Søgard Johannessen hat schon der Meister-Ehrung im September beigewohnt, nun darf er selbst zum Stift greifen. „Ein so richtig altes Buch ist eine schöne Tradition – da haben sich sicherlich schon viele Handballer verewigt“, sagt der 24-Jährige, der ein solches Zeremoniell aus seiner norwegischen Heimat nicht kennt. In Stavanger hatte er für den Neujahrsempfang 2018 eine Einladung beim Bürgermeister. Da gab es lediglich eine Urkunde für alle erfolgreichen Sportler der Stadt und ein gemeinsames Erinnerungsfoto.
Mit Kristian Bjørnsen und Ole Erevik hatte der SG-Neuzugang zwei weitere Handballer an seiner Seite, die 2017 ebenfalls Vize-Weltmeister geworden waren. Kein Zufall, denn Stavanger zählt zu den Handball-Wiegen Norwegens. Gøran Søgard Johannessen begann dort bereits im zarten Alter von sechs Jahren, und zwar beim kleinen Klub Forus og Gausel IL. Seine erste Trainerin war seine Mutter und entscheidend für die ersten Schritte einer zunächst zarten Karriere. „Ich wollte eigentlich nur Fußball spielen, aber meine Mutter war eine leidenschaftliche Handballerin und wollte unbedingt, dass ich auch ihren Sport ausprobiere – heute muss ich mich bei ihr bedanken.“ Er macht das, indem er bei der SG mit dem Schriftzug „Søgard“, dem Familiennamen seiner Mutter, aufläuft. Dieser wird aufgrund eines Fehlers in seinem Pass als zweiter Vorname geführt, sodass auf den offiziellen Spielberichten von Welt- oder Europameisterschaften immer nur „Gøran Johannessen“ auftaucht.
Der junge Norweger blieb dem Handball treu, galt aber lange nicht als ausgewiesenes Talent – wohl auch weil er teilweise ganz andere Interessen hatte. Zum Beispiel die Geographie: Filme wie „Der Blaue Planet“ faszinierten den Jungen, der alle Hauptstädte und Fahnen der Welt kannte. Noch heute ist es für Gøran Søgard Johannessen kein Problem, selbst die Nationalflaggen so exotischer Länder wie Kiribati zu beschreiben. Und schon jetzt weiß er: „Wenn ich mal 35 Jahre alt bin und keinen Handball mehr spielen werde, dann möchte ich am liebsten die ganze Welt bereisen.“ Den Anfang sollen die Regenwälder des Amazonas und Vietnam machen.
Globale Schwärmereien: Die Handball-Karriere gedieh indes zunächst zart. Zwar landete Gøran Søgard Johannessen bald bei Viking, der Nummer eins unter den Vereinen Stavangers, doch der Spaß-Faktor blieb dominierend. Erst am Ende der Jugendzeit entdeckte ein Trainer: In dem steckt mehr drin, und lotste ihn in die Erstliga-Truppe von Viking. Als Voll-Profi lebte der Rückraumakteur damit noch keineswegs. Nebenbei studierte er: Da es Geographie nicht als Studiengang an der Universität von Stavanger gab, schrieb er sich für Norwegisch und Geschichte ein. Irgendwann einmal soll ihn der Berufsweg an eine Sportschule führen.
Mit 21 Jahren beriet sich der Handballer mit seinem Berater Kenneth Jensen über seinen weiteren sportlichen Werdegang. Viking Stavanger fehlte das Geld für die großen Sprünge, während Gøran Søgard Johannessen internationale Ambitionen hegte. Drei Jahre in Dänemark, um sich dort für die Bundesliga oder Frankreich zu empfehlen – so lautete die Marschroute. Der Zufall wollte es, dass in seinem fünften Länderspiel Norwegen auf Dänemark traf. Etliche Vereinsmanager saßen auf der Tribüne, Gøran Søgard Johannessen erhielt mehrere Einladungen. „Bei GOG hatte ich das beste Bauchgefühl“, erinnerte er sich. „In Odense hatte ich dann auch zwei richtig gute Jahre.“
Im Herbst 2017 landete eine Anfrage der SG auf dem Tisch. Der Profi berichtet: „Die Alternativen waren klar: eine weitere Saison bei GOG oder nach Flensburg. Hätte ich nein gesagt, dann hätte ich vielleicht drei oder fünf Jahre warten müssen, bis die SG wieder einen Spielmacher suchen würde.“ Seine Entscheidung ist bekannt. Nun lebt er in einer überschaubaren Stadt, die mit seinem Hafen durchaus an Stavanger erinnert.
Gøran Søgard Johannessen frühstückt gerne im „Roten Hof“ mit einigen Teamkameraden, besucht das „Café Isa“ in der Norderstraße, schätzt aber vor allem die Zeit in seiner Innenstadt-Wohnung. „Neben dem Spiel- und Trainingsbetrieb brauche ich auch Muße“, sagt er. Er hat einen Plattenspieler und eine Vorliebe für englische Musik der 80er Jahre. „The Smiths“ oder „The Cure“ zählen zu den Favoriten. „Ich stehe mehr auf Bands und richtige Instrumente“, sagt der 24-Jährige. „In der heutigen Musik steckt zu viel Elektronik, und auf der Bühne stehen nur noch DJs.“
Während die Songs laufen, ist Gøran Søgard Johannessen oft in der Küche. Einst hatte er eine Kochschule besucht, dachte daran, einmal in Restaurants feine Gerichte zuzubereiten. Die Handball-Karriere machte einen Strich durch diese Rechnung, aber die Gourmetküche blieb ein treues Hobby. Manchmal verwöhnt er die Familie. Zu Weihnachten bereitete der Sportler „Norwegisches Lamm“ vor. Das Fleisch war acht Monate getrocknet, dazu servierte er Kartoffeln, Kohlrabi und eine Sahnesauce.
In den gemütlichen Weihnachtsstunden war das Pech der Hinrunde vergessen. Im Juli, kaum in Flensburg eingetroffen, musste Gøran Søgard Johannessen wegen einer Blessur am Sprunggelenk unters Messer, brach sich zusätzlich bei einem Autounfall die Nase. „Ausgerechnet, als es darum ging in das komplexe System von Maik Machulla zu kommen“, zuckt der Norweger noch immer ungläubig mit der Schulter. „Die anderen spielen und trainieren, man selbst schaut nur zu – das war schwer für den Kopf.“ Im September fuhr er ein paar Tage zu seiner Familie nach Norwegen, um auf andere Gedanken zu kommen.
Früher als erwartet, Mitte Oktober, kehrte Gøran Søgard Johannessen auf das Spielfeld zurück. Nach sechs Wochen das nächste Missgeschick: ein Daumenbruch. „Da dachte ich“, so der Handballer, „dass ich zehn Spiele mit der SG und die Weltmeisterschaft verpasse.“ Doch rechtzeitig zum Großturnier sprang der Spielmacher auf den norwegischen WM-Zug auf und gewann Silber. Dann die Ehrung in Flensburg. Zum Ende des Empfangs, kurz bevor das Büffet abgeräumt wird, gesellt sich ein Fan zu ihm. „Beim nächsten Mal wird es Gold.“ Text und Fotos: Jan Kirschner

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