Die Realteilung und der 70. Geburtstag

Die Geschäfte florierten. Porno-Streifen waren nun der Renner. 1980 besaß das Unternehmen „Beate Uhse“ zwölf „Blue Movie“-Kinos und war Marktführer mit 140 Pornofilmen. Beim Verleih entsprechender Videos an unabhängige Lichtspielhäuser registrierte die Geschäftsführung vielversprechende Ansätze. Die Filme entstanden vorwiegend in den USA. „Dort sind Models und Drehmöglichkeiten besser“, meinte Beate Rotermund.
Die Staaten schienen das geeignete Feld für eine weitere Expansion zu sein. Die Übernahme der amerikanischen Porno-Kinokette „Pussycat“ scheiterte jedoch am Preis: 35 Millionen Dollar waren aufgerufen. Im Februar 1981 war die „Chefin“ in New York. Bei Speis und Trank berichteten Presse und Fernsehen über den großspurig geplanten Film-Verleih der deutschen Newcomerin. Die Streifen liefen auch in den US-Kinos, doch kaum ein Kunde zahlte. Reuben Sturman, so etwas wie ein Porno-Mogul in den Staaten, soll die Kino-Betreiber unter Druck gesetzt und bei Zahlungen an „Beate Uhse“ mit Konsequenzen gedroht haben.
Im fernen Flensburg hatte sich die Struktur des Sex-Konzerns gewandelt. Beate Rotermund schraubte ihren Aufwand zurück, reiste gern und verbrachte viel Zeit mit ihrem Lebensgefährten John Holland – in Schausende, New York oder Florida. Die drei Söhne übernahmen immer mehr Verantwortung. 1973 gehörten ihnen jeweils fünf Prozent an der Unternehmensgruppe, 1977 waren es bereits 16 Prozent. Jeder hatte seine Arbeitsschwerpunkte: Klaus Uhse kümmerte sich um den Großhandel und den Außenhandel. Dirk Rotermund war für das Versandhaus zuständig, während Ulrich Rotermund die Läden und die noch junge Video-Film-Sparte managte.

Noch alle beisammen. Von links: Beate Rotermund, Dirk Rotermund, Klaus Uhse und Ulrich Rotermund

Angesichts unterschiedlicher Ansichten in der Geschäftspolitik kam es häufiger zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. Sie spitzten sich zu, als das Unternehmen 1981 in eine kritische Situation geriet. Der Umsatz hatte inzwischen die Grenze von 100 Millionen D-Mark durchstoßen. Die Gewinne waren üppig. Sie wurden allerdings reinvestiert. Steuernachzahlungen, erhöhte Vorauszahlungen und sinkende Gewinne griffen das finanzielle Fundament an. Der Kreditrahmen bei den Banken war praktisch aufgebraucht.
In dieser Situation soll Ulrich Rotermund vehement darum gekämpft haben, weitere zwei Millionen D-Mark in das US-Projekt zu pumpen. Seinen beiden Halbbrüdern war das Risiko entschieden zu hoch. Ulrich Rotermund soll daraufhin seine Mutter Beate dazu überredet haben, eine Realteilung des Gesamt-Unternehmens einzuleiten. Die beiden überstimmten Klaus Uhse und Dirk Rotermund, die sich durchaus eine größere Unabhängigkeit der Geschäftsbereiche vorstellen konnten, dies aber weiterhin unter einem gemeinsamen Dach.
Zum 1. Juli 1981 wurde die Realteilung vollzogen. Zwei getrennte Unternehmen entstanden. Dirk Rotermund und Klaus Uhse führten Versand und Verlag fort, während Beate Rotermund zusammen mit Ulrich, ihrem jüngsten Sohn, die Ladenketten und den Filmverleih verantwortete. Als neue Basis wurde bis Ende 1981 die „Beate Uhse AG“ mit einem Grundkapital von 16 Millionen D-Mark gegründet. Beate Rotermund fungierte als Vorstandsvorsitzende, Ulrich Rotermund als Stellvertreter. Als Geschäftsführer wurde Hans-Dieter Thomsen eingesetzt.
Den neuen Strukturen waren viele Gespräche mit Wirtschaftsberatern, Steuerprüfern und Juristen vorausgegangen. „Ohne die Realteilung hätte ich der Boss bleiben müssen und irgendwann 60-jährige Söhne gehabt, die machen müssen, was ihre 90-jährige Mutter will“, erklärte Beate Rotermund einmal. Und weiter: „Dies war die einzige Möglichkeit, jedem der Söhne selbstständige Unternehmensteile zu überlassen, ohne dafür riesige Steuerbeträge aufbringen zu müssen.“ Von den internen Streitigkeiten keine Rede – und auch nicht vom Ungleichgewicht bei den Geschäftsaussichten. Beate und Ulrich Rotermund hatten sich die vermeintlich besseren Tortenstücke herausgeschnitten. Pornofilme in den Läden und in den Sex-Kinos boomten. Und die Sex-Shops durften verkaufen, was der Versand oft nicht versenden durfte.

Flensburger Schäferweg: Das neue Orion-Gebäude 1985

Von der Öffentlichkeit blieb die Realteilung zunächst unbemerkt. Erst Anfang Oktober 1982 titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Beate Uhse hat ihr Imperium in zwei Teile zerlegt“. Die Zäsur fiel sicherlich deshalb so lange nicht auf, da zunächst beide neuen Unternehmen in der Flensburger Gutenbergstraße blieben. Die Atmosphäre war aber längst angespannt, wie aus internen Papieren hervorgeht. So hatte die „Versandgruppe“ eine Monatsmiete von 40.000 D-Mark an die „Ladengruppe“ zu zahlen. Und die wollte noch mehr. Beate Rotermund hatte wohl gehofft, dass die Realteilung zu klaren Strukturen und einer Befriedigung der Situation beitragen könnte, letztendlich erwies sie sich aber als Sprengsatz. 1982 gab es zwischen den beiden Geschwister-Unternehmen eine erste Auseinandersetzung vor Gericht. Bald war Klaus Uhse und Dirk Rotermund klar: „Wir müssen bauen!“
Der familiäre Stress im Konzern schlug auf die Gesundheit. Beate Rotermund war bis dahin nie wirklich krank gewesen und ließ sich alle zwei Jahre einem umfangreichen Gesundheitscheck unterziehen. Vor Weihnachten 1982 fühlte sie sich 14 Tage schlapp. Bei einer Ultraschall-Untersuchung wurden fünf kartoffelgroße Zysten an der linken Niere entdeckt. Krebs konnte nicht ausgeschlossen werden. Mitte Januar 1983 wurde die Flensburgerin in einer Aachener Nierenspezialklinik operiert. Die Labor-Befunde sendeten keine beunruhigenden Signale.
Dennoch war die OP der prominenten Patientin ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse. Am 25. Januar 1983 schrieb die Bild-Zeitung: „Beate Uhse operiert – sechs Wochen Krebsangst!“ Sie meldete sich sogar selbst zu Wort: „Mir geht es einfach lausig, ich habe schreckliche Schmerzen.“ Drei Tage später hatte sich die Situation auf Zimmer 415 deutlich entspannt. Beate Rotermund war schon wieder rege am Telefonieren. „Ich erhalte ständig die aktuellen Berichte aus der Firma“, sagte sie. Nichtsahnend, dass alles noch weit dramatischer werden sollte.
Klaus Uhse erhielt eine Krebs-Diagnose und wurde Anfang September 1983 am Magen operiert. Seine Mutter Beate war von dieser Nachricht so geschockt und beunruhigt, dass sie sich einer Magenspiegelung unterzog. Dabei wurde ein kleines Geschwür entdeckt – mit positivem Befund. Vor dem Eingriff am 30. September im Hamburger Marien-Krankenhaus verbrachte Beate Rotermund ein Wochenende im Kreis der Familie, sortierte Post und Unterlagen in der Firma, spielte Tennis und startete mit der Cessna einen Rundflug über Flensburg und Glücksburg. Die Operation dauerte gut fünf Stunden, dann waren das Karzinom im Anfangsstadium und große Teile des Magens herausgeschnitten. Nach 15 Tagen wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen und saß kurz darauf
im Flieger zu den Bermudas. Sohn Ulrich hatte sie zu einem Urlaub überredet. Schon bald machte Beate Rotermund Gymnastik und spielte wieder Golf. „Ich will 100 Jahre alt werden“, trotzte sie dem Schicksal.
Wenige Monate später war alles anders. Sohn Klaus konnte den Krebs nicht besiegen und verstarb am 30. Juni 1984. Drei Tage später versammelten sich 80 Trauergäste auf dem Glücksburger Friedhof. Am Sarg eine Schleife. Auf ihr stand: „Ein letzter Gruß – deine Mutter Beate!“ Sie musste zeitweise gestützt werden von ihren beiden verbliebenen Söhnen und warf einen Strauß Rosen ins Grab. Tags darauf wirkte sie schon wieder zuversichtlicher. „Der grausame Tod hat unsere Familie wieder zusammengebracht“, meinte die 64-Jährige gegenüber der Presse.

3. Juli 1984: Beerdigung in Glücksburg

Geschäftlich wurde die Trennung nun allerdings auch augenscheinlich. Im Sommer 1984 wurden 275 Lkw-Ladungen von der Gutenbergstraße in neugebaute Hallen am frisch erschlossenen Schäferweg transportiert. Der „Beate Uhse Versand“ und 90 Mitarbeiter hatten eine neue Heimat. Um sich auch optisch als eigener Betrieb darzustellen, erfolgte bald eine Namensänderung. Nachdem zunächst ein Dr.-Lösch-Erotik-Katalog erstellt worden war, fiel dann die Entscheidung für das Sternbild „Orion“.
Bei der Realteilung hatten beide nun eigenständige Unternehmenszweige eine fünfjährige Sperrfrist vereinbart, um sich bei den Geschäften nicht ins Gehege zu kommen. Die Konkurrenz untereinander ließ sich aber nicht eindämmen, wie auch öffentliche Äußerungen zeigten. Im November 1984 sagte etwa Dirk Rotermund: „Während die Beate Uhse AG mit ihren Sex-Shops und Kinos auf der Pornowelle schwimmt, setzt Orion neue Akzente im Bereich der erotischen Atmosphäre.“ Man beäugte sich: Beate Rotermund heftete in ihren Unterlagen auch Pressematerial von „Orion“ ab und markierte Formulierungen wie „der größte Erotik-Versand der Welt“.

Titelbild der „Emma“ von März 1988

1986, also mit Ablauf der fünf Jahre, stieg „Beate Uhse“ wieder in das Versandgeschäft ein und publizierte das „Beate Uhse Journal“, den neuen Katalog. Den Namen „Versandhaus Beate Uhse“ hatte man sich an der Gutenbergstraße zurückerkämpft. 1988 erwirtschaftete der Versandhandel noch Verluste, brachte es auf einen Anteil von etwas mehr als zehn Prozent am Gesamtumsatz von 100 Millionen D-Mark des 575 Mitarbeiter starken Unternehmens. Die Konkurrenz belebte das Geschäft: „Orion“ schaffte mit seinen 120 Leuten immerhin 40 Millionen D-Mark im Jahr.
Die Geschäftsfelder wandelten sich immer wieder. Am 29. November 1984 lockte das Magazin „Stern“ seine Leser mit der Schlagzeile „Das Ende der Sexwelle“. Wenige Monate später widmete sich der „Spiegel“ dem „Thema des Jahres“: Aids. Ein Virus kurbelte den Kondom-Verkauf an. „Beate Uhse“ richtete in ihren Läden einen „Aids-Beratungsdienst“ ein, warb mit Slogans wie „Die Liebe unbeschwert genießen“ und setzte immer mehr Präservative ab. Die Kunden orientierten sich nun allerdings mehr an medizinischen Aspekten und weniger an erotischen Spielereien. Die Gesellschaft war besorgt. Am 29. Mai 1988 strahlte das ZDF die Sendung „Liebe ist Zärtlichkeit – ein Abend gegen Aids“ aus. Gäste waren Bundesministerin Rita Süssmuth, Aufklärungsfilmer Oswalt Kolle – und Beate Rotermund.

Die Unternehmerin hatte in der Öffentlichkeit generell ein positives Image, musste in den 80er Jahren immer wieder Angriffe von Feministinnen einstecken. Die „Emma“ schrieb im März 1988: „Mit 25 fliegt Beate Uhse Stukas an die Front – für Hitlers Luftwaffe. Mit 69 verkauft sie Frauen – für 90 Millionen im Jahr.“ Ihr wurden Frauenfeindlichkeit und die Degradierung der Frau zum Lustobjekt vorgeworfen. „Ich bin nicht Jesus, sondern Unternehmer“, bekannte Beate Rotermund freimütig und stellte klar: „Noch nie gab es so viele Freiheiten für uns Frauen. Wir dürfen alles, wir können so gut wie alles, was Männer auch können.“
In ihrem Pressematerial las sich das dann so: „Seit über 30 Jahren ist es das Anliegen von Beate Uhse gewesen, die Sexualität von ihren Tabus und ihrem illegalen Dasein zu befreien. Wir – die Firma Beate Uhse – haben entscheidend dazu beigetragen, dass Sexualität in all ihren Spielarten in unserer Gesellschaft wieder den Stellenwert eingenommen hat, der ihr zusteht.“ Beate Rotermund scheute sich nicht ihren Standpunkt zu verteidigen und setzte sich im Juli 1989 auf den „heißen Stuhl“ von „RTL plus“.
Sie wusste, wie man das Leben genießen kann. Häufig und vor allem zu ihren Geburtstagen reiste die „Chefin“ nach Florida, um dem Rummel um ihre Person zu entgehen. Sie schwamm gern, schoss auf Skiern über das Wasser. Sie machte einen Sportboot-Führerschein, schlug immer wieder auf dem Tennisplatz auf und begrüßte in der amerikanischen Wahlheimat gerne Freunde.
Im privaten Foto-Album gibt es Bilder von einer „Ski-Show“, die Beate Rotermund und John Holland im April 1982 gemeinsam inszenierten. „Langsam und sicher lebten wir uns auseinander“, stellte sie später fest. Die Gegensätze traten stärker hervor. Das Paar trennte sich, versprach sich eine Freundschaft, sah sich aber immer seltener. In der Presse tauchte noch eine Affäre mit einem ehemaligen Eishockey-Spieler auf, doch die Wünsche nach einer festen Partnerschaft blieben unerfüllt. Beate Rotermund legte sich aber durchaus ins Zeug und sparte an ihrem äußeren Erscheinungsbild gewiss nicht. In einer vierstündigen OP ließ sie sich die Falten liften. „Auch ich kann mich dem Jugendlichkeitswahn nicht entziehen“, lächelte sie. Die „Bild“ titelte: „Das neue Gesicht von Beate Uhse – Sex-Königin zahlte 6000 D-Mark.“

Beate Rotermund mit vier ihrer Enkelkinder

In Schausende genoss die Unternehmerin die Ruhe. Der Garten war ihre Spielwiese, auf Beeten wuchs Gemüse. Besucher entdeckten in ihrem Haus keine Pornofilme und auch keine erotische Literatur. Stattdessen Schwarten der Wirtschaftswelt. „Wer in einer Konditorei arbeitet“, sagte sie einmal, „der nimmt sich ganz selten eine Torte mit nach Hause. Und wenn, dann nur eine, die ihm ganz besonders schmeckt.“ Beate Rotermund verriet: Im Schlafzimmer hatte sie einen Vibrator. Von Schausende fuhr sie mit ihrem „Mercedes 500 SE“ nach Flensburg in die Gutenbergstraße. Oder zum Flugplatz Schäferhaus, wo ihre Cessna stand. Manchmal flog sie mit ihrer Haushälterin nach Sylt oder Wyk, um dort ein Café aufzusuchen. Auf dem Golfplatz in Glücksburg war Beate Rotermund ab 1984 Stammgast. Sie arbeitete systematisch an ihrem Handicap, stattete sich mustergültig aus und las Fachliteratur. Im Winter tauchte sie im Fitness-Studio auf. Langeweile kannte sie nicht, oft war sie wochenlang unterwegs. Im Frühling 1988 etwa besuchte sie zunächst ihre Stieftochter in Südafrika, weilte über Ostern in Florida und nahm danach für einige Tage an einem Symposium im Direkt-Marketing teil – in der Schweiz.
Trotz neuer Impulse sorgte sich die „Chefin“ um ihr wiederbelebtes Versandgeschäft. Sie wollte es offenbar verkaufen. Im Dezember 1988 schrieb sie an mehrere mögliche Interessenten: „1989 werde ich 70 und trage mich mit dem Gedanken, mich vom Versandhaus Beate Uhse zu trennen, da ich für den Versandbereich keinen Nachfolger habe… Bitte behandeln Sie dieses Schreiben streng vertraulich!“ Ein Käufer fand sich nicht. Zumeist sahen die Antworten so aus wie die von Grete Schickedanz („Quelle“): „Ihr Versandhaus lässt sich nicht in unsere Aktivitäten und Zielsetzungen einfügen.“ Die Nachfolge wurde intern gelöst: Zum 12. Juni 1989 übernahm Ulrich Rotermund auch das Ressort „Versandhaus“.
Seine Mutter hatte am 25. Oktober 1989 ihren 70. Geburtstag und weilte ausnahmsweise im Norden. Am Vormittag war ein Empfang im Glücksburger „Grandhotel“, bei dem Beate Rotermund auch ihre frisch erschienene Autobiografie präsentierte. Am Abend wurde in „Andresen`s Gasthof“ (bei Tondern) gefeiert. Essen, Reden und Tanzen – bis vier Uhr morgens. Eine Überraschung entdeckte die Jubilarin im „Flensburger Tageblatt“. Die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter von „Orion“ ließen einen großen Geburtstagsgruß veröffentlichen. Trotz Realteilung und Konkurrenz: Der gute Ton war nicht ganz verschwunden.

Text: Jan Kirschner
Fotos: Privat

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