Das Flensborghus ist schon seit 300 Jahren ein Prachtbau in Backstein-Optik und dürfte jedem Besucher der Norderstraße sofort ins Auge fallen. Seit einem guten Jahrhundert pulsiert an dieser Stelle der Hotspot der dänischen Minderheit. Unter einem Dach finden sich mehrere Vereine und Institutionen. Dazu gehört auch der Südschleswigsche Wählerverband. Seit 1996 arbeitet und engagiert sich Martin Lorenzen für den SSW. Fast sein halbes Leben. Kürzlich feierte der 62-Jährige sein 30-jähriges Dienstjubiläum. Sein Büro hat er im Erdgeschoss des Flensborghus, wo er hauptsächlich anzutreffen ist. Der Landesgeschäftsführer taucht aber auch in den SSW-Außenstellen Husum, Schleswig und Eckernförde auf und begleitet die Landtagssitzungen in Kiel.

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“

Er hat auch deutsche Ahnen, etwa einen ehemaligen Flensburger Polizisten, es dominieren aber die dänischen Vorfahren. So ist überliefert, dass Sievert Lorenzen, ein Ururgroßvater, um 1850 herum von Tondern in die Fördestadt zog und in der Nähe des Nordermarktes eine Schlachterei eröffnete. Martin Lorenzen hingegen wuchs nicht in Flensburgs Innenstadt auf, sondern in Harrislee auf. Er wie auch seine Schwester besuchten den dänischen Kindergarten und die dänische Schule. „Ich hatte eine behütete Kindheit in Harrislee, wo man sich in einer starken dänischen Minderheit kannte und gegenseitig unterstützte“, erzählt er. Ein logischer Schritt war eine jugendliche Handball-Karriere bei HKUF. Später war Martin Lorenzen auch Trainer und gehörte dem Vorstand an. Einige trifft er nun wieder, wenn er zur SG in die „Hölle Nord“ pilgert. Seit 15 Jahren hat der Handball-Fan eine Dauerkarte. Ein beliebtes Ziel ist auch Herning, wo die dänische Nationalmannschaft häufiger auftrumpft.

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“
Im Landtagsbüro des SSW, 1997

Abitur am dänischen Gymnasium, Studium in Dänemark

Mitte der 1970er Jahre wechselte Martin Lorenzen auf die Duborg-Skolen. „Ich war der erste aus unserer Familie, der aufs Gymnasium kam“, erzählte er. „Ich verdanke dem guten Schulsystem und den vielen guten Lehrern in der dänischen Minderheit, dass ich auf das Gymnasium gehen konnte, obwohl ich aus sehr einfachen Verhältnisse komme.“ Sein Vater beispielsweise war als „Mappenmann“, als Zusteller im Lesezirkel, in der Region unterwegs.

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“
1. Mai 2008-Demo mit Schwiegervater Ludvig Hecker, Vorsitzende des Bund der Antifaschisten

1983 hatte Martin Lorenzen das Abitur in der Tasche. Zunächst blieb er südlich der deutsch-dänischen Grenze, da er sich HKUF sehr verbunden fühlte. Er war gleichzeitig Spieler der ersten Mannschaft, Trainer im Jugendbereich und Vorstandsmitglied. Der junge Mann begann eine Ausbildung beim früheren Harrisleer Klebeband-Klassiker „Nopi“ als Indus­triekaufmann. Die ehemalige dänische Firma war inzwischen von „Beiersdorf“ geschluckt worden und erhielt eine neue Führungsriege aus Hamburg. „Ich konnte den betrieblichen Ablauf eines großen Unternehmens kennenlernen und sammelte dadurch wertvolle berufliche Erfahrungen“, meint Martin Lorenzen rückblickend.

Nach den obligatorischen drei Jahren zog es ihn nach Aarhus zum Studium der Betriebswirtschaft. Besonders faszinierte ihn der neue Studiengang „Umweltlehre“. Er engagierte sich auch für die dänische Minderheit, indem er in Aarhus einen südschleswigschen Studentenverein gründete. Nebenbei verdingte er sich als Übersetzer und als Buchhalter. Ganz andere Einblicke ermöglichte eine Wohngemeinschaft auf einem Bauernhof.

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Die SSW-Abgeordnete Anke Spoorendonk (Dritte von links) im Hof von Aktivitetshuset, 1999, mit ihrem damaligen Mitarbeiterstab – Martin Lorenzen ganz rechts

Erste Berufserfahrungen bei Aarhus, Rückkehr nach Flensburg

Nach dem Studium erfolgte der Berufseinstieg bei einem kleinen Betrieb in der Umgebung von Aarhus. „Diese Firma setzte zu mehr als 90 Prozent auf den Export, besonders nach Deutschland“, berichtet Martin Lorenzen. „Ich war beeindruckt, wie man in der dänischen Wirtschaft mit flachen Hierarchien zum gemeinsamen Wohl zusammenarbeitete.“ Heute ist er sich sicher, dass er durch seine insgesamt zehn Jahre in Dänemark die dänische Mentalität und den skandinavischen Pragmatismus schätzen gelernt hat. „Vor allem das Zielbewusstsein, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und selbst Verantwortung für sein Handeln und sein Leben zu übernehmen“, betont der Flensburger.

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“
Foto: Lars Salomonsen

1996 war er bereits mit seiner Jugendliebe Brita zusammenzogen. Die Heirat stand kurz bevor. Eines Tages meldete sich seine ehemalige Lehrerin Anke Spoorendonk. Einst hatte sie „sehr inspirierend“ Geschichte unterrichtet. Nun war sie SSW-Landtagsabgeordnete und suchte einen Ökonomen für ihren Stab. „Wir waren keine Sekunde im Zweifel“, erinnert sich Martin Lorenzen. „Uns zog es zurück ins deutsch-dänische Grenzland und zurück in die Hauptstadt der dänischen Minderheit – nach Flensburg“. Nach der erfolgreichen Landtagswahl wurde er als wissenschaftlicher Mitarbeiter vom SSW eingestellt. „Während Brita als Bibliothekarin jeden Tag nach Haderslev fuhr, ging es für mich viele Jahre nach Kiel.“

Beruf und Ehrenamt beim SSW

1998 übernahm Martin Lorenzen die Geschäftsführung der Landtagsfraktion. Die Strukturen waren ihm vertraut. „Beim SSW gab es nach dänischem Vorbild eine flache Hierarchie“, erklärt er. „Die Mitarbeiter arbeiteten auf Augenhöhe mit den Landtagsabgeordneten zusammen. Mit Anke Spoorendonk, Lars Harms, Silke Hinrichsen und einigen Kollegen organisierte Martin Lorenzen den politischen Alltag, aber auch die Wahlkämpfe, die sehr wechselnde Ergebnisse brachten. Auf das Hoch von 2000 folgte das Tief von 2005. Unvergessen der Versuch der Ministerpräsidentin Heide Simonis, sich mit den Stimmen des SSW erneut wählen zu lassen. Vier Mal gab es keine Mehrheit. „Wir wurden von vielen für unsere Unterstützung angefeindet, unsere Abgeordneten brauchten sogar Leibwächter“, erinnert sich Martin Lorenzen. „In der SSW-Fraktion, in der Minderheit und in unserer Partei hielten wir zusammen, so dass wir aus dieser Situation gestärkt hervorgingen“, meint Martin Lorenzen.

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Mit seinen ehemaligen Chefs Anke Spoorendonk und Flemming Meyer im Jahr 2021 zum 70. Geburtstag von Flemming Meyer

Er war seit 2001 auch ehrenamtlich für seine Partei in Flensburg aktiv. „Meine Motivation, mich direkt im SSW zu engagieren, war die kulturelle und ökonomische Gleichstellung der Minderheiten, wobei es damals in Flensburg doch einige Defizite gab. Aber vor allem wollte ich den Menschen in Flensburg eine Stimme geben, die genau wie ich nicht mit dem goldenen Löffel geboren wurden und wie meine Eltern mit harter Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.“

Damals sah Martin Lorenzen die soziale Linie des SSW in Flensburg in Gefahr. Das führte durchaus zu Konflikten mit der damaligen Fraktionsspitze. „Ich und meine Mistreiter aus dem Umfeld der neuen Kreisvorsitzenden Birgit Seidler und der Landtagsabgeordneten Silke Hinrichsen begannen uns politisch zu positionieren“, erinnert sich der 62-Jährige. „Wir warben für Gerhard Bethge als neuen Fraktionsvorsitzenden.“  2005 war diese Personalie geklärt. Martin Lorenzen selbst trat 2008 zum ersten Mal als Kandidat zur Kommunalwahl an und wurde im Wahlkreis Rude direkt gewählt.

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Beim Empfang im Schloss Bellevue mit Bundespräsident Steinmeier, 2025

Ein neuer SSW-Landesgeschäftsführer

Das Jahr 2008 erwies sich auch als berufliche Zäsur. Als der damalige Landesgeschäftsführer Dieter Lenz in den Ruhestand ging, entschloss sich Martin Lorenzen als Nachfolger zu bewerben. Als Fraktionsgeschäftsführer in Kiel hatte er eng mit dem ausscheidenden Funktionär zusammengearbeitet und kannte seine Aufgaben. „Es war sehr verlockend nicht mehr in Kiel zu arbeiten, sondern im Flensborghus, im Zentrum der dänischen Minderheit und nur wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt“, erzählt er.

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Auf dem Holm in Flensburg im SSW-Wahlkampf um Stefan Seidler bei der Bundestagswahl 2025

Die Bewerbung fruchtete. „Ich wollte die Partei mit zentralen Wahlkämpfen modernisieren, aber gleichzeitig mehr dezentral Mitarbeiter einstellen, um die Kreisverbände zu stärken“, erklärt der noch immer amtierende Landesgeschäftsführer. „Politisch sollte der SSW ein klareres und deutlicheres Profil als soziale, regionale Minderheitenpartei bekommen – mit Inspiration aus Skandinavien.“ Anfangs hatte Martin Lorenzen nur drei Mitarbeiter, heute ist es ein elfköpfiges Team. Es entstand eine enge Zusammenarbeit mit den SSW-Landesvorsitzenden: lange Zeit Flemming Meyer, dann Christian Dirschauer und jetzt Sybilla Nitsch.

Siege und Niederlagen bei den Wahlen

Die SSW-Zentrale hatte seit 2008 zwölf Wahlkämpfe auf der Agenda. „Diese sind für uns als kleine Minderheitenpartei mit etwas über 3000 Mitgliedern immer eine große Herausforderung“, erklärt der Landesgeschäftsführer. „Wir sind nicht viele, aber dafür umso motivierter.“ Bei der Landtagswahl 2009 erreichte der SSW zum ersten Mal seit Ende der 1940er Jahre vier Mandate und Fraktionsstatus. Nach der Landtagswahl 2012 war der SSW zum ersten Mal in der Geschichte ein Teil einer Landesregierung. In der folgenden Legislaturperiode wurde eine hundertprozentige Gleichstellung für die dänischen Schulen oder die Anerkennung von Dänisch und Friesisch als Amtssprachen im nördlichen Landesteil erreicht. „Obwohl der SSW fast alle seine Wahlforderungen umsetzen konnte, wurde die Regierungsbeteiligung nicht belohnt“, meint Martin Lorenzen. Bei der Landtagswahl 2017 verlor der SSW viele Stimmen.

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“
Mit SSW-Landesvorsitzender Sybilla Nitsch zur Demonstration vor dem Rathaus in Kiel, 2024

In Flensburg war dem SSW 2010 ein Überraschungscoup geglückt. Sein Kandidat Simon Faber wurde Oberbürgermeister. Martin Lorenzen war als Ratsmitglied und Landesgeschäftsführer Organisator des Wahlkampfes gewesen. „Es war eine fantastische Kampagne mit einem sympathischen Kandidaten, wir unterschätzten aber die Reaktion unserer politischen Konkurrenten“, erinnert er sich. „Ich selbst musste leider aus Zeitmangel mein Ratsmandat zurückgeben und war nur noch als bürgerliches Mitglied im Finanz- und Kulturausschuss tätig.“

Zwischen Kommunal- und Bundestagswahl

Simon Faber wurde 2016 übrigens nicht wiedergewählt. Überhaupt lief es für den SSW die kommenden Jahre weniger gut. Die Wende kam, als die Minderheitspartei 2021 zum ersten Mal seit Ewigkeiten zur Bundestagswahl antrat und mit Stefan Seidler zum ersten Mal seit 1953 einen Abgeordneten im Bundestag hatte. „Durch seine erfolgreiche politische Arbeit in Berlin und aufgrund einer starken Landtagsfraktion in Kiel bekam der SSW noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit“, meint Martin Lorenzen. Er verweist auf die 250 Mandate bei den Kommunalwahlen 2023 und auf das besonders gute Abschneiden in Flensburg als stärkste Kraft. Mit Susanne Schäfer-Quäck stellt der SSW seitdem die Stadtpräsidentin. Martin Lorenzen selbst kehrte in die Flensburger Ratsversammlung zurück. Im Wahlkreis „Waldschule“ lag er exakt drei Stimmen vor der Grünen-Kandidatin. „Während des Wahlkampfs habe ich mit vielen Leuten gesprochen und Kaffee getrunken“, verrät Martin Lorenzen.

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“
Mit Brita und Neffe Bjarke beim FC Liverpool an der Anfield Road, 2025

Dennoch war der SSW am Wahlabend etwas ratlos, da sich unter den ausnahmslos direkt gewählten Kandidaten viele Neulinge befanden. Wer soll nun die Flensburger Fraktionsführung übernehmen?  „Die Wahl fiel auf mich“, schmunzelt Martin Lorenzen. „Man meinte, dass ich mit meiner langen Erfahrung und als Landesgeschäftsführer diese Aufgabe am ehesten wahrnehmen konnte.“ Er sagte zu und behielt dieses Amt für zweieinhalb Jahre. „Ich bin im Dezember 2025 als Fraktionsvorsitzender zurückgetreten, weil der Zeitaufwand zu groß wurde“, erklärt der Landesgeschäftsführer. „Der SSW steht 2027, 2028 und 2029 vor drei wichtigen Wahlen. Und angesichts der nächsten Kommunalwahl ist es auch wichtig, dass ich als 62-Jähriger den Generationswechsel voranbringe.“

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“
Mit Ehefrau Brita Hecker in John o‘ Groats, Schottland, 2019

Lokalpolitik und Freizeit

Als einfaches Ratsmitglied hat Martin Lorenzen das lokalpolitische Geschehen natürlich weiterhin im Blick. „Flensburg hat leider zurzeit ernsthafte Herausforderungen, die zum Teil noch von vielen Altlasten herstammen“, findet er. „Schulen, Kaimauern oder Kultureinrichtungen sind marode und müssen saniert werden. Wir haben rekordverdächtige Investitionen in die Flensburger Infrastruktur beschlossen, die allerdings erst in einigen Jahren wirken werden.“ Den Hafen-Ost als Wirtschaftshafen mit Wohnbebauung oder die Verkehrspolitik mit einem Fernhaltepunkt in Weiche und einem Innenstadtbahnhof sieht er auf einem guten Weg. „Die Zusammenarbeit in der Ratsversammlung ist zwischen den Parteien viel besser geworden“, beobachtet Martin Lorenzen. „Es hapert aber immer noch in Zusammenspiel zwischen Verwaltungsspitze und den Ratsfraktionen.“

Martin Lorenzen – stets im „Dienst der dänischen Minderheit“
SSW landsmøde 2021 i Hotel des Nordens, Harrislee. Foto: Tim Riediger

Als Landesgeschäftsführer oder als ehrenamtlicher Politiker opfert er sehr viel Zeit und braucht die Unterstützung seines privaten Umfeldes. „Ohne meine fantastische Frau, die als Bibliothekarin der dänischen Bibliothek in Flensburg beruflich auch sehr eingespannt ist, und ohne meine herrliche Familie und meine Freunde wäre das nicht möglich“, weiß Martin Lorenzen. „Sie haben mir auch geholfen, dass ich nicht nur als Politikwahnsinniger durch das Leben laufe.“ Es blieb Zeit für viele weitere Interessen. Der Flensburger reist gerne. Er wandert durch die Berge im englischen Lake District oder in Schottland. Er radelt durch Dänemark, Holland oder Frankreich. Er schätzt die Sommerhaus-Aufenthalte in Dänemark oder verfolgt das Sportgeschehen. Bei der SG ist er regelmäßiger Gast, er war aber auch schon beim FC St. Pauli und an der Anfield Road in Liverpool. „Auch privat habe ich mich nie zurückgehalten und mein Leben zusammen mit meiner Frau und meinen Liebsten in vollen Zügen genossen“, sagt Martin Lorenzen mit einem glücklichen Unterton.      

Text: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat
    

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