In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe kommt Bertram Schröter zu Wort.

Zum verabredeten Gesprächstermin öffnet unserem Redakteur ein schlanker und netter älterer Herr die Tür und bittet ihn herein. Der Senior, es ist Bertram Schröter, macht einen offenen und sympathischen Eindruck, lädt ein zum Platznehmen in seinem Wohnbereich. Die erste Überraschung: Er ist 91 Jahre alt, wirkt jedoch gute 10 Jahre jünger, bewegt sich normal, und spricht geschliffen, gebildet und akzentuiert – sein hohes Alter sieht und merkt man ihm überhaupt nicht an: „Ja, ich gehöre zum Jahrgang 1928, einem besonders blöden Jahrgang, und ich bin kein Flensburger!“ Beides ist richtig, doch lebt er seit mittlerweile 46 Jahren in Flensburg, hat hier, ohne weitere Ortswechsel, mit Abstand die meiste Zeit seines Lebens verbracht. Sein Leben … die ersten Jahre standen nicht unter einem so günstigen Stern!

Eine Jugendzeit ohne Eltern

Jene Zeit, die im Leben eines Kindes eine besondere Rolle spielt, das Aufwachsen unter elterlichem Schutz und Fürsorge – die war ihm nicht vergönnt. Geboren im April 1928 im Hause der Großeltern in Magdeburg, blieb er dort zusammen mit dem älteren Bruder bis 1932 wohnen, dann folgte der Umzug nach Schleswig-Holstein, nach Altona-Rissen, damals noch nicht zu Hamburg gehörend. Hier ging er von 1934 bis 1938 in die örtliche Volksschule, doch schon 1940, ein Jahr nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde er mit der Blankeneser Oberschule in die Kinderlandverschickung nach Reichenau (Sachsen) evakuiert. Von da an musste Bertram lernen, ohne Eltern auszukommen, sich um alles selbst zu kümmern. Von 1942 bis 1943 verbrachte er immerhin noch eine kurze Zeit bei den damals in Berlin lebenden Eltern, wurde dort jedoch im Herbst 1943 ausgebombt, und überstand einen Bombentreffer lebend im hauseigenen Keller, aus dem er unversehrt herauskrabbeln konnte. Ende 1943 wurde er mit 15 Jahren als Luftwaffenhelfer zur Flak eingezogen. Das Kriegsende Mai 1945 erlebte er schließlich als Pionier bei der Deutschen Wehrmacht. Zum Zeitpunkt der Kapitulation war er gerade von Dänemark aus bis Osterrönfeld bei Rendsburg gekommen.

Die Nachkriegswirren

Mai 1945: Der Krieg war vorbei! Und jetzt? Wohin? Bertram, gerade mal 17 Jahre alt, stellte sich wie Millionen andere Deutsche und Europäer auch diese beiden zentralen Fragen. Die Wohnung der Eltern Ende 1943 in Berlin ausgebombt, der Vater noch kurz vor Kriegsende irgendwohin verlegt worden, die Mutter als Lehrerin in Böhmen, vom gefallenen Bruder war zu dem Zeitpunkt nur bekannt, dass er seit 1944 in Frankreich als vermisst galt. Bertram, wie zahllose andere Soldaten streng genommen fahnenflüchtig, kam erst einmal bei Freunden in Hamburg, in Rissen, unter – die Reise dorthin unternahm er mit einem „ausgeliehenen“ herrenlosen Fahrrad, nachdem sein Kompaniechef ihm geraten hatte: „Hau bloß ab, mein Junge, Du hast doch noch Freunde in Hamburg!“
Sein Glück: Der Dorfpolizist in Rissen kannte ihn noch aus Vorkriegszeiten, und sorgte dafür, dass er umgehend die nötigen Papiere bekam. Damals keine Papiere zu haben bedeutete: Man existierte offiziell nicht, bekam keine Lebensmittelkarten (die waren in jenen Tagen lebenswichtig im wahrsten Sinne des Wortes), es gab denjenigen einfach nicht.
Ende 1945 ist er, wie er es selbst formuliert, „auf die Walz gegangen“. Vorher ging es nicht, die Elbe bildete in den ersten Nachkriegsmonaten eine unüberwindliche Barriere. Er machte sich – mit dem Fahrrad – auf den Weg in den Süden, um die Eltern zu suchen, klapperte unterwegs diverse Stellen ab, an denen er Post für andere Bekannte abgab, und wechselte auf dieser Odyssee von der amerikanischen erst in die britische und dann – damals nicht ganz ungefährlich – in die französische Zone. In Freiburg wurde er schließlich fündig, sein jüdischer Stiefgroßvater besaß dort ein Haus, das nach Kriegsende wieder in den Familienbesitz überging. Der Stiefgroßvater war bei Kriegsbeginn in die USA geflüchtet, kam gegen Ende des Krieges als US-Soldat nach Europa und Deutschland zurück. Dort, in Freiburg, traf Bertram seinen Vater wieder. Weiter fuhr er per Fahrrad Richtung Bayerischer Wald, wohin die Schule, an der die Mutter in Böhmen unterrichtete, mittlerweile verlegt worden war. Hier kam es zum ersehnten Wiedersehen mit der Mutter. Für die Schule der Mutter war er als kräftiger junger Mann ein Gewinn, denn Bertram half tatkräftig mit, als die Schule wenige Tage später nach Ruhpolding umzog.
Bertram ging anschließend über den Jahreswechsel 1946/1947 kurzzeitig in Traunstein zur Schule, bis Ostern 1947 entschieden wurde, dass die Jahrgänge 1927 und 1928 nicht mehr als „Kriegsteilnehmer“ anerkannt wurden. Bertram, Jahrgang 1928, musste daraufhin die Schule wieder verlassen, und arbeitete bei einer Münchener Firma im Straßenbau. 1948 ergab sich für ihn die Möglichkeit, wieder bei den Freunden in Rissen unterzukommen, wo der Vater, der eine Anstellung in Hamburg gefunden hatte, bereits lebte.
Bertram machte eine Lehre als Zimmermann in Hamburg, und legte Ende März 1950 seine Facharbeiterprüfung als Zimmermann ab.

Service Civil International (SCI)

Anschließend arbeitete er eine Zeit lang als Zimmermann auf diversen Baustellen, für einen Stundenlohn von 1,20 Mark, und kam eines Tages mit dem „Service Civil International“ in Kontakt. Er lernte englische Kriegsdienstverweigerer kennen, die im zerstörten Deutschland soziale Dienste verrichteten und den Wiederaufbau unterstützten. Diese Engländer trugen Uniform, weil sie in jeder Hinsicht logistisch von der englischen Armee unterstützt wurden. Dass Wehrdienstverweigerer in dieser Form behandelt wurden, war für Deutsche damals unvorstellbar – im Hitler-Deutschland wurde mit solchen Menschen bis zum Kriegsende, teilweise gar darüber hinaus, kurzer Prozess gemacht, diese bedauernswerten Menschen kurzerhand gewöhnlich aufgehängt.

Der SCI ist eine internationale Freiwilligenorganisation, die in ca. 40 Ländern vertreten ist und in weiteren 30 Ländern mit anderen Freiwilligenorganisationen zusammenarbeitet. Inhalt und Ziel der internationalen Arbeit ist es, durch kurzfristige Workcamps und längerfristige Freiwilligendienste den Frieden zu fördern. Mit Freiwilligendiensten in konkreten sozialen, kulturellen, ökologischen und antirassistischen Projekten leisten junge Menschen ihren Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit, zu gewaltfreier Konfliktlösung, internationaler Verständigung, zu einer gesunden Umwelt und zur Versöhnung. Der deutsche SCI-Zweig organisiert jährlich etwa 50 Workcamps in lokalen Projekten in der Bundesrepublik Deutschland. Der Verein hat lokale Gruppen in mehr als zehn Städten in Deutschland, die vor Ort den Gedanken der internationalen Freiwilligenarbeit vorantreiben. Wichtiges Anliegen ist es, den internationalen Austausch zwischen Ost und West und zwischen Nord und Süd zu fördern. Der SCI hat schon gleich nach Kriegsende in Flensburg gewirkt, unter anderem bei einer Brennholzaktion für die nordfriesischen Inseln und Halligen sowie beim Aufbau der sogenannten Schwedenbaracke hier in der Stadt, einer Tagesheimstätte für Kinder und Jugendliche in der Helenenallee.

Bertram nahm ab 1950 an zahlreichen Hilfsdiensten (Workcamps) teil, die ihm von Seiten des SCI zugewiesen wurden, war anfangs in ganz Deutschland unterwegs, war im Grenzland zur sowjetischen Zone (später DDR) in Friedland bei Göttingen tätig, später im Süden in Donaueschingen; der dortige Landrat ließ Wohnungen bauen für Flüchtlinge. Bertram konnte sein erlerntes Wissen aus dem Handwerk dabei gut anbringen, half mit vielen Gleichgesinnten aus unterschiedlichen Nationen bei freier Kost und Logis mit, etwas Sinnvolles aufzubauen. In späteren Jahren nahm er immer mal wieder an weiteren Hilfsdiensten teil, die ihn u. a. nach England, Frankreich, Finnland, Algerien und in den Libanon führten. Das gemeinsame Leben und Arbeiten mit Gleichaltrigen vieler Nationen hat ihm vielfältige und sehr unterschiedliche Sichtweisen beschert; er ist in diesen Camps eine besondere Schule für sein späteres Leben durchlaufen.

Das Studium

Im Jahr 1951 nahm Bertram endlich sein Studium an der Bauschule Hamburg auf – mit der Fachrichtung Hochbau. Er musste bis zur Zulassung ein gutes Jahr lang warten; es bestand damals schon ein Anmeldungsstau, und die älteren Jahrgänge wurden bevorzugt zugelassen. Das Wartejahr hat er gut genutzt, wie bereits beschrieben, beim SCI, für den er nach dem schon erwähnten Wohnungsbau in Donaueschingen zu Erntearbeiten in England und schließlich zum Bau von Wasserleitungen in Algerien eingesetzt wurde. Während der Hamburger Studienzeit konnte er bei seinen Eltern in Rissen wohnen. Neben dem Studium hat er noch gearbeitet, um Geld hinzu zu verdienen, so hat er eine Zeit lang als Schauermann im Hamburger Hafen gearbeitet, sogar gelegentlich 16-Stunden-Schichten geschoben. Das ging aber nur, weil er einen gleichgesinnten Mitstudenten im Studium fand, der während seiner Schichten bei den Vorlesungen mitschrieb, und umgekehrt er für den Kompagnon die Vorlesungen mitnahm.
Bertram legte im Juli 1954 erfolgreich seine Ingenieurprüfung ab, mit dem Zusatz „Sonderreife zum Studium an Technischen Hochschulen“! Ab Herbst 1954 schloss sich das Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Braunschweig und später an der Technischen Universität Berlin an. Das Studium beschloss er erfolgreich, seine Diplomprüfung legte er schließlich im November 1960 ab.
Während seiner weiteren Studienjahre hat Bertram allerdings auch nicht nur „bloß studiert“, sondern hat in Braunschweig über das Ende des Studiums hinaus bis 1961 in einem Architekturbüro gearbeitet, in seinem letzten Jahr dort als Bauleiter beim Umbau des Krankenhauses in Goslar – bei laufendem Betrieb – seinen Mann gestanden.
Seine Diplomprüfung hatte er in „Stadtplanung“ abgelegt. Dieser zufällige Umstand kam seinem weiteren Lebensweg zugute:
Im Jahr 1960 hat der Bund für die Bundesrepublik Deutschland mit dem Erlass des Bundesbaugesetzes, dem heutigen Baugesetzbuch, erstmals einen einheitlichen gesetzlichen Rahmen geschaffen, der für alle Gemeinden in Deutschland die gleichen Instrumente bereitstellt, die jeweils örtliche Bauleitplanung auszugestalten. Das Baugesetzbuch hat nach der Wiedervereinigung Deutschlands zunächst mit einigen Modifikationen, seit 1998 auch generell Gültigkeit für Ostdeutschland erhalten. In dem mehrfach novellierten Baugesetzbuch werden in allgemeiner Form Ziele und Leitbilder der Stadtentwicklung formuliert, die in den Städten und Gemeinden in eigener Verantwortung ortsspezifisch konkretisiert werden.

Der Start ins Berufsleben

Bevor er sich in die berufliche Karriere stürzte, heiratete Bertram im März 1961 seine aus Berlin stammende Frau Ursula. Seine ersten drei Arbeitsjahre erlebte er im Stadtplanungsamt Göttingen. „Dort verbrachte ich meine beruflich schönste Zeit des Lebens!“, weiß Bertram Schröter sich wehmütig zu erinnern. Das oben beschriebene Gesetz war eben erst erlassen, die Umsetzung noch Neuland für alle Beteiligten. Schnell lernte er, sich gegen alle Behördenwidrigkeiten durchzusetzen – er war ja schließlich einerseits Praktiker in seinem Beruf, hatte ein Handwerk von der Pike auf gelernt, und dazu auf zahlreichen Baustellen gearbeitet, andererseits aber ein Außenseiter, denn er hatte keinen Schulabschluss vorzuweisen, verfügte über keinerlei Allgemeinbildung wie andere Abiturienten und Hochschulabsolventen. Das störte ihn jedoch nicht sonderlich, lernte er doch schnell die „Löcher“ in den unzähligen Vorschriften aufzuspüren, und er begriff umgehend und schnell die Unterschiede zwischen „kann“, „soll“ und „muss“. „Wenn eine Vorschrift nicht passt, müssen Sie die Löcher finden und diese bei der Umsetzung anwenden“, lautete ein Rat seines damaligen Vorgesetzten, ein Rat, den Bertram sich für sein weiteres berufliches Leben stets zu Herzen nahm.

Von Göttingen über Bonn nach Kiel

Nach der Zeit in Göttingen folgte ein kurzes Intermezzo im Planungsamt des Landkreises Bonn, in den Jahren 1964 und 1965. Mittlerweile war die Familie Schröter auf vier Personen angewachsen (1961 und 1965 kamen Sohn und Tochter auf die Welt). Ein damals unlösbares Problem für eine nach Bonn ziehende Familie war die Wohnungsfindung. Bonn war seinerzeit Bundeshauptstadt, der zu knappe vorhandene Wohnraum längst belegt und vergeben, und die Schröters gehörten zu den vielen „Zugereisten“, die wohnungstechnisch auf der Strecke blieben.
Bertram fand schließlich 1965 eine neue Anstellung im Stadtplanungsamt Kiel. In seine vier Jahre währende Tätigkeit in Kiel fielen zufällig viele bemerkenswerte und wichtige Bauvorhaben und Projekte. So war er in Kiel beteiligt an der Planung zahlreicher Bauten für die nach Kiel-Schilksee vergebene Segel-Olympiade 1972: Er wirkte überall mit, ob es nun in Schilksee selbst war, oder der Neubau der Holtenauer Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal, oder die Anbindung Kiels an das bundesdeutsche Autobahnnetz. Die Strecke von Hamburg an die dänische Grenze, die sogenannte Nordachse, wurde in den späten 1960er und 1970er Jahren in neun Bauabschnitten realisiert und zwischen 1969 und 1978 eröffnet.
Der Bauabschnitt von Hamburg bis Jagel mit dem Abzweiger nach Kiel wurde 1972, 4 Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Segelwettbewerbe in Kiel, freigegeben.
Eine Episode aus seiner Anfangszeit im Amt in Kiel hat Bertram Schröter noch besonders gut in Erinnerung: Eines Tages rief ihn der damalige Kieler OB Dr. Hans Müthling an; dieser wollte von ihm Auskünfte über ein in Uni-Nähe geplantes großes Wohngebiet haben, da er anschließend der SPD-Fraktion im Kieler Rathaus (die SPD hatte seinerzeit die absolute Mehrheit in Kiel) Rede und Antwort zu stehen hatte.
Bertram Schröter riet Dr. Müthling von diesem Bauvorhaben ab, mit der Begründung, dass eines Tages die dafür vorgesehene Fläche mit Bestimmtheit besser für die Erweiterung des Universitätsgeländes zu nutzen wäre. Mit dieser Meinung stand Bertram damals ziemlich allein da – sowohl der Kultusminister des Landes als auch der damalige Universitäts-Präsident vertraten eine andere Auffassung. „Wie kann sich ein kleines Licht aus dem Planungsamt wie dieser Schröter erdreisten, dem OB gegenüber eine solche Ansicht zu vertreten?!?“, lautete der allgemeine Tenor im Kieler Rathaus. Nun, das große Wohngebiet wurde letztendlich doch woanders verwirklicht – es ist heute unter dem Namen Kiel-Mettenhof allgemein bekannt.
In seine Kieler Zeit fiel die Geburt des dritten Kindes, 1967 schenkte seine Frau ihm einen zweiten Sohn – die Familienplanung war damit abgeschlossen.

Dortmund

Der nächste Karriereschritt führte Bertram Schröter im Jahre 1969 nach Dortmund. Er fand dort eine Anstellung im Planungsbüro Umlandplanung Universität Dortmund. Es lag dem dortigen Arbeitsplatz ein Beschluss der Landesregierung Nordrhein-Westfalens zugrunde, der besagte, dass am Standort Dortmund eine weitere Technische Hochschule einzurichten sei.
Während seiner vierjährigen Tätigkeit wurden hinter den Kulissen diverse politische Ränkespiele veranstaltet; die Planung einer TU Dortmund wurde zwar eifrig vorangetrieben, tatsächlich wurde jedoch zeitgleich in Bochum eine solche TU bereits gebaut.
Was hat ihm die Zeit in Dortmund gebracht?
„In Dortmund bin ich nichts geworden, außer Beamter!“, gibt Bertram lakonisch zum Besten. Er konnte damals ohne zweite Staatsprüfung höherer Beamter werden. Im Laufe der 4 Jahre in Dortmund kamen nach und nach ehemalige Weggefährten aus seiner Kieler Zeit hierher, man pflegte schnell wieder gute Kontakte, und eben diese Kieler Kontakte empfahlen ihm eines Tages, sich auf eine vakante Stelle in Flensburg zu bewerben. Gesagt, getan: Bertram bewarb sich auf die besagte Stelle in Flensburg, auf die sich nach der ersten Ausschreibung noch kein einziger Interessent beworben hatte. Bei der zweiten Ausschreibung gab es immerhin 8 Bewerber, doch seine Bewerbung muss den Verantwortlichen zugesagt haben, denn er wurde vom Magistrat der Stadt Flensburg einstimmig gewählt zum städtischen Baudirektor, zum Leiter des Stadtplanungsamtes Flensburg.

Eine gute Wahl: Flensburg

Er hätte sich seine neue Stelle und die passende Kommune aussuchen können, Stadtplaner waren seinerzeit gesuchte Leute, doch das eindeutige Abstimmungsergebnis für ihn in Flensburg und die nahe gelegene Ostsee, auf die sich besonders seine Frau freute, gaben den Ausschlag für die Stadt im hohen Norden. Die Schröters waren es leid, erneut wieder eine Wochenendehe führen zu müssen, und suchten als Erstes ein passendes Haus für die Familie in Flensburg. Sie wurden bald fündig in Engelsby, dort bestand für das „Sternenviertel“ ein rechtsverbindlicher Bebauungsplan, erste Grundstücke wurden bereits in der Zeitung angeboten. Auch bedingt durch seinen neuen Dienstposten fand er sehr schnell ein passendes Grundstück, der Bauträger bot auch massive Fertighäuser an, für ein solches unterschrieb die Familie am 21. März 1973 einen Kaufvertrag. In das fertige Haus konnten sie nach extrem kurzer Bauzeit bereits drei Monate später, am 26. Juni 1973 einziehen. Dass die Straßen in besagtem Viertel nach Sternen benannt werden sollten, stand bereits fest, doch dass „seine“ Straße künftig „Jupiterweg“ heißen würde, hatte Bertram mit zu verantworten.

Stadtplanungsamt Flensburg

Das Aufgabenspektrum war vielfältig: Neben Stadtplanung, Stadtentwicklung gehörten Verkehrsplanung und die geplante Stadtsanierung zu seinem Aufgabengebiet, nebenbei noch Denkmalschutz und Wirtschaftsförderung. Es gab damals vor Ort noch keine Baugestaltungssatzung. So war seine erste Tätigkeit herauszufinden, was in Flensburg erhaltenswert und zu schützen war. Sein Entwurf einer „Altstadtsatzung“ gefiel den Mitgliedern der Ratsversammlung ausnehmend gut und wurde umgehend beschlossen. Bald wurde Flensburg von anderen Kommunen um diese Satzung beneidet, enthielt sie doch sinnvolle Aussagen zu Werbeanlagen und eine Reihe einschränkender Vorschriften.
Für den bereits beschlossenen Neubau der städtischen „Klinik Ost“ gab es einen rechtsverbindlichen Bebauungsplan und ein Grundstück an der Valentiner Allee. Bertram hielt einen solchen Neubau neben den anderen beiden Krankenhäusern für unnötig, empfahl direkt dem damaligen OB Adler, diesen Neubau auf dem damals noch freien Sandberg zu errichten, und den beiden Krankenhäusern anzubieten, sich dort mit einem gemeinsamen Neubau anzuschließen. Dies scheiterte jedoch an parteipolitischen Ränkespielen vor Ort; immerhin wurde das Städtische Krankenhaus neben der Diako gebaut, längst ist es in dieses Krankenhaus vollständig integriert worden. Anmerkung: Man hätte also bereits vor gut 45 Jahren ein Zentralklinikum in unmittelbarer Peelwatt-Nähe haben können …
Der Holm, die Große Straße und Norderstraße dienten im Frühjahr 1973 noch als Flensburgs Hauptverkehrsstraße. Autos, Straßenbahn und Fußgänger mussten sich die viel zu schmalen Straßen teilen. Als die Straßenbahn stillgelegt wurde, bot sich eine günstige Gelegenheit dies zu ändern: Die Stadtwerke mussten vom Nordertor bis zum Südermarkt eine neue Fernheizung verlegen. Niemand besaß zuverlässige Pläne über die unterirdisch verlaufenden Kabel und Leitungen, deshalb musste also die gesamte Breite der Straßen aufgerissen werden, und demzufolge diese Straßen über einen längeren Zeitraum gesperrt werden. Tiefbau- und Stadtplanungsamt waren sich gleich einig, die Gelegenheit zum Umbau in einen reinen Fußgängerbereich zu nutzen – gegen den Widerstand der Geschäftsleute und eines Ratsbeschlusses, die auf Linienbussen und möglichst vielen öffentlichen Parkplätzen beharrten. Wegen der langen Dauer der Bauarbeiten und Vollsperrung dieser Straßenzüge gelang es den maßgeblichen Männern im Stadtplanungsamt, zumindest die Straßen Holm und Große Straße fußgängerfreundlich auszubauen. Auch bei der Umgestaltung des Südermarkts waren erhebliche Widerstände zu überwinden, wollten doch nicht wenige Entscheider den Südermarkt als öffentlichen Parkplatz erhalten.
Es ließen sich noch zahlreiche weitere Anekdoten aus der 20jährigen Tätigkeit Bertram Schröters auflisten – das würde jedoch hier den Rahmen sprengen! Bertram Schröter hatte einen riesigen Vorteil, als er seine Karriere im Stadtplanungsamt Flensburg startete: Er trat seine Stelle an mit seinem gesetzlich möglichen Endgehalt, hatte keinerlei weitere dienstliche Beförderungen zu erwarten, konnte also, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen, seiner weitgehend selbstständigen Tätigkeit nachgehen, und hat sich diese Selbstständigkeit und Unabhängigkeit nicht nehmen lassen. So haben einige Ratsmitglieder ziemlich schlucken müssen, als er ihnen vorhielt: „Sie bekommen in meinen Vorlagen stets das geliefert, was fachlich richtig ist. Es ist Ihr Recht, anders zu entschieden. Aber dann muss anschließend klar sein, wer einst die falsche Entscheidung getroffen hat!“ Überhaupt war Bertram ein streitbarer Geist, hat in mehreren Fällen das Innenministerium in Kiel verklagt, und vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg stets Recht bekommen. Das fanden die politisch Verantwortlichen nicht immer gut, und man bescheinigte ihm gern „Dickköpfigkeit“, „Starrsinn“ oder auch gern „Eigenwilligkeit“. Bei seiner Pensionierung und Verabschiedung im Flensburger Rathaus Ende April 1993 bescheinigte ihm der damalige Oberbürgermeister Dielewicz anschließend im Gespräch: „Sie haben ja sowieso nie das gemacht, was wir beschlossen haben!“

Der Ruhestand

Noch heute kann Bertram Schröter sich ereifern, wenn es um Grundsätze in der Stadtplanung geht. „Stadtplanung muss langfristig angelegt sein, man muss heute erahnen, was in 50 Jahren sein wird, muss vorausschauend planen, gerade in bereits zugebauten Innenstädten behutsam agieren, die Wanderungsströmungen von Menschen berücksichtigen, die wie das Element Wasser gern den kürzest möglichen Weg wählen und nutzen!“ Und, ganz wichtig:
„Man muss bürgerfreundlich planen, den Bürger mitnehmen, denn der weiß unheimlich viel, oftmals kennt er Einzelheiten, die keinem der Stadtplaner bekannt sind (z. B. wurde bei der Planung des Förde Parks nur durch Zufall und eine Bürgeraussage bekannt, dass sich auf dem vorgesehenen Gelände viele Jahre zuvor eine städtische Müllhalde befand).“
Mit dem Zusatz: „Immer dann sollte bürgerfeindlich geplant werden, wenn der individuelle Bürger persönlich betroffen ist – persönliches Wohl steht in der Regel vor dem Allgemeinwohl!“
Bertram Schröter hat im Ruhestand keinerlei Langeweile zu befürchten, neben Haus und Garten, Familiengeschichte und der eigenen Familie, die Kinder und Enkel leben ja alle auswärts, ist die Eisenbahn ein großes Hobby: Er ist Mitglied der Sektion Norddeutschland der „Dampfbahn Furka-Bergstrecke“ (Schweiz), arbeitet nicht nur vor Ort beim Erhalt der Bahn mit, sondern macht auch an zahlreichen Orten Werbung für die Bahn. Überhaupt haben es ihm die Schweiz und die Berge angetan, er hat auf zahllosen Wanderungen bereits so manchen 2000er-Gipfel erklommen, er bewegt sich gern, ist früher viel Fahrrad gefahren, und … ach ja … der SCI liegt ihm auch heute immer noch am Herzen.
Wir wünschen Bertram Schröter noch einige gesunde und glückliche Jahre in seinem Haus im Jupiterweg 21 im Sternenviertel, das er leider seit Beginn der Krankheit seiner Frau vor einigen Jahren nun allein bewohnt, allerdings im Kreise zahlreicher langjähriger Nachbarn, die stets ein Auge aufeinander haben und sich umeinander kümmern.

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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