Mit Tarup groß geworden!

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In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe kommt Rudolf Borrmann zu Wort.

Ein „waschechter“ Flensburger, wie er im Buche steht! Das kann er mit Fug und Recht von sich behaupten: Rudolf Borrmann, Jahrgang 1944, hat in Flensburg-Weiche das Licht der Welt erblickt, wurde zu Hause geboren, genauer gesagt im Hause seiner Urgroßeltern, im Alten Husumer Weg. So war das damals noch, kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs, die Kinder kamen daheim auf die Welt. Die Kindheit und Jugend verlebte er im gleichen Stadtteil, in Weiche, besuchte dort von 1950 bis 1960 die Grund- und Hauptschule Weiche, die er schließlich mit dem Volksschulabschluss in der Tasche verließ. Ein Onkel, Christian Marxen, betrieb in unmittelbarer Nähe, im Ochsenweg, eine Autowerkstatt, und Rudolf absolvierte folgerichtig bei „Onkel Krischan“ eine Lehre zum Kfz-Mechaniker, kam während seiner Lehrzeit auch erstmals in Kontakt mit der Feuerwehr – doch dazu später mehr. Er lebte als Lehrling natürlich noch bei den Eltern, die ebenfalls in Weiche wohnten; im sogenannten „Papageien-Viertel“, in der Amrumer Straße. Für die Kinder damals ein riesiger Abenteuerspielplatz und Spieleparadies, die Gegenden links und rechts des Bahndamms. Rudis Vater war Lokführer bei der Bahn, und nahm seinen Sohn häufig mit zum Duschen: Immer sonnabends wurden auf einem Abstellgleis gleich nebenan die Waggons ausgewaschen, mit denen in der Woche Kühe und anderes Nutzvieh transportiert wurde; das angenehm warme bis heiße Wasser aus der Wasserlok wurde dann zweck-
entfremdet, um sich selbst bzw. die eigenen Kinder abzuduschen.

Was soll ich mal werden?

Nach erfolgreich beendeter Lehre stellte sich die Frage: „Was nun?“ Rudolf wusste die Lösung; er bewarb sich bei der Bundeswehr, wurde umgehend in 1964 als Soldat einberufen, und blieb dieser als SaZ 4 (Soldat auf Zeit) bis 1968 erhalten. Er landete bei der Luftwaffe, und kam nach absolvierter Grund- und Fachausbildung in Hamburg-Wentorf wieder zurück in den Norden, erst zum AG52 nach Tarp, dann später auch nach Leck. Mit dem erreichten Dienstgrad „StUffz“ (Stabsunteroffizier) verließ er dann die Truppe, auf eine Weiterverpflichtung verzichtete er wegen schlechter Berufsaussichten bei Bundeswehr. Immerhin hat die Bundeswehr dafür gesorgt, dass Rudi während seiner Dienstzeit alle möglichen Führerscheine machen konnte – ein Umstand, der ihm später im Leben durchaus noch zugutekam.
Gern wäre er im Zivilleben Feuerwehrmann geworden, er war ja schon seit einigen Jahren Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, doch waren damals die Eignungstests bei der Berufsfeuerwehr noch sehr gewöhnungsbedürftig, der damalige Zuständige für Neueinstellungen in Flensburg war ein großer Freund des Leiterkletterns in schwindelerregende Höhen – diesen Test bestand Rudi jedoch zu seinem Kummer leider nicht. Er fand schließlich Arbeit bei Danfoss, war dort vier Jahre lang unter anderem für den Zusammenbau von Heizungsventilen verantwortlich, wechselte anschließend in den Heizungsgroßhandel als Fahrdienstleiter zu einer dänischen Firma in die Mergenthalerstraße – bis diese Firma leider in Konkurs ging.

Richtungsweisende Lebensplanungen

Längst hatte Rudi die Frau fürs Leben kennengelernt, er traf seine Erika im Jahre 1965 beim Tanzen in der Gaststätte Neuholzkrug, und schon bald wurden die beiden ein Paar.
Erika arbeitete bei der Stadtverwaltung in Flensburg, sie bekam an ihrem Arbeitsplatz stets mit, wenn die Stadt Flensburg für eine ihrer zahlreichen Abteilungen Leute suchte und es Stellenausschreibungen gab. Rudi bekam von ihr den Tipp, sich auf einige dieser Stellen zu bewerben. So fand er, nach kurzer Arbeitslosigkeit, mit etwas Hilfe seiner Frau Arbeit bei der Stadt Flensburg, durchlief in seinem dortigen Berufsleben diverse Abteilungen und bekleidete verschiedene Posten, angefangen von der ersten Stelle als Hausmeister über Jobs im Bauamt bis zur Position eines Sachbearbeiters in der Vergabestelle. Im Jahre 2006 bekam er die Möglichkeit, in die sogenannte „Altersteilzeit“ zu wechseln, damals noch finanziell durchaus lukrativ, und nahm diese Option ohne zu zögern wahr.

Sesshaft in Tarup

Gern hätten Rudi und Erika bereits früher geheiratet, als junges Paar hatten sie jedoch das damals für viele junge Leute riesige Problem, in Flensburg überhaupt eine Wohnung zu finden. Als die Wohnungssuche sich immer mehr hinzog und ohne Erfolg blieb, hatten sie dann irgendwann „die Faxen dicke“, sie erwarben ein Grundstück und bauten sich ein Eigenheim in Tarup. Man schrieb das Jahr 1969, das damalige Tarup bestand noch hauptsächlich aus Acker- und Weideland, lag noch weit vor den Toren der Stadt – Tarup wurde ja auch erst 1974 eingemeindet. Das geplante Haus der Borrmanns sollte das zweite Haus werden in der Straße Norderlück. Es entstand hauptsächlich in Eigenleistung, Rudi und Erika hatten nicht viel Geld zur Verfügung, doch alle helfenden Bekannten, Verwandten und Freunde hatten handwerkliche Berufe gelernt oder viele praktische Erfahrungen auf dem Gebiet gesammelt, so dass schließlich nach Fertigstellung des Hauses zu Recht von einem „Eigen“-Heim gesprochen werden konnte. 1970 zogen die beiden ins eigene Haus, und alsbald, am 4. April 1970, wurde endlich geheiratet. Rudis Vater befuhr als Lokführer regelmäßig die Strecke Flensburg – Kiel, und konnte vom Führerstand seiner Lok stets beobachten, ob im Haus seines Sohns und seiner Schwiegertochter Licht brannte oder nicht – so übersichtlich und dünn besiedelt war damals noch der Ort Tarup. Die Familie war komplett, als in den 70er Jahren ein Sohn und eine Tochter dazukamen, beide mittlerweile längst erwachsen und verheiratet, der Sohn lebt mit seiner Familie in Lübeck, die Tochter hat ihre Heimat im Süden in Augsburg gefunden. Die Borrmanns pflegten und pflegen ein harmonisches Familienleben, die Kinder eiferten beide dem Vater nach, gingen erst für mehrere Jahre zur Bundeswehr, wechselten später wieder ins Zivilleben zurück, und konnten sich ebenfalls für Ehren-
ämter in der Freiwilligen Feuerwehr begeistern.

Rudis Leben mit der Feuerwehr

Die Freiwillige Feuerwehr war für Rudi seit 1961 ein fester Bestandteil seines Lebens; während seiner Lehre nahm ihn einer der Gesellen aus der Autowerkstatt mit zu einem Übungsabend, und Rudi war sofort „Feuer und Flamme“ im wahrsten Sinne des Wortes für diese Institution. Er trat gleich der Freiwilligen Feuerwehr Weiche bei, ließ zwar während seiner auswärtigen Lehrgänge bei der Bundeswehr die Tätigkeit teilweise ruhen, war jedoch ansonsten regelmäßig dabei, wechselte im Jahr 1986 – da wohnte er schon längst nicht mehr in Weiche – zur Freiwilligen Feuerwehr nach Sünderup, zuletzt in 2003 zur Wehr nach Tarup, bei der er Wehrführer wurde. In der Stadtverwaltung Flensburg bekleidete er diverse Posten im Feuerwehrbereich, war schließlich zuletzt stellvertretender Stadtwehrführer. Als Stadtbediensteter hatte er stets ein offenes Ohr bei seinen Vorgesetzten für sämtliche Belange der Wehren; ein Umstand, der ihm das Berufsleben deutlich leichter machte.
Am Ende des Jahres 2009 schied Rudi als stellvertretender Stadtwehrführer aus Altersgründen aus dem aktiven Dienst der Freiwilligen Feuerwehr aus, mit ihm verließ ein Urgestein der Feuerwehr den Einsatzdienst. Somit war er fast ein halbes Jahrhundert ehrenamtlich in der Feuerwehr tätig.
„Einem solchen Engagement gehört der höchste Respekt und die Anerkennung der Bevölkerung“, lobte der damalige Flensburger Oberbürgermeister Tscheuschner im Rahmen einer kleinen Feierstunde zur Verabschiedung Rudolf Borrmanns und der Vereidigung seines bereits gewählten Nachfolgers Ingo Sauer aus der Wehr Weiche.
Sein Engagement blieb in den übergeordneten Landesverbänden nicht unbemerkt: Für besondere Verdienste um das Jugendfeuerwehrwesen wurde Hauptbrandmeister Rudolf Borrmann aus Flensburg mit der Leistungsspange der schleswig-holsteinischen Jugendfeuerwehr in Gold und der Ehrenmitgliedschaft im Landes-Jugendfeuerwehrausschuss geehrt.
„Ich kann es kaum glauben, dass ich fast 50 Jahre lang hier gewirkt habe. Wo ist nur die Zeit geblieben?“, fragte sich Rudolf Borrmann häufig in jenen Tagen. So hatte Rudolf Borrmann endlich Gelegenheit und Muße, sich noch einmal die größten Einsätze seiner Feuerwehrlaufbahn in Erinnerung zu rufen: Die beiden Brände in der Flensburger Brauerei gehörten mit Sicherheit dazu, insbesondere der erste Brand im Jahre 1962, der für ihn der erste größere Einsatz im Zusammenspiel zahlreicher Wehren bedeutete. Doch auch der Brand des Schuhhauses Peetz am Holm im Jahr 1984, der Großbrand beim Dachdecker-Einkauf in der Westerallee und zahllose andere Einsätze – Rudolf Borrmann war eigentlich bei allen größeren Einsätzen zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Jahrtausendwechsel in Flensburg mit im Einsatz. Die unangenehmste und menschlich belastendste Situation für ihn als Wehrführer erlebte er im Jahre 2005: „Das war, als wir einen Brandstifter in den eigenen Reihen hatten“, erinnert sich Borrmann ungern zurück. „Wir waren alle sehr erleichtert, dass der Fall aufgeklärt und der Täter ermittelt werden konnte, bevor noch Menschen zu Schaden kamen.“
In Erinnerung bleiben ihm und seiner Familie natürlich auch die zahlreichen Fahrten, Ausflüge und Dienstreisen mit und für die Freiwilligen Wehren, die ihn durch das gesamte Bundesgebiet in nahezu alle Regionen Deutschlands geführt haben. Zu Hause drehten und drehen sich viele Gespräche und Diskussionen um die Wehr, denn seine Frau hatte jahrelang beruflich mit der Feuerwehr zu tun, kennt die Umstände und die handelnden Personen, und die Kinder waren selbst aktiv im ehrenamtlichen Dienst.
Die Feuerwehr ließ ihn jedoch auch nach dem Ausscheiden nicht los, bereits im Jahre 2003 war er eines der Gründungsmitglieder des „Verein zur Erhaltung alter Feuerwehrfahrzeuge und -geräte e. V.“, wie er offiziell heißt. Die Oldtimerfreunde der Feuerwehr Flensburg sind eine Mannschaft aus aktiven und ehemaligen Feuerwehrleuten von Berufs- und Freiwilligen Feuerwehren und anderen an diesem Thema interessierten Menschen. Natürlich gehören die Feuerwehr-Fahrzeuge und Gerätschaften genauso dazu. Die Löschfahrzeuge und das Drehleiterfahrzeug sind Magirus-Rundhauber, weshalb dieser Löschzug auch als „Rundhauberlöschzug“ bekannt wurde. Auf diesen Löschzug sind die Vereinsmitglieder besonders stolz, denn in Deutschland gibt es nur noch zwei weitere Löschzüge dieser Art. Für die Taruper Wehr ist er stets in der Vorweihnachtszeit im „Einsatz“, gemeinsam mit dem aktiven Wehrführer betreibt er die Punsch- und Wurstbude, die jahrelang vorm Supermarkt ihren Stammplatz hatte, mittlerweile immer beim Griechen in Tarup beheimatet ist. Hier treffen sich in der Adventszeit regelmäßig nicht nur die „Alten“ der Feuerwehr zum Klönschnack, sondern auch viele „alte Taruper“.

Der sogenannte „Ruhestand“

Der Ruhestand ist ansonsten auch in anderer Hinsicht nur bedingt ein solcher, seit sieben Jahren ist Rudolf Borrmann Crewmitglied auf dem Flensburger Traditionsdampfer „Alexandra“, wird auf der schiffseigenen Homepage als Mitglied der Restauration geführt – da half und hilft er immer gern mit, ist mittlerweile auch im Innendienst im schiffseigenen Büro tätig und kümmert sich dort unter anderem um den nötigen „Schreibkram“. Seine Ehefrau wollte da nicht zurückstecken, sie ist seit Jahren schon als sogenannte „Grüne Dame“ in der Flensburger Diako ehrenamtlich tätig. Daneben müssen die Borrmanns nur noch Haus und Garten passen, nach dem Auszug der Kinder im Jahre 2000 haben sie bereits ihr Heim umgebaut und „rund-
erneuert“, bei der Gelegenheit schon das Eine und Andere altengerecht umgebaut, doch für die Kinder und Enkel ist ausreichend Platz vorhanden, wenn diese regelmäßig zu Oma und Opa zu Besuch in die Heimat kommen. Rudolf und Erika Borrmann sind jetzt Mitte siebzig, „körperlich und geistig fit – von den üblichen Zipperlein mal abgesehen“, wie Rudi schmunzelnd erklärt. „Meine Mutter lebt noch, sie ist mittlerweile 99 Jahre alt, vor zehn Jahren freiwillig ins Seniorenheim gegangen, und lässt es sich dort gutgehen. Die Borrmanns haben offensichtlich gute Gene!“, weiß er augenzwinkernd zu ergänzen. Das wünschen wir ihnen von Herzen, dass sie noch lange leben und gesund bleiben!

Das Gespräch mit Rudolf Borrmann führte Peter Feuerschütz, Fotos: Benjamin Nolte, privat

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