Gegenüber vom Wiesharder Markt, dem modernen Handewitter Einkaufszentrum, hat seit Juli das neue Bürgerhaus geöffnet. Es beherbergt die Gemeindeverwaltung, bietet aber auch Räumlichkeiten für Trauungen, Vereine und die Kommunalpolitik. Vor dem Haupt­eingang allerdings ist noch nicht alles fertig. Es regieren die Begleit­erscheinungen einer Baustelle.

Handewitter Marktplatz: Neubau und Tradition
Die Baustelle des neuen Marktplatzes

Es entsteht ein Marktplatz. Der Kostenpunkt: stolze 2,1 Millionen Euro. Ein Drittel davon wird von Bund und Land gefördert. Vom Feinsten und natürlich nach den Ansprüchen einer Barrierefreiheit. „Alles ist ohne Stufen und Kanten“, verspricht Bürgermeister Thomas Rasmussen. „Und das Sitzmobiliar wird mit Armlehnen ausgestattet sein.“ Als I-Tüpfelchen des Marktplatzes gilt das Wasserspiel, in das alle acht Ortsteile der großen Gemeinde Handewitt architektonisch integriert werden.

Die große Handewitter Markt-Tradition

Nun wird „baulich“ wiederbelebt, was einst Tradition war. Rund 250 Jahre versprachen die Handewitter Markttage viel Handel, Rummel und geselligen Umtrunk. Die Anfänge sind dokumentiert. Eine Urkunde vom 29. Juni 1697 erlaubte zwei Vieh- und Pferdemärkte im Kirchdorf Handewitt. Als Veranstaltungstermin bürgerten sich Anfang Mai und Ende September ein. Relativ schnell wuchs der Markt in seiner Bedeutung, avancierte zu einer der Drehscheiben im Viehhandel zwischen Nord- und Ostsee.

Handewitter Marktplatz: Neubau und Tradition
Der ehemalige Klinker-Hof stand direkt am früheren Marktplatz

Das Areal für dieses landwirtschaftliche Ereignis erstreckte sich in der Hochphase auf neun Hektar. Diese lagen zwischen dem alten Dorfkern mit dem Gasthof und einer nördlichen Linie, die heute von Pappelallee und Schulstraße gebildet wird. Standgelder finanzierten in den besten Jahren mit etwa zehn Prozent den Gemeinde-Etat. Nicht nur Pferde und Rinder, sondern auch Schafe, Schweine oder Gänse fanden neue Besitzer. Handwerker verkauften ihre Produkte, Krambuden reihten sich daran an. Und Puppentheater und Karussell unterhielten die Kinder. Die hatten schulfrei und verdienten sich sogenanntes „Schwanz­geld“: Sie halfen den Bauern der Region beim Treiben der Tiere.

Besuch aus nah und fern

Die Händler kamen teilweise von weither. Zeitweise gehörte sogar ein Berliner zu denjenigen, die in Handewitt das Vieh begutachteten und erwarben. Die Gäste aus der Ferne übernachteten auf den Bauernhöfen, woraus sich die Sitte des Ausschanks entwickelte. Anfänglich wurde in jedem Haus Kaffeepunsch und Bier getrunken und abends getanzt. Später konzentrierte sich der feierliche Part hauptsächlich auf den Gasthof, während Kätner auf der Straße einige Schankzelte errichteten.

Handewitter Marktplatz: Neubau und Tradition
1929, Handewitt war lange ein „Mekka“ des Viehhandels

Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Eisenbahn im nördlichen Schleswig-Holstein. Die Wege wurden kürzer. Überregionale Faktoren bestimmten zunehmend den Preis und nicht der Handel vor Ort. Tiere wurden nun seltener über den Handewitter Markt getrieben, sondern direkt vom Hof in die Ballungsräume transportiert. Dann machten sich zwei Weltkriege und der veränderte Verlauf der deutsch-dänischen Grenze negativ bemerkbar. Der Markt verlor an landwirtschaftlicher Bedeutung.

Schwierige Wiederbelebung nach dem Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg pausierte die Großveranstaltung, danach dachte manch einer im 1200-Seelen-Dorf an eine Wiederbelebung. Nicht so die damaligen Kommunalpolitiker. Am 1. August 1945 trafen sich Bürgermeister Peter Lorenzen und die Gemeinderäte Lorenz Stotz, Markus Clausen, Klaus Ahrens und Theodor Andresen. Das Hauptthema: neue Bauplätze. In Unterlangberg mussten einige Häuser geräumt werden, da die Briten eine Vergrößerung des Flugplatzes „Schäferhaus“ erwogen. Als Ersatz waren Grundstücke in Handewitt vorgesehen – ausgerechnet auf Teilen des Marktplatzes. Das erzeugte Unmut: Mehrere Handewitter bekundeten dem Landrat ihre Sorge um ihren Traditionsort. Unter ihnen befand sich auch der Viehhändler und Ortsbauernvorsteher Johannes Klinker, der mit seinem Hof ein direkter Anrainer war und lange Zeit mehrere Hektar im Umfeld des Marktes gepachtet hatte. Was auch auf Unmut fiel: Sowohl der Bürgermeister wie auch ein Gemeinderat gehörten selbst zu den Bauinteressenten.

Landrat Herbert Ziemer schaute sich sehr bald im Dorf um und fand nicht, dass durch die vorgesehene Bebauung „die Abhaltung von Märkten behindert“ werden würde. Allerdings hatte sich der höchste Vertreter des Kreises Flensburg-Land nur mit dem Bürgermeister Peter Lorenzen und weiteren Gemeinderäten ausgetauscht, aber nicht mit der Gegenseite. Auf dem Hof von Johannes Klinker war der Landrat zwar vorgefahren, hatte sich allerdings nicht angemeldet und verpasste so einen wichtigen Gesprächspartner. So waren die Wogen nicht zu glätten. In einem weiteren Schreiben wurde Peter Lorenzen als „Nazi-Bürgermeister“ betitelt. Der 65-Jährige hatte im Entnazifizierungsverfahren angegeben, dass er seit 1937 der NSDAP angehört hatte und auch in der SA gewesen war – zunächst ohne Konsequenzen. Schließlich bat er „aus gesundheitlichen Gründen“ um eine Amtsenthebung.

Handewitter Marktplatz: Neubau und Tradition
Eine Skizze des Handewitter Marktplatzes um 1945

Es gab auch einen neuen Landrat: Johannes Tiedje. Der erschien im Oktober 1945 für einen Ortstermin in Handewitt und schlug sich auf die Seite der Protestierenden: „Ich halte es nicht für verantwortlich und vertretbar, den Marktplatz von Handewitt durch Abtretung von Baugrundstücken an Klaus Ahrens und Thomas Weber zu verkleinern, da die zukünftige Entwicklung des Ortes nicht abzusehen ist.“ Die beiden erwähnten Herren erwarben schließlich andere Grundstücke und bauten 1946/47 im Alten Kirchenweg.

Das Ende der Handewitter Markttage

Die Handewitter Markttage hatten ihren angestammten Platz wieder, erreichten aber nicht mehr die Bedeutung früherer Jahre. „Da kommen ja kaum noch Pferde und Kühe“, klagten die Einheimischen. Der Viehmarkt war arg geschrumpft und benötigte nur noch eine Fläche westlich der Hauptstraße. Östlich reihten sich die Krammarkt-Zelte, Buden und Kettenkarusselle auf. In den Stuben war es laut und lebhaft. Es wurde viel getrunken und Karten gespielt. Es war ein Volksfest, das ohne wirtschaftliches Fundament keine große Zukunft mehr haben sollte. Am 2. Mai 1953 fand der letzte Frühlingsmarkt statt, am 29. September 1953 erfolgte auch der Schlussakkord für den Herbstmarkt.

Handewitter Marktplatz: Neubau und Tradition
Einige Straßennamen erinnern an den alten Marktplatz

Das Areal wurde nach und nach bebaut. Diese Entwicklung erzeugte keinen Widerstand mehr. Ein Marktplatz war nicht mehr nötig. Heute erinnern nur noch Straßennamen wie „Am Marktplatz“, „Alter Pferdemarkt“ oder „Gänsemarkt“ an die einstige Tradition. Rund 70 Jahre später bekommt Handewitt – ein paar hundert Meter weiter nördlich – einen neuen Marktplatz. Der Wochenmarkt, der noch Asyl auf dem benachbarten Discounter-Parkplatz genießt, soll dann umziehen und sich vergrößern. Am neuen Bürgerhaus sollen sehr bald auch Maibaumfest und Weihnachtsmarkt gefeiert werden.

Text und Fotos: Jan Kirschner

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