Kleine „Flensburg-Kunde“ vorab: Der Stadtteil Fruerlund liegt im Nordosten Flensburgs. Er grenzt im Westen an die Förde, im Norden an Mürwik, im Südosten an Engelsby und im Süden an Jürgensby. Er umfasst heute den Stadtteil nördlich der Nordstraße bis nach Mürwik, zum Osbektal und Engelsby-Dorf.
Oft wird Fruerlund auch als ein Teil von Mürwik bezeichnet, offiziell gilt Fruerlund jedoch als eigenständiger Stadtteil Flensburgs, mit eigenen Stadtbezirken. Die drei Stadtbezirke Fruerlunds heißen Blasberg, Bohlberg und Fruerlundhof. Das kleine, schmale Gebiet Kielseng gehört dabei zum Stadtbezirk Blasberg, obwohl es optisch eher mit dem Mürwiker Gebiet Sonwik verwachsen ist.
Zu Fruerlund gehören zudem Fruerlundholz sowie ein Teilbereich von Fruerlundmühle. Die in Fruerlund zu findenden Ortsbezeichnungen wie Tomatenberg, Blasberg, Bohlberg und auch Finisberg deuten auf verschiedene Höhenlagen hin: Der größte Teil Fruerlunds liegt deutlich oberhalb der Flensburger Förde. Das kleine, schmale Gebiet Kielseng bildet jedoch eine Ausnahme, und liegt direkt an der Flensburger Förde. 1910 wurde Fruerlund gemeinsam mit den Nachbargemeinden Twedter Holz, Twedt und Engelsby nach Flensburg eingemeindet. Quelle: frei nach Wikipedia!

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen für die Deutschen

Der eben beschriebene Stadtteil Fruerlund sollte einmal der absolute Lebensmittelpunkt der kleinen Sybille Woltersdorf werden. Das war noch zu Beginn ihres Lebens gar nicht so selbstverständlich, insbesondere wenn man sich Herkunft und Lebensläufe ihrer Eltern und die damaligen Lebensumstände anschaut.
Die Schicksale von Sybilles Eltern wurden durch den Zweiten Weltkrieg geprägt, ihre Lebensläufe durch die Kriegsumstände bestimmt. Ihr Vater stammte aus einer gutbürgerlichen Familie aus der damaligen Reichshauptstadt Berlin, er arbeitete jahrelang erfolgreich bei der Reichsbank. Er wurde jedoch im Krieg zur Wehrmacht eingezogen, nahm an diversen Kampfhandlungen teil, und landete schließlich als Verwundeter in einem der zahlreichen Lazarette im Osten Deutschlands. Während eines solchen Lazarettaufenthaltes lernte er Sybilles Mutter, seine spätere Ehefrau, kennen und lieben. Sie war dort als Schwesternhelferin eingesetzt, stammte ursprünglich aus ländlichen Verhältnissen Pommerns. Als Anfang 1945 der Krieg praktisch verloren war, die sowjetischen Truppen immer näher an die deutschen Ostgebiete heranrückten, flüchtete sie zusammen mit vielen Familienangehörigen gen Westen, gelangte unversehrt nach Schleswig-Holstein, und wurde schließlich in Flensburg aufgenommen. Sie wurde anfangs mit einigen ihrer Verwandten in der damaligen Voigtschule in der Schlossstraße einquartiert. Die Voigtschule hieß vorher St. Marien-Knabenschule. Danach diente sie als „4. Realschule“ der Stadt. In dieser Zeit erhielt die Schule den Namen Voigtschule, nach dem dritten Rektor der Realschule Christian Friedrich Voigt, der 1938 verstarb. Die Wohnverhältnisse in den umfunktionierten Klassenräumen waren den Umständen entsprechend schlecht – doch hatten alle, die es glücklich bis hierher geschafft hatten, zumindest ein Dach über dem Kopf. Sie vermisste natürlich ihren Ehemann sehr, und startete alsbald diverse Suchanfragen über das Deutsche Rote Kreuz. Tatsächlich gelang es dem DRK-Suchdienst, den Vermissten aufzutreiben, und schon nach wenigen Wochen konnte sie ihn in ihre Arme schließen: Sie traf ihn in Travemünde und nahm ihn mit nach Flensburg. Das Zusammenleben mit den vielen Menschen in einem Raum gestaltete sich für das Paar, das sich 2 Jahre nicht gesehen hatte und auch vorher nicht längere Zeit zusammengelebt hatte, schwierig. Deshalb waren beide mehr als froh, als sie in ein Barackenlager auf dem Gelände der späteren PH in der Mürwiker Straße umziehen konnten, wo sie einen kleinen Raum für sich alleine hatten. Das war der Beginn eines Lebens in Fruerlund.

In Flensburg endgültig angekommen

Zigtausende ehemaliger Soldaten kamen verwundet und /oder traumatisiert aus dem Krieg zurück. Auch Sybilles Vater kam nicht unversehrt davon. Er litt unter heftigem Rheuma, musste starke Medikamente einnehmen, war gesundheitlich ziemlich angeschlagen. Das Ehepaar Woltersdorf hatte jedoch insofern Glück im Unglück, als dass es eine der ersten neugebauten Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus in der Fruerlunder Straße beziehen durfte. Hier fühlten sie sich schnell wohl, und wurden, umgeben von netter Nachbarschaft, im Hause Nummer 4 alsbald heimisch.
Bedingt durch die Krankheit des Ehemanns wollten sie eigentlich keinen Nachwuchs haben. Doch es kam nach geraumer Zeit dann anders: Eine Anfang 1952 beginnende längere Phase des Unwohlseins der Ehefrau stellte sich bald als ein natürliches Ereignis heraus: Sie war nämlich schwanger!
Im August 1952 war es soweit: Ein kleines und gesundes Mädchen erblickte das Licht dieser Welt, Sybille war geboren! Die Eltern waren trotz einstiger Bedenken sehr stolz auf ihre kleine Tochter.

Die neue Heimat: Fruerlunder Straße

Im Hause Nummer 4 war der Zusammenhalt der Hausbewohner sehr stark. Zahlreiche Kinder bestimmten den Alltag, es war tagsüber immer „Leben in der Bude“. Auf der Etage der Familie Woltersdorf war Sybille allerdings das einzige Kind, die unmittelbaren Nachbarn hatten jedoch einen kleinen Hund, der Sybilles liebster Spielgefährte innerhalb des Hauses wurde. Wenn das Wetter es nur irgendwie zuließ, spielten alle Kinder jedoch draußen – das war damals einfach so. Die Wohnverhältnisse waren aus heutiger Sicht beengt, doch das empfanden die Menschen damals nicht als störend – sie waren allesamt froh, eine wenn auch kleine Wohnung ihr Eigen nennen zu können. Hinter dem Wohnhaus lag ein Hofplatz mit Rasenfläche, und wer von den Mietern es wollte, konnte gar ein kleines Stück Garten für sich beanspruchen und dieses nutzen. Für Sybille war es eine schöne Zeit, sie ging gern zur Schule – in die Grundschule Fruerlund, war aufgeweckt und wissbegierig, spielte aber auch gern mit den vielen Nachbarskindern und ihrem absoluten Liebling, dem Nachbarshund. Die Sorgen der Eltern bekam sie altersbedingt kaum mit, die hielten sie auch fern von ihrem Kind. Ihr Vater – eigentlich gelernter Bankkaufmann – fand Arbeit im Lager der Feldmühle, doch bemerkten seine Vorarbeiter recht schnell, dass er durchaus über kaufmännische Fertigkeiten und Vorbildung verfügte, und so setzte man ihn bald in entsprechenden Tätigkeiten ein. Nicht nur Familie Woltersdorf war glücklich, dass ihr Vater und Ernährer einen so guten Arbeitgeber gefunden hatte: Die Feldmühle war sehr sozial eingestellt, kümmerte sich intensiv um ihre Beschäftigten und deren Familien. Das schlug sich in vielfältigen Aktivitäten nieder, regelmäßig wurden Ausflüge veranstaltet, was dazu führte, dass das Ehepaar seine neue Heimat kennenlernte. Daraus erwuchsen Urlaubsziele, zum Beispiel nach Amrum, das auch für die heutige Familie immer noch eine wichtige Rolle spielt. Sybilles Vater litt jedoch zunehmend unter dem schweren Rheuma. Er erlitt – bedingt durch starke Nebenwirkungen seiner Arzneien – zwei Infarkte, wurde leider deshalb erwerbs-
unfähig. Wochenlang lag er stationär im Franziskus-Krankenhaus, durfte natürlich regelmäßig von Frau und Tochter besucht werden. Sybille gefiel es ausnehmend gut im „Franziskus“ – alle dort, insbesondere die Nonnen, waren angetan von dem fröhlichen Kind, das seinen Vater besuchte, ohne zu ahnen, wie schlecht es damals schon um ihn stand.
Sybilles Mutter nahm notgedrungen einen Halbtagsjob an, um etwas zusätzliches Geld in die Haushaltskasse zu bekommen. Sie hatte vor ihrer Schwangerschaft bereits in einer hiesigen Näherei gearbeitet, später als Mutter insbesondere für die Tochter zu Hause passende Kleidung hergestellt. Sie fand Arbeit in der Nähstube im nahegelegenen neuen Elsa-Brändström-Haus.
Im Jahr 1953 beschloss die Mitgliederversammlung der DRK-Schwesternschaft Elsa Brändström den Bau eines neuen Mutterhauses sowie eines zugehörigen Feierabendhauses, für Ruhestandsschwestern und Räume für Schwesternschülerinnen. 1954 wurde das heutige Mutterhaus der Schwesternschaft in der Mürwiker Straße 2, realisiert.
Neben der Arbeit fand die Mutter noch genügend Zeit und Muße, sich um einen Schrebergarten zu kümmern, den die kleine Familie in Fruerlund nahe der Ostlandstraße gepachtet hatte. Sie liebte ihren Garten, kannte Gartenarbeit bereits aus ihrer Jugendzeit und ging darin auf – ihr Mann schätzte dagegen mehr die Ruhe und Erholung auf der eigenen Scholle. Sybille war natürlich auch gern im Garten. Überhaupt konnte die Kleine sich überall beschäftigen, wurde von den Eltern gern mit schönen Spielsachen verwöhnt, besonders bei speziellen Anlässen wie Geburtstag oder Weihnachten. Obwohl die Wohnung klein war, wurde viel Platz für das Spielzeug gefunden, kann Sybille sich heute noch gut an jene Zeiten erinnern.

Im Glatzer Weg

Die unbeschwerte und fröhliche Kindheit sollte jedoch ein jähes Ende nehmen: Ausgerechnet in der Nacht des Jahreswechsels Silvester/Neujahr von 1964 auf 1965 erlitt ihr Vater daheim eine weitere schwere Herzattacke, wurde noch in der Nacht von einem Rettungswagen abgeholt und ins Krankenhaus eingeliefert. Für Mutter und Tochter fürwahr ein Albtraum, erschwerend kam die Feiertagssituation dazu – niemand konnte oder wollte Auskunft über den Gesundheitszustand des Mannes geben. Schließlich ereilte die Familie die schreckliche Nachricht, dass er am Vormittag des 1. Januar 1965 verstorben sei – im Alter von 62 Jahren. Die Mutter litt schwer unter diesem Schicksalsschlag, Sybille war tief getroffen und verängstigt – beide wurden regelrecht aus der Bahn geworfen. Die Witwe konnte es schon bald in der Wohnung nicht mehr aushalten, zu viel erinnerte sie immer und immer wieder an die schönen und vielfältigen Erlebnisse, die sie bis dahin als kleine Familie dort gehabt hatten. Sie wurde depressiv und litt schrecklich unter dem Verlust.
Für die beiden Frauen, Mutter und Tochter, ergab sich schließlich die Gelegenheit, in ein Reihenhaus im nahegelegenen Glatzer Weg umzuziehen. Gesagt, getan: Die beiden zogen um und richteten sich in der neuen Umgebung häuslich ein. Mutter und Tochter Woltersdorf bildeten eine gute Gemeinschaft, Sybille half und unterstützte ihre Mutter, wo es möglich war. Dennoch fühlten sich beide Frauen in der neuen Umgebung nicht so heimisch wie zuvor in der Fruerlunder Straße. Das lag zum einen sicherlich mit an den Umständen des Wohnungswechsels, zum anderen aber auch an der neuen Nachbarschaft, die bei weitem nicht so herzlich war zuvor – den „Neuen“ standen manche „Alteingesessenen“ argwöhnisch gegenüber, zumal es sich um eine alleinstehende Frau mit einer halbwüchsigen Tochter handelte. So empfanden es jedenfalls Mutter und Tochter damals.
Sybille war eine gute Schülerin, wechselte als 10jährige von der Grundschule Fruerlund auf das nahe gelegene Förde-Gymnasium. Dort fühlte sie sich sehr schnell gut aufgehoben und wohl. Ihr fiel das Lernen leicht, sie hatte Freude an neuem Wissen, zudem entdeckte sie ihre Liebe fürs Zeichnen und Malen. Folgerichtig startete sie durch und machte schon als 18jährige ihr Abitur, bedingt durch die Kurzschuljahre war sie noch recht jung bei der Erlangung der Reifeprüfung. Ihr Berufswunsch stand zu dem Zeitpunkt bereits fest: Sie wollte unbedingt Lehrerin am Gymnasium werden, insbesondere in Richtung Kunstunterricht gingen ihre Interessen. Ein solches Angebot gab es seinerzeit jedoch noch nicht in Schleswig-Holstein. So nahm sie ein Studium an der hiesigen PH auf, sie studierte die Fächer Deutsch und Kunst auf Lehramt an Grund- und Hauptschulen, legte erfolgreich ein entsprechendes Examen an der Flensburger PH ab.
Um die besagte Fächerkombination später auch an einer Realschule unterrichten zu dürfen, war ein zusätzliches Examen erforderlich, allerdings musste sie zu dem Zwecke für einige Prüfungen nach Kiel wechseln.
Während ihrer Studienzeit wohnte sie weiterhin eine Zeit lang gemeinsam mit ihrer Mutter im Glatzer Weg.
Sybille bekam die Gelegenheit, ein Berufspraktikum in Flensburg an der damaligen „4. Realschule“ abzuleisten. Einer der dort tätigen Lehrer (Herr Klotz) war sehr angetan von Sybilles Einsatzbereitschaft, er erkannte ihre Begeisterung für den Lehrerberuf und setzte sich stark für sie ein. Nicht zuletzt dank seiner Fürsprache bekam sie die Chance, an der damals neu gebauten KGS in Adelby an der Richard-Wagner-Straße als frisch gebackene Lehrerin unterrichten zu dürfen. So kam sie im Jahre 1974 als gerade einmal 22jährige Junglehrerin direkt an eine völlig neue Schule, in der der Unterricht erst 1973 sechszügig mit je zwei Klassen pro Schulart begonnen hatte. Mit einem Jahr Verspätung ging die Kooperative Gesamtschule Flensburg-Adelby dann im neuen Schulgebäude an den Start. Als Adelby 1974 nach Flensburg eingemeindet wurde, stand die Kreisschule plötzlich sogar auf städtischem Grund und Boden!

Mürwiker Straße Nr. 66

Während Sybille ihr Referendariat an der KGS absolvierte, sah sich ihre Mutter nach einem eigenen passenden Häuschen für ihre Tochter um – und wurde schließlich fündig: Im Jahre 1976 erwarb sie für ihre Tochter Sybille das Haus in der Mürwiker Straße Nr. 66 – dort lebt Sybille übrigens heute noch mit ihrer Familie! Das Markenzeichen des Hauses ist übrigens die unverwechselbare farbenprächtige Gartenpforte in schönstem Violett!
Beruflich ging es zwar etwas holprig, aber doch voran für die Junglehrerin. Nachdem sie ihren ersten Versuch einer Examensarbeit für die Realschule in Flensburg vermasselt hatte, lief es im zweiten Anlauf – nun in Kiel – wesentlich besser: Mit der erfreulichen Note „Gut“ legte sie den zweiten Versuch ab – nun war sie Realschullehrerin!
Privat hatte sie inzwischen ihren künftigen Ehemann kennengelernt, diesen dann bald geheiratet, und kurz darauf ist sie bereits schwanger geworden: 1979 kam das erste Töchterchen auf die Welt. Nach halbjähriger Elternzeit nahm Sybille alsbald wieder ihren Dienst in der Schule auf. Sie durfte jetzt sogar mit einer Sondergenehmigung des Kultusministeriums aus Kiel am Gymnasium im Fach „Kunst“ unterrichten. Dieser Schritt nach vorn sagte ihr jedoch nicht zu: „Meine gemachten Erfahrungen als Lehrerin am „Gym“ waren durchaus zwiespältig“, erinnert Sybille sich nicht so gern an jene Phase. So ging sie wieder einen Schritt zurück, und etablierte sich als Lehrerin für Deutsch und Kunsterziehung im Realschulbereich der KGS Flensburg-Adelby.
Sybille Woltersdorf hatte jetzt ihren Platz im Leben gefunden, privat als junge Ehefrau und Mutter, beruflich im Traumberuf als Lehrerin, und wohnungsmäßig im eigenen Haus in der Mürwiker Straße, in ihrem Quartier und Stadtteil Fruerlund gelegen!

Fruerlund zwischen 1950 und dem Millennium

Das Ortszentrum Fruerlunds war in der zweiten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts zweifellos der damalige Nettelbeckplatz. Rund um den Nettelbeckplatz gab es jahrzehntelang zahlreiche Geschäfte und Handwerker, die die meisten Bereiche der Versorgung für das tägliche Leben abdeckten. Ob Schuster, ein Uhrmacher, Schlachter, Bäcker Johannsen, Friseur oder Drogerie – viele Branchen waren hier vertreten, und hatten allesamt ihre Daseinsberechtigung. Zudem gab es in unmittelbarer Nähe die „Blasberg-Apotheke“ in der Mürwiker Straße 52-54, Ecke Gerhart-Hauptmann-Straße, ebenfalls in der „Mürwiker“ (in Nr. 50) betrieb die Familie Nowc ihr Milchgeschäft, auch ein Bäcker war dort beheimatet, und später befand sich das Fachgeschäft „Fernseh Seydlitz“ in den Räumen des früheren Milchgeschäftes.
Im Jahr 2000 wurde der Nettelbeckplatz, von den Einheimischen auch „Nettel“ genannt, offiziell in Willi-Sander-Platz umbenannt. Das Wohnquartier beim Platz wurde dann aber um das Jahr 2010 herum stark umgebaut, wodurch bei den Straßen- und Platzbenennungen in dem Bereich manche Konfusion entstand. Der benachbarte Mühlenhof wurde stark umgestaltet und zum Platz ausgebaut, der den Namen Willi-Sander-Platz erhielt. So erhielt der SBV die neue Post-Adresse Willi-Sander-Platz 1. Das Eckhaus (Turmhaus) Willi-Sander-Platz 16 (zuvor Nettelbeckplatz 16), wo sich einst der Nettelbeckplatz befand, erhielt die Adresse Mühlenholz 26, wurde also der Straße Mühlenholz zugeschlagen.

Das Familien- und Berufsleben

Zurück in die 80er Jahre: Sybille Woltersdorf und Ehemann vergrößerten ihre eigene kleine Familie nach und nach um zwei weitere Töchter, alle Mädels jeweils im Abstand von 4 Jahren geboren, 1979, 1983 und 1987, und allesamt Wunschkinder, sogar Wunschmädchen! Sybille hielt es bei den weiteren Geburten wie beim ersten Kind, nach relativ kurzer Elternzeit nahm sie ihre berufliche Tätigkeit bald wieder auf, dank guter Unterstützung durch ihren Ehemann und anfangs noch die Mutter klappte das gut. Sybille hatte zur Mutter stets ein sehr gutes Verhältnis gehabt, selbst in Zeiten der Pubertät und des Erwachsenwerdens verstanden die beiden Frauen sich. Als es ihrer Mutter gesundheitlich immer schlechter ging, haben Sybille und ihr Mann sie zu sich nach Hause geholt, und sie dort immerhin noch sechs Jahre um sich gehabt, bis es schließlich nicht mehr ging mit der heimischen Pflege. Da das Ehepaar kaum auf eigene Familienangehörige zurückgreifen konnte, war es froh und dankbar, eine zuverlässige und stets freundliche und zupackende Haushälterin gefunden zu haben, die sie mehr als 14 Jahre lang stets daheim unterstützte.
Sybilles Mutter erkrankte schließlich an Demenz, einer Krankheit, mit der man seinerzeit noch nicht so richtig gut zurechtkam, einfach noch zu wenig über die Krankheit wusste. Die schrecklichen Erfahrungen trafen die Familie unvorbereitet, letztlich musste die alte Dame in ein Pflegeheim abgegeben werden – dort lebte sie immerhin noch vier Jahre.
Das Leben ging jedoch auch nach dem Verlust der Mutter weiter, die drei Töchter wuchsen heran, der Alltag bestimmte das tägliche Leben. Sybille erlebte auch beruflich zahlreiche Veränderungen im schulischen Bereich mit. Sie unterrichtete immerhin 38 Jahre lang an der KGS – später KTS Flensburg-Adelby, mit unheimlich vielen positiven Erlebnissen. „Für mich war es der Traumberuf! Nichts ist schöner, als junge Menschen heranwachsen zu sehen und sie ein Stück ihres Weges begleiten zu dürfen, sie dabei mit zu formen und auszubilden. Ich habe mich stets um guten Kontakt zu den Kindern bemüht. Das klappte immer dann besonders gut, wenn man eine Klasse über mehrere Jahre begleiten durfte – dann lernte man die Persönlichkeiten der Kinder und SchülerInnen besser und intensiver kennen, konnte sie noch besser und gezielter fördern“, ereifert sich Sybille auch heute noch für die schönen Seiten des Lehrerberufs.
Als sich für sie schließlich die Gelegenheit ergab, mit 60 Jahren als Lehrerin aus dem Beruf auszuscheiden, nahm sie diese Chance gern wahr. Innerbetriebliche Problematiken an der Schule erleichterten ihr diesen Schritt zu gehen.Das bedeutete jedoch noch nicht das Ende ihrer „Schulzeit“: Sie arbeitete anschließend für einen privaten Träger als „Schulbegleiterin“. Schulbegleiter agieren als eine Form persönlicher Assistenz. Sie unterstützen Kinder mit Körperbehinderung, geistiger Behinderung oder psychischer bzw. seelischer Störung im schulischen Alltag. Schulbegleitung ist eine langfristig eingesetzte Maßnahme der Eingliederungshilfe bzw. der Kinder- und Jugendhilfe. Anfangs halbtags für 20 Wochenstunden, später für 10 Stunden wöchentlich war Sybille in diesem hochsensiblen Bereich tätig. Sie kam dadurch sogar mehr herum, als sie es in ihrer gesamten 38jährigen Lehrerlaufbahn erlebt hat: Sie war nacheinander noch in vielen Schulen im Umkreis als Schulbegleiterin aktiv. Zeitgleich mit dem Beginn der Corona-Pandemie hierzulande, im Frühjahr 2020, endete diese berufliche Zeit für Sybille. Seitdem ist sie „nur“ noch Rentnerin – ein Zustand, der ihr jedoch keinerlei Probleme bereitet.
So wie die Zeit für die Familie Woltersdorf stetig voranschritt, ging es auch mit dem Stadtteil Fruerlund immer vorwärts in der weiteren Entwicklung.
Im Jahr 1959 zog die PH in einen Neubau an der Mürwiker Straße, im Februar 1994 erhielt sie den Namen „Bildungswissenschaftliche Hochschule (Universität)“ (BU), und im Februar 2000 den Titel „Universität Flensburg“ (UF) – seit September 2002 mit Sitz auf dem Hochschulcampus Sandberg. Längst ist der einst weiße Gebäudekomplex der PH restlos vom Erdboden getilgt, dort entstanden in den ersten Jahren des neuen Millenniums ein neues Gewerbezentrum (Hausnummer Mürwiker Straße 89) mit Supermarkt, Arztpraxen, der dorthin gezogenen „Blasberg-Apotheke“ sowie das AWO-Servicehaus Fruerlund, in dem ein Wohnen bis zum Lebensende in den eigenen vier Wänden möglich ist, selbst bei schwerer Pflegebedürftigkeit (Hausnummern Mürwiker Straße 81-83).

Der Ruhestand

Für Sybille Woltersdorf schloss sich mit dem Eintritt in den Ruhestand ein Kreis. Ihre drei Töchter sind längst erwachsen, und sind alle in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten, haben alle drei den Beruf einer Lehrerin ergriffen. Sybille genießt das Privileg, alle Kinder in der näheren Umgebung zu wissen. Im eigenen Haus „Mürwiker Nr.66“ fühlt sie sich gemeinsam mit dem Ehemann im wahrsten Sinne des Wortes pudelwohl – wobei es eigentlich „mops-wohl“ heißen müsste, denn ein treuer Lebensbegleiter der Rentnerin ist Mops „Smolle“, der ihrer mittleren Tochter gehört und jetzt sogar noch Verstärkung in Form eines noch sehr jungen Welpen, eines eigenen Hundes mit Namen Willi, erhalten hat.
Sybille hat jetzt Zeit und Muße, ihren Hobbies nachzugehen, ist gern im hauseigenen Garten aktiv, „bespaßt“ die Hunde, oder zieht sich auch mal zurück, um zu malen. Die Malerei ist ihre große Leidenschaft, jahrelang hat sie sogar Malkurse über die EULE Flensburg angeboten und geleitet – wegen „Corona“ sind die Kurse jedoch erst einmal allesamt abgesagt worden.

Das Flensburg Journal bedankt sich bei Sybille Woltersdorf für ein interessantes und spannendes Gespräch über ihren Werdegang und ihre Liebe zu ihrer Heimat, ihrem Lebensmittelpunkt in Fruerlund, und wünscht ihr für die Zukunft alles Gute!

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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