Drei Generationen in Wasserloos: Wie schnell sich alles ändert!

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In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe kommt Gudrun Hjordthuus zu Wort.

Gudrun Hjordthuus, geborene Roth, hat beinahe ihr gesamtes bisheriges Leben in Wasserloos verbracht. Wasserloos – wo ist das eigentlich genau?

Wasserloos

„Wasserloos (früher auch selten: Wasserlos; dänisch: Vandløs) ist der Name einer kleinen Ortschaft, die als Teil von Twedt nach Flensburg eingemeindet wurde. Wasserloos besteht heute aus dem Stadtbezirk Wasserloos, nördlich der Nordstraße (heute als Osttangente bekannt; oder B199), im Stadtteil Mürwik und aus der kleinen Straße Wasserloos, südlich der Nordstraße, im heutigen Stadtteil Engelsby.“ Die erste bekannte Erwähnung des kleinen Ortes stammt aus dem Jahr 1632, damals unter dem dänischen Namen „Vandløs“, mit der Bedeutung „wasserloser Ort“.
So wird Wasserloos im Online-Lexikon Wikipedia beschrieben.
In den 1930er Jahren wohnten nur wenige Menschen in Wasserloos, das seinerzeit durch die Schienentrasse der Flensburger Kreisbahn praktisch in einen nordwestlichen und einen südöstlichen Bereich unterteilt wurde. Die Kreisbahn erschloss die Region Angeln zwischen der Flensburger Förde und der Schlei bei Kappeln; sie stellte allerdings 1953 ihren Betrieb ein.
In Wasserloos wohnten die Familien Asmussen, Marten und schließlich Roth. Anna Roth und ihr Ehemann Hans-Peter Roth betrieben einen landwirtschaftlichen Betrieb auf dem eigenen Grund und Boden, begrenzt durch die heutigen Straßenverläufe von Osterallee, Nordstraße und Wasserlooser Weg. Hans-Peter Roth verstarb in den 30er Jahren, seine Witwe Anna übertrug schließlich die Verpachtung des Betriebes am 1. August 1940 an ihren Sohn Hans Roth. Historisch sicherlich interessant ist die Lektüre des Pachtvertrages sowie des Anhangs, was im Einzelnen alles zum Inhalt der Übernahme zählen würde. Die Vertragsinhalte werfen ein bezeichnendes Licht auf die damaligen Lebensverhältnisse in der hiesigen Region.

Die Familie Roth

Hans Roth (Jahrgang 1902) hat den Beruf des Gärtners erlernt, und schon immer ein besonders Faible für die Rosenzucht gehabt.
Er hat schon früh angefangen, Rosen zu züchten, das Arbeiten mit Blumen und Pflanzen hat ihm eigentlich schon immer viel Freude bereitet, und nachdem er, bedingt durch die Kriegswirren und die anschließende sogenannte „schlechte Zeit“, erst Jahre nach der Übernahme die Zeit fand, seinen Traum einer eigenen Gärtnerei zu erfüllen, konnte er sein Hobby Rosenzucht sogar mit dem eigenen Beruf eines Gärtners verbinden. Inzwischen verheiratet, mit einer 24 Jahre jüngeren Frau, die bereits bei den Eltern „in Stellung“ tätig war, baute er in den 50er Jahren kontinuierlich den Betrieb „Blumen Roth“ auf und erweiterte ihn, die vier gemeinsamen Kinder, drei Töchter und ein Sohn, wuchsen auf dem eigenen Anwesen auf, erlebten anfangs noch die Landwirtschaft einschließlich Viehhaltung mit, und halfen mit zunehmendem Alter auch immer mehr im eigenen Betrieb mit. Gudrun, Heidrun, Dagmar und Hans-Peter, der leider vor fünf Jahren verstorben ist, haben eine unbeschwerte und schöne Kindheit auf dem Hof ihrer Eltern erlebt; trotz sehr viel Arbeit und Umtriebigkeit haben sich die Eltern immer, wenn es irgendwie ging, Zeit für die Kinder genommen. So war der sonntägliche Familienausflug (an jedem Sonntag!) ein fester Termin, der stets eingehalten wurde. Die vier Kinder wurden dann – meistens nachmittags – hinten in den Opel Kadett verfrachtet, vorn saßen die Eltern, und los ging es durch Schleswig-Holstein, manchmal bis nach Friedrichstadt, oder sogar mal in den Tierpark Gettorf, oder aber ebenso oft über die Grenze nach Dänemark, wohin die Familie auch familiäre Kontakte hatte – die Eltern stammten aus dem dänischen Grenzgebiet. Vater ließ sich auf diesen Touren nicht lumpen, je nach Geschäftslage (die meistens ganz ordentlich war) wurde unterwegs Kaffee getrunken, oder Mittag gegessen, in Apenrade ging es sogar einmal ins erste Hotel vor Ort zum Anrettning – allerdings ließ Vater hinterher im Familienkreis verlauten: „Das können wir uns aber nicht so oft leisten!“
Der Vater war allerdings auch geschäftstüchtig, wurde doch von jeder Ausflugsfahrt von auf dem Weg liegenden befreundeten Geschäftspartnern viele Blumen, Pflanzen, Zwiebeln usw. mitgenommen, so dass der Kadett auf der Rückfahrt sehr gut beladen war, von den Kindern dann nicht mehr so viel zu sehen war. Übrigens ist immer die Mutter gefahren – Vater hatte keinen Führerschein. Überhaupt wurde der Sonntag fürs Familienleben freigehalten, vor dem Ausflug kochte die Mutter das Mittagessen, nach dem Essen ruhte sie sich für den Ausflug auf dem Sofa aus, und Vater und die Kinder machten sich still und leise gemeinsam ans Abwaschen und Aufräumen.
Der großflächige Betrieb der Roths mit den zahlreichen Gebäuden wie Wohnhaus, Scheunen und Stallungen war für die Kinder der ideale Spielplatz überhaupt, so haben sie beispielsweise stets gern im Hühnerstall gespielt, den man leicht durchs Fenster vom Plumpsklo aus erreichen konnte. Als Schulkinder hatten sie dagegen einen recht weiten Schulweg, bis runter zur damaligen Mürwik-Schule Ecke Osterallee-Holzkrugweg, später Osbekschule, heute heißt sie Ostseeschule; selbstverständlich sind sie immer zu Fuß gegangen – so war das eben früher.
Wasserloos war damals noch ziemlich abgelegen; in Mürwik und Engelsby begann die allgemeine Bebauung durch Ein- und Mehrfamilienhäuser ja gerade erst. Die Roths gehörten zur Kirchengemeinde der Christuskirche, postalisch und wahltechnisch jedoch zu Engelsby.

Blumen Roth wächst und gedeiht

In den Jahren, als die Kinder heranwuchsen, nahmen die vielfältigen Tätigkeiten im Blumengeschäft „Blumen Roth“ immer mehr Arbeitszeit in Anspruch, gleichzeitig wurde die Landwirtschaft der Roths allmählich zurückgefahren. Das wurde auch dadurch beschleunigt, dass die Familie in den 60er Jahren viele ihrer angrenzenden Koppeln als Bauland verkaufen konnte, das Land wurde benötigt für die rasch wachsenden Stadtteile Mürwik und Engelsby. Wie es damals üblich war, halfen die Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten im Betrieb mit. Alle haben für viele Jahre im Betrieb mitgearbeitet, selbst als die vier Kinder, und später auch die Schwiegerkinder, erwachsen wurden und irgendwann eigene Familien gründeten.
Im Jahr 1966 wurden die Treibhäuser gebaut, anfangs wurden darin die Pflanzen noch auf dem Fußboden gezogen – erst später kamen die Tische hinzu. 1977 war das Jahr, in dem der Anbau dazukam, 1989 wurde schließlich das hinten angrenzende Verkaufsgewächshaus hochgezogen – dort, wo sich auch heute noch der Verkaufstresen samt Kasse befindet.

Die dritte Generation

Hans Roth verstarb im Jahr 1974; nach dem Tod des Vaters übernahm anfangs die Mutter, anschließend der Sohn Hans-Peter den Betrieb, so war es vom Vater bestimmt worden. Die Tochter Gudrun stieg im Jahre 2005 mit in die Geschäftsführung ein. Gudrun ist seit jeher mit Leib und Seele Floristin, und sie war auch diejenige, die in einer gewissen Notlage anpackte und den Betrieb wieder ins gute Fahrwasser steuerte. Im Jahr 2010 musste nämlich der Sohn Hans-Peter Insolvenz anmelden, woraufhin Gudrun den Betrieb kurzerhand kaufte.
Kurz nach Übernahme des Betriebes planten Gudrun und ihr Lebensgefährte Hans-Jürgen Zigahn, den Betrieb zu modernisieren, den Gegebenheiten der Neuzeit anzupassen, sogar ein kompletter Neubau war angedacht, entsprechende Unterlagen wurden bei den zuständigen Behörden zur Prüfung eingereicht, und die Banken als Kreditgeber prüften ebenfalls die Bonität des Unternehmens.
Leider machten gerade die Geldinstitute dermaßen hohe Auflagen, dass die Familie schließlich schweren Herzens vom geplanten Vorhaben Abstand nahm. Dabei ist der Betrieb wirtschaftlich gesund, steht auf sicheren Beinen, ist in der Region hoch angesehen, und hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte hier einen überaus guten Ruf erarbeitet. Der Laden „brummt“, wie man so sagt, und die insgesamt 14 Beschäftigten haben immer gut zu tun. Mittlerweile nähern sich auch Gudrun und ihr Ehemann der hierzulande üblichen Altersgrenze, und spüren manchmal schon die Last und Mühsal der täglich bis zu 14 Stunden Arbeitszeit, die so ein Betrieb mit sich bringt – angefangen vom frühmorgendlichen Einkauf, über das Verhandeln mit Handwerkern, Brennstofflieferanten, Ausliefern von Bestellungen, bis zum abendlichen Abarbeiten des unumgänglichen „Papierkrams“.
„Es ist schwer genug, den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten, die Treibhäuser zu beheizen, die Technik permanent in Ordnung zu halten, das Personal planbar und sinnvoll einzusetzen. Hinzu kommen ungeplante Probleme, wie erst kürzlich die Bewältigung der Schäden, die der über Flensburg hereingebrochenen Starkregen auch bei Blumen Roth verursacht hat“, weiß Gudrun zu berichten. „Natürlich macht es nach wie vor allen Beschäftigten viel Spaß und Freude, die Wünsche der vielen Kunden, darunter unzählige Stammkunden, Tag für Tag zu erfüllen, und dafür entsprechendes Lob zu ernten.“

Ausblick

Anlässlich der Feier zu Gudruns 60. Geburtstag vor 5 Jahren haben sie und ihr langjähriger Lebensgefährte sich etwas Besonderes einfallen lassen: „Wir haben die „runde Geburtstagsfeier“ einfach kurzfristig ergänzt, den Gästerahmen aufgestockt, und dann auch gleichzeitig unsere Hochzeit mit gefeiert“, ergänzt eine verschmitzt lächelnde Ehefrau. Nun möchte das Ehepaar in nicht allzu ferner Zukunft das Familienleben gemeinsam genießen, auch mal verreisen, sich etwas gönnen, was man viele Jahre immer wieder aufgeschoben hat.
In der eigenen Familie ist leider weit und breit kein Nachfolgekandidat für eine mögliche Geschäftsübernahme in Sicht, Gespräche mit möglichen anderen Interessenten für eine Fortführung des Blumengeschäfts führten bisher nicht zu einem positiven Ergebnis.
Daneben ist zu bedenken, dass die zum Betrieb gehörenden Gebäude wie die Treibhäuser und der Verkaufsbereich, aber auch Wohnhaus und Stallungen in näherer Zukunft eine umfangreiche Sanierung und/oder Modernisierung gut vertragen könnten. So wird es wohl so kommen, dass in den nächsten Jahren der Betrieb irgendwann seine Pforten schließen wird, und der Grund und Boden zum Verkauf stehen wird.
Die einstige Ortschaft Wasserloos – schon längst nicht mehr weit abgelegen, liegt heute eingebettet zwischen den Flensburger Stadtteilen Mürwik, Engelsby und Kauslund.
Sollten die Liegenschaften der Familie Roth – einschließlich des Geschäfts „Blumen Roth“ – nach einem Verkauf mit Wohneinheiten bebaut werden, hat das frühere Wasserloos endgültig ein ganz neues – modernes – Gesicht bekommen.

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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