Planungswünsche könnten Betriebe schädigen, befürchtet die neue IG Norderstraße

Auch die Norderstraße und deren inhabergeführte Geschäfte spüren die Pandemie-Krise: Es sind weniger Touristen unterwegs, insbesondere dänische Kunden. Aber die Norderstraße, der nördliche Teil der Flensburger Altstadt, hat sich bisher noch krisenfest gezeigt. Das liegt an der Struktur ihres Gewerbes: Anders als am Holm und in der Großen Straße bestehen ihre Läden aus inhabergeführten Geschäften, von denen ein Betrieb bereits 140 Jahre ansässig ist. Wo findet man diese Tradition noch? Peter Litau, Inhaber des in der Norderstraße ansässigen Computerladens „Bits und Bytes“ mit Flensburgs einzigem Internetcafé, hat sich nach der Betriebsdauer der anderen Firmen der Norderstraße erkundigt.
Mehr als 50 Unternehmungen und Einrichtungen bringen es insgesamt auf mehr als 1.240 Betriebsjahre bzw. Firmengeschichte. Zusammen haben sie mehr als 350 Beschäftigte. Litau, selbst seit 15 Jahren betrieblich ansässig, war erstaunt: „Der älteste Betrieb hat mit 140 Jahren Erfahrung sogar die komplette Zeit der Straßenbahn erlebt, zwei große Kriege und die Grenzziehung 1920 überstanden.“ Für die Norderstraße werden im Flensburger Rathaus derzeit Änderungen erwogen: Über den politischen „Masterplan Mobilität“ wurde ein Bremer Planungsbüro beauftragt, Varianten einer Norderstraße ohne Autoverkehr zu erarbeiten. Zunächst bestand Hoffnung, da Bremen das weit bekannte „Viertel“ am Steintor hat, in dem Geschäfte, Kneipen, Kultur und alle Verkehrsformen, sogar die Straßenbahn, miteinander auskommen. Die Varianten, die das Bremer Planungsbüro präsentierte, zeigten den Auftrag, die Norderstraße ab der Toosbüy­straße für Autoverkehr zu blockieren – zugleich auch die teuerste Variante, weil die Fahrbahn durch versenkbare Poller gesperrt würde. Die öffentlich bezahlte, teuerste Variante könnte die Betriebe der Norderstraße aber ernsthaft gefährden. Peter Litau: „Wir hatten Hoffnung, dass die Bremer Planer uns zeigen würden, wie Gewerbe, Verkehr und Wohnen vereinbar wären, waren aber entsetzt, dass die Planer einem vorgegebenen Ziel gefolgt waren, ohne die Gewerbetreibenden ernsthaft zu beteiligen. Gespräche mit anderen Betrieben ergaben, dass an einem Planungsworkshop im Februar kaum Betriebe der Norderstraße, dafür aber Bürger vertreten waren, die in der Norderstraße nicht mal wohnen, sondern dort politische Verkehrsziele zu beeinflussen suchten.“
Da Litau sich und andere Geschäfte im Nachteil sieht, hat er die Gründung einer Interessengemeinschaft Norderstraße mit beworben: „Viele Gespräche zeigten, dass wir zu wenig voneinander wussten. Überraschend war, dass die Straße es auf über 1.200 Jahre betriebliche Leistungen bringt. Das beweist, dass hier sehr Vieles kundengerecht läuft und dass die Kunden die alte Norderstraße schätzen. Ohne die Kunden, die uns werktäglich mit im Schnitt über 530 Anfahrten per Auto erreichen, wäre die Norderstraße bloß eine weitere Schlafstraße“, ist sich Litau sicher. Wenn die nördliche Altstadt derzeit funktioniere, sei das auch kein Selbstgänger, denn südlich der Norderstraße habe die Altstadt in der Großen Straße konstant leerstehende Adressen, was sogar in teurer Lage den Holm und dessen zwei Passagen treffe. „Benötigt die Stadt noch eine dritte Fußgängerzone, ohne dass die Ursachen für die Leerstände der Großen Straße gelöst sind?“, fragt Litau. Hinzu kommt: Das ebenfalls in der Norderstraße liegende Eckener-Haus soll mit Sanierungsmitteln aufgewertet, d. h. belebt werden. Mit diesen Entwicklungschancen war das Bremer Planungsbüro aber nicht befasst, das anscheinend hauptsächlich für die Aussperrung des Verkehrs aus der Norderstraße bestellt worden war.
„Als wir sahen, dass die Bremer uns nicht Möglichkeiten konstruktiven Miteinanders wie im Bremer „Viertel“ zeigten, sondern die destruktive Beschränkung der Norderstraße rechtfertigten, haben wir uns umgehört und mit den Anderen die IG Norderstraße gegründet“, erzählt Litau. Man wolle als IG den Verkehr in der Norderstraße verändern, d. h. reinen Durchgangs- wie Parksuchverkehr sowie auch die Zahl der Dauerparker reduzieren. Wenn die Norderstraße weiter bunt und vielfältig bleiben solle, müsse sie mit allen Verkehrsmitteln in einem geregelten Rahmen erreichbar sein. Mit der Dänischen Zentralbibliothek sei ein öffentlich gefördertes Bildungsangebot vorhanden, was ohnehin für alle zugänglich bleiben müsse, stellt er klar. Die Vielfältigkeit der Norderstraße, sogar mit zwei Möbelhäusern, mache die Norderstraße für Flensburg so bedeutsam. Es entscheiden noch die regional verwurzelten Inhaber, d. h. nicht Konzernzentralen, wie im Falle des von Schließung betroffenen Karstadt-Kaufhauses. Anscheinend habe das Rathaus zu viele Krisenaufgaben, darunter auch die Probleme mit der Werft, zu bewältigen, so dass der Dialog mit den Kleinbetrieben der Norderstraße zu kurz gekommen sei.
„Unsere IG ist für Veränderungen offen, aber wir haben nicht jahr(zehnt)elang für unsere Kunden Dienste geleistet, um ihnen jetzt die ehrwürdige Norderstraße quasi zu „verpollern“. Wir wollen hier weiter zeigen, dass wir mehr zu bieten haben als der gesichtslose Online-Handel, indem wir unseren Kunden vor Ort in der Norderstraße helfen und Vieles bieten“, wirbt Litau für eine multifunktionale Norderstraße. Man darf gespannt sein, inwieweit die im Juni im Rekordtempo auf über 50 Geschäfte gewachsene IG Norderstraße an der Umsetzung des Masterplans Mobilität beteiligt wird oder ob mehrheitlich Zielvorgaben von Bürgern, die dort weder wohnen noch gewerblich ansässig sind, den Ausschlag geben werden. Dass die Stadt maßvoll verfahren muss, mahnt die weiter offene Frage, ob der Holm durch Karstadt weiter belebt bleiben wird.
Vielleicht präsentieren die IGs der ganzen Innenstadt eine Gesamtforderung, wie die Altstadt vom leider abgetragenen Roten Tor bis hin zum Nordertor gestaltet werden soll, damit aus den Krisen etwas wachsen kann?

Text: Peter Litau

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