Die Sonne spiegelt sich auf der etwas unruhigen Wasseroberfläche der Flensburger Förde, als plötzlich Blaulicht aufblitzt. Mit einem dumpfen Grollen beschleunigt das Rettungsboot der Feuerwehr Glücksburg aus dem Hafen der Hanseatischen Yachtschule. Wenige Augenblicke später schießt das 300 PS starke Festrumpfschlauchboot über das Wasser in Richtung Strandhotel Glücksburg. Nur wenige hundert Meter vor dem beliebten Badestrand treibt eine Person regungslos im Wasser.

„Person im Wasser, bewusstlos“, lautet die Einsatzmeldung. Was sich vor den ersten Badegästen wie ein echter Notfall abspielt, ist an diesem Tag glücklicherweise nur eine Übung. Dennoch sitzt jeder Handgriff. Bootsführer Sebastian Annewanter reduziert kurz vor der Einsatzstelle die Geschwindigkeit, dreht das Boot kontrolliert gegen Wind und Welle und bringt es längsseits der verunfallten Person zum Stehen. Wenige Augenblicke später ist die Person gesichert und wird mit Hilfe einer speziellen Vorrichtung an der Seite des Bootes ins Boot gehoben. Vom Alarm bis zur Rettung vergehen nur wenige Minuten.

„Wasser hat keine Balken“

Genau diese Zeit entscheidet bei Einsätzen auf dem Wasser häufig über Leben und Tod. Anders als an Land gibt es auf der Förde keine Straßen, keine Hausnummern und oftmals keine festen Orientierungspunkte. Wind, Wellen und Strömung treiben Menschen innerhalb kürzester Zeit ab. Wer hier helfen will, muss den Einsatzort schnell erreichen und über die passende Technik sowie eine gut ausgebildete Besatzung verfügen. Für die Feuerwehr Glücksburg ist diese Übung deshalb weit mehr als ein Fototermin. Sie zeigt das Konzept, mit dem die Wehr die Wasserrettung auf der Flensburger Förde in den vergangenen Jahren grundlegend neu aufgestellt hat. Herzstück ist zwar ein hochmodernes Rettungsboot – entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel aus speziell ausgebildeten Einsatzkräften, kurzen Ausrückezeiten und einer engen Zusammenarbeit mit allen Organisationen der Wasserrettung auf deutscher und dänischer Seite der Förde.

Wasserrettung auf der Flensburger Förde: Wenn jede Minute zählt

Die Stadt Glücksburg trägt Verantwortung für einen großen Teil der Flensburger Innenförde. Zum Einsatzgebiet gehören nicht nur die Uferbereiche der Stadt selbst, sondern auch die Halbinsel Holnis mit ihren Stränden, Campingplätzen und Wassersportrevieren. Gerade während der Ferienmonate wächst die Zahl der Menschen auf und am Wasser erheblich. Zu den rund 6.300 Einwohnern kommen jedes Jahr rund 250.000 Übernachtungsgäste sowie zahlreiche Tagesbesucher hinzu. Segler, Kitesurfer, Kajakfahrer und Badegäste teilen sich das Revier mit Berufsschifffahrt und Fährverkehr. Entsprechend vielfältig sind auch die möglichen Einsatzlagen. Von medizinischen Notfällen auf Booten über vermisste Personen bis hin zu gekenterten Wassersportlern oder Menschen, die nach einem Sturz ins Wasser auf schnelle Hilfe angewiesen sind.

Besonderheit der Förde

Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: Die Flensburger Förde ist ein grenzüberschreitendes Einsatzgebiet. Nur wenige hundert Meter vom deutschen Ufer entfernt beginnt dänisches Hoheitsgebiet. Für die Wasserretter endet ein Einsatz deshalb nicht an einer Landesgrenze. Je nach Lage arbeiten deutsche und dänische Einsatzkräfte eng zusammen. Auch die Alarmierung erfolgt länderübergreifend, wenn es die Situation erfordert. Dass die Wasserrettung auf der Förde nur im Zusammenspiel verschiedener Organisationen funktioniert, erleben die Einsatzkräfte regelmäßig. Die Außenförde wird vor allem durch die Seenotretter der DGzRS mit ihren Stationen in Langballigau und Gelting abgesichert. Hinzu kommen Feuerwehren, die DLRG, die Wasserschutzpolizei sowie dänische Einsatzkräfte. Jeder übernimmt dabei seinen Teil der Aufgabe. Doch gerade auf der Innenförde zeigte sich in den vergangenen Jahren immer wieder eine Herausforderung: Der Anmarschweg der Einheiten aus der Außenförde kostet wertvolle Zeit.

Wasserrettung auf der Flensburger Förde: Wenn jede Minute zählt

„Im Notfall ist die Außenförde durch die DGzRS sehr gut abgedeckt. Bei Notfällen auf der Innenförde mussten wir aber immer wieder feststellen, dass wir uns aufgrund der Entfernungen nicht auf ein zeitnahes Eintreffen dieser Einheiten verlassen konnten“, beschreibt Ortswehrführer Jochen Kopf die Ausgangslage. Gleichzeitig verfüge Glücksburg selbst über einen großen Zuständigkeitsbereich auf dem Wasser. „Wir sehen uns deshalb in der Verantwortung, hier eine Verbesserung herbeizuführen.“

Neuausrichtung

Diese Überlegungen führten schließlich zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Wasserrettung. Man entwickelte ein eigenes Konzept. Ziel war es, Menschen in der Innenförde deutlich schneller erreichen zu können und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit allen anderen Akteuren der Wasserrettung weiter auszubauen. Den Anstoß gab die „Arbeitsgruppe Feuerwehr“ der Stadt Glücksburg. In ihr arbeiten Vertreter aus Politik und Feuerwehrführung seit Jahren eng zusammen. Gemeinsam analysierten sie die bisherigen Möglichkeiten und die besonderen Anforderungen des Einsatzgebietes. Schnell wurde deutlich, dass ein klassisches Mehrzweckboot den gestiegenen Ansprüchen nur eingeschränkt gerecht werden konnte. Zwar verfügt die Feuerwehr bereits über ein Mehrzweckboot des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), das ursprünglich für Aufgaben der Ölwehr zur Verfügung gestellt wurde und in Abstimmung mit dem LKN auch für die Wasserrettung genutzt werden darf. Aufgrund seiner Bauweise ist das Boot jedoch nur bis zu einer begrenzten Wellenhöhe sicher einsetzbar.

Die Anforderungen an das neue Boot waren von Anfang an klar definiert. Es sollte kein klassisches Arbeits- oder Mehrzweckboot werden, sondern ein speziell für die Wasserrettung ausgelegtes Einsatzmittel. Geschwindigkeit spielte dabei ebenso eine Rolle wie Seegängigkeit, moderne Navigation und die Möglichkeit, Menschen auch unter schwierigen Bedingungen sicher aus dem Wasser zu retten. Vor allem aber sollte jeder Punkt im Glücksburger Einsatzgebiet möglichst innerhalb der Hilfsfrist erreichbar sein.

Wasserrettung auf der Flensburger Förde: Wenn jede Minute zählt

„Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, wie wir die Wasserrettung in der Innenförde noch effizienter und erfolgreicher aufstellen können“, beschreibt Jochen Kopf den langen Planungsprozess. „Das Boot ist bewusst primär für die Wasserrettung beschafft worden. Gleichzeitig haben wir die Technik an Bord gezielt so ausgewählt, dass wir insbesondere die Suche nach vermissten Personen auf dem Wasser deutlich verbessern können.“ Die Wahl fiel schließlich auf ein Humber Offshore Pro – ein 7,5 Meter langes Festrumpfschlauchboot (RIB), das in dieser Form im deutschen Feuerwehrwesen eher die Ausnahme ist. Zwei 150 PS starke Außenbordmotoren beschleunigen das Boot auf bis zu 43 Knoten. Damit zählt es zu den schnellsten kommunalen Wasserrettungsbooten an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Gleichzeitig ermöglicht der geringe Tiefgang von nur 90 Zentimetern auch das sichere Befahren flacher Uferbereiche rund um Holnis oder entlang der Glücksburger Küste.

Doch Geschwindigkeit allein rettet noch kein Leben. Deshalb wurde großer Wert auf eine Ausstattung gelegt, die den Einsatzkräften auch bei schwierigen Sicht- und Wetterverhältnissen größtmögliche Unterstützung bietet. Zwei große Multifunktionsdisplays vereinen Radar, elektronische Seekarten, Sonar und sämtliche Borddaten. Hinzu kommen ein UKW-Seefunkgerät mit aktivem und passivem AIS, eine leistungsfähige Wärmebildkamera, moderne Sonartechnik, ein drehbarer Suchscheinwerfer sowie umfangreiche LED-Arbeits- und Decksbeleuchtung. Für Rettungseinsätze stehen unter anderem ein Spineboard, ein Rettungsnetz sowie Schleppmöglichkeiten am Bug und Heck zur Verfügung.

Optimaler Standort

Mindestens ebenso wichtig wie das Boot selbst ist jedoch sein Standort. Während viele Feuerwehrboote nach einer Alarmierung zunächst zu Wasser gelassen werden müssen, liegt das Glücksburger Rettungsboot ganzjährig einsatzbereit im Hafen der Hanseatischen Yachtschule. Gemeinsam mit dem vorhandenen Mehrzweckboot stehen dort dauerhaft zwei Liegeplätze zur Verfügung, die die Yachtschule der Feuerwehr kostenlos überlässt. „Wir können das Rettungsboot innerhalb von sechs bis acht Minuten nach der Alarmierung auf den Weg bringen“, sagt Sebastian Annewanter, Leiter der Wasserrettungsgruppe. „Gerade bei der Wasserrettung entscheidet häufig jede Minute darüber, ob ein Mensch noch lebend gerettet werden kann.“ Für Jochen Kopf ist die Unterstützung der Hanseatischen Yachtschule deshalb weit mehr als eine logistische Hilfe. „Dass wir unsere Boote ganzjährig dort liegen lassen dürfen, ist ein wesentlicher Bestandteil unseres gesamten Konzeptes. Ohne diese Möglichkeit könnten wir die angestrebten Ausrückezeiten kaum erreichen.“

Wasserrettung auf der Flensburger Förde: Wenn jede Minute zählt

Mit der Beschaffung des Rettungsbootes entstand gleichzeitig eine eigene Wasserrettungsgruppe innerhalb der Feuerwehr. Die Einsatzkräfte versehen ihren Dienst weiterhin in den klassischen Aufgabenbereichen der Freiwilligen Feuerwehr. Für den Einsatz auf dem Wasser werden sie jedoch zusätzlich speziell ausgebildet. „Wir möchten die Wasserrettung nicht nebenbei mitmachen, sondern sie als eigene Fachdisziplin neben unseren anderen Aufgaben betreiben“, sagt Sebastian Annewanter. Jeder Bootsführer muss mindestens den Sportbootführerschein See sowie das Seefunkzeugnis SRC besitzen. Hinzu kommen regelmäßige Fortbildungen und praktische Übungen auf der Förde. Gefahrenstellen, Anlegemöglichkeiten, Untiefen und Strömungsverhältnisse müssen ebenso sicher beherrscht werden wie der Umgang mit Radar, Wärmebildkamera und Sonartechnik. Geübt werden dabei längst nicht nur Bootsmanöver. Das Retten von Personen aus dem Wasser, Suchverfahren bei vermissten Schwimmern oder Seglern, das Schleppen havarierter Boote und die Zusammenarbeit mit anderen Rettungseinheiten gehören ebenso zum Ausbildungsprogramm wie der sichere Einsatz bei Dunkelheit oder schlechter Sicht.

Zusammenarbeit klappt!

Kein einzelner Akteur kann das weitläufige Revier allein abdecken. Deshalb arbeiten Feuerwehr, Seenotretter, Rettungsdienst, Wasserschutzpolizei, DLRG sowie deutsche und dänische Behörden seit Jahren eng zusammen. Wer alarmiert wird, richtet sich nicht nach Organisationsgrenzen, sondern danach, wer den Einsatzort am schnellsten erreichen kann und über die passenden Einsatzmittel verfügt. Die Feuerwehr Glücksburg versteht ihr neues Rettungsboot ausdrücklich als Ergänzung dieses Systems. Während die DGzRS insbesondere die Außenförde mit ihren Stationen in Langballigau und Gelting abdeckt, liegt der Schwerpunkt der Feuerwehr auf der Innenförde und den Gewässern rund um Holnis. Durch die unmittelbare Nähe zum Einsatzgebiet können die Einsatzkräfte dort häufig besonders kurze Anfahrtszeiten erreichen.

„Wir wollen niemandem Aufgaben wegnehmen“, betont Jochen Kopf. „Unser Ziel ist vielmehr, dass alle verfügbaren Kräfte optimal zusammenarbeiten und diejenigen alarmiert werden, die den Einsatzort am schnellsten erreichen können.“

Wasserrettung auf der Flensburger Förde: Wenn jede Minute zählt

„Wir möchten deshalb den Austausch mit allen Beteiligten intensivieren. Mit der DGzRS, der DLRG, benachbarten Feuerwehren, den dänischen Einheiten, dem Maritime Rescue Coordination Centre in Bremen und der Leitstelle Nord. Unser gemeinsames Ziel muss sein, Menschen auf dem Wasser künftig noch schneller helfen zu können.“ Mit ihrem neuen Konzept sieht sich die Feuerwehr Glücksburg für diese Herausforderungen gut gerüstet. Das schnelle Rettungsboot, der ganzjährige Wasserliegeplatz, moderne Suchtechnik und eine speziell ausgebildete Wasserrettungsgruppe greifen wie Zahnräder ineinander.

Entscheidend bleibt jedoch das Zusammenspiel mit allen Partnern auf der Förde. Denn ob Feuerwehr, Seenotretter oder dänische Einsatzkräfte – am Ende verfolgen alle dasselbe Ziel: Menschen in Not so schnell wie möglich zu erreichen. Gerade mit der DGzRS pflegt die Glücksburger Feuerwehr bereits eine sehr enge Zusammenarbeit. „Wir unterstützen im Bereich SAR (Search and Rescue) in der Innenförde und auf Anforderung auch auf der Außenförde“, sagt Annewanter. „Zudem schulen wir unsere Einsatzkräfte auch gezielt in diese Richtung.“

Gut aufgestellt!

„Konzeptionell ist aktuell eine noch engere Kooperation mit der Hanseatischen Yachtschule geplant“, erklärt Annewanter. „Wir wollen die Ausrückezeiten noch weiter optimieren, in dem wir direkt vom Hafen aus ausrücken und nicht erst zum Gerätehaus fahren.“ Dafür stellt die Yachtschule Räumlichkeiten für Technik und Schutz­ausrüstung zur Verfügung. Zudem soll die Leitstelle zukünftig auch nur das Boot der Wehr alarmieren können und nicht die ganze Feuerwehr. Ideal vor allem dann, wenn das Boot unterstützend außerhalb des eigenen Gemeindegebietes gebraucht wird.

Wasserrettung auf der Flensburger Förde: Wenn jede Minute zählt

Für die Bürgerinnen und Bürger sowie die zahlreichen Gäste an der Flensburger Förde bedeutet das ein spürbares Plus an Sicherheit. Und für die Feuerwehr Glücksburg ist das neue Rettungsboot weit mehr als eine technische Neuanschaffung. Es ist Ausdruck eines langfristigen Konzepts, das die Wasserrettung in der Innenförde nachhaltig stärken soll – professionell, partnerschaftlich und mit dem Bewusstsein, dass auf dem Wasser oft wenige Minuten über Leben und Tod entscheiden.

Text und Fotos: Benjamin Nolte   

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