In diesem umgebauten Kaufmannshof am Holm schlug schon seit rund 100 Jahren das Herz der Flensburger Verwaltung und das der Kommunalpolitik, als für den 18. Juli 1946 eine weitere Ratsversammlung einberufen wurde. In den mit Kronleuchtern und Gemälden geschmückten Kollegiensaal strömten fast durchweg Männer. Sie setzten sich an Tische, von denen einige mächtig wie ein Stamm waren. Andere wurden kurzfristig eingereiht, um die Zahl der Plätze zu erhöhen. Zweieinhalb Stunden lang diskutierten die Anwesenden – über die Betreuung von Flüchtlingswaisenkindern, über Schulspeisungen, über kritische Engpässe bei Fischlieferungen und über eine angekündigte Rationskürzung bei Fett, Fleisch und Zucker. Mangel und Hunger dominierten das Leben in Flensburg. Ein Stadtverordneter befürchtete eine „allmähliche Deorganisation, die über uns hereinbricht“.
Alle gemeinsam richteten eine Resolution an die Militärregierung, damit diese die angespannte Versorgung vielleicht etwas lockern würde. Immerhin konnte der Flensburger Magistrat kurz darauf mitteilen, dass ab der nächsten Periode für alle 200 Kalorien täglich mehr ausgegeben würden. Das war aber immer noch deutlich unter dem Bedarf, den Mediziner empfahlen. Diese nahmen „vermehrte Anzeichen der Hungerkrankheit“ wahr, während die dänische Gesundheitspflege feststellte, dass Flensburgs Säuglinge zu dick wären. Die Erklärung: zu viel Grießbrei. Tuberkulose und Typhus waren keine Seltenheit. Obermedizinalrat Dr. Hans Heigl brandmarkte zudem die Geschlechtskrankheiten als „eine wahre Geißel der Stadt“. Die altehrwürdige Diakonissenanstalt reichte nicht aus. Die Duburgkaserne und die ehemaligen Marine-Lazarette in Mürwik wurden in zivile Krankenhäuser umgewandelt.
Hilfspakete und Erholungsaufenthalte
Gegen den Mangel gab es viele Rezepte. Die Nachbarschaft zu Skandinavien half dem Bevölkerungsteil, der sich dänisch fühlte. Hilfsgüter wurden zollfrei geliefert und in Flensburg an tausende von Menschen verteilt. Die Sommerferien verbrachten über 1000 Kinder bei Familien in Dänemark. Am besten soll es den 150 kleinen Mädchen und Jungen ergangen sein, die zu einem zweimonatigen Erholungsaufenthalt bei Ribe eingeladen waren. Nach der Rückkehr beschrieben Zeitzeugen sie als „strotzend vor Gesundheit und Frische, von Kopf bis zu den Füßen neu eingekleidet“. Die wieder ins Leben gerufene Arbeiterwohlfahrt konnte nur Kinderausflüge nach Solitüde bieten und bekam vereinzelt Care-Pakete aus den USA.

Auch eine Flensburger Konsumgenossenschaft gründete sich wieder. Wie vor der NS-Zeit richtete diese Organisation eigene Verkaufsstellen ein, verschrieb sich einer gerechteren Verteilung von Lebensmitteln und versuchte die Waren zu Tagespreisen zu bekommen. Der lokale Einzelhandel und andere Wirtschaftslobbyisten witterten eine „sozialistische Konkurrenz für die freien Kaufleute“. Ende August 1946 prüfte die Landesverwaltung einige Gemüsegeschäfte und Bäckereien und stellte „überhöhte Preise“ fest. Daraufhin bildeten Magistrat, Gewerkschaften und Arbeitgeber einen Flensburger Ausschuss zur Preisüberwachung, was offenbar Wirkung zeigte.
Tauschgesuche und Lebensmittelkarten
Bei Kleidung und Verbrauchsgütern hatten Tauschgesuche Hochkonjunktur. Eine Auswahl aus der Tageszeitung: Kinderschuhe und Stiefel gegen Spiralfedermatratze, Pelzjacke gegen Damen-Fahrrad, Fotoapparat mit Lederetui gegen Rundfunkempfänger oder Korbkinderwagen gegen Hosenanzug. Eine Reparatur hatte Vorrang vor einem Neukauf. Als in den Rundfunknachrichten berichtet wurde, dass nun zwölf Fabriken Grammofonnadeln herstellen könnten, bemerkte ein Hörer mit bissiger Ironie: „Mir wären zwölf Fabriken, die uns mit ganz einfachen Schuhnägeln beliefern, erheblich lieber.“
Bei der Selbsthilfe pfiffen viele auf öffentliche Anordnungen. Tricksereien standen hoch im Kurs. Täglich sollen 30 bis 40 Personen im Flensburger Fundbüro erschienen sein, um ein und dieselbe Leier, teilweise unter Tränen, vorzutragen: „Ich habe meine Lebensmittelkarte verloren.“ Gegen eine eidesstattliche Erklärung gab es eine neue Bescheinigung, mit der es beim Ernährungsamt einen Ersatz gab. Oftmals wurden Lebensmittelkarten auch gestohlen – fast so oft wie über Nacht Kartoffeln, Obst oder Gemüse von den Feldern verschwanden.
Etliche pikante Kriminalfälle
Manche Kriminelle waren besonders einfallsreich, wie die Polizei im Spätsommer 1946 protokollierte. So war ein falscher Kommissar unterwegs und „konfiszierte“ überall Zigaretten – bis er nach einem Monat geschnappt wurde. Schon war ein Nachfolger zur Stelle, der sich bei vermeintlichen Hausdurchsuchungen Stoff, Schokolade und Geld unter den Nagel riss. Einige weitere ungewohnte Vorkommnisse: In Engelsby schlachteten Unbekannte nachts im Stall eines Bauernhofes ein Schwein und ließen nur die Reste zurück. Aus den Sitzen eines Autobusses wurden Lederbezüge geschnitten und Rücklehnen entwendet. Oberstadtdirektor Fritz Drews wurde vor dem Deutschen Haus das Auto gestohlen.
Ein Stadtinspektor wurde entlassen, da er für die Kinder seiner Schwester vier Paar Schuhe besorgt, die Ausgabe aber nicht in der Personalkarte vermerkt hatte. Ein Angestellter des Kreisernährungsamtes Flensburg war in ein besonders delikates Ganovenstück involviert. Im Juli entwendete er zwei Blanko-Bezugscheine für Butter und verscherbelte sie für gutes Geld. Zwei Nutznießer deckten sich mit Butter ein und setzten die Ware auf dem Schwarzmarkt ab. Insgesamt 1040 Kilogramm, die Monatsration von 5250 Menschen. Anfang September 1946 stoppte die Polizei die „Butter-Bande“. Einen Monat später verhängte das Landgericht Flensburg insgesamt elf Haftstrafen von bis zu drei Jahren.
Kurt Richter – der erste Vorsitzende des Flensburger Arbeitsgerichtes
Die Justiz hatte jede Menge zu tun. Die Militärregierung hatte inzwischen auch die Konstituierung von Arbeitsgerichten angestoßen. Bei einer Feierstunde im Kollegiensaal des Rathauses betonte ein britischer Major die Bedeutung dieser Neuheit für den Aufbau eines demokratischen Staatswesens. Kurt Richter wurde am 11. September 1946 als Vorsitzender des Arbeitsgerichtes vereidigt. Die Landesverwaltung reagierte zunächst irritiert, als der Kandidat in seiner Bewerbung die Bezeichnung „staatenlos“ eingetragen hatte. Kurt Richter hatte der sozialistischen Bewegung angehört, emigrierte schließlich in die Tschechoslowakei und nach Dänemark, wo er 1940 festgenommen wurde. Da war ihm seine deutsche Staatsbürgerschaft bereits aberkannt worden.
Später war Kurt Richter im KZ Sachsenhausen inhaftiert und arbeitete in der Finanzbuchhaltung eines SS-Betriebes. Mit seiner Frau, einer gebürtigen Flensburgerin, zog der 47-Jährige nach dem Krieg in den hohen Norden. Die Stadt Flensburg beschäftigte ihn in den Abteilungen KZ-Betreuung und Ausländerlager. Verwaltung, Gewerkschaften und Arbeitgeber schlugen Kurt Richter als Vorsitzenden des Arbeitsgerichtes vor – wegen seiner überzeugenden Vita. Er war einst Prokurist in einer Schuhfabrik in Sachsen, studierte Jura und promovierte zu einem Thema aus dem Einzelhandel. Dem Arbeitsgericht stand er bis 1962 vor.
Entnazifizierung und „Herausnahmen“
Kurt Richter war das Ideal einer Neubesetzung in Zeiten der Entnazifizierung. Im Sommer 1946 lief dieses Überprüfungsverfahren auf Hochtouren. In Flensburg existierten rund 20 Fachausschüsse, die ehemalige NSDAP-Mitglieder oder anderwärtig politisch Belastete unter die Lupe nahmen. Die Fäden liefen bei der Entnazifizierungskammer zusammen. Ihr Vorsitzender Max Beyreis, ein Sozialdemokrat, teilte im September 1946 mit, dass bislang von 1100 Personen nur 93 negativ beurteilt worden seien. „Wir sind bisher großzügig und wollen der Jugend nicht die Zukunft verbauen“, sagte er. „Ein einfacher Parteigenosse soll nicht für ewig in die Verdammnis gestoßen werden.“ Unter anderem hatte man gerade 85 Lehrer „begnadigt“, die der NSDAP angehört hatten. Max Beyreis erklärte: „Uns sind die einheimischen Lehrer lieber als diejenigen, die aus fremden Gebieten zu uns gekommen sind und deren Fragebögen völlig weiß waren.“
Das war nur eine weitere Pfeilspitze gegen die Menschen, die seit Anfang 1945 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten oder der jetzigen sowjetischen Besatzungszone geflüchtet waren. Rund 40.000 von ihnen lebten im Sommer 1946 in Flensburg, über eine Million in Schleswig-Holstein. Der Landtag in Kiel forderte zur Sicherung der Ernährung eine „Einstellung weiterer Flüchtlingstransporte“ und eine „beschleunigte Rückführung der Zwangsverschleppten in ihre Heimat“. In Flensburg leitete die Militärregierung die „Herausnahme“ von 1000 Flüchtlingen aus dem Marienhölzungsweg und dem Hermann-Löns-Weg ein, da im Herbst britische Familien und weitere Zivilpersonen nachziehen sollten. Letztendlich reisten aber nur 298 der angesprochenen Personen in den Schleswiger und Rendsburger Raum ab, da andere „eine wichtige Arbeit“ nachweisen konnten. Die Briten forderten daher weitere Einquartierungen in Privatwohnungen.
Übler Geruch, kahles Stadtbild und unsichere Straßen
In Flensburg hatte es wohl gerade bei warmen Temperaturen übel gerochen. Als der Magistrat am 23. Juli 1946 die Kläranlage an der Ballastbrücke besichtigte, stellte er fest: „Schon vor dem Krieg war die Anlage unzulänglich, heute ist sie infolge der außerordentlichen Bevölkerungszunahme völlig überlastet.“ Das nötige Eisenchlorid war nicht zu bekommen, ebenso Schraubenschaufler. Eine Plage waren auch die vielen Ratten. Zu ihrer Bekämpfung wurde Gift ausgelegt. Die Maßnahme zeigte Wirkung, allerdings erkrankten und starben dadurch auch Hunde und Katzen.
Kahle Stellen prägten vielerorts das Flensburger Stadtbild. Dem Brennstoffmangel waren viele Bäume zum Opfer gefallen. Der Verschönerungsverein spendete Ende August 1946 rund 1000 Linden, Ulmen, Eichen und Birken für Standorte in der Schützenkuhle, im Marienhölzungsweg oder an der Batteriestraße. Viele Zeitgenossen waren allerdings skeptisch, ob die Gewächse eine lange Zukunft haben würden. Die Stadtwerke reagierten schon jetzt mit täglichen Abschaltungen auf einen Stromengpass und blickten mit Sorge auf den nächsten Winter. Die Straßenbahn fuhr, aber wesentlich lückenhafter als zu ihren Glanzzeiten. Der Fahrplan der Reichsbahn kannte für den Flensburger Bahnhof nur wenige tägliche Verbindungen. Reisende mussten Geduld mitbringen. Eine Fahrt nach Hamburg dauerte sechseinhalb, eine nach Kiel fast drei Stunden. Teilweise wurden Personenwagen mit Güterzügen gekoppelt, ehe die Reichsbahn-Generaldirektion im August 1946 verkündete: „Güterzüge dürfen grundsätzlich nicht mehr von Reisenden genutzt werden.“

Auf den Straßen ging es damals durchaus ruppig zu. Besonders berüchtigt waren Lastwagen, die zum Teil schwere Unfälle auslösten. Im Sommer 1946 wurden in der Duburger Straße und bei Kielseng spielende Kinder erfasst und getötet. Auch zwei Kollisionen mit der Straßenbahn sind dokumentiert. Der tragische Höhepunkt am 6. September 1946. Die Dunkelheit hatte Flensburg bereits umhüllt, als sich Besucher einer Veranstaltung im Deutschen Haus und des Jahrmarktes auf dem Heimweg befanden und über den Südermarkt schritten. Da kam aus dem Holm ein Laster mit britischem Kennzeichen – der Fahrer soll stark alkoholisiert gewesen sein – angeschossen, bretterte über den Bürgersteig und erfasste sechs Menschen. Drei kamen schwerverletzt ins Krankenhaus. Drei weitere waren sofort tot: eine Hausfrau, ein dänischer Soldat und der erst 19-jährige Fußballtorwart Oskar Traulsen. Seiner wurde am folgenden Wochenende auf allen Sportplätzen der Stadt gedacht.
Kultur im Stadttheater – Highlights für Boxer und Fußballer
Die Kultur Flensburgs erlebte ein Comeback. Das Stadttheater hatte sich für etwa 15 Monate komplett unter der Regie der Militärregierung befunden. „Tausenden, ja ohne Übertreibung Zehntausenden, wird das Theatergebäude vorenthalten, damit es der begrenzten Zahl von Angehörigen der Besatzungstruppen zur Verfügung stehen kann“, hatte sich ein Flensburger im Mai geäußert. Die städtischen Bühnen waren auf das Deutsche Haus und die „Neue Harmonie“ ausgewichen. Am 17. Oktober 1946 wurde das Stadttheater wieder für die Allgemeinheit geöffnet. Zum Auftakt hieß es: „Was ihr wollt“. Weitere Aufführungen gab es an zwei Abenden und fünf Nachmittagen in der Woche.
Die Resonanz war groß, andere Veranstaltungen lockten aber mehr Publikum an. Am 17. August 1946 musste die Polizei die Eingänge des Deutschen Hauses absperren, da es mit 1800 Zuschauer bereits voll besetzt war. Flensburger Boxer dominierten gegen die Gäste von der dänischen Insel Alsen. Am 8. September 1946 johlten gar 4000 Menschen auf dem Fußballplatz am Sender, da die Kicker von Flensburg 08 die vermeintlichen „Himmelsstürmer“ aus Erkenschwick mit 3:2 die Flügel stutzten.
Ein riesiger Zirkus und eine bevorstehende Kommunalwahl
Am meisten los war im September 1946 definitiv auf der Exe. Zunächst war Jahrmarkt, dann rollten zwei lange Güterzüge im Flensburger Bahnhof ein. Der Zirkus Belli gastierte für rund zehn Tage in Flensburg. 200 Personen zählte das Ensemble. Elefanten, Kamele, Zebras, Pferde und der drahtseillaufende Löwe Pascha begeisterten die Flensburger ebenso wie die Trapezkünstler, ein Ballett, die vielköpfige Musikkapelle oder einfach nur die schmucken Uniformen der Stalldiener. In das Acht-Masten-Zelt passten 4000 Zuschauer. Bei zwei Vorstellungen am Tag wurde eine hohe fünfstellige Gesamtzahl registriert. An die Stadt flossen 110.000 Reichsmark Vergnügungssteuer.
Am 30. September 1946 verabschiedete sich der Zirkus Belli aus Flensburg. Der Oktober versprach einige kleine Besserungen für den Alltag. Die Ausgangsbeschränkungen wurden in der britischen Zone weitgehend aufgehoben. Zum 14. Oktober 1946 wurde die tägliche Lebensmittelration zumindest auf 1550 Kalorien erhöht. Tags zuvor sollte in Flensburg erstmals in der Nachkriegszeit eine allgemeine Wahl stattfinden. Seit Monaten liefen die Vorbereitungen. Um die Listen der Wahlberechtigten zu erstellen, konnte nur bedingt auf alte Unterlagen zurückgegriffen werden. Deshalb schwirrten ehrenamtliche und amtliche Hilfskräfte aus, um in den Wohnungen jeden zu erfassen, der bislang noch durchgerutscht war. Eine erste Druckversion lag Mitte Juli aus. Es wurden etwa 2000 Einsprüche erhoben und 1500 Personen nachgetragen. Letztendlich waren 56.000 Wahlberechtigte zur Kommunalwahl aufgerufen. Es sollte ein denkwürdiges Ergebnis geben, das weltweit für Schlagzeilen sorgte…
Text: Jan Kirschner
Fotos: Stadtarchiv Flensburg















