In der Schleswiger Straße 76 steht eine rostfarbene Säule, in die drei große Buchstaben eingraviert sind: TBZ. Das ist die Abkürzung für das Technische Betriebszentrum in Flensburg. Wenige Meter weiter öffnet sich an einem Gewerbegebäude eine automatische Schiebetür. Nach der Begrüßung am Empfangstresen stellt sich eine Frage: Fahrstuhl oder Treppenhaus? Es geht in den zweiten Stock, zum Büro von Heiko Ewen. Er ist seit 2014 Geschäftsführer beim zentralen Dienstleister Flensburgs, der über 600 Mitarbeitende zählt. Zu den vielschichtigen Aufgaben gehören die Gebäudereinigung von Schulen und Verwaltungstrakten, die Straßensäuberung, der Winterdienst, die Grünflächenpflege, das Klärwerk und die Abfallwirtschaft.

Im Büro hängt ein querformatiges Foto mit der Silhouette der Flensburger Hafenspitze und eine großformatige Karte, die sofort Heimatgefühle wecken. Für Heiko Ewen ist die Stadt im hohen Norden Deutschlands „nur“ der Schwerpunkt seines beruflichen Alltags. Aufgewachsen ist der 55-Jährige in Rhauderfehn, einer 18.000-Einwohner-Gemeinde in Ostfriesland – zwischen Leer und Papenburg gelegen. Nach der mittleren Reife begann er eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner in Oldenburg. Eine Entscheidung, die familiär geprägt war. Denn seine Eltern besaßen ein 15-köpfiges Unternehmen im Garten- und Landschaftsbau. Ein zukünftiger Generationswechsel war angedacht.
Landschaftsarchitektur und privates Unternehmen
Heiko Ewen zog 1990 erst einmal nach Osnabrück, wo er die Fachhochschulreife erreichte. Zurück in Oldenburg folgte der 15 Monate dauernde Zivildienst, bei dem er mit dem Rettungswagen der Malteser unterwegs war. Dann war wieder Osnabrück an der Reihe: ein Studium der Landschaftsarchitektur. Die Schwerpunkte setzte er auf Landschaftsbau und Betriebswirtschaft, was genau zur familiären Unternehmensnachfolge passte. Als der junge Mann sein Diplom in der Tasche hatte, erfüllte er sich einen kleinen Traum und ging für vier Monate mit dem Traditionssegler „Thor Heyerdahl“ auf Reisen. Er war ein Mitglied der Mannschaft, während unter Deck Lehrer in einem provisorischen Klassenzimmer unterrichteten. „Von klein auf war ich immer auf dem Wasser“, verrät Heiko Ewen. „Meine Eltern hatten ein Motorboot, und unterstützten beim Erlernen des Segel-Einmaleins.“ Ems und Leda bildeten das Revier. Später reizte das Windsurfen auf der frischen Nordsee.

Im Anschluss stieg er in das elterliche Geschäft ein – als Betriebsleiter. Allzu lange währte diese Phase aber nicht: Zweifel packten den Diplom-Landschaftsarchitekten. „Ich wollte etwas anderes machen“, erzählt er kurz und knapp. „Da ich den Betrieb nicht übernehmen wollte, wurde er schließlich verkauft.“ Statt in Ostfriesland lebte Heiko Ewen zur Jahrtausendwende in Hamburg, um ein zweites Diplom anzugreifen: das als Wirtschaftsingenieur. Den persönlichen Rahmen in der maritimen Millionenstadt bildeten die Wohngemeinschaft in Eppendorf und die Nordsee, wo er ab und an auf einem Traditionssegler unterwegs war. Zur Crew gehörte auch Angelika, eine gebürtige Münchnerin, die es wegen ihrer Segel-Leidenschaft nach Kiel verschlagen hatte. Die beiden lernten sich kennen und lieben, gründeten recht schnell eine Familie: 2002, 2005 und 2008 kam jeweils ein Kind zur Welt. „Als ich das Diplom hatte, war klar, dass ich mich nach Schleswig-Holstein orientieren würde“, erklärt Heiko Ewen. Das junge Paar bezog eine Wohnung in der Kieler Innenstadt.
Auf Plön folgte Kiel
Für seine erste Stelle pendelte er täglich 30 Kilometer – hin und zurück. Er war nun Werkleiter des Baubetriebshofs von Plön. Der Eigenbetrieb des 9000-Einwohner-Städtchen hatte mit der Grünflächenpflege, der Straßenreinigung und dem Klärwerk sehr vielfältige Aufgaben. Nach fünf Jahren in der Holsteinischen Schweiz ergab sich die Chance, zum Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel zu wechseln – als stellvertretender Werkleiter und kaufmännische Führungskraft. In der Landeshauptstadt begegneten Heiko Ewen ganz andere Dimensionen. Statt bislang 40 standen nun 400 Menschen auf der Gehaltsliste. Als besondere Herausforderung erwies sich der Winter 2010, als die Straßen fast drei Monate lang glatt und vereist waren und das Streusalz zu Neige ging. In der Abfallwirtschaft griff er kommunalpolitische Themen auf und setzte neue Recyclinghöfe um.

Eine Bewerbung und ihre Folgen
Als sich das Jahr 2013 seinem Ende näherte, entdeckte Heiko Ewen bei der Samstagslektüre der Zeitung eine Stellenanzeige: Flensburg suchte einen Geschäftsführer für sein TBZ. „Ich war nicht aktiv auf der Suche, aber diese Stelle klang wegen der Leitungsfunktion sehr interessant“, erinnert er sich. „Mich sprach außerdem an, dass im Gegensatz zu Kiel auch das Klärwerk und die Landschaftspflege zu den Aufgaben zählten, ebenso die Organisationsform als Anstalt öffentlichen Rechts.“ Sehr bald kam eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch mit TBZ-Interimsgeschäftsführer Maik Render und mit Arne Rüstemeier vom TBZ-Verwaltungsrat. Die Referenzen überzeugten offenbar. Heiko Ewen hatte technischen Hintergrund, hatte ein privates Unternehmen geleitet und besaß zwei passende Diplome. Da war es auch kein Problem, dass er beschloss in Kiel wohnen zu bleiben, wo die Familie Wurzeln geschlagen hatte. Seine Frau hatte einen Job, die Kinder gingen zur Schule und zusammen hatten sie ein schönes Haus in der Innenstadt erworben, das von 1874 stammt – eher ungewöhnlich für die Landeshauptstadt.

Manchmal hat Heiko Ewen auch in Kiel zu tun und fährt dann zum Ministerium auch mal mit dem Fahrrad. Im Normalfall pendelt er vier Tage die Woche nach Flensburg. „Ich brauche unter einer Stunde – etwa 50 Minuten, mit Baustelle 55 Minuten“, berichtet er. „Ich habe den Vorteil antizyklisch fahren zu können, also aus Kiel heraus, wenn alle hineinfahren – und umgekehrt. Und in Flensburg liegt das TBZ fast am Stadtrand, man ist schnell auf der Autobahn.“ Einige Jahre hatte er die Bahn gewählt und unterwegs gearbeitet. „Vom Betriebssitz sind es nur acht Minuten zum Bahnhof und in Kiel benötige ich zehn Minuten mit dem Fahrrad“, weiß der 55-Jährige. Er verspricht: „Wenn die Brücke in Lindaunis im nächsten Jahr saniert ist, fahre ich wieder mehr mit dem Zug.“

Arbeitsbeginn und erste Aufgaben als TBZ-Geschäftsführer
Der 1. Juli 2014 war der erste Tag in Flensburg. Eine „städtische Schwester“ sorgte für die erste große Aufgabe am neuen Arbeitsplatz. Die Stadtwerke pochten damals auf ein „Netz aus einer Hand“ und schlugen vor, sich neben der Trinkwasserversorgung auch um das Abwasser samt Klärwerk zu kümmern. Heiko Ewen argumentierte erfolgreich, warum diese Infrastruktur besser beim TBZ angesiedelt wäre. In seinen ersten Monaten wurde viel an inneren Abläufen gefeilt, das Berichtswesen weiterentwickelt und Organigramme erarbeitet. Das TBZ hatte eine Phase häufiger personeller Wechsel hinter sich, womit auch der neue Geschäftsführer bisweilen konfrontiert wurde. „Da kommt bestimmt bald wieder jemand anders“, hieß es nicht nur einmal. Heiko Ewen fehlte 2016 mehrere Monate aus gesundheitlichen Gründen, ist inzwischen aber bereits seit zwölf Jahren dabei.

In jener Zeit wurde das Image des TBZ geschärft. An vielen Stellen im Verwaltungsgebäude hängen Schwarz-Weiß-Fotos mit Flensburger Ansichten, auf denen ein leuchtendes Orange, das Branding der Fahrzeuge, ins Auge fällt. Alle zwei Jahre stellt sich der zentrale Flensburger Dienstleister einem überregionalen Vergleich mit gleichartigen Betrieben, um die eigene Qualität stets zu überprüfen. Kundenbefragungen gehören zum guten Ton. „90 Prozent wählen bei der generellen Frage die Antworten von sehr bis eher zufrieden“, erzählt Heiko Ewen. Immer wiederkehrende Klagen beziehen sich auf Hundekot oder wilde Müllablagerungen. Seit einigen Monaten sind „Waste-Watcher“ in den Flensburger Straßen und Parks unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen und zu prüfen, ob die Mülltonnen richtig befüllt werden.
Umweltbildung und Baustellen-Management
Besonders stolz ist Heiko Ewen darauf, dass in den letzten Jahren der Bereich der Umweltbildung ausgebaut wurde. Kinder gehen auf eine Abfall-Rallye und erfahren, wie getrennt wird, was wohin gehört oder wie man Müll am besten vermeidet. Für fortgeschrittene Teenager werden eher nüchterne Infos über Elektroschrott als unterhaltsame Rätselstunde organisiert. Dabei verwandelt sich das Klassenzimmer in einen „Escape-Room“. Und Klärwerk-Führungen stehen allen offen – oft in Kooperation mit der Volkshochschule.

Eine sehr öffentlichkeitswirksame Aufgabe ist das Baustellen-Management. Da die Flensburger Verkehrsbehörde an das TBZ angedockt ist, kann jeden Freitag ein Baustellen-Ticker an alle Interessierten verschickt werden. „Wir sind längst nicht für alle Baustellen verantwortlich, aber achten darauf, dass der Verkehr trotz aller Hindernisse noch fließt“, erklärt Heiko Ewen. Gerade erst wurde wegen einer neuen Stromleitung die Harrisleer Straße aufgerissen, dafür aber eine Baustelle am nahen Katharinenhof unterbrochen. Und eine Maßnahme in der Bahnhofsstraße wurde verschoben, da es im Munketoft bei der Flensburger Brauerei etwas länger dauert als gedacht.

Die Kaikante: Ein dickes Brett
Das dickste Brett, das zu bohren gilt, ist sicherlich die beschädigte Kaikante im Flensburger Hafen. Für die Gestaltung werden von der Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik weitere Vorgaben kommen, als Bauherr des Sanierungsvorhabens wird aber das TBZ auftreten. „Dort gibt es schwierige Bodenverhältnisse und ein drückendes Grundwasser, das sofort heraussprudelt, wenn man die falsche Stelle erwischt“, weiß Heiko Ewen. Seit Ende 2023 beschäftigt man sich mit diesem Projekt. Nach der Schadensanalyse mit umfangreichen Untersuchungen wird derzeit die neue Kaikante geplant. Mit Kosten von über 20 Millionen Euro muss man rechnen. Es ist das mit Abstand größte Einzelvorhaben des TBZ. Zehn-Jahres-Verträge für die Entsorgung von Abfall oder Klärschlamm dringen allerdings in noch größere Finanzvolumen vor.

Hockey, Segeln und Nordseeinseln
Beruflich ist Heiko Ewen voll auf Flensburg fokussiert, der private Lebensmittelpunkt befindet sich in Kiel, wo er mit seiner Frau und der jüngeren Tochter wohnt. Die beiden anderen Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Der Sohn hat den Vater sportlich beeinflusst. „Als er Hockey im Kieler HTC spielte, bin ich der Elternmannschaft beigetreten – und ich fing mit 37 Jahren mit diesem Sport an“, schmunzelt Heiko Ewen. Ab und an wird mal ein Freundschaftsspiel in Flensburg oder Hamburg ausgetragen. Sonst dominiert der Trainingsspaß.

Das größte Familienereignis ist der dreiwöchige Segeltörn im Sommer. Oft geht es in die dänische Südsee oder auf einen Trip in die Nordsee – über Nord-Ostsee-Kanal und Eider. Auch an einem normalen Wochenende befindet sich Heiko Ewen gerne auf dem Wasser. Eine Segel-Saison dauert von April bis Oktober. Dann kommt das Boot aufs Land. „Man entdeckt eigentlich immer etwas, woran man basteln kann“, schmunzelt der „Kapitän“.

Mindestens eine Woche im Jahr liegt das Segelschiff an der Flensburger Hafenspitze. Dann wird nicht gependelt, sondern an Bord genächtigt. „Die Flensburger Förde ist ein wunderschönes Revier mit den beiden Ochseninseln und der sehr bewaldeten Küste“, erzählt Heiko Ewen. „Auf der Kieler Förde muss man wesentlich aufmerksamer sein, da dort auch größere Fähren und Kreuzfahrtschiffe unterwegs sind.“ Ohne schwimmenden Untersatz hat er zwei nordfriesische Inseln für Tagesausflüge entdeckt. „Langeness ist einfach perfekt zum Entschleunigen – so ruhig und ein herrlicher Blick auf das Wattenmeer“, sagt er. „Und Föhr hat eine schöne Mischung aus etwas Stadt, Landschaft und Museum, in der man sehr gut Radfahren und Wandern kann.“ Reiseziele, die für eine Bodenständigkeit sprechen. Beim TBZ möchte Heiko Ewen langfristig bleiben. „Mit 55 Jahren ist man ruhiger, und mir gefällt es hier sehr gut.“
Text und Fotos: Jan Kirschner















