Es werden wohl auch schon vor dem Jahr 1000 n. Chr. einige wenige Menschen hier gelebt haben: An der weit ins Land reichenden Flensburger Förde wird es bereits vor der ersten dokumentierten Erwähnung dieses Fleckens Erde Handel und landwirtschaftliches Leben in Kleinstformat gegeben haben. Das „Ur-Flensburg“ bildete sich aus vier sehr kleinen Siedlungen, die rund um die Flensburger Förde im Bereich der heutigen Altstadt lagen.

Erste Siedlungen entstehen
Diese Ansiedlungen lagen vermutlich in Ramsharde, um den Nordermarkt und den Südermarkt herum sowie im Gebiet St. Johannis – mit jeweils nur wenigen Bewohnern. Vom 10. bis ins 12. Jahrhundert endete die Förde noch etwa 500 Meter weiter südlich, hatte seinerzeit ein gänzlich anderes Erscheinungsbild. Hier entstand vor 1100 eine kleine Fischer- und Handwerkersiedlung. Um das Jahr 1200 herum wurde die St.-Johannis-Kirche aus Feldsteinen errichtet. Fast zeitgleich wurde unterhalb des Marienberges an der westlichen Seite der Förde eine weitere kleine Siedlung gegründet, die St. Gertrud oder Ramsharde hieß – jedoch nicht mit dem heutigen Stadtteil von Flensburg zu verwechseln!
Da der südliche Teil der Förde sehr flach und von einem dichten Schilfgürtel umgeben war, konnten Schiffe dort nur sehr schlecht oder gar nicht anlegen. An der westlichen Förde war das Ufer dagegen steiler, sodass um das Jahr 1170 rund um den heutigen Nordermarkt ein kleiner Hafen samt Handelssiedlung entstand.

Mit der Gründung des Kirchspiels St. Marien nahe der Förde, vermutlich auch ungefähr im Jahr 1170, entstand bald darauf der wohl älteste Marktplatz der Stadt, der zwar hauptsächlich als Marktplatz diente, auf dem aber auch zahlreiche Urteile vollstreckt wurden, einschließlich Hinrichtungen aller Art: der Nordermarkt (dänisch Nørretorv).
Der Nordermarkt – ein Marktflecken in günstiger Lage
Ein wichtiger Grund für die Anlegung des Nordermarktes an eben jener Stelle war die günstige Lage: Die Frachtsegler konnten ja wegen ihres Tiefgangs seinerzeit nicht weiter in den sehr flachen Hafen bis zur damaligen Hafenspitze einlaufen. Dank seiner günstigen Lage entwickelte sich das noch junge Flensburg jedoch bald zu einem wichtigen Handels- und Marktflecken in der Ostsee, zahlreiche Kaufleute ließen sich nach und nach hier nieder.
Wenig später (um 1200) entwickelte sich im Bereich des heutigen Südermarktes eine weitere Handelssiedlung, bald wurde auch hier eine erste Kirche errichtet.

Gut 150 Jahre später, etwa um das Jahr 1345 herum, wurde eine Stadtmauer um die Stadt herum als Absicherung hochgezogen, als Hauptzugänge galten damals das ältere Nordertor, das Friesische Tor, und das Johannis-Tor an den Zufahrten der alten Hauptstraßenzüge zu den Handelsstraßen hin.
Flensburg gewinnt an Bedeutung
Flensburg entwickelte sich in den Folgejahrzehnten zur bedeutendsten Stadt im Herzogtum Schleswig, seine Kaufleute betrieben einen schwunghaften Handel, unter anderem mit gesalzenem Hering. Anfang des 15. Jahrhunderts entbrannte ein Konflikt um die Vorherrschaft im Herzogtum zwischen Dänemark auf der einen und den Grafen von Holstein sowie den Hansestädten auf der anderen Seite. Diese Auseinandersetzung gipfelte in einen Krieg, in dem Teile der Stadt zerstört wurden und an dessen Ende das Herzogtum Schleswig dem Herzog von Holstein zugesprochen wurde. 1460 wählten die Räte von Schleswig und Holstein den dänischen König Christian I. zum Herzog von Schleswig und Grafen von Holstein. So wurde Flensburg wieder dänisch, blieb es auch für die folgenden Jahrhunderte.

Der Schrangen
Im Jahre 1595 wurde der „Schrangen“ errichtet, an dessen Südseite eine Kette angebracht war, die als Pranger diente. „Schrangen“ ist ein niederdeutscher Begriff aus dem Mittelalter: Er bezeichnet ursprünglich Verkaufsbuden, in Verbindung mit Marktplätzen.
Durch den Schrangen, mit seinen Arkaden, gelangte man jetzt direkt zur nahen Marienkirche, die mit ihrem Kirchturm den Nordermarkt überragte. Doch auch von der angrenzenden Großen Straße fand man schon im Mittelalter den Weg zur Kirche, oder in die andere Richtung zum Thingplatz und von dort weiter über den Holm bis hin zum Südermarkt, dem anderen Marktplatz der Stadt. Unterhalb des Nordermarktes lag auch schon damals der Schiffbrückplatz (erhielt im Jahr 1997 den heutigen offiziellen Namen Willy-Brandt-Platz), der direkt am Hafen lag.

Unmittelbar vor dem Schrangen befand sich der Neptunbrunnen, ein ebenso historisches Gemäuer. Direkt dahinter ragte die mächtige St. Marienkirche empor. Hier, im und um den Schrangen herum, florierte im Mittelalter stets ein reger Handel.
Zentraler Handelsplatz
Der Flensburger Schrangen entwickelte sich zusammen mit dem Nordermarkt immer mehr zu einem bedeutenden Handelsplatz. Als „Schrangen“ wurde damals ein Tisch oder eine Bank bezeichnet, auf der Fleisch oder Brot zum Verkauf angeboten wurden. Zahlreiche Kaufleute siedelten sich hier im Mittelalter an, und es herrschte ein reges wirtschaftliches Treiben. Der Nordermarkt und der nahe gelegene Flensburger Hafen spielten eine wichtige Rolle im Handelsgeschehen. Der Schrangen war somit ein zentraler Ort für den Austausch von Waren. Die Menschen im Mittelalter gingen zum Einkaufen auf den Markt. Dort konnten sie Nahrung und Güter des täglichen Gebrauchs erwerben oder tauschen. Was es dort nicht gab, wurde aus der Werkstatt direkt beim Hersteller, also den Handwerkern, bestellt. Läden – wie wir sie heute kennen, kamen erst sehr viel später, im 19. Jahrhundert, auf. Einzige Ausnahme nicht nur in Flensburg: die Schrangen. Anders als später im Kaufhaus war das Angebot der Schrangen jedoch begrenzt und streng reguliert. Sie dienten dazu, Brot und Fleisch zentral anzubieten – und zwar nur dort.
Gehandelt wurde nur im Freien unter der Arkade. Fleisch und Brot lagen auf hohen Bänken – den sogenannten Schrangen, die dem Gebäude seinen Namen gaben. Erst mussten die „Knochenhauer“ genannten Schlachter und die Bäcker dort ihre Ware anbieten. Die Preise waren strikt reguliert. Hohe Rippchen kosteten bei jedem Knochenhauer dasselbe. Das galt auch für die Brotlaibe der Bäcker.

Doch schon kurz nachdem der Schrangen in Betrieb war, begann in Flensburg der Wandel. Nur zehn Jahre später waren die Bäcker „schrangenpflichtig“. Schon von 1605 an verkauften sie direkt aus ihren Backstuben oder auf dem Markt. Die Fleischer blieben noch bis Ende des 18. Jahrhunderts an den Schrangen gebunden. Die hohen und strikten Auflagen und Vorschriften lockerten sich jedoch zusehends.
Die düstere Seite der Schrangen
Der Schrangen bot jedoch auch einen düsteren Aspekt: Er war der Pranger des Kirchspiels. (Ein „Pranger“ – auch Schandpfahl genannt – war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ein hölzerner oder steinerner Pfahl auf öffentlichen Plätzen. Verurteilte wurden dort zur Schau gestellt, um sie öffentlich zu demütigen und bloßzustellen.)
Spuren davon sind bis heute sichtbar. Im Mauerwerk des südwestlichen Gebäudepfeilers findet sich eine verankerte Metallöse, unscheinbar und vom Rost überzogen. Diese Öse hatte einen finsteren Zweck: Hier wurde das Halseisen befestigt. Der Pranger war eine öffentliche Einrichtung zur Folter und Bestrafung, die in vielen deutschen Städten und Gemeinden verwendet wurde. Er bestand aus einem hölzernen Gestell, in dem der Verurteilte festgeschnallt wurde und dann vor dem Rathaus oder auf dem Marktplatz zur Schau gestellt wurde. Die Strafe konnte aus Schlägen, Peitschenhieben oder anderen Formen körperlicher Misshandlung bestehen.

Der Pranger war ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte, welches an eine Zeit erinnert, in der Menschen öffentlich für ihre Verbrechen zur Schau gestellt und bestraft wurden. Heute steht er als Mahnmal gegen die Willkür der Obrigkeit und für die Rechte des Einzelnen. Trotz der modernen Ächtung des Prangers existieren ähnliche Formen der öffentlichen Vorführung in abgewandelter Form leider auch heute noch: In den sozialen Medien werden tatsächliche oder vermeintliche Straftäter oft genug zur Schau gestellt. Dieser „Medien-Pranger“ ist eine der vielen Schattenseiten der modernen Internet-Welt.
Der Schrangen in der Neuzeit
Heute entfaltet das Gebäude in der Innenstadt immer noch seine Pracht, aber es ist rot-gelb gemauert – war zuvor weißlich gekalkt. Es gehört jetzt der evangelischen Kirche, die darin unter anderem einen Veranstaltungssaal hat.
Im 19. Jahrhundert befand sich direkt am Nordermarkt das „Hotel Rasch“ (Große Straße 56), in welchem seinerzeit bekannte Persönlichkeiten wie beispielsweise H. C. Andersen und Theodor Fontane abstiegen. In der Gründerzeit entstanden im Osten und Westen des Nordermarktes neue Bauten. Das backsteinerne Kaufmannshaus Hansen am Rande des Nordermarktes, das den Trend zu Backsteinfassaden verdeutlichte, entstand in den Jahren 1868/69.

Zum Ende des 2. Weltkriegs wurde Flensburg von britischen Einheiten besetzt. Seit dem 13. Mai 1945 wurden die von der englischen und amerikanischen Militärbehörde erlassenen Verordnungen und Gesetze am Nordermarkt sowie am Südermarkt auf großen Tafeln veröffentlicht.
Der Nordermarkt heute
Heute im Jahre 2026 befinden sich in den geschmackvollen Altbauten diverse Fachgeschäfte, sowie zahlreiche Cafés und auch urige Kneipen. In dieser gemütlichen und teilweise mediterranen Atmosphäre hat man heutzutage unter anderem die Möglichkeit, bei einer guten Tasse Kaffee eine Auszeit vom hektischen Treiben des Alltags zu nehmen. Erwähnenswert ist natürlich die Nähe und der teilweise Blick auf den Flensburger Hafen. Vor allem an lauen Sommerabenden herrscht auf dem Nordermarkt bis spät in die Nacht reges Treiben.

Text: Peter Feuerschütz Fotos: Bodo Nitsch, Stadtarchiv














