Die Wege sind bilderbuchhaft. Wenn Kianusch Stender von seiner Innenstadt-Wohnung zum SPD-Büro am Hafermarkt soll, ist er zu Fuß an der Hafenspitze unterwegs. Zu anderen Terminen benutzt er bevorzugt das Fahrrad und tritt in die Pedalen, um die Fördehänge zu bewältigen. Schnell ist der 32-Jährige auch am Wochenmarkt und beim Bäcker. Dort kommt er oft mit Leuten ins Gespräch. „Da kann ich meine Arbeit gut reflektieren“, sagt er. Er spricht als Landtagsabgeordneter, der sich für die Plenarsitzungen ein Hotel in Kiel nimmt, sonst aber das Flair seines Wahlkreises in vollen Zügen fühlt und genießt. Mittendrin in Flensburg.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg

Dithmarschen und ein Freiwilliges Soziales Jahr in Flensburg

Angesichts von so viel Lokalkolorit könnte man meinen, dass Kianusch Stender schon immer in der Fördestadt lebte. Dem ist nicht so. Geboren wurde er in Husum. In der kleinen Gemeinde Tensbüttel-Röst wuchs er auf. „Da gab es mehr Kühe als Einwohner und direkt gegenüber von meinem Zuhause einen Fußballplatz – das war eine schöne Kindheit“, erzählt der heutige Berufspolitiker. Neben der Mutter, den beiden Geschwistern und der Schule – zunächst die Grundschule in Albersdorf, dann das Gymnasium in Heide – bildete der örtliche Sportverein den Orbit des Jungen. Der SV Tensbüttel-Röst hatte eine komplette Fußballabteilung – von den Kleinsten bis zu den Männern. „Und als einmal die A-Jugend um den Aufstieg spielte, kam das gesamte Dorf zur Unterstützung“, berichtet Kianusch Stender von einer besonderen Dorfgemeinschaft.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
Kindheitsbilder aus dem Jahr 2000 und …

Der Trainer-Schein und die Sportbegeisterung waren die Schlüsselfaktoren für den Umzug nach Flensburg. Der junge Mann hatte sich entschieden, nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr einzulegen. Der TSB Flensburg bot eine Stelle. Dort betreute er zwei Mädchen-Teams, eine Jungen-Mannschaft und eine Kindergruppe. Am Vormittag drehte sich in der Offenen Ganztagsschule der Comenius-Schule viel um Ballsport. Beim TSB kickte Kianusch Stender in der zweiten Mannschaft, später in der „Dritten“ – bis diese Mannschaft aufgelöst wurde. „Es fehlt mir der Teamsport“, sagt er und verrät, dass er zuletzt bei zwei Vereinen ein Training bestritten hat. Nach der Sommerpause möchte er wieder aktiv sein. Nicht nur beim FC Landtag, der eher sporadisch zu Benefiz-Veranstaltungen antritt. Demnächst soll eine Partie gegen die „All Stars“ von Holstein Kiel angepfiffen werden.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
…2004

Vom Studenten zum Pressesprecher

Kianusch Stender freundete sich schnell mit Flensburg an – auch wenn er sich an andere Tagesabläufe gewöhnen musste. „Ich komme ja von einem ganz kleinen Dorf“, verrät er. „Da musste man eine Stunde im Auto sitzen, nur um eine Hose zu kaufen. Jetzt musste ich nur noch in die Fußgängerzone gehen.“ Dieses echte Stadtleben paarte sich mit schnellen Abstechern ins nahe Dänemark und einem direkten Zugang zum Meer. 2015 begann der Neubürger einen Doppel-Studiengang: An der Universität Flensburg studierte er „International Management“, in Sonderburg „Business, Language and Culture“. Zwei Tage die Woche pendelte Kianusch Stender zum Campus Alsion, und er lernte Dänisch. 2020 steckte der Master-Abschluss in der Tasche – inmitten der Corona-Pandemie. Die geplante Feier musste abgesagt werden.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
Foto: Jasper Grätsch

Nahtlos klappte der Übergang ins Berufsleben. Kianusch Stender fing bei einem Klebematerial-Hersteller in Norderstedt an, sattelte dann schnell auf ein Trainee-Programm der Landeshauptstadt Kiel um. Bei über 500 Bewerbern zu den 25 Auserwählten zu gehören – das machte ihn durchaus stolz. Praktisch war es, dass viel Home-Office möglich war. So konnte der junge Mann in Flensburg wohnen bleiben. Nach zwölf Monaten wechselte er in Kiel ins Wirtschaftsreferat und wurde dann stellvertretender Leiter für Strategie und Kommunikation. Schließlich bot sich im März 2023 die Chance, bei der SPD-Landtagsfraktion als stellvertretender Pressesprecher anzuheuern.

Politik zunächst als Ehrenamt

Die Politik war nun Beruf und nicht mehr ein Ehrenamt. 2014 war Kianusch Stender in die SPD eingetreten. Damals hatte er bei der Benefiz-Aktion „Mädchen kicken cooler“ ein Team betreut. Auch der Landtag stellte zusammen mit der Flensburger Ratsversammlung eine Mannschaft. Simone Lange, damals die Flensburger SPD-Landtagsabgeordnete, war dabei. Sie kam mit dem jungen Mann ins Gespräch und warb ihn an. „Ich war da schon politisiert“, erklärt Kianusch Stender. „Mit den Werten der SPD konnte ich mich am besten identifizieren.“

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
Bei der FSG, 2026; Foto: Jasper Grätsch

Zwei Entwicklungen vergrößerten sein Engagement. Zur Landtagswahl 2017 trat Heiner Dunckel als SPD-Kandidat an. „Er war ja einer unserer Universitätsprofessoren“, erzählt Kianusch Stender. „Da bin ich nach der Vorlesung hin und unterstützte ihn dann im Wahlkampf.“ Auch im Kreisverband und bei den „Jusos“ tauchte er auf. Anfang 2020 regte ihn sehr auf, dass sich in Thüringen ein FDP-Politiker mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Das wollte Kianusch Stender nicht nur verbal ablehnen. 2021 wurde er für zwei Jahre zum Vorsitzenden der „Jusos“ auf Landesebene gewählt. In dieser Funktion arbeitete der Flensburger am Wahlprogramm für die Landtagswahl 2022 mit und landete auf Listenplatz 13. Im Anschluss übernahm Kianusch Stender neue Ämter: Beisitzer im Landesvorstand der Mutterpartei und SPD-Kreisvorsitzender von Flensburg.

Der Weg in den Landtag

Bei der Landtagswahl 2022 hatte er es mit einer Direkt-Kandidatur versucht, konnte dem ungünstigen Landestrend allerdings nicht trotzen. Die SPD erhielt nur zwölf Mandate. Kianusch Stender hatte sich zunächst mit einer Beobachterrolle anzufreunden. Anfang April 2024 war Listenplatz 13 doch noch Gold wert. Der einstige SPD-Spitzenkandidat Thomas Losse-Müller schied aus, der Flensburger Genosse rückte nach. Einen großen Umzug musste Kianusch Stender nicht managen. Als stellvertretender Pressesprecher der Fraktion hatte er schon ein Büro im dritten Stock des Landtags, das neue lag nur vier Meter entfernt – mit dem Zusatz „MdL“ auf dem Schild.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
Foto: Sönke Ehlers

Jeden Dienstagnachmittag trifft sich die zwölfköpfige SPD-Fraktion zu einer internen Sitzung. Sie dient der Vorbereitung der Woche. Es werden Anträge vorbereitet, Verantwortlichkeiten verteilt, Reden vergeben und Presseberichte besprochen. Kianusch Stender ist Sprecher der SPD-Fraktion für Wirtschaft, Digitales und Sport. Außerdem sitzt er im Wirtschaftsausschuss, der alle zwei Wochen zusammentritt. In der Regel geht es mit dem Auto nach Kiel – aus ganz praktischen Erwägungen. Die Fahrt dauert gut eine Stunde, mit der Bahn wären es derzeit wegen der Unterbrechung in Lindaunis rund drei Stunden. Für Termine, die zu seinen Themenschwerpunkten passen, ist der SPD-Abgeordnete in ganz Schleswig-Holstein unterwegs. Er fährt selbst. „Inzwischen habe ich es so geregelt, dass ich die Zeit dank einer Freisprechanlage gut für Telefonate nutzen kann“, verrät er.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
In der Flensburger Malteser-Kita, 2026; Foto: Jasper Grätsch

Sitzungswoche in Kiel

Etwa einmal im Monat hat der Landtag seine Sitzungswoche. Mittwochs und donnerstags wird von 10 bis 18 Uhr getagt – mit Mittagspause. Der Freitag fällt etwas kürzer aus. Die Präsenz wird großgeschrieben. Die Abgeordneten sitzen meist nur dann nicht auf ihrem Platz, wenn sie mal Gäste im Publikum aufsuchen oder sich für einen kurzen Austausch außerhalb des Plenarsaals treffen. Kianusch Stender hält im Schnitt eine Rede pro Tag für die SPD, für die zahlenmäßig stärkste Oppositionspartei. Das Nordlicht thematisierte zuletzt die trotz etlicher Subventionsmillionen ausgebliebene Northvolt-Ansiedlung bei Heide („Ein Desaster der Regierung“), den Bürokratie-Abbau und die Schwimmstätten-Förderung. Der SPD-Abgeordnete schreibt seine Beiträge selbst, wie er betont: „Man ist so besser in die Materie eingearbeitet. Eine KI verwende ich nur gelegentlich zur Unterstützung, zum Beispiel um einen Einstieg zu optimieren.“

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
Im Interview mit RTL, 2025; Foto: Maximilian Reimers

An den Abenden folgen weitere Termine in Kiel. Häufig werden sogenannte parlamentarische Abende veranstaltet – meist zusammen mit Verbänden. Neulich etwa war die DLRG ins Landeshaus eingeladen, um über die Wasserkompetenz der jungen Generation und nötige Investitionen in die Schwimmstätten-Infrastruktur zu sprechen. Kianusch Stender ist stolz, dass es gelungen ist, viereinhalb Millionen Euro für das Flensburger Campusbad aus dem Sondervermögen des Bundes über das Land zu bekommen. Andere Male wird sich mit der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer oder dem Landessportverband ausgetauscht. Und einmalig fand im Kieler Schloss ein Festakt „80 Jahre Schleswig-Holstein“ statt.

Am Puls der Bevölkerung

Wenn er mehrere Tage am Stück in der Landeshauptstadt zu verweilen hat, nimmt sich Kianusch Stender ein Hotel. Sonst möchte er sich aber möglichst viel im vertrauten Flensburg aufhalten und den Puls der Bevölkerung fühlen. Deshalb hat er es sich zur Angewohnheit gemacht, ein bis zwei Mal im Monat eine Straße auszusuchen und einen Nachmittag lang Haustür-Gespräche durchzuführen. Manch einer soll verwundert sein, wenn plötzlich ein Landtagsabgeordneter vor dem privaten Eingang steht: „Ist etwa schon wieder Wahl?“ Kianusch Stender möchte auch abseits des Wahlkampfs die Themen abgreifen, die die Menschen bewegen.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
Demo gegen die AfD, 2024 in Flensburg

In eine ähnliche Richtung gehen einige Betriebspraktika. Der junge Politiker war schon einen Tag im Kindergarten und ein paar Stunden „auf Streife“ mit der Polizei. Als nächstes sind ein Sportevent-Veranstalter und die Handwerkskammer an der Reihe. Als ein weiterer Anker für die gewisse Bodenhaftung kann auch sein Ehrenamt angesehen werden: Kianusch Stender ist weiterhin der Vorsitzende des Flensburger SPD-Kreisverbandes mit seinen 300 Mitgliedern. Ein kurzer Draht zur Kommunalpolitik in Flensburg ist so garantiert. Gekoppelt mit seinem Job als Landtagsabgeordneter ergeben sich sogenannte Synergieeffekte, die über die gemeinsame Nutzung des Büros am Hafermarkt hinausgehen. Er selbst beschäftigt über eine Landespauschale eine 20-Stunden-Kraft und erhält Support bei Plakat-Aktionen, Social Media und der Pressearbeit.

Musik, Sport und die nächsten Themen

In seiner Freizeit geht es Kianusch Stender gerne sportlich an. Er läuft um die Hafenspitze bis Sonwik, dann zurück und bis zum Ostseebad, ehe er nach Hause rennt. Er hat sich an einer Fischbrötchenbude auch schon einem Lauftreff angeschlossen, um in geselliger Runde die Kilometer in Angriff zu nehmen. Mit dem Fahrrad ist er häufiger mit Freunden unterwegs, durchquert dänische Dörfer und den Kollunder Wald, ehe er die Tour mit einem Hot Dog in Sonderhavn krönt. Eine andere Leidenschaft ist die Musik: Schon mit elf Jahren spielte Kianusch Stender auf der Trompete. Jetzt zupft er zu Hause gerne die Akustik-Gitarre und singt dazu. Er liebt Konzerte und war zuletzt dabei, als die Indie-Rock-Band „Madsen“ auf der Sylt-Fähre auftrumpfte. Häufiger sieht man ihn bei der „Friday Night“ im Volksbad.

Kianusch Stender –Mittendrin in Flensburg
Foto: Mattias Jonsson

Dort trifft man viele Leute. Und manchmal drehen sich die Gespräche auch um die Themen, die nach der Sommerpause wieder auf der politischen Tagesordnung stehen werden. Zusammen mit dem SSW-Landtagsabgeordneten Christian Dirschauer möchte sich Kianusch Stender intensiv für den Schutz der Flensburger Förde einsetzen. „Es geht um Nitrateinflüsse, Muschelfischerei und Sauerstoffmangel“, betont der SPD-Politiker. „Wir müssen aufpassen, dass unsere Förde nicht irgendwann umkippt.“ Für die offene Frage der Schwangerschaftsabbrüche in Flensburg, die das zukünftige Malteser-Krankenhaus nicht übernehmen möchte, deutet sich ein medizinisches Versorgungszentrum für Frauengesundheit an – auf demselben Gelände, aber mit einem anderen Träger. Ein anderer Schwerpunkt: die Mobilität. Die Bemühungen um den Fernhaltepunkt in Weiche sind so zu lenken, dass die Fördersummen nicht auf andere Gleise vorbeilaufen. Einige Impulse werden aus Kiel kommen, weiß Kianusch Stender, der als Landtagsabgeordneter die politischen Weichenstellungen begleiten möchte.

Text: Jan Kirschner    

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