„Eine der schönsten grünen Ecken Flensburgs“, sagt Birger Lühr mit Überzeugung in der Stimme. „Von dort oben hat man einen traumhaften Blick über die Stadt.“ So ist es: Über die steil abfallende Koppel – „Flensburgs bester Rodelhang“ – blickt man aus ungewohnter Perspektive auf die Westliche Höhe. Die schmale, steile Koppel liegt hinter der Bergmühle, einem der Wahrzeichen der Nordstadt, gemeinsam mit der St. Petri-Kirche. Die Erbengemeinschaft des früheren Besitzers der Villa Sol-Lie hat „Dicker Willis Koppel“ einst dem Bauern Willi – „Den Nachnamen kennt wohl keiner mehr“ – verpachtet. Die in den 80er Jahren bekanntgewordenen Pläne, die Koppel zu bebauen, konnten zum Glück von einflussreichen Institutionen der Nordstadt vereitelt werden: die Schule Ramsharde, der Verein zur Erhaltung der Bergmühle, der Bildungsträger Adelby 1, der die Villa in eine Kita verwandelt hat, und die Kirchengemeinde St. Petri. Der eigens gegründete Verein Dicker Willis Koppel verhinderte schließlich eine Bebauung der für viele Bauträger sehr attraktiven Koppel.
Vom Kopf der Koppel führt ein Weg zu einer von Bäumen eingerahmten Wiese mit einem weiteren Grillplatz – auch die ist Teil des früheren Parks. Die Villa und der sie umgebende Garten strahlen auch heute noch eine erhabene Aura aus.

Dicker Willis Koppel

Zurück ins Jahr 1951

Gute sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Birger Lühr in Flensburg geboren, als erstes Kind seiner Eltern, später sollten noch zwei Geschwister, zwei Mädchen, folgen. Familie Lühr bewohnte damals ein Zimmer oberhalb der Toosbüy-
straße. Aber schon bald bekam die Familie vom Arbeiterbauverein eine kleine Wohnung im Alten Kupfermühlenweg im Hause Nr. 1, eine Wohnung mit Ofenheizung und Bad. An die ersten Lebensjahre kann sich unser Chronist kaum erinnern: „Als 3jähriger bekam ich die Mandeln raus, lag einige Tage lang im Krankenbett im Franziskus und hatte einen schönen Ausblick auf den nahe gelegenen Stadtpark.“ Für die Natur konnte der Junge sich schon immer begeistern, er durfte sogar hinter dem Wohnhaus im Alten Kupfermühlenweg einen kleinen Mini-Garten anlegen: sein ganzer Stolz damals. Folgerichtig war sein erster Berufswunsch Gärtner – es sollte allerdings ganz anders kommen. An die Jahre im Kindergarten mag er sich gern erinnern, doch begann für ihn der Ernst des Lebens spätestens mit der Einschulung in die Ramsharder Volksschule. Birgers Vater war gebürtiger Flensburger, die Mutter war mitsamt ihrer Familie nach Kriegsende aus dem Osten geflüchtet und hat schließlich in Flensburg eine neue Heimat gefunden. Der Vater war von Beruf selbstständiger Kaufmann, kam ursprünglich aus der Branche für Fahrrad- und Motorteile, war Großhändler und besaß zeitweise Lagerhallen im Stadtzentrum, aus denen er die Händler und Läden dieses Geschäftszweigs mit Waren belieferte. Solange Birger zurückdenken kann, fuhr sein Vater immer ein eigenes Auto – Anfang der 50er Jahre durchaus noch ungewöhnlich: Das erste Modell war ein Käfer. Der Autofreund träumte allerdings von einem DKW 3/6 – einem Zwei-Takter, der angeblich abging „wie Schmidts Katze“. Der erste eigene PKW war ein Ford Kombi 15M (obwohl der „alte“ Lühr eigentlich Kombis nicht mochte), es folgten ein weiterer 15M als Limousine, dann Ende der 50er ein Mercedes 190 D. Als sich der Geschäftszweig mit besagtem Zweiradzubehör umsatzmäßig zurück entwickelte, sattelte der Vater um, trennte sich von beiden Lagerhallen und betrieb nun aus dem eigenen Keller in der Bauer Landstraße heraus ein ganz anderes Gewerbe: Er handelte mit speziellem Fensterleder, das er eigens aus England importierte, reiste zu dem Zwecke sogar oft selbst auf die britische Insel, um höchstpersönlich die Ware zu inspizieren und zu ordern. Birger übernahm auch schon Botengänge und kleinere Aufgaben. Der umtriebige Kaufmann träumte stets davon, dass Sohn Birger in seine Fußstapfen treten sollte – es blieb allerdings bei besagtem Traum…

In Gedanken in der Kindheit

Die Schulzeit

Birger konnte der Schule anfangs nicht viel abgewinnen. Er hatte ein Problem, das ihm auch später im Leben häufig zu schaffen machen sollte: Er war schon immer ein Langschläfer, überhaupt kein Frühaufsteher. So kam er meistens erst in letzter Sekunde in der Schule an, huschte soeben vor der Lehrkraft in den Unterrichtsraum. Wenn er es schließlich geschafft hatte, machten ihm die Schule und das Lernen durchaus Freude, wenngleich das Vergnügen häufig durch so manche alte und bärbeißige Lehrkraft getrübt wurde, die noch nach Vorkriegsmethoden lehrten. Lieblingssatz dieser Altvorderen: „Eine Ohrfeige zur rechten Zeit hat noch niemandem geschadet.“ Es gab jedoch auch jüngere und weitaus nettere Lehrkräfte, so kann er sich gut an eine besonders freundliche und engagierte Lehrerin erinnern. Birger hatte zudem noch ein weiteres Problem: Er war Linkshänder! Diesen vermeintlichen „Unfug“ wollte man ihm mit diversen Torturen austreiben – es hat jedoch nicht funktioniert; die linke Hand ist immer noch seine dominierende Hand beim Zeichnen und Feinarbeiten. Damals waren die Schulwechsel auf weiterführende Schulen noch anders als heute geregelt, so wurde Birger im Rahmen eines Modellversuchs erst direkt nach Abschluss der 6. Klassenstufe der Volksschule in die Quarta (7. Klassenstufe) des Alten Gymnasiums versetzt und eben dort eingeschult – nicht bereits nach der vierten Klassenstufe.
Schnell stellte sich dieser Sprung für den Jungen als zu gewaltig heraus, obwohl der eigene Vater ihn mit vielen Nachhilfestunden unterstützte. Er wiederholte die Quarta, und kam dann im zweiten Jahr besser zurecht. Die Qualität der Lehrkräfte am „Alten Gym“ war aus Schülersicht höchst unterschiedlich, auch an diesem Institut gab es die älteren Herren, die das Wissen gern mal mit handgreiflicher Unterstützung einbläuten, allerdings auch Jüngere, die ihr Wissen zeitgemäß weitergaben. Der Zusammenhalt in jener zweiten Klassengemeinschaft war dagegen bemerkenswert gut, sogar so gut, dass die Schulleitung wegen vermeintlicher (und tatsächlicher) Unregierbarkeit der Schüler die Klasse komplett auflöste. Die betroffenen Kinder wurden an unterschiedlichen anderen Schulen untergebracht, so kam Birger mit einem weiteren Klassenkameraden querversetzt an die Hebbelschule, eine Realschule, damals neben der AVS gelegen.

„Dicker Willis Koppel“

Die Schule bestimmte den einen Teil seines Tagesablaufs, der andere Part war der Freizeit vorbehalten. Die Kinder aller Altersstufen zwischen 5 und 15 Jahren im Norden der Stadt fanden in ihrer näheren Umgebung reichlich Spielmöglichkeiten vor, insbesondere das Areal auf „Dicker Willis Koppel“ – und auch drum herum – eignete sich glänzend für Spiele und Abenteuer aller Art. Der besagte Abhang war für den Flensburger Norden der Rodelberg schlechthin! Eine weitere gute Rodelbahn fand sich hinter der Schule Ramsharde, zudem gab das Schulgelände tolle Klettermöglichkeiten her, eine hohe verzahnt gebaute Mauer bot sich besonders zum Klettern und Bergsteigen an. Da es in den 50er und 60er Jahren meist noch richtige Winter mit reichlichem Schneefall gab, waren das Rodeln, das Hackern, und für einige sogar das Skifahren, in der kalten Jahreszeit gewohnte und gern genutzte Winterbeschäftigungen. Birger und seine Freunde bauten sich auf „Dicker Willis Koppel“ gar einen kleinen Hügel, über den sie mit ihren alten eigentlich viel zu langen Skiern Skisprünge machten – wenngleich die gesprungenen Meter nicht gerade erwähnenswert waren. Im Sommer weideten auf dem grünen Abhang fast durchgängig die Kühe von Bauer Willi. Vor diesen großen und massiven Tieren hatten die Kinder ziemlichen Respekt, einige sogar regelrecht Angst. So blieb die Koppel im Sommerhalbjahr meist von spielenden Kindern „verschont“. Die spielten im Sommerhalbjahr meistens in der aufgegebenen und verwaisten Kleingartenkolonie. Die leerstehenden Reste der Gartenhäuschen und die allmählich verwildernden Gärten waren echte Abenteuerplätze. Auch im angrenzenden Drosselweg in einer großen Matschkuhle mit Tümpel spielte man gerne, dort wurden Kaulquappen und Frösche gefangen. Einmal wollte Birger an einem kalten Wintertag auf den zugefrorenen Tümpel rauf, brach jedoch durchs dünne Eis und wäre beinahe unter das Eis geraten – das hätte für ihn böse enden können.
Die Familie Lühr zog 1961 – Birger war gerade 10 Jahre alt – um in die angrenzende Bauer Landstraße, bezog dort eine größere Neubauwohnung, mit eigenem Balkon, Badezimmer und Küche, allerdings immer noch mit Ofenheizung. Birgers Aufgabe war es, die nötigen Kohlen und Kleinholz morgens aus dem Keller nach oben zu bringen. In einem besonders kalten Winter waren einmal sämtliche Wasserleitungen in der Gegend zugefroren, und die gesamte Familie war gezwungen, Frischwasser aus der nahe gelegenen Kaserne heranzuschaffen.
Die letzten Schuljahre an der Hebbelschule – ab Klasse 8 – erlebte Birger als eine recht angenehme Schulzeit. Besonders die Schulfahrten hat er in guter Erinnerung, so war er zweimal in den Sommerferien der Volksschule mit seiner Klasse auf Amrum in der Nähe von Norddorf und zweimal während der Gymnasialzeit auf Klassenfahrt nach Sylt, im Schullandheim in Rantum. Geprägt hat ihn jedoch im Abschlussjahr an der Hebbelschule die vierwöchige Segelschule, die er im Monat Februar-März (!) am Weißenhäuser Strand verbringen durfte. In diesen vier kalten und entbehrungsreichen Wochen hat er trotz vieler widriger Umstände – der Februar ist ja nicht gerade der klassische Segelmonat – „seinen“ Sport entdeckt, eine heiße und intensive Liebe zum Segeln entwickelt, die bis heute anhält. Teilweise bei Minusgraden wurde dort gesegelt, die Jungs haben auf der eisigen Ostsee am eigenen Leib erleben dürfen, dass Seemannschaft nicht gerade ein Zuckerschlecken ist – hat ihnen jedoch nicht viel ausgemacht. Birger verließ die Hebbelschule mit der Mittleren Reife. Überhaupt war er kein Stubenhocker, sondern ein Junge, den es immer wieder nach draußen zog, der zudem gerne Abenteuer erlebte. Als 15-Jähriger machte er sich zu einer Radtour zum Großen Plöner See auf, übernachtete erst in der dortigen Jugendherberge, später im mit dem Zug geschickten Zelt auf dem Campingplatz Spitzenort. Täglich war er auf dem See unterwegs, anfangs mit einem Kajak, später sogar als Vorschoter auf einer „Koralle“, einer Zweimann-Freizeitjolle. Für das Segeln hatte er ja mittlerweile „Blut geleckt“. Das Radfahren war auch sein Ding, so unternahm er später noch weitere Touren, eine führte ihn sogar bis nach Cuxhaven. Schon als 9-jähriger Junge ist er mit anderen Kindern und Jugendlichen nach Ellund geradelt zum Kartoffeln sammeln. Während der Erntezeit hat er dort tagelang geackert, der Bauer zahlte aber auch einen für damalige Verhältnisse guten Lohn von immerhin 10 D-Mark am Tag. Regelmäßig fuhren die Lührs zum Einkaufen ins nahe gelegene Krusau – natürlich auch per Rad.

Jugendzeit und Umzug ins eigene Haus

Mit zunehmendem Alter erweiterte Birger seinen Aktionsradius auf größere Bereiche aus. Irgendwann entdeckten die Jungs „ihre“ Eisdiele, das „Charlott“ am Nordermarkt. Sobald mal ein paar Groschen in der Tasche klimperten, wurden diese nach Möglichkeit unten in der Stadt in Eiskugeln für je 10 Pfennige umgewandelt. Ganz besonders in der wärmeren Jahreszeit, etwa nach einem langen Strandtag beim Ostseebad. Als Noch-Nichtschwimmer wäre Birger einmal im wahrsten Sinne des Wortes beinahe „um Haaresbreite“ ertrunken, als er vom langen Steg ins tiefere Wasser sprang. Als er nicht wieder auftauchte, zogen ihn Rettungsschwimmer der DLRG auf Rufe seines achtsamen Freundes in letzter Sekunde am eigenen Haarschopf aus dem Wasser. Das Schwimmen brachte ihm schließlich einige Zeit später seine Mutter am Strand von Broager (DK) bei – dort fuhren die Lührs an schönen Tagen oft zum Baden und Sonnenbaden hin. Schon im Mai bei gerade mal 9 Grad Wassertemperatur ging Birger zum Schwimmen, und die Schwimmscheine wurden bei 14 Grad in Ostseebad gemacht. Schlechtes Wetter gab es nicht. Aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar.
Sein Vater kaufte sich nach wie vor alle zwei Jahre ein neues Auto, war inzwischen sogar bei einem Modell von Mercedes, einem 190, angelangt. Birger erinnert sich noch gern an die Einweihung des neuen Hallenbades nahe des Bahnhofs: Zur Einweihungsfeier gehörte er zu denen, die für die Ramsharder Volksschule als Erste das Becken schwimmend durchqueren durften. Das war im Jahre 1964. Zu dem Zeitpunkt planten seine Eltern bereits den Bau eines eigenen Hauses. 1966 war das Eigenheim endlich fertig, Familie Lühr zog um nach Harrislee in die Werkstraße. Das Lühr-Haus war das erste in jener Straße, die sich ebenfalls im Bau befand. In diesem Haus wohnt Birger Lühr heute mittlerweile wieder, allerdings ist das Anwesen im Laufe der Jahre durch einige Anbaumaßnahmen wesentlich gewachsen – maß die Vorderfront einst 16 Meter, so sind es heute rund 9 m mehr. Um das Haus herum war seinerzeit noch sehr viel Natur und Freifläche – heute mag man es kaum glauben. Das kam Birgers Interessen für Fauna und Flora sehr entgegen. Auf dem jetzt sehr langen Schulweg zur Hebbelschule war sein eigenes Vogelerkennungsbuch sein ständiger Begleiter. Sein Großvater mütterlicherseits, der daheim in Baldenburg/Stolp vor dem Krieg eine Jagd gepachtet hatte, war dem Jungen ein guter Lehrmeister in Sachen Natur, hat insbesondere seinen Blick und sein Gehör geschärft für die Klänge und Besonderheiten in der freien Wildbahn. Gern und oft besuchte er zudem seine Lieblingstante, die in der Flurstraße wohnte. Birgers Schulzeit näherte sich allmählich dem Abschluss entgegen. Zwecks Umstellung des Schuljahrbeginns wurden in 8 Bundesländern zwei Kurzschuljahre durchgeführt, vom 1. April bis 30. November 1966 und vom 1. Dezember 1966 bis 31. Juli 1967. So legte Birger seine Mittlere Reife im Sommer 1968 mit Erfolg ab.
Nach wie vor bestand sein Vater darauf, dass der Junge Kaufmann werden sollte – wozu dieser jedoch überhaupt keine Lust verspürte. Neben seinen Interessen an der Natur war er technisch interessiert und begabt, handwerklich geschickt und schnitzte gern mit Holz.
Ein Berufsberater, der in die Schule kam, um über berufliche Möglichkeiten zu informieren, gab ihm den entscheidenden Hinweis, der sich mit seinen Interessen und Neigungen deckten.

Die Berufswahl

In den 60ern musste man, wollte man Ingenieur werden, eine sogenannte Ingenieur-Schule besuchen, hatte jedoch im Vorwege ein zweijähriges genau vorgeschriebenes Praktikum zu absolvieren. Die Vorgaben waren ausführlich und haarklein beschrieben – wer nicht sämtliche Schritte absolvierte, wurde nicht zur Einschulung in die Ing.-Schule zugelassen. Birger entschied sich für ein Praktikum in Neumünster. Er trat die Ausbildung im Oktober 1968 an, verbrachte einen großen Teil des Praktikums bei der Firma AEG in Neumünster. Das AEG-Werk für Hochleistungsschaltanlagen war mit seinen 3.000 Mitarbeitern jahrzehntelang eines der wirtschaftlichen Aushängeschilder der viertgrößten Stadt Schleswig-Holsteins, bis es im Jahr 2015 die dortigen Pforten schloss.
In den 60er Jahren lief der Betrieb noch auf Hochtouren, die dortige Ausbildung war exzellent. Die letzten 3 Monate des Praktikums wurden bei den Stadtwerken Neumünster absolviert. Birger wurde in dieser Zeit in einem Lehrlings-Wohnheim untergebracht, fuhr jedoch an den freien Wochenenden gern nach Hause, vorzugsweise mit der Dampf-Eisenbahn namens „Nordpfeil“.
Ein bereits bekannter persönlicher Wesenszug bekümmerte den jungen Praktikanten besonders in seiner Anfangszeit in Neumünster: Er konnte einfach nicht gut früh aufstehen – das musste er jedoch als Praktikant unbedingt, 7 Uhr morgens war Dienstbeginn an praktisch allen Praktikumsstationen. Als er einmal morgens erst um 9.30 Uhr aufwachte, war ihm klar: So kann es nicht weitergehen! An besagtem Tag war es zum Glück die Berufsschule, die er versäumte. „Das bekam der für mich zuständige Ausbilder und Lehrmeister Gott sei Dank nicht mit“, erinnert sich Birger an jenen fatalen Moment. „Dank meiner inzwischen guten Fachkenntnisse in Sachen Elektrik, Elektronik und Mechanik baute ich mir einen eigenen Wecker, der zuverlässig pünktlich alarmierte, und mich zugleich aus dem Bett zwang, um den Alarm wieder abzustellen. Das funktionierte, und das Problem „Verschlafen“ war vorerst für mich gelöst!“ Nach erfolgreichem Abschluss des Praktikums stellte sich die Frage: An welche Ingenieurschule wechseln? Die Angebote Berlin oder Wolfenbüttel kamen für die Eltern nicht in Frage, weil zu weit weg von Flensburg. Somit blieb Kiel übrig.

Bund und Studium

Doch noch vor der endgültigen Wahl des künftigen Studienortes flatterte dem jungen Mann eines Tages ein offizieller Brief der Bundesrepublik Deutschland ins Haus: Der damals übliche Einberufungsbescheid der Bundeswehr für Männer im wehrfähigen Alter! Zwischen Ende des Praktikums und Beginn der Bundeswehr blieb ihm noch genügend Zeit, um zu jobben, so hat er insbesondere bei der norwegischen Firma „Ringmaster Production“ als „Mädchen für alles“ monatelang Geld verdient, um so unter anderem seinen PKW-Führerschein zu finanzieren. Nun durfte er auch offiziell Autofahren – in den Zeiten davor war er schon gelegentlich „schwarz“ gefahren, zu seinem Glück dabei nie erwischt worden …
Birger begann seine Karriere als Wehrpflichtiger in der Grenzlandkaserne als Fernmelder, durchlief die üblichen Stationen wie Grundausbildung und Fachausbildung und landete schließlich in Flensburg-Weiche beim Versorgungskommando 600, schob überwiegend Dienst in der damaligen Telefonvermittlung, hauptsächlich mit Zivilangestellten, meist jungen und älteren Damen. Der dortige Schichtbetrieb kam ihm sehr entgegen, gern übernahm er Dienste nachts und an den Wochenenden. So konnte er seine BW-Zeit auch gut nutzen, um seinen Bildungsstandard zu verbessern. Er nahm an sogenannten Rüst-
zeiten der Bundeswehr teil und bildete sich an der VHS fort. Auch hatte er im Winter 1971/72 die Möglichkeit den LKW-Führerschein mit Anhängerschein in Schleswig zu machen.
So vergingen die 18 Monate Wehrdienst für den Obergefreiten recht schnell, zumal er die Nähe zu seinem Wohnort oft genug ausnutzte, und Zeit daheim und mit den Freunden verbringen konnte. 18 Monate Wehrpflicht endeten schließlich, wobei er in den letzten sechs Wochen vor seiner Entlassung die zahlreichen Überstunden abbummeln konnte, die sich durch die vielen Nachtschichten angesammelt hatten. In dieser Zeit konnte er mit drei Freunden und dem gemeinsam angeschafften T1 VW-Bus eine Europa-Tour bis an die Atlantikküste von Portugal machen. Vor der Fahrt musste dem Bus jedoch noch ein ziemlich neuer 30-PS-Motor eingebaut werden – die erste Motorreparatur von vielen nachfolgenden in seinem späteren Leben.
Nun stand seinem Studium nichts mehr im Wege: Birger begann ein Studium des Faches Elektrotechnik und Energietechnik an der FH in Kiel. Mittlerweile – ausgerechnet während seiner Zeit beim „Bund“ – waren die Voraussetzungen für diesen Studiengang geändert worden und die vormaligen Ing.-Schulen wurden in Fachhochschulen gewandelt und damit waren auch die Voraussetzungen für ein Studium andere. Birger konnte jedoch noch nach den alten Bedingungen sein Studium antreten; er durfte ja wegen der Wehrdienstzeit nicht schlechter gestellt werden als andere Kommilitonen. In seinem Semester waren rund 30 Studenten, die diesen Studienzweig gewählt hatten. Die Vorlesungen liefen überwiegend als seminaristischer Unterricht ab. Birger war anfangs ziemlich eingeschüchtert: Die neue Umgebung, eine neue Stadt, die Mitstudenten – Probleme über Probleme bauten sich vor ihm auf. Zu seinem Glück ergab sich schon bald eine Lösung für seine Schwierigkeiten: Er bildete mit einigen anderen Kommilitonen, denen es ähnlich erging, eine kleine Lerngruppe. „Diese Lerngruppe hat mich wirklich gerettet. Jeder brachte seine Stärken ein, auf Schwächere wurde Rücksicht genommen, niemand wurde allein gelassen.“ Die Gruppendynamik stärkte sein Selbstwertgefühl, es bildete sich eine verschworene Gemeinschaft, die nicht nur die Lernhürden umschiffte, sondern auch die Freizeit in der anfangs fremden Stadt erträglich machte. Das Grundstudium umfasste drei Semester, ebenfalls das sogenannte Hauptstudium ging über drei Halbjahre. Den erfolgreichen Abschluss schafften nach den genannten 6 Semestern übrigens nur sieben der anfangs dreißig Studenten, mehr als die Hälfte gaben das Studium auf. Für Freizeitvergnügen fanden die jungen Leute trotz intensiver Studien dennoch genügend Zeit, so lernte Birger in Kiel seine spätere Ehefrau und ihren 6-jährigen Sohn kennen und lieben. Seine Ehefrau Gabi war schon in jungen Jahren Witwe geworden. Sie heirateten alsbald im Dezember 1975, und schon 1976 gesellte sich die erste gemeinsame Tochter dazu.

Nach dem erfolgreichen Studienabschluss im Jahre 1975 war er nun Ingenieur! Was nun machen? Birger hatte sich längst entschieden: Er wollte weiter studieren, mit dem Berufsziel Wissenschaftler zu werden und als solcher später zu arbeiten und zu forschen. „Und das nicht nur, um dem frühen Aufstehen aus dem Wege zu gehen, weil Wissenschaftler ja gewöhnlich auch später am Tage ihr Pensum erledigen können, dafür sich aber auch manchmal die Nächte um die Ohren schlagen und eigentlich (fast) immer arbeiten“, schmunzelt Birger im Rückblick auf jene Entscheidungsfindung. Er informierte sich umfassend über die Möglichkeiten, die ihm nun an der CAU geboten wurden. Birger blieb schließlich beim Fachgebiet „Geophysik“ hängen. Er begann folgerichtig ein solches Studium an der Kieler Christian-Albrechts-Universität, gemeinsam mit sechs weiteren Studenten in seinem Jahrgang. Aufgrund der wachsenden Familie musste neben dem Studium auch immer Geld verdient werden. So konnte er von seiner gleichfalls in Kiel studierenden jüngeren Schwester einen sogenannten „Hiwi-Job“ – wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Theoretische Volkswirtschaftslehre übernehmen. Diesen Job, mit 20 Wochenstunden und Weihnachtsgeldanspruch (Einige studentische Hilfskräfte werden speziell für Projekte angestellt und haben dann meist eine befristete Anstellung mit vorab definierten Aufgaben, etwa der Durchführung von Telefoninterviews, der Erstellung einer Umfrage oder der Unterstützung bei Dateneingabe und Auswertung.), bei dem er viel lernte, konnte er bis zum Vordiplom in Geophysik ausüben. Durch diesen Job konnte er sich auch an zusätzlich bezahlten Projekten beteiligen. Da Birger aber auch für Frau und Kinder zu sorgen hatte, musste er neben dem Studium Geld verdienen, wo auch immer sich eine Gelegenheit ergab. Während der Schneekatastrophe im Winter von 1978/1979 arbeitete er an seinem Vordiplom, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Birger in seiner Studentenzeit immer genug um die Ohren hatte: Studium, Nebenjobs, die eigene Familie forderten den ganzen Mann.

Zuhause bei der Fotoauswahl

Ausblick

Birgers Leben war in jenen Jahren eng getaktet, seine eigene kleine Familie wurde größer, die Aufgaben im Studium umfangreicher, und er ging allmählich bereits auf die Jahreszahl „30“ zu. Über sein höchst vielfältiges und interessantes Berufsleben – einschließlich der abwechslungsreichen Zeit an der Uni in Kiel wird er uns in einer der folgenden Ausgaben des Flensburg Journals erzählen. Freuen Sie sich auf weitere spannende und unterhaltsame Lektüre!

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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