Flensburg nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918): Die Situation der Stadt an der gleichnamigen Förde änderte sich bald grundlegend. Im Frühjahr 1920 wurde Flensburg infolge der Volksabstimmung zur Grenzstadt. Während Mittelschleswig sich für den Verbleib bei Deutschland entschied, votierte Nordschleswig für Dänemark. In Flensburg entschieden sich rund 75 Prozent der Wähler für Deutschland. Während der Zeit der Weimarer Republik flossen aus „nationalpräventiven“ Gründen erhebliche Fördermittel in die Stadt. Sie dienten dem Schiffbau, dem Bau eines Freihafens (1923) und öffentlichen Großbauten. Zeugnisse aus dieser Zeit sind heute noch der Flensburger Bahnhof von 1927 sowie das „Deutsche Haus“ (Inschrift: „Reichsdank für Deutsche Treue“), erbaut 1930. Ein Jahr später wurde der erste Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) in Deutschland eröffnet. Die Weltwirtschaftskrise führte zu Betriebsschließungen und hoher Arbeitslosigkeit. 1933 übernahmen schließlich die Nationalsozialisten die Macht im Rathaus.

„So war das damals!“

Die Firmengründung

Im Jahr 1930 – Flensburg hatte zu jener Zeit rund 67.000 Einwohner – machte sich der Flensburger Gustav Hermann Sachse selbstständig. Er hatte als junger Mann den Beruf des Färbers erlernt. Das Färberwesen hat eine jahrtausendealte Tradition und ein eigenes Berufsbild mit zahlreichen Spezialisierungen herausgebildet. Heute wird es – sofern nicht handwerklich ausgeführt – der chemischen Industrie zugerechnet.
Gustav Hermann Sachse war bereits Färber- und Reinigermeister, als er sich traute in Flensburg ein eigenes Geschäft als Färberei und Reinigungsbetrieb zu eröffnen. Gemeinsam mit seinem Vater Karl Lebrecht Sachse mietete er ein Grundstück mit Haus im Stadtzentrum, in der Flensburger Friedrich-Ebert-Straße, eingerahmt vom Hause der Firma „Hansen Rum“ sowie der Zufahrt zu den Pferdeställen von „Hansen Rum“ – heute befindet sich dort das Kaufhaus „C & A“, schräg gegenüber das NDR-Studio Flensburg.
Der Betrieb bekam den Namen „Färberei und chem. Reinigung Gustav Sachse“. Das Geschäft lief gut und vielversprechend an, trotz der allgemeinen Wirtschaftskrise am Beginn der 30er Jahre des vorherigen Jahrhunderts gab es für die Sachses genug zu tun. Das Färben von gebrauchten Kleidungsstücken sowie die Umarbeitung von Tuchen zu Kleidungsstücken hatte in jenen Jahren Hochkonjunktur, auch in den Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs sowie in den Folgejahren war das Handwerk der Familie Sachse stark gefragt.
Das Aufkommen von synthetischen Fasern und den daraus produzierten synthetischen Stoffen sorgte in den Nachkriegsjahren mit dem Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs dafür, dass sich das Färben von (meist gebrauchten) Kleidungsstücken bald nicht mehr lohnte. So stellte auch Gustav Hermann Sachse die Betriebsabläufe in seinem Betrieb nach und nach um. Mitte der 50er Jahre kam für ihn der verdiente Ruhestand allmählich immer näher, einen geeigneten Nachfolger für den Familienbetrieb fand er jedoch schnell in seinem eigenen Sohn Egon Gustav Sachse, der den gleichen Beruf von der Pike auf erlernt hat.

Die zweite Generation

Nachfolger Egon Gustav Sachse sah sich schon bald nach der Geschäftsübernahme des Betriebes in der Friedrich-Ebert-Straße nach einem besser geeigneten Standort um – die dortigen Räumlichkeiten ließen keine Erweiterung zu, der Betrieb platzte bereits aus allen Nähten. Der neue Chef wurde schließlich im Jahre 1958 in der Husumer Straße fündig: Gegenüber der Feldmühle und unmittelbar an der Straßengabelung Husumer Straße/Munketoft lag das Grundstück mit der Hausnummer Husumer Straße 31. Egon Sachse erwarb jenes Grundstück, und ließ dort ein Haus bauen, das sowohl genügend Platz für den Reinigungsbetrieb bot als auch für eine Wohnung für den Firmeninhaber und seine Familie. In der neuen Umgebung in der Husumer Straße fühlte die Familie Sachse sich schnell heimisch, die Lage war für einen Geschäftsbetrieb sehr günstig, denn die Verkehrsanbindung war gut. Nach Fertigstellung im Jahre 1958 folgten in den Jahren 1968 und 1973 weitere Bauabschnitte, die jeweils eine Erweiterung und Aufstockung des Hauses mit sich brachten. Egon Sachse sorgte stets dafür, dass die betriebliche Ausstattung der Firma auf dem neuesten Stand der Technik war. Sobald neuartige oder verbesserte Gerätschaften auf dem Markt waren und sich diese bewährt hatten, schaffte sich die Firma Sachse das entsprechende Equipment an. Der Beruf eines Färbers war von jeher mit körperlich anstrengender und fordernder Arbeit verbunden – es war ein Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes. Wenngleich die neuen Generationen von Gerätschaften die Arbeitsvorgänge änderten und erleichterten, blieb die Tätigkeit als solche doch anstrengend und forderte die ganze Kraft und Konzentration der Mitarbeiter.
Die Firma hieß mittlerweile „Textilpflege Sachse“ und hatte längst ihren Schwerpunkt auf die Textilreinigung mit einem dazugehörigen Lieferservice ausgerichtet. Mit bis zu 30 Annahmestellen im gesamten Gebiet des Kreises Schleswig-Flensburg fiel Tag für Tag ein riesiger Berg an Textilien an, die im Flensburger Betrieb der Reinigungsprozedur unterzogen wurden – um anschließend wieder an ihren Abgabepunkt in den Annahmestellen zurückgebracht zu werden.
Wie es in einem Familienbetrieb häufig üblich ist, arbeitete die gesamte Familie Sachse mit. „Selbstständig zu sein bedeutet „selbst“ und „ständig“, sprich: Manchmal nahezu rund um die Uhr zu arbeiten und selbst mit Hand anzulegen“, weiß Petra Sachse – bis vor kurzem noch die Eigentümerin und Chefin des Betriebs.

Die dritte Generation

Im Jahr 1980 war es soweit: Die dritte Generation hielt Einzug in den Familienbetrieb. Petra Sachse, einzige Tochter von Egon Sachse, stieg in den Betrieb mit ein. Petra – Jahrgang 1957 und einziges Kind von Egon Sachse – ist praktisch im elterlichen Betrieb aufgewachsen und dort groß geworden, hatte nach erfolgtem Schulabschluss allerdings keine Ambitionen, später mal den Betrieb zu übernehmen. Sie lernte den Beruf einer Versicherungskauffrau, und arbeitete nach bestandener Prüfung noch einige Zeit in dem Berufszweig.
Die reine Bürotätigkeit wurde ihr allerdings zunehmend zu eintönig und langweilig. Ihr Vater bot ihr nur zu gerne immer wieder an, doch ins elterliche Geschäft einzusteigen. Petra willigte schließlich ein; kaufmännische Erfahrung brachte sie bereits mit, und bei ihrem Vater lernte sie nun buchstäblich alles, was Mann/Frau über dieses Gewerbe wissen sollte und musste. „Mein Vater war ein gründlicher Lehrmeister. So habe ich innerbetrieblich praktisch eine zweite Lehre neben der kaufmännischen absolviert – ohne offiziellen Abschluss!“, weiß Petra Sachse die intensive Einarbeitung durch ihren Vater zu würdigen.
Im Jahre 1991 war es dann soweit: Petra Sachse übernahm zusammen mit ihrem Ehemann das Geschäft von ihrem Vater.
Ihr Ehemann durchlief genauso eine intensive und betriebsinterne Ausbildung zum Textilreiniger bei seinem Schwiegervater, wie es seine Ehefrau bereits hinter sich hatte. So wusste er – obwohl „nur“ Quereinsteiger – von diesem Beruf bald alles, was man unbedingt können und wissen musste.
Petra Sachse und Ehemann hatten bereits eine komplette Familie gegründet, die ältere Tochter kam 1984 auf die Welt, die jüngere wurde 1990 geboren. Die junge Familie lebte unter dem gleichen Dach in der Husumer Straße, somit spielte sich ein beachtlicher Teil des Familienlebens und der Kindheit der beiden Töchter zwangsläufig auch in den Betriebsräumen ab. „In dieser Zeit habe ich rund 18 Monate nicht im Betrieb mitgearbeitet, mir sozusagen selbst eine Elternzeit verordnet“, erinnert sich Petra Sachse noch sehr gut an jene turbulente Zeit. „Einen eigenen Betrieb und Familie und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen, war nicht immer einfach“, ergänzt sie lächelnd. Als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, kümmerte sich Petra umso intensiver um das Geschäft: Bald wurde einem Flensburger Ehepaar, das mit seinem Betrieb in Rente ging, eine Heißmangel abgekauft, später kam eine weitere Heißmangel dazu, die sie in Tarp auftrieb. Weitere Geräte wurden angeschafft, der Betrieb Zug um Zug modernisiert und teilweise erneuert.
Die Kundschaft konnte in jenen Jahren spürbar vergrößert werden, nun arbeitete man auch für diverse Ferienhäuser und deren Betreiber. Die jungen Sachses konnten fast alle Stammkunden des Vaters übernehmen – jetzt gab es sogar viele Kunden, die bereits in zweiter oder gar dritter Generation von „Textilpflege Sachse“ bedient und betreut wurden.
Das familiäre Verhältnis innerhalb des Betriebes sowie auch im Umgang mit den vielen Kunden war bereits dem Vater von Petra immer wichtig, und auch sie hält es so.
„Für einen Schnack und auch mal einen Scherz muss einfach immer Zeit sein“, weiß Petra Sachse aus eigener Lebenserfahrung. „Dazu ist das Leben einfach viel zu kurz, man sollte es genießen und dankbar sein für alles Positive, was das Leben für einen bereithält!“
Zur Familie gehörte viele Jahre lang ein schwarzer Pudel, der sich auch in den Firmenräumlichkeiten – wie der Name es schon sagt – „pudelwohl“ fühlte, vermutlich sogar glaubte, dass er der unumschränkte Herrscher des Hauses sei. „Im Zusammenhang mit ihm hatten wir mal ein witziges Erlebnis: Eines Tages betrat eine Neukundin das Ladengeschäft, guckte sich suchend um, und stellte dann die entscheidende Frage: „Sind Sie nicht die Reinigung mit dem schwarzen Pudel?“
Ja, das waren sie. Nur ist der schwarze Pudel leider vor einigen Jahren verstorben. Er hat jedoch längst einen würdigen Nachfolger in „Robbie“ gefunden, einem weißen Hund aus dem Tierschutz. „Robbie“ hatte wohl eine schwere Zeit als Straßenhund auf Zypern erlebt, manchmal ist er knurrig, und man sollte ihn dann lieber in Ruhe lassen. „Ansonsten ist er sehr lieb, alle mögen ihn, und ganz wichtig: Genau wie einst der Pudel haart er nicht – sonst wäre er in einer Reinigung auch fehl am Platze.“

Die Zukunft

Auf Nachfrage erzählt uns Petra Sachse, dass die gesamte Branche sich aktuell im Wandel befinde, die Reinigung von Oberbekleidung werde weniger, dagegen steige der andere Wäschebereich. In der Pandemie gab es spürbar weniger sogenannte Business-Kleidung zu behandeln – kein Wunder bei steigenden Zahlen im Home Office. Auch Brautkleidung sowie andere für Festlichkeiten vorgesehene Bekleidung kam in der Corona-Zeit kaum zum Einsatz, entsprechend wenig fiel zum Reinigen an. Auch die sogenannte Flachwäsche wie Tischdecken und Bettlaken wurde weniger zum Reinigen gebracht.
„Schon lange arbeiten wir regelmäßig mit Raumausstattern zusammen, unterstützen beim Einrichten, indem wir Gardinen, Stores und ähnliche Großteile bearbeiten“, schildert Petra Sachse die gegenwärtige Geschäftssituation.
Das Ehepaar Sachse ist mit dem Betrieb gewachsen, und mit diesem Jahr um Jahr älter geworden, hat sich in den letzten Jahren deshalb auch intensiv um eine passende Nachfolge in der Firmenleitung gekümmert. Die Töchter kommen aus persönlichen Gründen nicht als Chef und Firmenleiterin für die kommenden Jahre in Frage. „Einerseits ist das ein bisschen schade, andererseits gibt es bei beiden Töchtern dafür gute Gründe, und das persönliche Wohl und Wehe hängt ja schließlich nicht davon ab, dass ein oder eine „Sachse“ dem eigenen Betrieb vorsteht“, sieht Petra Sachse die Angelegenheit ganz pragmatisch.
„Wir sind schließlich fündig geworden bei der Suche für eine geeignete Nachfolge: Mit dem Datum 31.12.2020 haben wir das Geschäft an die Firma „compact Gebäude Service GmbH“ in Flensburg verkauft. Der neue Eigentümer hat bereits investiert in den Betrieb, wird so manches ändern, wie wir es zuvor schon bei jedem Generationenwechsel erlebt haben“, ist sich Petra Sachse sicher, den richtigen Schritt getan zu haben. „Ich bleibe vorerst als „einfache Angestellte“ dem Betrieb treu, helfe und unterstütze bei der Übergabe und Übernahme des Betriebs. Der Firmenname wird erhalten bleiben; der neue Eigentümer hat bereits ein entsprechendes Schild über der Front des Ladenlokals anbringen lassen. Für die anderen, meist langjährigen Beschäftigten werde ich wohl anfangs noch die erste Ansprechpartnerin bleiben, aber das ist nun mal so, und die Nachfolgerin wird stetig besser eingearbeitet sein, um so auch bald die Chefrolle übernehmen zu können“, ergänzt Petra Sachse. „Wir blicken mit einem guten Gefühl in die Zukunft, der Geschäftsbetrieb erfährt bereits nach corona-bedingten Einbußen aktuell wieder gute Zuwächse. Die Firma „Textilpflege Sachse“ wird es wohl noch viele Jahre in Flensburg geben, und dafür sind wir der „compact Gebäude Service GmbH“, unseren Mitarbeitern sowie den zahlreichen Kunden sehr dankbar“, findet Petra Sachse ein passendes Schlusswort für unser Gespräch.
„Sauber!“, denkt sich das „Flensburg Journal“, und wünscht sowohl der Familie als auch dem Betrieb unter neuer „Federführung“ für die Zukunft alles Gute!

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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