Sozial & demokratisch ein Leben lang – besonders für Tarup!

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In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe kommen Regina und Wilfried Porath zu Wort.

Regina und Wilfried Porath sind Paradebeispiele für gelebte und umgesetzte Kommunalpolitik, speziell mit ihrem Lebensmittelpunkt, dem im Südosten Flensburgs gelegenen Stadtteil Tarup, den beide ganz besonders im Fokus hatten, und auch immer noch haben. „Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es“. Dieses Motto ist nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, es bringt jedoch zum Ausdruck, wie einfach sich gute Vorsätze in Worte fassen und aussprechen lassen, und wie ungleich schwer es ist, sie in die Tat umzusetzen. Letzteres, die Umsetzfähigkeit, Wille, Energie und Tatkraft, sind spezielle Markenzeichen für das jahrzehntelange Schaffen und Wirken der Eheleute Porath!

Die Anfänge

Wilfried Porath, Jahrgang 1941, in Kriegszeiten in Pommern geboren, wurde mitsamt der ganzen Familie 1946 vertrieben, und kam über verschlungene Wege, Stettin, Sachsen – dort verblieb die Familie für mehrere Jahre in der DDR – schließlich nach Flensburg, und dank des DRK-Suchdienstes auch alle anderen Mitglieder der Familie, die in den Nachkriegswirren übers gesamte Land verstreut waren. Die erste hiesige Adresse war für die Poraths das Heinz-Krey-Lager in Mürwik (heute steht dort das KBA-Gebäude). Später, 1962, zogen die Poraths dann endlich in eine eigene Wohnung, in den Adelbyer Kirchenweg.
Regina Porath, 1949 geboren, kam in Weesby, Kreis Südtondern, zur Welt, und keine zwei Jahre später, 1951, zogen ihre Eltern mit Kind und Kegel nach Flensburg, fanden in der Glücksburger Straße eine dauerhafte Bleibe – die Eltern blieben dort übrigens 40 Jahre lang wohnen.
Die Lebenswege von Regina und Wilfried kreuzten sich im Jahre 1967 im damals beliebten Café Delfs, einem in den 60er Jahren sehr populären Tanzcafé, in der Großen Straße Ecke Heiligengeistgang gelegen. „Es war genau am 8.4.1967!“, kommt es von Regina wie aus der Pistole geschossen. Schnell wurden die beiden ein Paar, und es war bald offensichtlich, dass sie füreinander bestimmt waren. Schon ein Jahr später war Verlobung (am 2.6.1968), und am 1. August 1969 wurde geheiratet. Die Familie war alsbald komplett, binnen zwei Jahren wurden erst der Sohn und dann die Tochter geboren.

Die ersten Ehejahre

Die erste eigene bescheidene Wohnung bezogen die Poraths in der Tilsiter Straße, Vermieter war der SBV, geheizt wurde die kleine Wohnung noch mit Kohle. Die Familie Porath blieb dem Flensburger Südosten treu, zog nach einigen Jahren weiter in den Trögelsbyer Weg, ehe 1984 die jetzige Adresse ins Spiel kam: Regina und Wilfried verlegten ihren Lebensmittelpunkt nach Tarup in ein Reihenhaus in der Kreuzkoppel – dort leben sie auch heute noch.
Wilfried wollte schon immer Kfz-Schlosser werden, und konnte diesen Berufswunsch in Flensburg in die Tat umsetzen, begann 1957 eine dreieinhalbjährige Lehre bei Klaus & Co. (damals noch Klaus & Gutmann). Nach erfolgreich beendeter Lehre rief Vater Staat: Wehrpflicht!
Seinerzeit konnte man diese noch bei Feuerwehr oder Polizei ableisten, und Wilfried bewarb sich bei der Bereitschaftspolizei in Eutin, absolvierte dort die erforderlichen 12 Monate in den Jahren 1961/1962. Nach dieser Pflicht wollte er mal woanders sein berufliches Glück versuchen, wechselte für zwei Jahre nach Lübeck, wo er bei einer dortigen Mercedes-Benz-Vertretung Arbeit fand. Diese zwei Jahre im Süden Schleswig-Holsteins haben seiner Entwicklung sichtlich gutgetan, er lernte „in der Fremde“ auf eigenen Füßen zu stehen. Es zog ihn aber doch Anfang 1964 wieder nach Flensburg zurück – und seine Ausbildungsfirma nahm ihn gern wieder zurück. Bei Klaus & Co. legte er 1968 seine Kfz-Meisterprüfung ab, und ab 1972 hat er sogar auf einer frei gewordenen Meisterstelle fortan an gleicher Stelle arbeiten und schaffen können.
„Und das trotz meiner intensiven Gewerkschaftstätigkeiten, die von der Firmenleitung kritisch beobachtet wurden“, weiß Wilfried zu erzählen. „Kannst Du das denn alles leisten? Gewerkschaftsfunktionär, Betriebsratsvorsitzender?“
Nun, er konnte!! Er hatte zwar keinen leichten Stand bei der Chefetage, doch da er fachlich und menschlich angesehen und anerkannt war, hat er die Bedenken der Führung stets zerstreuen können.
„Ganz nebenbei“ hat Wilfried seinem Hobby Fußball gefrönt, war jahrzehntelang beim SV Adelby als Fußball-
obmann aktiv, in Zeiten, als dieser immer rührige Verein noch über 18 Jugendmannschaften verfügte und somit viel ehrenamtliche Arbeit auf Vereinsfunktionäre zukam. Doch das war ihm noch nicht genug an Aktivitäten, war er doch schon immer an allem interessiert, verfügte über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, und hatte prägende frühe jugendliche Erlebnisse in der DDR (dort wurde er herablassend als „Flüchtling“ und „Kommunistenbengel“ von einigen Lehrern bezeichnet – heute würde man „gemobbt“ sagen). So stand schon früh für ihn fest, dass er bei den Sozialdemokraten seine politische Heimat finden würde – und so kam es ja schließlich auch!

Die politische Heimat gefunden

Beide Poraths wurden Mitglied in der SPD, Regina trat 1979 der Partei bei, gab im gleichen Jahr das reine Hausfrauen- und Mutterdasein auf (die Kinder waren „aus dem Gröbsten raus“), fand als gelernte Bürokauffrau Arbeit bei der Gewerkschaft IG-Metall, und war schließlich ab 1994 bis zum Renteneintritt in Vollzeit bei der Barmer Ersatzkasse tätig. Die beiden Sozialdemokraten gehörten in den ersten Jahren noch zum Ortsverein (OV) Engelsby, und Regina war maßgeblich an der Redaktion, Produktion und Verteilung der Stadtteilzeitung des OV namens „Dat Pussloch“ beteiligt.
Bedingt durch den Umzug von Engelsby nach Tarup ins dortige Neubaugebiet fand auch ein Wechsel in den Ortsverein Adelby statt; die vom OV Adelby herausgegebene Stadtteilzeitung „Der Adelbyer“ war ebenso ein Lieblingsprojekt von Regina, dem sie bis zur Einstellung des Blattes im Jahre 2002 immer treu blieb – noch heute spricht sie mit leiser Wehmut darüber.
Nach dem Umzug wurde auch Ehemann Wilfried in 1986 Mitglied im OV Adelby und übernahm den Vorsitz. Auch wurden beide in den Ortsbeirat Adelby von der SPD entsandt. Die Ortsbeiräte hatte damals einen hohen Stellenwert in der hiesigen Kommunalpolitik, nahmen an den Sitzungen doch stets der Flensburger OB und/oder die Dezernenten teil, Sitzungsprotokoll führte dazu die Stadtverwaltung; die Sitzungen dieser Einrichtungen und die dort getroffenen Entscheidungen hatten also entsprechendes politisches Gewicht. (Anmerkung: Die Ortsbeiräte wurden später unter dem damaligen OB Stell abgeschafft).

Für Tarup: Naturnahes Spielen und Jugendhaus

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren sowohl Wilfried als auch Regina Porath teilweise zeitgleich und gemeinsam Mitglieder in der Flensburger Ratsversammlung; Wilfried für knapp 8 Jahre von 1995 bis 2003 als Ratsherr, seine Regina sogar von 1990 bis zum Jahre 2009 als Ratsfrau – sie schied vor zehn Jahren aus familiären Gründen aus. Sie saßen auch gemeinsam im Umweltausschuss, den Regina 6 Jahre leitete, denn gerade Umwelt hatten sie beide auf ihre politische Fahne geschrieben, war für beide das Kernthema ihrer politischen Arbeit.
Dabei waren sie trotz ihrer familiären Verbundenheit längst nicht immer einer Meinung – haben politische Konflikte und Meinungsverschiedenheiten immer „demokratisch gelöst“.
Als etwa im Jahre 1990 endgültig über die Osttangente entschieden wurde – mit nur einer Stimme Mehrheit für die Tangente – stimmte Regina dagegen, aus vielfachen Gründen, unter anderem, weil zahlreiche Stadtteile durch den vorgesehenen Straßenverlauf teilweise mittig getrennt wurden. Der SPD-Ortsverein Adelby favorisierte die weiter südlich gelegene Trasse. Die Poraths sind schon immer mit offenen Augen und Ohren durch ihren Stadtteil gewandert und/oder geradelt, und es war und ist für beide ein Kernanliegen, den eigenen Stadtteil – und die eigene Heimatstadt – lebenswert, umweltfreundlich und naturnah mitzugestalten. Im Jahre 1993 wurde im Flensburger Südosten der „Verein für naturnahes Spielen in Tarup und Umgebung e. V.“ gegründet. Schon bald nach Gründung 1993 stieß Regina Porath 1995 hinzu und übernahm den Vorsitz. Sie konnte dank ihrer politischen Beziehungen mit dazu beitragen, dass Finanzmittel zur Verfügung standen – so konnten aus einem Fonds der Flensburger Sparkasse für Naturprojekte z. B. 5.000 DM dem Verein zur Verfügung gestellt werden. Das naturnahe Spielen wurde in Tarup verwirklicht auf einem Areal, das zwischen Tarup und Sünderup an der Ringstraße und am Bahndamm lag. Nach langen Verhandlungen überließ die Stadt Flensburg 1997 dem Verein die etwa 1,7 ha große Fläche mittels eines Patenschaftsvertrages. Es fand unter Leitung des Jugendamts eine Zukunftswerkstatt statt, an der sich Kinder, Jugendliche und Eltern beteiligten. Die dort abgesegneten Pläne wurden größtenteils in die Tat umgesetzt, und als die Fläche grob fertiggestellt war, rief der Verein die Taruper Bürger zu einer Pflanzaktion auf. (Fast) alle kamen und halfen tatkräftig mit, haben Bäume und Sträucher gesetzt, Prominente und Politikgrößen wie Lothar Hay und Ingrid Franzen (stifteten einen Baum namens „Kaukasische Flügelwalnuss“) oder Uwe Langholz, dessen Mammutbaum heute leider nicht mehr zu bewundern ist (das Holz wurde wohl als Brennholz für die Feuerstelle verwendet), unterstützten diese einmalige Aktion.
Das Areal ist heute (nach 22 Jahren Bestand) etwas „in die Jahre“ gekommen, und wird im Herbst 2019 laut Plan für rund 190.000 Euro umgestaltet und modernisiert werden.
Eltern und Kinder waren damals überglücklich über den gelungenen Naturspielbereich, doch kam schon recht bald die Frage auf: „Und was bieten wir unseren Jugendlichen!?“
Diese Frage stieß bei den Poraths auf offene Ohren – sie stellten schnell fest, dass es kaum Freizeitangebote für die hiesigen Jugendlichen gab. Sie machten sich auf die Suche nach Freizeitmöglichkeiten und dafür geeignete Flächen im eigenen Stadtteil, und wurden nach etwa einem Jahr tatsächlich fündig: An der Ecke Ringstraße/Adelbylund/Taruper Hauptstraße – gegenüber der Grundschule Adelby – gab es damals ein städtisches Grundstück, das ungenutzt brachlag (eine bereits aufgegebene Gärtnerei und Fahrschule zierten das Grundstück). Man einigte sich schließlich mit der Stadt Flensburg (dem Grundeigentümer) auf das hintere Teil des Areals; weiter vorn zur Hauptstraße befindet sich heute die neue Kita, und schloss einen entsprechenden Überlassungsvertrag.
Nach der Jahrtausendwende war es dann soweit: Das Jugendhaus wurde dort, gegenüber der Schule Adelby, gebaut, und letztlich im Jahre 2004 eingeweiht und eröffnet. Das Jugendhaus und seine Einrichtung entstanden in Kooperation mit der örtlichen Kirchengemeinde, die ideell das Vorhaben unterstützte – die nötigen Finanzen kamen von der Flensburger Sparkasse, den ansässigen Handwerksfirmen, und es gab viele Privatspenden aus dem Stadtteil sowie der Kirchengemeinde Adelby (Kollekten). Für mehr als ein Jahrzehnt war es eine gern und viel genutzte Institution und zweite Heimat für die Jugendlichen des Stadtteils. Im letzten Jahr 2018 wurde gar eine Erweiterung des Hauses vollendet.

Alles könnte gut sein, aaaaber …

Leider leidet das Jugendhaus in letzter Zeit zunehmend unter Vandalismus; versuchte und auch vollendete Einbrüche nehmen überhand, es wurden bereits mehrfach teure Einrichtungsgegenstände gestohlen, und die Einrichtung häufig verwüstet – die Versicherungen stellen immer höhere Absicherungsforderungen, die den Verein an seine finanziellen Grenzen stoßen lässt und er bald nicht mehr in der Lage sein wird, das zu tragen. Die weitere Existenz des Jugendhauses ist in Gefahr – und die Poraths appellieren an alle Bürger, weitere Einbrüche und Verwüstungen am Haus durch erhöhte Aufmerksamkeit zu vermeiden helfen! Und an potentielle Täter: Lasst bitte die Finger vom Jugendhaus, tobt euch lieber bei sinnvollen Tätigkeiten wie Sport aus!
Die Jugendlichen des Stadtteils haben uns stets positiv „in Trab“ gehalten: Kurz nach der Fertigstellung der naturnahen Spielfläche kam der Wunsch der Jugendlichen nach einer Skaterbahn auf. Es wurde eine „Funbox“ gezeichnet, nach der fertigen Zeichnung ein Modell erarbeitet und in Auftrag gegeben. Die dafür erforderlichen finanziellen Mittel haben die Jugendlichen, ihre Eltern und der Verein durch Spenden aufgebracht. Die „Funbox“ stand nach Vollendung viele Jahre lang, bis ins Jahr 2018, auf dem Schulhof der Grundschule Adelby, und war Zeit ihrer Existenz ein sehr gern genutzter Treffpunkt der Jugendlichen.

„Jahrtausendallee“ und Wanderwege

In unmittelbarer Nachbarschaft von Jugendhaus und Naturspielareal liegt an der Ringstraße die „Jahrtausendallee“. Diese wurde für die Bürger und die Umwelt geschaffen, so haben viele Taruper und Umweltfreunde durch Spenden und Patenschaften dazu beigetragen, dass hier durch eine Kastanienallee aufgeforstet werden konnte. Leider kam es auch hier teilweise zu Vandalismus, wurden Schautafeln mehrmals wieder zerstört und Hinweisschilder an gestifteten Bäumen abgerissen – dabei ist dieses Projekt eine gelungene Bürgerinitiative, sogar regelmäßig gingen die Erstklässler der benachbarten Schule für einen Tag im Rahmen einer Aktion im Herbst los und pflegten und begossen im Beisein ihrer Eltern, der Lehrer und weiterer Bürger des Stadtteils ihre neuen Bäume. Jeder teilnehmenden Klasse wurde ein Baum gewidmet.
Ein weiteres Projekt, das den Poraths am Herzen liegt, sind die Spazier- und Wanderwege in und um die Stadt herum. So haben sie lange, gemeinsam mit dem damaligen Beauftragten für Natur und Landschaftspflege Uli Heintze, dafür gekämpft und gestritten, den ersten Wanderweg von Tarup kommend mit dem Ziel Flensburger Innenstadt zu verwirklichen. Das haben sie mittlerweile umsetzen können, so führt ein entsprechender Weg am Bahndamm entlang über die Osttangente, durch die Schulze-Delitzsch-Straße schließlich bis in die Flensburger Innenstadt. Andere Wege folgten. Zwar änderten sich damals ab 2006 durch die jetzt fertige Osttangente die Rahmenbedingungen, doch durch die drei die Tangente querenden Fußgängerbrücken ist auch dieses Hindernis leicht zu überwinden. Dem Ziel „fußläufige Verbindungen innerhalb des Stadtgebiets“ ist man so schon ein ganzes Stück näher gekommen.

Ausblick

Die Poraths sind mittlerweile beide Rentner, allerdings noch längst nicht im Ruhestand angekommen – es gibt für beide noch genügend Projekte, die sie starten oder fortführen möchten, und Ideen, die in die Tat umzusetzen sind. Davor gibt es aber auch noch einen markanten familiären Termin zu begehen: Am 1. August 2019 feiern sie im Kreise ihrer Kinder, 3 Enkelkinder, Freunde und Nachbarn ihre Goldene Hochzeit!
Und wenn die beiden wirklich einmal meinen, dass Langeweile aufkommen könnte, schwingen sie sich gern aufs Fahrrad – inzwischen sind sie begeisterte und überzeugte E-Bike-Nutzer – und nutzen die vielfältigen Wege in der näheren und weiteren Umgebung für Touren in der frischen Luft durch unser herrliches Umland!

Bericht: Peter Feuerschütz, Fotos: Benjamin Nolte, privat

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