Der August war schön. Vielleicht nicht immer das Wetter – aber Michal Jurecki, der Neuzugang der SG Flensburg-Handewitt, hatte seine Familie bei sich. Ehefrau Joanna und seine beiden Töchter, die zwölfjährige Oliwia und die kleine Julia, weilten einen ganzen Monat bei ihrem Mann und Vater. Die Vier schlenderten am Flensburger Hafen entlang und entdeckten die Fußgängerzone. Sie machten Ausflüge nach Billund: Ins Legoland und zum Aquapark. Und sie waren in Hamburg, kamen am Krankenhaus vorbei, wo die ältere Tochter Oliwia geboren wurde, als Michal Jurecki Profi beim HSV Hamburg war.
Ihm wurde nochmals bewusst, dass es „eine schwere Entscheidung“ war, die Liebsten in Polen zu lassen und nun wieder für einen Bundesligisten zu spielen. Der Handballer lief neun Jahre lang für den polnischen Top-Klub PGE Vive Kielce auf. Mit seiner Familie hatte er es sich in der Region Kielce eingerichtet und ein Haus gebaut. Im Frühjahr 2018 befand sich Michal Jurecki in Gesprächen mit dem Geschäftsführer und dem Präsidenten. Es roch nach Routine, doch plötzlich stockte der Fluss. Die Verantwortlichen wollten nur um eine weitere Saison verlängern. Offenbar war ihnen der 35-Jährige zu alt für eine längerfristige Zusammenarbeit.
Der großgewachsene Rückraumspieler musste schlucken: Er hatte andere Vorstellungen. „Ich wollte noch zwei Jahre dranhängen“, erklärt Michael Jurecki. „Und genau in dieser Situation meldete sich mein Berater.“ Der hatte interessante Infos aus der Bundesliga, erzählte vom Interesse der SG. „Ein europäischer Top-Klub mit großen Zielen“, dachte sich der Profi und fragte: „Für wie lange? Zwei Jahre? Das passt!“ Es vergingen keine zwei Wochen und der Zwei-Jahres-Vertrag war unterschrieben. Und mittendrin hatte der Familienrat getagt und entschieden, dass Michal Jurecki alleine nach Flensburg ziehen würde. Die Bildung der Kinder sprach für Kielce. „Eine polnische Schule gibt es in Hamburg, aber leider nicht in Flensburg“, musste der Berufssportler schnell feststellen.
Nun ist er in einer Flensburger Stadtwohnung sein eigener Herr. Das spürt er gerade beim Kochen und Schnippeln in der Küche. Oft gibt es Nudeln, Reis oder Grütze aus Hirse, aber auch mal Gemüse und Fleisch. Er schaut sich gerne Serien an, am liebsten aus dem Genre „Science Fiction“, und kommuniziert viel mit der Familie in Polen. „Zwei Spiele die Woche, Training und viele Reisen – da hat man gar nicht mehr so viel Zeit“, schmunzelt Michal Jurecki.
Im Mittelpunkt steht der Handball – und das bereits seit zwei Dekaden. Als Teenager spielten noch Fußball, Basketball und andere Sportarten eine Rolle, dann trat der Handball-Trainer in seinem Geburtsort Koscian an ihn heran: „Komm doch zum Handball, du bist groß und dein Bruder ist auch sehr gut!“ Bartosz Jurecki ist fünf Jahre älter. Dem Kreisläufer haben sie beim SC Magdeburg ein Denkmal errichtet. Die beiden Brüder erlebten drei gemeinsame Jahre in Glogow und stürmten 2006 zur polnischen Vize-Meisterschaft.
Wenige Monate später hatten sie das Silber der Weltmeisterschaft um ihren Hals hängen. Für Michal Jurecki war dieser internationale Erfolg das Trittbett zur Bundesliga. Beim Titelkandidaten HSV Hamburg sammelte er in sechs Monaten nur wenige Einsatzzeiten. Beim TuS N-Lübbecke war der polnische Halblinke sofort Stammkraft, die Westfalen stiegen allerdings unglücklich ab. Michal Jurecki verhalf dem TuS zum sofortigen Wiederaufstieg und zum Klassenerhalt. „Da gewannen wir sogar gegen Flensburg“, erinnert er sich.
2010 kehrte er nach Polen zurück, als PGE Vive Kielce immer weiter aufrüstete und auch international zum Schwergewicht wurde. Michal Jurecki mischte beim verrücktesten Champions-League-Finale aller Zeiten mit. Das war 2016: Veszprém führte gut zehn Minuten vor Schluss mit neun Toren. Kielce glich aus und gewann im Siebenmeterwerfen. In diesem Frühjahr war der polnische Meister erneut bis nach Köln gekommen. Es sprang nur der vierte Platz heraus. Der SG-Neuzugang war zum Zuschauen gezwungen – wegen eines Daumenbruchs.
Wenige Tage später musste er nach Süddeutschland, um sich die Schrauben aus der Hand ziehen zu lassen. Michal Jurecki verpasste so die Abschiedsgala in Kielce. Einige Tage später meldeten sich die Fans. Sie hatten eine Überraschung vorbereitet und luden ihren Star zu einem Treffen ein. Mit einem riesigen Transparent begrüßten sie „unsere Legende“ und feierten sie nochmals. „Während in der polnischen Liga die Halle oft nur halb voll war, sorgten die Fans in der Champions League für eine prächtige Stimmung“, erzählt der Handballer. „Komisch, dass es in Flensburg anders ist und die Bundesliga viel populärer ist.“ Längst genießt er den Einlauf in die „Hölle Nord“ – auch wenn er sich an eine neue Rückennummer gewöhnen musste. Die angestammte Fünf hat Simon Hald, die 15, die Michal Jurecki im polnischen Nationalteam trug, ist für immer an SG-Legende Lars Christiansen vergeben. Also wurde es die 55.
Abseits der Hektik und des Lärmspiegels der Sportarenen sucht der 35-Jährige den mentalen Ausgleich. Golf zählt zu seinen ruhigen Hobbys. „Im August war die Familie zu Besuch, jetzt ist die Ausrüstung komplett“, verrät Michal Jurecki, der auch das Angeln schätzt. In Polen hat er auch mal ein Schiff gechartert und ist auf einen See geschippert. Masuren ist dafür ein herrliches Refugium. Er isst auch gerne Fisch, aber nicht die selbstgefangenen. „Das ist mir zu viel Pulerei“, lacht Michal Jurecki. Am schönsten ist es aber, wenn er seine Familie trifft. An einem freien Wochenende im September fuhr er hunderte von Kilometern für eine überraschende Stippvisite: Tochter Oliwia hatte Geburtstag.
Bericht und Fotos: Jan Kirschner

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