18. August: Testspiel in Holstebro. Den Kader der SG Flensburg-Handewitt kann man getrost als überschaubar bezeichnen. Der Grund: Gleich zehn Akteure des Bundesligisten weilten lange Zeit bei den Olympischen Spielen in Tokio und verdienten sich danach Familienurlaub. Stattdessen schnupperten bei der SG neun Talente aus dem Nachwuchsbereich erstklassige Trainingsluft. Rechtsaußen Marius Steinhauser, Torwart Benjamin Buric, Linkshänder Franz Semper und Neuzugang Aaron Mensing waren zunächst die einzigen Profis, die sich unter das „junge Volk“ mischten.

Erst am 23. August hatte SG-Coach Maik Machulla seinen Kader wieder beisammen. Bereits am 8. September geht es los – mit einem Gastspiel bei GWD Minden. Am 11. September kommt der HC Erlangen zur Heimpremiere in die „Hölle Nord“. Das Saisonziel ist naheliegend. Nach dem im Juni so knapp verlorenen Foto-Finish in der Bundesliga darf es diesmal noch eine Stufe höher gehen. „Wir als Dreimaster wollen mit dem Wind den Viermaster aus Kiel überholen“, sagt Maik Machulla mit einem Lächeln. Er weiß sehr wohl, dass sich neben den Nordklubs auch andere Teams gut aufgestellt haben und von hinten drängen. Vor allem der SC Magdeburg muss angesichts namhafter Verstärkungen als Mitfavorit gelten. Die Füchse Berlin wurden schon zum Ende der letzten Saison richtig gut. Die Rhein-Neckar Löwen stehen zwar vor einem Übergangsjahr in der Trainer-Besetzung, verfügen aber weiterhin über viel Qualität im Kader. Und wenn Melsungen gut starten sollte, ist auch für die Nordhessen alles möglich.
Nach nur zwei Bundesliga-Spieltagen hebt sich erstmals der Vorhang der europäischen Champions League. Am 16. September gastiert gleich eine ganz knifflige Nuss in der Flens-Arena: der FC Barcelona. Gegen den spanischen Titelverteidiger wartet die SG seit 2014, dem denkwürdigen Halbfinale von Köln, auf einen Sieg. Paris, Kielce oder Veszprém sind Gegner von einem kaum kleineren Kaliber. Die Wiederholung des letztjährigen Gruppensiegs oder das Erreichen von Platz zwei, der auch den direkten Sprung ins Viertelfinale bringen würde, mag Maik Machulla von seiner Truppe nicht einfordern. „Wir haben einen Wettbewerbsnachteil“, betont er. „Ganz anders als Barcelona, Veszprém oder Bukarest spielen wir in einer starken nationalen Liga und stehen vor vielen schweren englischen Wochen.“

Die SG kann weitgehend ihrem bewährten Stamm vertrauen. Wirkliche Leistungsträger sind über Sommer nicht weggebrochen. Der Schwede Anton Lindskog ist anstelle von Vereinslegende Jacob Heinl als dritter Innenverteidiger eingeplant. „Er sollte mit unserer Abwehr gut zurechtkommen, da er aus Wetzlar ein ähnliches System kennt“, erklärt Maik Machulla. „Am Kreis verfügen wir mit ihm sowie Johannes Golla und Simon Hald nun über alle Möglichkeiten.“ Auf Linksaußen soll hinter Hampus Wanne der junge Däne Emil Jakobsen aufgebaut werden. Ein sprungstarker Akteur mit vielen Wurfvarianten.
Lasse Möller laboriert an einem Knorpelschadens im rechten Knie. Deshalb rechnet die SG die gesamte Saison nicht mit dem Rückraumass und nahm vor wenigen Wochen einen Ersatzmann unter Vertrag: Aaron Mensing. Der dänische Jung-Nationalspieler, der als Sohn nördlich der Grenze lebender Deutscher auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, trug als Teenager schon einmal das Trikot der SG. „Damals trainierten die Profis manchmal nach uns, da träumte ich davon, einmal in der Bundesliga zu spielen“, erzählt der 23-Jährige. Zuletzt entwickelte er sich bei TTH Holstebro zum Goalgetter.
Unter den Keepern werden die Karten neugemischt. Torbjörn Bergerud zog es zu GOG auf Fünen, um die sportliche Nummer eins zu sein. Dafür kehrte Kevin Möller nach drei Reife-Jahren aus Barcelona zurück. „Wir wissen, was er für ein hervorragender Torwart ist“, betont Maik Machulla. „Außerdem ist er ein sehr positiver Typ und hat ein großes Interesse, mit seinem Torwart-Kollegen gut zu harmonieren.“

Er stellte auch den Kontakt her zu Michael Bruun. Der 50-jährige Torwart-Trainer der dänischen Nationalmannschaft übernimmt dieselbe Funktion nun auch bei der SG. „Wir versprechen uns einen neuen Input für die Torhüter“, erklärt Maik Machulla. „Michael Bruun wird auch mehr in die Vorbereitung und die Video-Analyse eingebunden. Ein zeitlicher Aufwand, der für Jan Holpert nicht möglich war.“ Die regelmäßige Präsenz bei den Übungseinheiten freut auch Benjamin Buric. „Wenn Angriff trainiert wird, steht nur einer von uns beiden im Tor“, erzählt der Schlussmann. „In der Zeit kann der andere mit einem Torwarttrainer speziell arbeiten.“
Die Flensburger hoffen, mit 15 Profis das volle Spielprogramm aufnehmen zu können. Zwei Fragezeichen gab es zuletzt. Franz Semper soll nach einem Kreuzbandriss an das alte Leistungsniveau herangeführt werden. „Wir werden Woche für Woche schauen, inwieweit wir die Trainingsumfänge steigern können“, sagt der Linkshänder. „Mein Ziel ist es, zum Saisonbeginn zu spielen und der Mannschaft zumindest mit Kurzeinsätzen helfen zu können.“ Göran Sögard kuriert immer noch an seinen Adduktoren-Problemen, die ihn schon im Endspurt der letzten Saison hemmten und die Olympischen Spiele kosteten. Der norwegische Rückraumspieler suchte Spezialisten in Berlin und München auf, begab sich in die Obhut der norwegischen Nationalteam-Ärzte – aber es hilft wohl nur Geduld.
„Bei handballspezifischen Bewegungen schießt der Schmerz wie ein Messerstich hinein“, erklärt Maik Machulla. „Das kann man nicht operieren, es geht nur mit Zeit.“ Für alle Fälle hat er zwei Youngsters in der Hinterhand: Oscar von Oettingen und Mikael Helmersson.

Das Fundament steht. Viele Sponsoren verlängerten. Offen war zuletzt noch, in welchem Umfang Zuschauer in die Flens-Arena gelassen werden dürfen. Die SG verzichtete auf einen Dauerkarten-Verkauf. In der Geschäftsstelle an der Schiffbrücke rüstete man sich mit unterschiedlichen Szenarien – von der vollen „Hölle Nord” bis zu einer Kapazität von 2300 Zuschauern, die sich als Modellprojekt im Juni bewährte.
Einen ersten Aufschluss wird sicherlich der Jacob Cement Cup geben, der am Freitag, 3. September, um 19 Uhr angepfiffen wird. Der Gegner: Ribe-Esbjerg HH.

Text und Fotos: Jan Kirschner

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