Proost – das ist kein Schreibfehler. Denn so stoßen die Niederländer an. Niels Versteijnen ist am Nordermarkt zum Interview erschienen und hat sich eine Cola bestellt. So wie so oft, wenn er mit anderen jungen Handballern in der Stadt unterwegs ist. Zuletzt war das allerdings seltener der Fall, da in der Nachwuchsakademie wegen der Sommerpause nicht viel Betrieb war. Auch der 19-Jährige selbst war viel unterwegs. Er war mit Trainer Maik Machulla und den Stars des deutschen Meisters in Schweden und Dänemark.
Die SG Flensburg-Handewitt ist ins neue Jahrtausend vorgestoßen: Der 3. Februar 2000 ist das Geburtsdatum des jüngsten Spielers im Profi-Kader. Der Niederländer Niels Versteijnen ist so etwas wie der Millenniumsbotschafter. Passenderweise trägt er die Trikotnummer 20. Aber das war eher Zufall. „Eigentlich wollte ich die Zehn, doch die ist für immer für Thomas Mogensen als SG-Legende reserviert“, erzählt er. „Deshalb habe ich mich für zwei Mal zehn entschieden!“
Der Zwei-Meter-Schlaks stammt aus der Provinz Noord-Brabant im Süden der Niederlande. In Tilburg wurde er geboren. In der Gemeinde liegt auch das Dorf Berkel-Enschot. Dort wuchs Niels Versteijnen auf einem Bauernhof auf. Der Vater ist im Nebenerwerb als Landwirt tätig. Eine Halle ist nicht weit. Für die Benelux-Region eher zufällig zählt Berkel-Enschot zu den Orten mit einem Handballverein. Und zufällig hatten die Versteijnens einst häufiger ein Kindermädchen im Haus, das Handball spielte. So kam zunächst die Tochter, dann auch der Sohn zu diesem Sport. „Damals spielte der Klub sogar in der ersten Liga, wenn auch nur vor etwa 300 Zuschauern“, berichtet Niels Versteijnen von einer familiären Atmosphäre. „Während die Spieler und Zuschauer sich nach einer Partie in der Gastronomie trafen, eroberten wir Kinder das Spielfeld.“ Die Handball-Begeisterung war bei ihm schnell entfacht. Über Streaming-Dienste verfolgte er bereits früh die Champions League, erlebte mit, wie die SG 2014 in Köln gewann. Nun steht er vor seinem Debüt in der europäischen Spitzenklasse. Der Kontakt in den hohen Norden entstand über Dani Baijens, der in der letzten und vorletzten Saison für das Junior-Team der SG auflief. „Wir niederländischen Handballer kennen uns alle, es ist klein bei uns“, schmunzelt Niels Versteijnen.
Bald rief Co-Trainer und Landsmann Mark Bult an. Ein Probe-Training war arrangiert. Die Familie hoffte, dass der Filius in den Niederlanden einen Erstligisten finden oder zumindest beim mitbuhlenden TBV Lemgo, der nur drei Stunden entfernt liegt, starten würde.
Nun sind es sechs Stunden. „Aufgrund der Akademie wirkte die Nachwuchsarbeit in Flensburg sehr professionell“, erklärt das Talent. „Nun kommt meine Familie etwa einmal im Monat zu Besuch, gerne zu einem Doppel-Spieltag und zu Ausflügen an den Flensburger Hafen.“
Niels Versteijnen schreibt mit rechts, doch im Sport ist er Linkshänder. „Zum Glück“, sagt er. So führte ihn der Weg zeitig ein paar Kilometer weiter zu RED-RAG Tachos in Waalwijk, wo die höchste niederländische Jugendklasse zum guten Ton gehörte und er schon mit 16 Jahren ins Männer-Team einstieg. Da war der Rückraumspieler sehr häufig samstags und sonntags im Einsatz – so wie zuletzt im SG-Unterbau, als Niels Versteijnen für A-Jugend und Junior-Team spielte. Dabei machte er völlig unterschiedliche Erfahrungen, mutierte in wenigen Tagen vom Drittliga-Absteiger zum Jugendmeister. Die Umstellung hatte funktioniert. „In Deutschland wird ein schnellerer und athletischerer Handball betrieben“, berichtet er. „Wenn ein Schiedsrichter aus den Niederlanden hierzulande pfeifen würde, würde er nur Zeitstrafen verteilen, denn bei uns darf man fast nichts.“
Der Handball führte im Land der Tulpen lange ein Stiefmütterchen-Dasein. Derzeit wächst die Zahl der Aktiven und Vereine. Die Frauen zählen sogar schon zur erweiterten Weltspitze, die Männer haben sich gerade erstmals für eine Europameisterschaft qualifiziert. In der Qualifikation war Niels Versteijnen trotz seiner Jugend zwei Mal dabei. Er reiste mit nach Lettland, und warf im Heimspiel gegen Estland sogar sein erstes Länderspiel-Tor. Der junge Linkshänder taucht im vorläufigen 28er Kader für die Europameisterschaft auf. Es ist für ihn ein großer Traum, in Trondheim gegen große Teams wie Spanien und Deutschland spielen zu dürfen.
Hilfreich für das große Ziel ist gewiss auch ein Platz im Bundesliga-Kader der SG. Wenn es der Spiel- und Trainingsplan zulässt, wird Niels Versteijnen weiterhin beim Junior-Team aufkreuzen, das die Rückkehr in die 3. Liga anvisiert. Bei Maik Machulla ist der junge Mann als Spieler Nummer 16 fest eingeplant – und als Nummer drei im rechten Rückraum hinter Holger Glandorf und Magnus Röd, der nur zweieinhalb Jahre älter ist und zuletzt im Kreis der Profis einen Riesensprung machte. Niels Versteijnen spürt die Unterstützung durch das Team. „Wenn man besser wird, ist es auch gut für die Mannschaft“, weiß der 19-Jährige, der mittlerweile die Vorbereitung gemeistert hat. „Die ersten Tage war es schwer hineinzukommen, man spürte doch sehr die Beine. Inzwischen wächst die Kondition.“
Er wohnt in der Akademie, wo er in seiner Freizeit sein Fernstudium der Sportwissenschaft vorantreibt, sich mit der Play-Station beschäftigt oder mit den anderen Bewohnern kocht. Er lebt Tür an Tür mit Lars Kooj, der aus der Nähe von Amsterdam stammt. In der letzten Saison hieß der direkte Nachbar Leo Prantner. Ein junger Mann aus Italien. Niels Versteijnen war überrascht, dass der Südeuropäer schon auf Anhieb so gut deutsch sprach – bis er verstand, dass der Mitbewohner aus dem deutschsprachigen Südtirol kam. Er selbst brachte etwas Schuldeutsch mit, das wieder ausgegraben werden musste. Eine Sprachschule und der regelmäßige Gebrauch im Alltag verbesserten die Deutschkenntnisse schnell. „Aber wenn jemand ganz schnell spricht“, verrät das Handball-Talent, „dann muss ich mich wirklich richtig anstrengen, um alles zu verstehen.“ Proost oder Prost – das war nie ein Problem.
Text und Fotos: Jan Kirschner

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