Das schleswig-holsteinische Bildungsministerium plant, die Anforderungen an den Informatik-Unterricht zu erneuern. Ein im Land einzigartiges Projekt zeigt, wie die Bedarfe mit Leben gefüllt werden können. Zum Vorteil von Lehrenden und Lernenden.

Was braucht es, um Schülerinnen fit zu machen für die digitale Welt? Schere, Pappe, Kleber und einen Stift! Mit diesen Hilfsmitteln entwickeln 16 Schülerinnen der 11. Klasse der Auguste-Viktoria-Schule (AVS) in Flensburg derzeit Prototypen einer App. „Wir wollen zeigen, dass es bei der App-Entwicklung neben der Programmierung auch um andere Aspekte geht“, sagt Prof. Dr. Sven Bertel, Leiter des Projektes „Kompetenzen für eine digitale Welt: partizipative Entwicklung von Apps“ an der Hochschule Flensburg, das aus dem Struktur- und Exzellenzbudget des Landes finanziert wird. Ein in Schleswig-Holstein einzigartiges Projekt, das künftig Einfluss auf die Fortbildung von Informatik-Lehrerinnen nehmen könnte.

Prozessorientiertes, agiles Arbeiten, Teamwork und die Fähigkeit, sich in die Nutzerinnen zu versetzen – das sind Kompetenzen, die Bertels Projekt vermittelt und die bestens zu den neuen Fachanforderungen für den Informatikunterricht passen, die das Bildungsministerium in Kiel plant. Für die Lehrenden in diesem Bereich bedeuten diese, den Unterricht neu auszurichten und die Themen und Inhalte anzupassen. „Wir stoßen hier in eine Lücke, indem wir die neuen Fachanforderungen mit Leben füllen“, so Bertel. Denn am Ende des Vorhabens stünden Lehrkonzepte, die für die Fortbildung von Lehrer*innen im Fach Informatik nutzbar gemacht werden können. Bertel: „Wir zeigen, wie es geht!“

Zum Beispiel, indem Lehrkräften vermittelt wird, wie sie in ihren Klassen praktische Einheiten wie das „Papier-Prototyping“ einsetzen. An der AVS haben die beteiligten Informatikschülerinnen Chemieschülerinnen interviewt, um herauszufinden, wie eine funktionale Chemie-App aussehen müsste, und haben dann Papierprototypen gebaut. Mittels aufgeklebter Zettel werden Funktionen quasi aus Pappkarton animiert. Immer wieder gibt es dabei Feedback-Runden und Nutzertests mit den entstandenen Prototypen. Mithilfe des Papier-Prototypings werden nach Angaben von Lena Marie Beck, die im Projekt die pädagogisch Aspekte bearbeitet, die Hürden zum Zugang in die digitale Welt gesenkt. Die Schülerinnen werden da abgeholt, wo sie stehen. „Es geht um die Anforderungen der Nutzer, um das Design und die Nutzerfreundlichkeit.“

„Der Facettenreichtum des Fachs werde deutlich“, sagt Informatiker Bertel. „Programmierkenntnisse sind natürlich essentiell, aber sie sind eben nicht alles, was zur Entwicklung von Software dazugehört.“ Dies deutlich zu machen, könne auch helfen, den Schülerinnen einen realistischen Blick auf das Fach Informatik und seine Vielfalt zu geben.

Dass es funktioniert, unterstreicht Bernd Clausen, Informatik-Lehrer an der „Digitalen Modelschule“ AVS. „Durch das Projekt werden die einzelnen Schritte der App-Entwicklung deutlich. Die Schüler*innen bekommen schnell ein Gefühl für die Abläufe und die Probleme, die sie lösen können, ohne direkt komplizierte Um-Programmierungen vornehmen zu müssen. Sie tauschen einfach den entsprechenden Zettel aus.“

Was im Wahlpflichtfach „Informatik“ an der AVS in Flensburg funktioniert, das klappt auch an anderen Schulen im Land, ist Bertel überzeugt. In die digitale Zukunft – auch mit Schere, Pappe, Kleber und einen einem Stift.

Pressemitteilung der Hochschule Flensburg
Bild: AVS Flensburg

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