Sich mal so richtig nackig machen, damit hat Günter Herrmann kein Problem. Weder auf der Bühne, noch im Interview, wo er offen und freimütig aus seinem Leben berichtet. In der Komödie „Barfoot bet an´n Hals“, in der sechs Arbeitslose durch eine Strip-Show zu Geld kommen wollen, ließ der Amateur-Schauspieler der Niederdeutschen Bühne Flensburg sechs Jahre lang die Hüllen fallen. Er erinnert sich an schwarze Lackunterhosen und rote Stringtangas mit Druckknöpfen – alles geliefert von Beate Uhse. „Am Ende schufen wir nackte Tatsachen. Dank der Beleuchtung konnte man natürlich nicht alles erkennen, aber es gab jede Menge Gekreische, großen Jubel und Standing Ovations!“
Der Stripper ist nur eine von vielen Rollen, die der 65-Jährige in seinem Leben mit viel Engagement und Leidenschaft ausgefüllt hat. Seit über vier Jahrzehnten tritt er auf der Niederdeutschen Bühne auf und hat auch schon mit Manfred Krug im Tatort gespielt. Er ist Hobby-Musiker und -Komponist, war 43 Jahre lang bei der Polizei, und ist leitender Kapitän des altehrwürdigen Flensburger Salondampfers Alexandra. Das musikalisch-darstellerische Talent und auch die Liebe zum Plattdeutschen zeichneten sich schon in seiner Kindheit ab. Geboren wurde Günter Herrmann 1953 als Sohn eines Buchbindermeisters in Flensburg. Einige Jahre später zog die Familie in ein neues Zuhause in Harrislee, wo Günter eingeschult wurde. „Das Haus bauten meine Eltern aus gebrauchten Steinen weitgehend in Eigenregie“, erinnert er sich. „Es war wenig Geld da, aber es ging uns allen gut.“ Gemeinsam mit seinen Geschwistern, dem älteren Bruder Reinhard und der jüngeren Schwester Susanne, erlebte er eine unbeschwerte Kindheit in Harrislee. In der Familie wurde hochdeutsch gesprochen. Dass er sich trotzdem als plattdeutscher Muttersprachler bezeichnet, liegt an den Großeltern aus Ramsharde. „Wenn sie zu Besuch waren, wechselten wir ins Plattdeutsche.“ Und auch auf dem Hof in Hostrup, wo Günter seine Ferien verbrachte, sprach man schönstes Angeliter Platt.

Musikalisches Multitalent

Obwohl beide Eltern ein Instrument spielten, der Vater Mundharmonika und die Mutter Geige, war Musik nicht besonders präsent im Hause Herrmann – bis dem Lehrer Harry Henningsen auffiel, dass der Grundschüler Günter ein herausragendes Talent besaß. Mehrere Jahre bezahlten die Eltern daraufhin tapfer den Klavierunterricht. Der machte dem jungen Günter wenig Freude, vermittelte aber wichtige Grundlagen, die er heute nicht missen möchte. Die Musik habe sich wie ein roter Faden durch sein Leben gezogen. Er sei nie der kernige Rabauke gewesen, habe sich nie geprügelt, erzählt er. „Als harter Junge ging ich nicht durch. Dafür konnte ich aber, ob in der Bar am Klavier oder mit der Gitarre am Lagerfeuer, mit meiner Musik bei den Mädchen punkten.“
Günter Herrmann spielt inzwischen „alles außer Streichinstrumente“, allen voran die Gitarre, aber auch Akkordeon, nach wie vor Klavier, außerdem Blasinstrumente wie Tuba, Saxofon und Trompete. Er spielte im Spielmannszug der „Freien Turnerschaft Harrislee“, schmetterte Merci Cherie, das Lied, mit dem Udo Jürgens 1966 den Eurovision Song Contest gewann, mit ebenso viel Inbrunst wie „No milk today“ von Herman´s Hermits. Günter, sein Bruder Reinhard und seine erste Frau traten als „De Spöökenkieker“ auf. Später wurde daraus das Duo „Hermann & Hermann“ und als Lena, seine Tochter aus zweiter Ehe, dazukam, war das Trio wieder komplett. Schon früh begann das musikalische Multitalent, selbst zu komponieren. Er vertonte Gedichte von Klaus Groth und schließlich eigene Texte. 1980 erschien die erste Musikkassette der Gruppe „De Spöökenkieker“ in Hamburg, 2009 wurde die CD „Wat to Wiehnachten“, mit Bruder Reinhard und Tochter Lena, produziert. Lena ist übrigens inzwischen studierte Physikerin, hat aber auch das Talent des Vaters geerbt und nicht nur gemeinsam mit ihm musiziert, sondern auch schon mit ihm auf der Bühne gestanden.

Plattdeutscher Liedermacher

Es sind Alltagserlebnisse, Farben, Stimmungen, Jahreszeiten, die Günter Herrmann zu seinen eigenen Kompositionen inspirieren. „Die Ideen, erste Textfragmente und eine Melodie sind plötzlich da“, beschreibt er den kreativen Prozess. „Neben dem Klavier liegt für alle Fälle immer ein leeres Notenblatt bereit.“ Was dann folgt, sei harte Arbeit. Allerdings eine, die ihm sehr viel Spaß mache. Besonders gern komponiert er seit einigen Jahren Kinderlieder. Seit dem Schuljahr 2014/15 kooperiert die Niederdeutsche Bühne mit der Zentralschule Harrislee und bietet Niederdeutsch für Grundschüler an. Die Zentralschule ist damit eine von 27 ausgewählten Schulen in Schleswig-Holstein, die aktiv zum Erhalt und zur Pflege der niederdeutschen Sprache beitragen. Günter Herrmann ist ein Mann der ersten Stunde. „Plattdeutsch muss man leben. Indem ich mit den Kindern gemeinsam plattdeutsche Lieder singe, kann ich sie ganz spielerisch an die Sprache heranführen.“ Diese Arbeit habe ihn inspiriert, auch eigene Kinderlieder zu komponieren: „Die Ideen waren plötzlich da. Dafür bin ich den Kindern sehr dankbar!“ Inzwischen hat er nicht nur 16 Kinderlieder, sondern auch zwei Musicals und diverse Sketche für die Plattdeutsch AG komponiert, getextet und choreografiert. Gerade läuft mit dem Musical „Vogel Gottlieb“ eine Bewerbung für den plattdeutschen Preis „EMMI“, der vom Landtagspräsidenten des Landes Schleswig-Holstein verliehen wird. Im Albertinenstift erfreuten Zweit- und Drittklässler gemeinsam mit Günter Herrmann Senioren mit den Musicals. Gerne dürfen die Kompositionen von anderen Schulen und Einrichtungen genutzt werden. Verdienen will er daran nichts. Der plattdeutsche Liedermacher freut sich über das Interesse, beispielsweise von einer Schule in Travemünde, die eines seiner Musicals aufführen will. Im Unterricht sei er übrigens nicht der Lehrer Herr Herrmann, sondern einfach nur Günter. „Wir haben eine Menge Spaß zusammen. Die Kinder gehen begeistert mit.“

Ankerplatz Flensburg

Bei so viel Freude an der Musik hätte es für Günter Herrmann nahe gelegen, Profimusiker zu werden. Doch es kam anders. Nach der Mittleren Reife bewarb sich der 17-Jährige bei der Musikhochschule Lübeck – und bei der Polizei. „Die Polizei war schneller“, erzählt er – und ist heute froh über die Zusage: „Als Berufsmusiker wäre ich gezwungen gewesen, zu musizieren, um Geld zu verdienen. So ist Musik immer ein wunderbares Hobby geblieben und ich kann spielen, was und wann ich möchte.“ Passte die Ausbildung zum Polizisten zu einem kreativen Kopf wie Günter Herrmann? Ja, er habe es nicht bereut. Vielleicht auch deshalb, weil er die Chance hatte, sich aus den Angeboten im Laufe von 43 Jahren bei der Polizei das auszuwählen, was seinen Talenten am nächsten kam.
Günter Herrmann begann 1970 bei der Schutzpolizei in Eutin und beendete dort drei Jahre später seine Ausbildung. Da sein Jahrgang einer der ersten war, der ohne vorangegangene Berufsausbildung bei der Polizei starten konnte, gehörten er und seine Kollegen zu den „Legos“ – also den jungen Männern, die gerade erst der Zeit der Legosteine entwachsen waren, bevor sie mit dem Ernst des Lebens konfrontiert wurden. Von 1974 bis 1976 war Günter Herrmann Ausbilder an der Polizeischule Eutin, dann zog es ihn endgültig zurück nach Flensburg. „Flensburg ist mein Ankerplatz, hier wollte ich nie weg“, sagt er heute. Die Zeit beim 1. Polizeirevier betrachtet er rückblickend mit gemischten Gefühlen. „Gewalt, Schlägereien, Alkohol, Diebstahl, kaputte Biografien – als Streifenpolizist erlebt man viel. Man fühlt Frust, Ohnmacht und auch Wut.“ Es gab eine Situation, in der Günter Herrmann die Nerven verlor. Keine große Sache, es sei nichts passiert, erzählt er. Aber ihm wäre klar geworden: „Du musst hier raus.“ 1980 wechselte der Polizist zur Wasserschutzpolizei in Flensburg – kurz Waschpo genannt. Für den passionierten Segler das perfekte Arbeitsumfeld, auch wenn er zunächst eine umfassende seemännische Ausbildung absolvieren musste. Die Sichtung eines Beluga-Wals in der Flensburger Förde hat er ebenso lebhaft in Erinnerung wie die tragischen Unglücksfälle, die er während seiner Amtszeit aufklären musste. Als die Wasserschutzpolizei nach Kappeln verlegt wurde, übernahm Günter Herrmann im Jahr 2000 die Öffentlichkeitsarbeit. Es war ihm eine Herzensangelegenheit, über Gefahren auf dem Wasser zu informieren. Wenn er Segler in Vereinen über die Bedeutung von Rettungswesten, Funkgeräten und Signalraketen aufklärte, kam ihm einmal mehr sein schauspielerisches Talent zugute. „Man darf nicht belehren, sondern muss Geschichten aus dem Leben erzählen. Damit habe ich die Leute erreicht!“ Am Herzen lag ihm auch die Verhinderung von Diebstählen auf dem Wasser. Neben dem Projekt „Skippers Sicherheitstipps“ initiierte er unter dem Motto „Gravierend mehr Sicherheit“ eine Aktion, die Langfingern das Leben schwerer macht. In Sportboothäfen und Lagerhallen an der Flensburger Förde, an der Schlei und der Eckernförder Bucht griffen Günter Herrmann und seine Kollegen zu einem sogenannten „Nadler“, um Zahlenkombinationen in Außenbordmotoren und andere nautische Geräte zu gravieren. Ein wetterfester Aufkleber mit dem Hinweis „Vorsicht! Registrierter Motor!“ machte die Abschreckung perfekt. Hauptkommissar Herrmann und seinem Team wurde für diese Idee der Präventionspreis des Landes Schleswig-Holstein verliehen.

Plattdeutscher Mime auf Kurs

Aktuell spielt Günter Herrmann in dem Stück „Kugelfisch Hawaii“ einen Kapitän. „Meine Paraderolle – ich muss mich kaum verstellen“, schmunzelt er. Schließlich war er nicht nur Kapitän der Küstenwachboote, sondern hat auch die Prüfung zum Traditionsschiffskapitän absolviert und hält seit 18 Jahren jeden Sommer die Alexandra auf Kurs. Zudem kümmert er sich inzwischen auch um die Öffentlichkeitsarbeit rund um die Alexandra. Schnacken, informieren, ein bisschen schauspielern – Günter Herrmann ist auch in diesem Ehrenamt in seinem Element.
Die Rolle des Kapitäns ist ihm auf den Leib gesc hrieben. Deutlich schwerer sei ihm vor einigen Jahren die Rolle eines fiesen Erbschleichers in einem Stück der Niederdeutschen Bühne gefallen. „Die Regisseurin hat immer gesagt: Du bist einfach zu lieb, sei mal richtig eklig!“ Vom Typ her sei er eben harmoniebedürftig, eher der nette und vermittelnde Typ, der es aber – wenn es gefragt ist – auch mal richtig krachen lässt. Als Stripper in Lack und Leder. Oder auch als jugendlicher Liebhaber. Gern erinnert er sich an das Stück „Sluderkram in´t Treppenhus“, das er gemeinsam mit Renate Delfs aufführte und das sogar im Fernsehen gezeigt wurde. „Ich als Lover – das hat ne Menge Spaß gemacht.“ Für weitere Herausforderungen hält der plattdeutsche Mime sich mit täglich 50 Liegestützen und einer wöchentlich absolvierten Joggingrunde fit. Es besteht kein Zweifel: An geeigneten Rollen wird es Günter Herrmann auch in Zukunft nicht mangeln. Er ist gespannt auf das, was kommt und startet jeden Morgen mit einer ebenso einfachen wie überzeugenden Maxime: „Meine Aufgabe ist es, Günter Herrmann einen schönen Tag zu machen.“ Wenn das gelänge, könne er auch anderen Menschen Freude bereiten. Als Ehemann, Vater, Freund oder Nachbar, als Kapitän, Schauspieler, Plattdeutschlehrer oder Musiker.
Bericht: P. Südmeyer, Fotos: B. Nolte und G. Herrmann

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