In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe kommt Dieter Eierding zu Wort.

Einmal die Woche zieht der Mercedes den Verkaufsanhänger zum Südermarkt, wo sich samstags bereits um 7.30 Uhr die Klappe öffnet. Dann erfüllen Edelgard und Dieter Eierding mit ihrer „Käse-Feinkost“ die Wünsche der Kunden, die in den ersten Minuten noch an einem Finger abzuzählen sind. Es ist noch dunkel und ungemütlich. Jetzt gehen die Vorbereitungen, die stets nach demselben Muster ablaufen, in ihre finale Phase. Schon am Montag bestellt das Ehepaar die Käsesorten beim Großhändler, der mittwochs liefert. Am Freitag wird die Ware im Verkaufswagen für den Verkauf am Sonnabend vorbereitet.

Jugend auf dem
„Flensburger Land“

Privat hat sich die Familie bereits vor einem halben Jahrhundert in Tastrup niedergelassen. Die Straße „Hummelroi“ bildet den südwestlichen Teil des 400-Seelen-Dorfes. „Hier leben wir fast in einer Großstadt, wenn man Tastrup mit dem Flensburger Gebiet vergleicht, in dem ich aufgewachsen bin“, schmunzelt Dieter Eierding und beginnt zu erzählen. 1943 wurde er in der Innenstadt geboren – in einer Wohnung über dem Sportgeschäft „Hans Jürgensen“.
Aber aus der Zeit als Baby und Kleinkind hat sich naturgemäß nichts in die persönlichen Erinnerungen eingebrannt.
Schon wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs zogen die Eltern mit ihrem ältesten Kind, einer Tochter, sowie mit den Zwillingen Dieter und Peter in das Gebäude, der damaligen Schleswiger Straße 160d. Hinter der Fuchskuhle, kurz vor Jarplund, führte ein Weg durch die Felder zu einem einsamen, alten Bauernhaus, das der fünfköpfigen Familie nun ein Dach über dem Kopf bot. „Dort waren mehr Pferdefuhrwerke als Autos unterwegs“, erzählt Dieter Eierding. „Das Haus war sehr feucht und kalt. Im Winter gefror unser Atem während der Nacht zu Kristallen.“
Die Eltern stellten den Antrag, dass die beiden Zwillingssöhne erst mit sieben Jahren die Schule besuchen sollten – weil der Schulweg so weit und beschwerlich war. Vier Jahre lernten sie an der Sankt-Nikolai-Knabenschule, deren Gebäude später in das Flensburger Museum einverleibt wurde. Im nahen Stadtpark liebten die Eierding-Zwillinge es, im Winter auf den vereisten Sandwegen zu schliddern. Einen besonderen „Kick“ brachte es, einen Hügel hangabwärts zu schliddern. Einmal – die Zwillinge waren inzwischen 13 Jahre alt – stellte sich eine Gruppe älterer Jugendlicher in den Weg. Die Störenfriede suchten die Provokation und warteten nur darauf, dass sie von den beiden „Rutschern“ angerempelt wurden. Dann traktierten sie die Jüngeren mit Schlägen, bis Beulen und Platzwunden ihre Gesichter übersäten.

Ringen und Gewichtheben

Die Zwillinge versprachen sich, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholen sollte und traten in den Flensburger Kampfsportverein ein. Die beiden hatten schon als Kinder auf den Feldern gerungen und gerangelt, warfen sich über Stock und Stein auf den Boden. Nun besuchten sie das reguläre Ringer-Training in der Halle der Mädchen-Mittelschule. „Ich agierte mehr mit Kraft, mein Bruder war etwas kleiner und leichter, räumte dafür die Technik-Preise ab“, schwärmt Dieter Eierding noch heute. Aufgrund der kleinen körperlichen Unterschiede kämpften er und sein Bruder auf der Matte nie offiziell gegeneinander und starteten in unterschiedlichen Gewichtsklassen.
Die Eierding-Zwillinge waren bald Aushängeschilder der damaligen Ringer-Hochburg Flensburg. Sie schöpften wiederholt Titel bei den Landesmeisterschaften ab und qualifizierten sich mehrmals für die norddeutschen Meisterschaften, die in Braunschweig oder im aufregenden Berlin ausgetragen wurden. Für die Wettkämpfe musste manchmal „abgekocht“ werden, um die zulässige Körpermasse bis zur Obergrenze der Gewichtsklasse auszureizen. Noch heute stellt sich Dieter Eierding täglich auf die Waage, achtet auf Form und Figur. 30 Minuten Sport gehören zum normalen Tagesablauf des 76-Jährigen.
Damals war er mit seinen „Naturtalenten“ gut im Flensburger Kampfsportverein aufgehoben. Als einmal die Matte im Trainingssaal nicht verlegt war, griff der Jungspund spontan zur Hantel und streckte sie drei Mal nach oben. „Dann ertönte der Applaus der anderen“, erinnert sich Dieter Eierding. „Ich hatte gar nicht auf das Gewicht geachtet, aber es lag deutlich über meinem eigenen.“ Ab sofort zählte er auch zur Riege der Gewichtheber. Auch in dieser Disziplin wurde er jahrelang Landesmeister.
Inzwischen besuchten die Zwillinge die Flensburger Goetheschule. „Mein Vater sprach nicht vom Gymnasium, sondern von der Oberschule“, erklärt Dieter Eierding. „Er legte Wert darauf, dass seine drei Kinder das Abitur machen sollten – aber letztendlich schaffte es keiner von uns.“ Mit 18 Jahren war für den heutigen Tastruper der Zeitpunkt gekommen, die Schulbank links liegen zu lassen. „In Latein hatte ich eine Fünf“, erzählt er. „Der neue Lehrer forderte eine Verbesserung auf Vier – sonst wollte er mir sogar eine Sechs verpassen, und ich wäre sitzengeblieben. Ich dachte: Eine Vier schaffe ich nie.“ Die Konsequenz: Der Abgang.
Mit dem Motorrad nach
Hamburg

Dieter Eierding hatte schnell eine Alternative zu Hand: Er ging nach Hamburg und fing mit einer Ausbildung bei der Bundespost in Rahl-
stedt an. Ganz in der Nähe des Stadtteilbahnhofs hatte er ein Zimmer, das er im Sommer kaum nutzte. Fast jeden Tag fuhr er zum Feierabend mit dem Motorrad nach Hause und morgens wieder an die Elbe. Der Hauptgrund: Die Freundin, die einmal seine Ehefrau werden sollte. Edelgard Schreiber stammt aus Gütersloh. Ihr Vater war bei der Marine stationiert, sodass das Mädchen mit seiner Mutter in die Fördestadt nachzog. Dort trafen sich Edelgard und Dieter schnell und verliebten sich. Seit dem 21. August 1959 sind die beiden ein Paar. Als Teenager war noch nicht an eine gemeinsame Wohnung zu denken.
Nach rund zwei Jahren verlegte Dieter Eierding seine berufliche Laufbahn nach Flensburg. Kurz nach seiner Rückkehr in den hohen Norden ereignete sich eine Tragödie. Bei Koppelheck schnitt jemand den Weg der Maschine des Zwillingsbruders Peter. Der stürzte und verunglückte durch Fremdverschulden tödlich – vor den Augen von Dieter. „Ich habe drei Jahre die Sonne nicht gesehen“, sagt er mit traurigem Unterton. „Selbst jetzt noch meide ich möglichst die Unfallstelle. Und wenn es nicht anders geht, muss die Musik im Radio ausgestellt werden.“
Auf die Karte „Sicherheit“ setzte Dieter Eierding im Beruf. Die Post wurde so etwas wie die zweite Familie. Noch heute trifft sich der Pensionär alle zwei Wochen mit alten Kollegen an der Holmnixe, um dann mit ihnen zu frühstücken und über die alten Zeiten zu schwärmen, als die Zustellung von Briefen oder anderen Sendungen noch zu den „hoheitsrechtlichen Aufgaben“ gehörte. Damals schätzte der junge Postfacharbeiter vor allem den frühen Feierabend um 14 Uhr. So hatte er viel Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern.

Das Netzwerk der Post

Ein größeres Projekt ergab sich in der Husumer Straße, wo sich im Bereich der kleinen Fließgewässer Scherrebek und Marienau eine ganzjährig bewohnte Garten-Kolonie ausdehnte, die von der Stadt geduldet wurde. Dieter Eierding war dort als Zusteller tätig und kam mit einer älteren Frau häufiger ins Gespräch. Als sie verwitwet war, wollte sie in ihrem Gartenhaus nicht allein wohnen bleiben und bot ihre bescheidene Immobilie dem Postboten an. Dieser kaufte es für einen kleinen Preis und baute es zu einer Junggesellenbude aus.
Als der junge Mann am 18. August 1967 seine Edelgard heiratete, hatten die Eheleute ihr erstes kleines Domizil. „Wo die jungen Leute heute anfangen – so staunte damals die ältere Generation“, erzählt Edelgard Eierding. „Während wir schon Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer und einen Fernseher hatten, mussten unsere Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg mit noch bescheideneren Verhältnissen zurechtkommen.“ Als Dieter Eierding kurz darauf sogar Beamter auf Lebenszeit wurde, war sein Schwiegervater stolz: „Nun ist meine Tochter versorgt.“
Dann torpedierte allerdings ein Schreiben der Stadt die soliden Bahnen: Eine Räumungsankündigung. Das aufgepeppte Gartenhaus sollte für ein Auffangbecken geopfert werden. Als Ersatz sollten die Bewohner eine städtische Wohnung im Nordergraben beziehen. „Diese Dreckskammer war sehr eng“, schüttelt Dieter Eierding über das städtische Angebot noch immer mit dem Kopf. „Unsere Möbel passten gar nicht rein. Deshalb habe ich das Angebot abgelehnt.“ Stattdessen funktionierte das Netz ortskundiger Postkollegen. Es spuckte eine interessante Information aus: In Tastrup stand ein altes Reetdachhaus leer, das einem Bauer gehörte. Er vermietete es. Bis Oktober 1968 renovierte es Dieter Eierding.
In „Tastrup-Süd“ fanden die Neubürger schnell Anschluss und wurden zu schönen Feiern eingeladen. „Für die Alteingesessenen sind wir aber immer noch Zugezogene“, schmunzeln die Eierdings. Die Kinder kamen: 1969 wurde Tom Peter, 1971 Marc und schließlich 1979 Tochter Claudia geboren. Es war jene bewegte Zeit, als sich die anderen Ortsteile der früheren Gemeinde Adelby der Stadt Flensburg anschlossen und schließlich die noch immer eigenständige Kommune Tastrup übrigblieb.

Die Nerzfarm

Dieter Eierding war längst nicht mehr nur Postbeamter, ihm gehörte auch eine Nerzfarm in der Schleswiger Straße. Schon als Junge hatte sich bei ihm eine Affinität zu Tieren entwickelt. Immer wieder rettete er Frösche und Salamander aus einem Schacht. In Spitzenzeiten war er Besitzer von bis zu 50 Hühnern. In den 70er Jahren verlegte der Tastruper die Nerzfarm schließlich von Jarplund in den „Hummelroi“, auf die andere Straßenseite des Wohnsitzes. „Wir hatten keine reichen Eltern, wollten aber auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, erklärt Edelgard Eierding. „Wenn man nicht studiert hatte, ging das nur mit Fleiß.“
Die Halle, in der sich einst 500 bis 600 Nerze befanden, existiert immer noch. Heute bewahrt der Auto-Fan dort seine Oldtimer, unter anderem einen Cadillac und eine Corvette Stingray, auf. Damals beschäftigten ihn die Vorgaben der deutschen „Wirtschaftsgenossenschaft Deutscher Pelztierzüchter“ (WDP). Felle, die mit der „Qualität eins“ bewertet wurden, verlangte Dieter Eierding zurück, ließ Pelzkappen und Nerzschals anfertigen. Zur Selbstvermarktung mietete er in der Flensburger Innenstadt eine Vitrine an und präsentierte dort die besten Stücke. Am Betriebssitz „Hummelroi“ konnte 1981 als privilegiertes Bauvorhaben ein eigenes Wohnhaus errichtet werden. Die Eierdings zogen in ein modernes und geräumiges Einfamilienhaus.

Käse-Feinkost auf dem
Wochenmarkt

Als die Konjunktur für Pelzmäntel in Deutschland deutlich abflachte, hatte sich das Ehepaar aus Tastrup längst ein neues Gewerbe aufgebaut. Dabei waren die Nerze nicht ganz unschuldig, denn es war nicht immer einfach, frischen Magerfisch und Blättermägen in Flensburg aufzutreiben. Ein Freund war mit einem Blumenstand auf den Wochenmärkten des Nordens unterwegs und brachte aus Neumünster häufiger Fisch mit. Eines Tages war seine Frau abgehauen, die den Blumenhandel sonst unterstützt hatte. Der Freund bat spontan bei Edelgard Eierding um Hilfe, die die Bitte nicht ausschlug. „Beim Blumenverkaufen hatte ich sofort viel Spaß“, erzählt sie. „Bei Sonnenschein traf ich viele Leute, die ich jahrelang nicht gesehen hatte und genoss überhaupt die Atmosphäre auf dem Wochenmarkt.“
Der Freund wusste, dass seine sporadische Mitarbeiterin einst Groß- und Außenhandelskauffrau gelernt hatte und mit Lebensmitteln vertraut war. Da machte er einen folgenreichen Vorschlag: „Ihr könntet doch einen Käsestand betreiben, den haben wir in Flensburg noch nicht auf dem Markt.“ Die Eierdings bemühten sich um einen Standplatz, was anderen Bewerbern eine zehnjährige Wartezeit abverlangte. Aber Käse stellte eine Lücke dar, sodass sofort eine Konzession ausgestellt wurde.
Am 5. Mai 1976, einem Mittwoch, machten sich die Eierdings erstmals auf den Weg zum Südermarkt – mit einem braunen, gebrauchten Verkaufsanhänger. Das Sortiment war noch überschaubar: Edamer, Gouda, Brie-Torte, Tilsiter oder Harzer und Camembert bildeten das Spektrum, das immer breiter wurde. Zeitweise standen 140 Sorten zur Auswahl, dazu Salate, Milch, Sahne, Mettwurst und gekochter Schinken. „Wenn wir dann um sieben Uhr die Klappe öffneten, warteten schon die Leute“, berichten die Marktverkäufer. „Zeitweise standen sie in bis zu vier Reihen.“ Dieter Eierding kaufte einen neuen Wohnwagen, baute Tresen und Kühlung ein und fertig war der Verkaufswagen.
Zunächst war er nur selten mit auf dem Wochenmarkt, da er weiterhin als Postbeamter tätig war. Doch 1991 geriet er mit seinem Postauto unverschuldet in einen bösen Unfall, verletzte sich schwer und wurde nach 1,5 Jahren pensioniert. Ab sofort gehörte auch er zum „Inventar“ des Flensburger Wochenmarktes. Weil Käse so gut lief, bemühte er sich um einen zweiten Standplatz. „Das macht ja sonst jemand anders“, so die Devise. Die Kinder halfen mit, hatten so parallel zum Studium einen kleinen Job. In den umliegenden Einfamilienhäusern wohnten die Kinder, Schwiegerkinder und 5 Enkelkinder.
Heute kann beim Wochenmarkt nicht mehr von den „goldenen Zeiten“ gesprochen werden, ein „Anziehungspunkt“ ist er aber immer noch. „Wir können nicht aufhören, sind aber inzwischen in eine Altersteilzeit übergegangen“, lächeln die Eierdings. Man trifft sie auf dem Wochenmarkt nicht mehr mittwochs, sondern nur noch samstags.
Im Winter erlauben sie sich zwei Monate Urlaub auf Gran Canaria, und im Sommer geht es für ein paar Wochen nach Italien. „Der eine Tag auf dem Markt ist der schönste in der gesamten Woche – und wir verdienen sogar noch Geld“, sagt das Ehepaar. „Wir haben richtig angenehme Kunden und tragen selbst das Herz auf der Zunge.“ Um 14 Uhr ist am Samstag Verkaufsschluss. Um 15.30 Uhr zieht der Mercedes den Wagen zurück nach Tastrup.

Bericht: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat

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